{"id":11786,"date":"2006-10-07T13:57:06","date_gmt":"2006-10-07T13:57:06","guid":{"rendered":".\/?p=11786"},"modified":"2006-10-07T13:57:06","modified_gmt":"2006-10-07T13:57:06","slug":"11786","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/10\/11786\/","title":{"rendered":"&#8222;Seit heute gibt es keine Regierung mehr!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Pal&#228;stina &#8211; Streik im &#246;ffentlichen Dienst bringt Hamas-Regierung ins   Wanken<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Shahar Ben-Korin, Maavak Sotzialisti (Schwesterorganisation der   SAV und israelisch-pal&#228;stinensische Sektion des CWI), Tel Aviv<\/i><\/p>\n<p>  Pal&#228;stinensische ArbeiterInnen und Angestellte, die im Dienst der   Pal&#228;stinensischen Autonomiebeh&#246;rde stehen, haben am 2. September 06   einen unbefristeten Streik mit der Forderung nach sofortiger Zahlung der   ausstehenden Bez&#252;ge ausgerufen. Diese Bewegung nahm ihren Anfang w&#228;hrend   eines Milit&#228;rangriffs des israelischen Regimes auf pal&#228;stinensische   Gebiete. Das Embargo gegen die Pal&#228;stinensische Autonomiebeh&#246;rde   (Palestinian National Authority; PNA), das seit dem Wahlsieg der Hamas   im Januar 2006 seitens israelischer Regierung, den Vereinigten Staaten   und der EU verh&#228;ngt wurde, bedeutet, dass 165.000 Besch&#228;ftigte der   Beh&#246;rde seit &#252;ber sechs Monaten keine L&#246;hne mehr erhalten haben. Von   diesen L&#246;hnen sind ann&#228;hernd eine Million Pal&#228;sinenserInnen direkt   abh&#228;ngig. Am Streik beteiligten sich ca. 100.000 ArbeiterInnen und   Angestellte Das wirft wichtige Fragen bez&#252;glich der politischen   Situation innerhalb der pal&#228;stinensischen Gebiete nach den Wahlen auf.<\/p>\n<p>  Seit der Streik ausgerufen wurde, klagt die Hamas-F&#252;hrung die Fatah (bis   zu seinem Tode unter der F&#252;hrung von Yassir Arafat stehende, gr&#246;&#223;te und   einflussreichste Organisation innerhalb der Pal&#228;stinensischen   Befreiungsorganisation, PLO) an: Sie unterst&#252;tze den Streik, um die neue   pal&#228;stinensische Hamas-Regierung zu sabotieren und somit den Weg der   Fatah zur&#252;ck an die Macht zu ebnen.<\/p>\n<p>  <b>Zum Hintergrund<\/b><\/p>\n<p>  Seit einigen Monaten schon breiten sich die Proteste gegen den   Auszahlungsstopp der L&#246;hne &#252;berall in den pal&#228;stinensischen Gebieten   aus. Durch den Israel-Libanon-Krieg wurden die Proteste zwar zeitweilig   unterbrochen, am 14. August, dem Inkrafttreten der Waffenruhe, aber   wieder aufgenommen. Seit Anbeginn fanden die Proteste in einer   schrecklichen Notsituation statt, mit fortw&#228;hrenden Einf&#228;llen des   israelischen Milit&#228;rs (IDF) in die pal&#228;stinensischen Gebiete,   Artilleriebeschuss und einer st&#228;ndigen Verarmung f&#252;r die gro&#223;e Mehrheit   der Pal&#228;stinenserInnen.<\/p>\n<p>  Als die israelische Armee sich 2005 aus dem Gazastreifen zur&#252;ckzog, war   der Effekt auf die Pal&#228;stinenserInnen eher symbolischer Natur. Diese   mussten weiterhin in einem Belagerungszustand leben und keines der   wirtschaftlichen oder sozialen Probleme wurde gel&#246;st. Die herrschende   Elite in Israel hoffte, dass ihre eigenen Probleme ein Ende n&#228;hmen, wenn   sie den Gazastreifen abschotten und den Pal&#228;stinenserInnen jede   Bewegungsfreiheit verweigern w&#252;rde. Wann auch immer sie ihre Interessen   in Frage gestellt sahen, benutzte die herrschende Klasse in Israel das   &#8222;Zugest&#228;ndnis&#8220; des R&#252;ckzugs aus dem Gazastreifen gleichzeitig als   Rechtfertigung f&#252;r brutale Milit&#228;rangriffe auf das besagte Gebiet.. Seit   besagtem R&#252;ckzug der IDF aus dem Gazastreifen sind &#252;ber 500 Menschen ums   Leben gekommen und 3000 weitere wurden durch den staatlichen Terror   Israels verwundet.<\/p>\n<p>  In den pal&#228;stinensischen Stra&#223;en herrscht Verzweiflung und ein Gef&#252;hl   von Hilflosigkeit. Die Armut weitet sich aus und die meisten Familien   sind gezwungen, sich auf den eigenen allt&#228;glichen &#220;berlebenskampf zu   beschr&#228;nken. Eine weitere Folge ist, dass die organisierte Kriminalit&#228;t   zu einem immer gr&#246;&#223;eren Problem wird und viele mittelst&#228;ndische Betriebe   und Gesch&#228;fte Opfer von Erpressungen werden. Das durchschnitlliche   Pro-Kopf-Einkommen in den pal&#228;stinensischen Gebieten ist auf 700 $ pro   Jahr gesunken. Im Vergleich dazu liegt es in Israel bei 20.000 $. Zwei   Drittel der Bev&#246;lkerung im Gazastreifen besitzen nicht die Mittel, um   sich mit Grundnahrungsmitteln eindecken zu k&#246;nnen und sind auf   Unterst&#252;tzung und Spenden angewiesen. Laut Weltbank-Bericht wird &#8222;2006   [&#8230;] das schlechteste Jahr in der trostlosen pal&#228;stinensischen   Wirtschaftsgeschichte&#8220;.<\/p>\n<p>  Die kapitalistischen Kr&#228;fte Europas sind immer besorgter &#252;ber den   v&#246;lligen Zusammenbruch der PNA infolge von B&#252;rgerkrieg oder weiteren   Aufst&#228;nden. So f&#252;hrte diese Sorge denn auch zu dem Druck aus Europa, der   die Grenz&#252;berg&#228;nge Karni\/El Mantar und Rafah zeitweilig f&#252;r humanit&#228;re   Hilfslieferungen &#246;ffnen lie&#223;. Jan Egeland,  Chef der &#246;rtlichen UNRWA   (UN-Hilfsorganisation f&#252;r die pal&#228;stinensischen Fl&#252;chtlinge im Nahen   Osten) im Gazastreifen, appellierte an die internationale Gemeinschaft,   Finanzmittel an die PNA zu transferieren, um &#8222;die Zeitbombe zu   entsch&#228;rfen&#8220; (TVNZ, 29 August 2006). Wie dem auch sei, alle diese   humanit&#228;ren Bem&#252;hungen werden nichts als Versuche bleiben, den Grad der   Unterdr&#252;ckung zu regulieren &#8211; sowohl in milit&#228;rischer wie auch in   wirtschaftlicher Hinsicht. Eine unkontrollierte Explosion von unten soll   unter allen Umst&#228;nden vermieden werden.<\/p>\n<p>  <b>&#220;berraschen der Wahlausgang <\/b>    <\/p>\n<p>  Die Ergebnisse der Wahlen zur gesetzgebenden Versammlung der PNA waren   ein Schuss vor den Bug der imperialistischen M&#228;chte. Diese haben die   Wahlen scheinbar nur deshalb unterst&#252;tzt, um zu sehen, wie die   Pal&#228;stinenserInnen die Hamas gew&#228;hlt und der Fatah ihre schwerste   Niederlage denn je beigebracht haben. Tats&#228;chlich haben sowohl Hamas wie   auch die Fatah ungef&#228;hr gleich viele Stimmen erhalten. Beide kamen auf   jeweils etwa 400.000 Stimmen. Doch die Spaltungen innerhalb der Fatah   f&#252;hrten zu konkurrierenden Kandidaturen innerhalb derselben Wahlkreise.   Das verhinderte, dass die Fatah eine parlamentarische Mehrheit bilden   konnte. Die Stimmengewinne der Hamas bedeuten haupts&#228;chlich eine   Reaktion auf die korrupte Politik der Fatah-Regierung und ihrer   Politiker. Umfragen deuten darauf hin, dass dies das Hauptmotiv f&#252;r 40%   der Menschen war, die sich entschieden f&#252;r Hamas zu stimmen. Auch die   Wut &#252;ber die Kapitulation der Fatah-F&#252;hrung vor der fortgesetzten   israelischen Aggression war dabei ein weitere entscheidender Faktor.<\/p>\n<p>  F&#252;r Israel und die imperialistischen Staaten war der Wahlsieg der Hamas   eine Herausforderung ihrer Autorit&#228;t. Die herrschende Klasse in Israel   f&#252;hrt in Einklang mit den USA und der EU eine wohl durchdachte und   konsequente Kampagne mit dem Ziel, die &#246;rtliche Hamas-F&#252;hrung mittels   kollektiver Bestrafung der pal&#228;stinensischen Massen durch das   Einbehalten pal&#228;stinensischer Steuereinnahmen (der israelische Staat   organisiert die Steuerabrechnungen f&#252;r die PNA) und das Aussetzen   internationaler Hilfe f&#252;r die pal&#228;stinensische F&#252;hrung zur Annahme ihrer   Forderungen zu zwingen.<\/p>\n<p>  Der Grund f&#252;r diese Ma&#223;nahmen ist, dass s&#228;mtliche imperialistischen   M&#228;chte, Israel eingeschlossen, die Mitarbeit der unterw&#252;rfigen Teile   innerhalb der pal&#228;stinensischen Elite verlangen bzw. ben&#246;tigen, damit   diese wie Agenten handeln, die Wut der Massen niedrig halten und so f&#252;r   Stabilit&#228;t sorgen. Genau dies ist die Rolle des Fl&#252;gels um Mahmud Abbas   innerhalb der Fatah-Bewegung. Und die Hamas f&#252;llt diese Rolle zur Zeit   eben nicht aus. Sie ist eine populistische Kraft, die ihre Basis in den   Slums hat. Sie sucht die Unterst&#252;tzung der verarmten Massen und deren   Widerstand gegen die imperialistischen Attacken, von denen sie betroffen   sind. Dennoch ist das ideologische Fundament der Hamas trotz der   Massenunterst&#252;tzung, die sie von gro&#223;en Teilen der pal&#228;stinensischen   Bev&#246;lkerung erh&#228;lt, reaktion&#228;r und gegen die Arbeiterklasse gerichtet.<\/p>\n<p>  <b>Aushungern der Pal&#228;stinenserInnen<\/b><\/p>\n<p>  Die Reaktion auf den Wahlsieg der Hamas war ein koordiniertes Embargo   seitens Israel, der Vereinigten Staaten und der EU. Sogar die Arabische   Liga kollaborierte, indem sie zu diesem Punkt in Schweigen verharrte. 30   Mio. Dollar an zugesagter Unterst&#252;tzung f&#252;r die PNA wurden   zur&#252;ckgehalten und Israel stoppte den Transfer der Steuereinnahmen an   die PNA, die sich auf 60 Mio. Dollar pro Monat belaufen. Weil auch sie   Sanktionen durch die USA bef&#252;rchteten, f&#252;gten sich auch die jordanischen   Banken, die ihre Gesch&#228;fte in den pal&#228;stinensischen Gebieten betreiben,   der finanziellen Belagerung. Sie weigerten sich auch, internationale   Spendengelder weiterzuleiten. Das Ergebnis ist der finanzielle   Zusammenbruch der PNA und ihre 165.000 Besch&#228;ftigten haben somit seit   M&#228;rz keine Bez&#252;ge mehr erhalten. Wegen der hohen Arbeitslosigkeit im   Gazastreifen arbeiten 73% aller Besch&#228;ftigten dort f&#252;r die PNA. Im   Westjordanland sind es 14%.<\/p>\n<p>  Mehr und mehr Familien fehlt schon jetzt der Zugang zu den notwendigsten   Dienstleistungen und G&#252;tern. Seit Anfang November 2005 verschlechtert   sich die Lage zunehmend. Zu jenem Zeitpunkt startete die israelische   Regierung einen gro&#223; angelegten Angriff auf das Westjordanland als   Antwort auf die beginnenden Katjuscha-Attacken auf Israel von   pal&#228;stinensischem Gebiet aus.<\/p>\n<p>  Es sollte erw&#228;hnt werden, dass die &#246;rtliche Hamas-F&#252;hrung   Nicht-Defensive Raketenangriffe seit Februar 2005 verboten hat. Dieses   Verbot war Teil der &#8222;Tahadiya&#8220; (&#8222;Beruhigung&#8220;), die von Abbas auf dem   Treffen von Scharm El-Scheich verk&#252;ndet wurde. Der Raketenbeschuss, der   im November 05 zum Einmarsch israelischer Truppen im Westjordanland   f&#252;hrte, ging aller Wahrscheinlichkeit nach auf das Konto einer anderen   Organisation, wurde aber vom israelischen Regime als Vorwand genutzt, um   das Westjordanland anzugreifen und die Hamas-Regierung zu schw&#228;chen.<\/p>\n<p>  <b>Konflikt zwischen Hamas und Fatah<\/b><\/p>\n<p>  Die ortsans&#228;ssige Hamas-F&#252;hrung war von dem eigenen hohen Stimmenanteil   selbst &#252;berrascht. Und die Panik war offensichtlich, welche die F&#252;hrung   heimsuchte, als sie den pal&#228;stinensischen Massen in der   Regierungsverantwortung Antworten schuldig blieb. Durch ihr weiches   Auftreten w&#228;hrend der vergangenen Krise, hat das Ansehen der Hamas sehr   gelitten. Sie traute sich nicht, irgendwelche radikaleren Ma&#223;nahmen zu   ergreifen, um das Leiden der Massen zu verringern. Die &#246;rtlichen Banken   wurden beispielsweise nicht daran gehindert, ihre Gesch&#228;fte zu regeln,   wie es ihnen gefiel. Auf der anderen Seite zeigten viele ArbeiterInnen,   welche unter der Finanzblockade der imperialistischen M&#228;chte sehr zu   leiden hatten, und viele Familien, die Opfer der Milit&#228;rangriffe der IDF   wurden, mit dem Finger auf die wahren Schuldigen: beispielsweise das   israelische Regime und seine internationalen Verb&#252;ndeten.<\/p>\n<p>  Das Gef&#252;hl von Hilflosigkeit kam zusammen mit der breiten Unterst&#252;tzung   f&#252;r eine Regierung der nationalen Einheit, an der alle Parteien zur   &#220;berwindung der momentanen Krise teilhaben sollten.<\/p>\n<p>  Wer dies verstanden hatte, war die Fatah-F&#252;hrung. Sie nutzte diese   Situation aus, um in einigen Gebieten neue Unterst&#252;tzung zu gewinnen.   Das f&#252;hrte in einzelnen Gegenden wiederum zu bewaffneten Zusammenst&#246;&#223;en   zwischen Fatah- und Hamas-Aktivisten, in erster Linie Studierende. Sie   standen einander pl&#246;tzlich in einem Kampf um die Vorherrschaft &#252;ber die   Stra&#223;e gegen&#252;ber. An einem Abend wurden sogar die B&#252;ror&#228;ume der   Pal&#228;stinensischen Autonomiebeh&#246;rde Opfer der Gewalt und das ganze Ausma&#223;   der Lage mit der M&#246;glichkeit eines sich ausbreitenden B&#252;rgerkriegs wurde   bewusst. Die F&#252;hrungen beider Seiten haben jedoch kein Interesse daran,   einen B&#252;rgerkrieg anzuzetteln und schon wurden Gespr&#228;che aufgenommen,   die zu einem Waffenstillstand f&#252;hrten.<\/p>\n<p>  Zur selben Stunde ver&#246;ffentlichten die organisierten pal&#228;stinensischen   politischen Gefangenen, denen in den pal&#228;stinensischen Stra&#223;en &#252;beraus   gro&#223;er Respekt entgegengebracht wird und die vom israelischen Regime   innerhalb Israels inhaftiert wurden, ein neues Dokument, das allgemein   als &#8222;Papier der Inhaftierten&#8220; bekannt ist.  Dies Papier wurde unter   Federf&#252;hrung Marwan Barghutti aufgesetzt, dem letzten &#252;briggebliebenen   popul&#228;ren  Fatah-F&#252;hrer, der in Israel im Gef&#228;ngnis sitzt. Es stellt   einen Versuch dar, zwischen Hamas und Fatah einen Kompromiss zu finden.   Und obgleich diese Erkl&#228;rung auch von inhaftierten Mitgliedern aus Hamas   und Islamischem Jihad unterzeichnet wurde, orientiert sich die   Argumentationslinie und die Vorschl&#228;ge, die es enth&#228;lt, eher an der   offiziellen Politik der Fatah.<\/p>\n<p>  Anfangs lehnte die Hamas-F&#252;hrung das &#8222;Papier der Inhaftierten&#8220; ab, weil   es indirekt den Staat Israel anerkennt. Doch aufgrund des Drucks von   Abbas, der damit drohte eine Volksabstimmung &#252;ber die Frage der   Anerkennung Israels durchf&#252;hren zu lassen, weil sie irgendeine Art   L&#246;sung in dem inner-pal&#228;stinensischen Konflikt zu finden w&#252;nschten und   um ihren eigenen Wahlsieg zu konsolidieren, akzeptierte die   ortsans&#228;ssige Hamas-F&#252;hrung schlie&#223;lich das Papier.<\/p>\n<p>  Auf diese Weise vergr&#246;&#223;erten sich die Spannungen zwischen ihnen und der   extremer eingestellten Hamas-F&#252;hrung im Ausland. Diese Spannungen   k&#246;nnten in der Zukunft zu einer Spaltung der Hamas f&#252;hren. Auf alle   F&#228;lle sind sie der Grund, weshalb weitere Vereinbarungen zur Gr&#252;ndung   einer Regierung der nationalen Einheit vertagt wurden.<\/p>\n<p>  <b>Streik!<\/b><\/p>\n<p>  Die Proteste der ArbeiterInnen, wurden w&#228;hrend des Israel-Libanon-Kriegs   zeitweilig ausgesetzt, aber sofort wieder aufgenommen, als der   Waffenstillstand unterzeichnet war. Die Tatsache, dass die Hisbollah   einen Teilsieg gegen&#252;ber der m&#228;chtigen israelischen Milit&#228;rmaschinerie   einfuhr, gab den Protestierenden im Gazastreifen und Westjordanland   neues Selbstvertrauen. Um gegen die Versuche der Banken zu protestieren,   Teile der Streikgelder zu konfiszieren, die den Besch&#228;ftigten als   Ausgleich f&#252;r Lohnausf&#228;lle zustehen, st&#252;rmten DemonstrantInnen in den   besetzten Gebieten die B&#252;ros der entsprechenden Geldinstitute.<\/p>\n<p>  Der Arbeitskampf wurde von den ArbeiterInnen am selben Tag wieder   aufgenommen und Ger&#252;chte &#252;ber einen bevorstehenden Generalstreik machten   die Runde.<\/p>\n<p>  Nachdem eine ganze Anzahl vereinzelter Arbeitsniederlegungen   stattgefunden hatte, begann der Gewerkschaftsdachverband in den   pal&#228;stinensischen Gebieten (PGTU) mit der Vorbereitung eines   Generalstreiks aller PNA-Besch&#228;ftigten f&#252;r den 2. September.<\/p>\n<p>  Am Anfang bezog dieser Streik 37.000 LehrerInnen, 25.000 Besch&#228;ftigte im   Gesundheitssektor und 15.000 weitere ArbeiterInnen und Angestellte des   &#246;ffentlichen Diensts mit ein.<\/p>\n<p>  Der Mathematiklehrer Mohammed Kheirallah wurde auf der Website   IslamOnline am 2. September 2006 zitiert mit: &#8222;Im Juni, nach drei   Monaten ohne Lohnzahlung, wollten wir nicht in den Streik treten, weil   wir die Abschlusspr&#252;fungen nicht gef&#228;hrden wollten. Aber heute haben wir   genug! Wir wollen endlich unsere Bez&#252;ge sehen!&#8220;<\/p>\n<p>  Vor dem Parlamentsgeb&#228;ude kam es wiederholt zu Demonstrationen mit   Tausenden von TeilnehmerInnen, die die ausstehenden Bez&#252;ge,   Arbeitslosenunterst&#252;tzung und die Schaffung neuer Jobs einforderten.   Slogans wurden gerufen, Steine auf das Geb&#228;ude geworfen und das   Eingangsportal gest&#252;rmt bis ein Sondereinsatzkommando die Leute brutal   auseinander trieb.<\/p>\n<p>  Am 30. August demonstrierten 3.000 Menschen vor dem Tagungsort in   Ramallah, wo sich Abbas mit dem UN-Generalsekret&#228;r Kofi Anan traf. Die   DemonstrantInnen skandierten: &#8222;Ab heute gibt&#180;s keine Regierung mehr. Ab   heute gibt&#180;s kein Parlament mehr!&#8220; und: &#8222;Wir haben kein Geld mehr in   unseren Taschen.&#8220;<\/p>\n<p>  <b>Kein weiterer symbolischer Arbeitskampf <\/b><\/p>\n<p>  Es war, seit Gr&#252;ndung der PNA 1994, der erste von unten organisierte   Generalstreik in den besetzten Gebieten. Diese wichtige Tatsache macht   den Stellenwert dieses Arbeitskampfs gegen&#252;ber den &#8222;Generalstreiks&#8220; aus,   die in fr&#252;heren Zeiten wahlweise von der PNA selbst, der Fatah oder noch   von Vertrauenspersonen Arafats organisiert wurden. H&#228;ufig wurden diese   Generalstreiks in der Vergangenheit organisiert, um die politischen   Ziele von Organisationen wie PLO oder Fatah zu bef&#246;rdern.<\/p>\n<p>  Der Streik &#252;bte gewaltigen Druck auf die &#246;rtlichen F&#252;hrungen der Hamas   aus, weil diese den ArbeiterInnen keine Konzessionen machen konnte. Die   ortsans&#228;ssige Hamas-F&#252;hrung verurteilte den Streik im Nachhinein als von   der Fatah initiierten verantwortungslosen Akt, um die neu gew&#228;hlte   Hamas-Regierung zu destabilisieren. Hamas-Sprecher A&#8217;azi Khamad   bezeichnete den Ausstand als &#8222;unzul&#228;ssig&#8220;. Der Streik wurde sowohl von   Hamas als auch Fatah f&#252;r ihre politischen Eigeninteressen   ausgeschlachtet, aber es w&#228;re falsch, diesen Arbeitskampf lediglich als   Episode in der Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Organisationen   zu sehen.<\/p>\n<p>  <b>Pal&#228;stinensische Gewerkschaften<\/b><\/p>\n<p>  S&#228;mtliche Gewerkschaftsf&#252;hrer sind mit der Fatah verbunden. Der   pal&#228;stinensische Gewerkschaftsverband wurde in den 1990ern gegr&#252;ndet und   brachte damals die bereits existierenden Einzelgewerkschaften unter   einem Dach zusammen. Die F&#252;hrung wurde nie demokratisch legitimiert und   bis heute erhalten die B&#252;rokraten auf der Vorstandsebene ihre Bez&#252;ge von   der Fatah. Niemals hat die Gewerkschaftsf&#252;hrung die Interessen der   Arbeiterklasse unabh&#228;ngig von der Fatah-Regierung verteidigt. So haben   sie auch beispielsweise nie f&#252;r Mindestl&#246;hne gek&#228;mpft und statt dessen   mit NGOs zusammengearbeitet, um Vorschl&#228;ge etwa f&#252;r fairen Handel zu   unterst&#252;tzen, der alternativ Arbeitsk&#228;mpfen stehen und   Arbeitsbedingungen wie L&#246;hne absichern sollte. W&#228;hrend die   Gewerkschaftsb&#252;rokraten einem Wiedereintritt der Fatah in die   pal&#228;stinensische Regierung also positiv gegen&#252;ber steht, kann dies von   den Streikenden selbst keineswegs behauptet werden.<\/p>\n<p>  <b>&#8222;Genug ist genug!&#8220;<\/b><\/p>\n<p>  Als die imperialistischen M&#228;chte realisierten, dass der Streik au&#223;er   Kontrolle geraten k&#246;nnte und sogar einen B&#252;rgerkrieg h&#228;tte ausl&#246;sen   k&#246;nnen, entschied sich die EU, einen Fonds mit 340,- Dollar pro   StreikendeR zu transferieren. Inas Abu Samra, 33j&#228;hriger   Englischlehrerin und Mitglied der Lehrergewerkschaft in Gaza, erkl&#228;rte:   &#8222;Sie tun dies, damit wir den Arbeitskampf beenden. Wir werden das Geld   annehmen, aber den Streik werden wir auf jeden Fall fortsetzen. Wir   haben eine demokratische Regierung, die demokratisch gew&#228;hlt wurde. Sie   m&#252;ssen akzeptieren, dass dieser Streik der Demokratie ein Gesicht gibt&#8220;.<\/p>\n<p>  Abu-Samra sagte auch, dass die pal&#228;stinensische Bev&#246;lkerung zu Beginn   des Embargos gegen die von der Hamas gef&#252;hrte PNA vereint hinter der   Regierung stand. Doch ohne L&#246;hne, erg&#228;nzte sie, &#252;berlebt die Bev&#246;lkerung   nur wegen der Essengutscheine und der humanit&#228;ren Hilfe. Doch &#8222;wir haben   uns entschieden: genug ist genug! Die PNA hat uns versprochen, dass wir   einen Wandel unserer wirtschaftlichen Situation erleben werden. Aber was   ist passiert? Die Lage verschlechtert sich nur noch mehr!&#8220;<\/p>\n<p>  Ein 26j&#228;hriger Lehrer aus Gaza beschrieb es folgender Ma&#223;en: &#8222;Der Streik   wird im Westjordanland erfolgreich sein, aber nicht hier im   Gazastreifen, wo in jedem Haushalt mindestens ein Hamas-Mitglied wohnt.   Die Menschen hier ziehen es vor, der Hamas eine weitere Chance zu geben.   Sie glauben, dass die Finanzkrise kein Fehler der Hamas ist.&#8220; (aus der   &#228;gyptischen Zeitung &#8222;Al-Aharam&#8220; vom 31. August 2006).<\/p>\n<p>  Als der Streik anfing, erkl&#228;rte die Regierung, dass dieser ein Mi&#223;erfolg   und die Mehrzahl der Schulen weiter in Betrieb sei. Sie nutzen die   Tatsache f&#252;r sich aus, wonach ein Drittel der Schulen in den   pal&#228;stinensischen Gebieten nicht unter der Kontrolle der Regierung   stehen und sich deshalb nicht an dem Streik beteiligten.<\/p>\n<p>  Doch entgegen der Propaganda, die der Hamas eigene Radiosender   verbreitete, war der Streik ein voller Erfolg. &#220;ber 90% der   PNA-Besch&#228;ftigten im Westjordanland nahmen teil. ArbeiterInnen   errichteten Zelte in den Stra&#223;en und begannen mit Appellen f&#252;r   Solidarit&#228;tsstreiks in den mittelst&#228;ndischen Betrieben. Am ersten Tag   der Arbeitsniederlegung im &#246;ffentlichen Sektor blieben auch die   Kleinbetriebe geschlossen.<\/p>\n<p>  Im Gazastreifen erreichte der Arbeitskampf einen niedrigeren Grad an   Massenunterst&#252;tzung mit ungef&#228;hr der H&#228;lfte aller PNA-Besch&#228;ftigten   allerdings der Mehrzahl der LehrerInnen, die sich beteiligten. Die   meisten &#246;ffentlichen Schulen nahmen am Streik teil und die Krankenh&#228;user   verrichteten &#8222;Dienst nach Vorschrift&#8220;. Versuche von bewaffneten   Hamas-Aktivisten, die Streikenden sofort zur&#252;ck an den Arbeitsplatz zu   zwingen, scheiterten.  Doch was auf niedriger Flamme begann, wuchs mit   nicht weniger als Tausenden von Polizisten, die sich am f&#252;nften   Streiktag anschlossen und durch die Stra&#223;en von Gaza zogen. Sie   widersetzten sich Abbas und der Fatah, indem sie deren Statements   ignorierten, wonach die Streikenden nicht das Recht h&#228;tten, sich gegen   die Regierung zu stellen.<\/p>\n<p>  &#8222;Wir sind nicht gegen die Regierung, sogar wenn wir nicht ihrer Meinung   sind. Aber wir leiden darunter, dass wir seit sieben Monaten keine L&#246;hne   mehr erhalten haben&#8220;, sagte Nidal Khader, ein Polizist, der an der   Demonstration teilnahm (AP, 6. September 2006).<\/p>\n<p>  Die DemonstrantInnen st&#252;rmten das Parlament, sie bewarfen es mit Steinen   und schlugen die Fenster und T&#252;ren ein. Ihr Versuch, das Geb&#228;ude zu   besetzen, wurde von Polizisten vereitelt, die sich nicht an dem Streik   beteiligten. Am selben Tag demonstrierten 30 Besch&#228;ftigte des B&#252;ros des   Premierministers zusammen mit Dutzenden weiterer ArbeiterInnen in Gaza   unter dem Banner: &#8222;Wir wollen unsere L&#246;hne. Wir haben das recht unsere   Kinder zu ern&#228;hren!&#8220;<\/p>\n<p>  <b>Nein zu einer Regierung der nationalen Einheit<\/b><\/p>\n<p>  Der Streik ist ein wichtiges Ereignis, weil er aufgrund unabh&#228;ngiger   Klassen-Initiative der pal&#228;stinensischen Arbeiterklasse zustande kam. Er   brach aus, weil man sich des fortdauernden und zunehmenden Leids   erwehrte. Der Druck auf die &#246;rtliche Hamas-F&#252;hrung war so stark, dass   diese sich schon vor Ausbruch des Arbeitskampfes zur teilweisen   Auszahlung der Arbeitslosenunterst&#252;tzung bereit erkl&#228;ren musste.   Au&#223;erdem erkl&#228;rte sie sich damit einverstanden, weiterhin f&#252;r freien   Zugang zu Bildung zu sorgen mit lediglich freiwilligen Geb&#252;hren von den   Eltern, die es sich leisten k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Vor weniger als einem halben Jahr redete die ortsans&#228;ssige Hamas-F&#252;hrung   noch von der M&#246;glichkeit einer Intifada gegen die PNA. Jetzt beginnt sie   zu verstehen, dass sie selbst zum Ziel eines Aufstands werden kann. Die   Regierung befindet sich in Verhandlungen mit den Streikenden und es   scheint, als k&#246;nnte der Konflikt zu einem einvernehmlichen Ende   gelangen. Politisch entwickelt sich alles in Richtung einer Regierung   der nationalen Einheit. Langfristig wird diese scheitern, weil eine   solche Regierung nicht in der Lage sein wird, wenigstens die   grundlegendsten Probleme der Massen zu l&#246;sen.<\/p>\n<p>  <b>Ja zur Einheit<\/b><\/p>\n<p>  Die pal&#228;stinensischen Massen brauchen neue politische Gliederungen auf   Basis der Klasseninteressen der ArbeiterInnen. Eine solche Formation   k&#246;nnte mit der jetzigen sozialen Ordnung brechen und zum Beispiel die   jordanischen Banken &#252;bernehmen, die mit dem von den USA initiierten   Embargo kollaborieren, das zu Hunger und Ersch&#246;pfung unter den   pal&#228;stinensischen Massen f&#252;hrt. Solch eine Organisation w&#252;rde die   Notwendigkeit zur &#220;bernahme des Eigentums der pal&#228;stinensischen Eliten   auf&#180;s Tapet bringen, um die Aufgabe zu bew&#228;ltigen, die Gesellschaft in   Krisenzeiten zu organisieren.<\/p>\n<p>  Sie k&#246;nnte ebenfalls an die j&#252;dischen ArbeiterInnen und die Armen in   Israel appellieren, die noch dem israelischen Regime als   Unterst&#252;tzerInnen dienen.<\/p>\n<p>  Die nationalen Eliten, pal&#228;stinensische wie israelische, haben keine   Mittel, um die Bed&#252;rfnisse der Massen zu befriedigen und es gibt kein   Programm, das f&#228;hig w&#228;re deren Probleme zu l&#246;sen. Nur ein Kampf, der auf   der Arbeiterklasse und der Klassen-Einheit aufbaut, kann die Besatzung   zur&#252;ckschlagen und die auf dem Kapitalismus basierende Armut beenden. <\/p>\n<p>  Um den Massen-Kampf zu organisieren m&#252;ssen anerkannte Komitees in den   besetzten Gebieten gebildet werden, eine unabh&#228;ngige Arbeiterpartei, die   die erniedrigten Schichten der Gesellschaft repr&#228;sentiert und die   Gewerkschaften zu k&#228;mpferischen und demokratischen Kr&#228;ften macht, muss   gegr&#252;ndet werden.<\/p>\n<p>  Das zeitweilige Ende der Milit&#228;rbesatzung macht die Gefahr einer   erneuten Invasion nicht obsolet, wie die j&#252;ngsten Beispiele im   Gazastreifen und im S&#252;dlibanon gezeigt haben. Das konsequente Ende der   Besetzungen, einschlie&#223;lich des Abbaus der Checkpoints und der &#8222;Mauer&#8220;,   die Wiederherstellung erstrebenswerter Lebensbedingungen in den   besetzten Gebieten verlangen einen revolution&#228;ren Kampf in den   Pal&#228;stinensischen Gebieten wie auch in Israel zur Errichtung einer   sozialistischen Demokratie als Teil eines umfassenden Kampfess f&#252;r einen   sozialistischen Nahen Osten. Nur im sozialistischen Rahmen wird es   m&#246;glich sein, neben einem Staat Israel einen wirklich unabh&#228;ngigen Staat   Pal&#228;stina zu gr&#252;nden, frei von imperialistischer und kapitalistischer   Vorherrschaft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Pal&#228;stina &#8211; Streik im &#246;ffentlichen Dienst bringt Hamas-Regierung ins<br \/>\n      Wanken<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[38],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11786"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11786"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11786\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11786"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11786"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11786"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}