{"id":11785,"date":"2006-10-06T09:28:36","date_gmt":"2006-10-06T07:28:36","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11785"},"modified":"2012-07-02T19:38:53","modified_gmt":"2012-07-02T17:38:53","slug":"11785","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/10\/11785\/","title":{"rendered":"Polen &#8211; Korruptionsskandal ersch&#252;ttert eine angeschlagene Regierung"},"content":{"rendered":"<p>  Vermeintliche Anti-Korruptions Partei PiS beim Verkauf von   Ministerposten ertappt <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Paul Newbery, GPR (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des   CWI in Polen), Warschau, Dienstag, 2. Oktober 2006<\/i><\/p>\n<p>  Ein Korruptionsskandal ersch&#252;ttert Polen und droht die Hoffnungen zu   zerst&#246;ren, die darauf gerichtet waren, eine neue Regierungskoalition   zusammen schustern zu k&#246;nnen. Auch die Ank&#252;ndigung, dass die regierende   PiS (Partei f&#252;r Recht und Gerechtigkeit) neue Standards in der   politischen Landschaft Polens einf&#252;hren w&#252;rde, wurde damit offenkundig   L&#252;gen gestraft. Die Unterst&#252;tzung f&#252;r die PiS fiel daraufhin von 27% vor   einem Jahr auf 18% nachdem der Skandal ans Licht kam.<\/p>\n<p>  Eine Woche zuvor wurde der Vizepremier und Vorsitzende der   populistischen Partei &#8222;Selbstverteidigung&#8220;, Andrzej Lepper, gefeuert,   nachdem die ersten Risse innerhalb der Regierungskoalition &#252;ber die   Frage von Polens Teilnahme am Afghanistan-Einsatz und der H&#246;he des   Haushaltsdefizits zutage traten. F&#252;r weitere Hintergr&#252;nde siehe den   entsprechenden Artikel in englischer Sprache von Karl Debbaut auf der   CWI-Homepage.<\/p>\n<p>  Ohne die Stimmen der &#8222;Selbstverteidigung&#8220;-Abgeordneten schwebt ein   Fragezeichen &#252;ber der Zukunft der Regierungskoalition aus PiS und LPR   (Liga der polnischen Familien). Die PiS versuchte daher abtr&#252;nnige   Parlamentarier von &#8222;Selbstverteidigung&#8220; zu &#252;berreden ihre Partei zu   verlassen und der PiS beizutreten. Dabei gab es nur ein Problem: Vor   ihrer Wahl sind s&#228;mtliche Abgeordneten von &#8222;Selbstverteidigung&#8220; dazu   gezwungen worden, einen Schuldschein &#252;ber 125.000 Euro f&#252;r die Partei zu   unterschreiben, der eingel&#246;st w&#252;rde, sollte jemand die Fraktion der   Partei vorzeitig verlassen. Dennoch trat die PiS in Verhandlungen mit   den entsprechenden Abgeordneten.<\/p>\n<p>  Wie weit die PiS gehen w&#252;rde, um Abgeordnete in ihre Fraktion zu locken,   wurde enth&#252;llt, als der private Fernsehsender TVN den Mitschnitt einer   Diskussion zwischen Renata Beger, einer bekannten Abgeordneten von   &#8222;Selbstverteidigung&#8220;, und dem Kopf des Kabinetts, Lipinski, ausstrahlte.   Lipinski bot Beger nicht nur das Landwirtschaftsministerium an, sollte   sie von der Fraktion von &#8222;Selbstverteidigung&#8220; zur PiS wechseln, sondern   er versprach ihr auch die Zahlung der 125.000 Euro seitens der PiS zur   Zahlung des Schuldscheins an &#8222;Selbstverteidigung&#8220;! Die Polnische   Bauernpartei (PSL), ein weiterer potentieller Koalitionspartner, lehnte   weitere Verhandlungen mit der PiS im Zuge der folgenden Turbulenzen ab.   Fr&#252;he Neuwahlen nur ein Jahr nach den letzten, regul&#228;ren Wahlen in   Polen, werden immer wahrscheinlicher.<\/p>\n<p>  Obgleich der Kampf gegen Korruption und das Versprechen, eine starke   Regierung zur Herstellung von Recht und Ordnung zu bilden in ihrer   Wahlkampagne zentral waren, kam der j&#252;ngste Skandal nicht wirklich   &#252;berraschend. Sobald die PiS an die Macht kam, begann man damit, den   Staatsapparat zu reinigen und Beamtenposten mit den eigenen Leuten neu   zu besetzen. Anfang des Jahres entlie&#223; man den Vorstandsvorsitzenden des   gr&#246;&#223;ten polnischen Versicherungskonzerns, der sich noch in staatlicher   Hand befindet, und ersetzten ihn mit einem Intimus, welcher der   Geldw&#228;sche verd&#228;chtigt wird. Einige bekannte Parlamentsmitglieder der   LPR, einschlie&#223;lich des Vorsitzenden Roman Giertych, sind in einen   Skandal verwickelt, bei dem 600.000 Euro mittels einer regionalen   Sparkasse abgesch&#246;pft wurden. LPR-Vorst&#228;nde waren Mitglieder des   Aufsichtsrats der beg&#252;nstigten Firmen, die sp&#228;ter einen riesigen   Schuldenberg anh&#228;uften und Bankrott anmeldeten.<\/p>\n<p>  Auch eines der bekanntesten PiS-Mitglieder war in einen &#228;hnlichen   Bankenskandal verstrickt. Dar&#252;ber hinaus  kaufte Jacek Kurski,   ehemaliger Journalist und in die PR-Ebene der PiS-Wahlkampagne eng   eingebundener Parlamentarier, ein Haus f&#252;r den Bruchteil des   Marktpreises in einem Waldgebiet des Staatsforstes. Er bestand j&#252;ngst   auch seine Fahrpr&#252;fung dank der Tatsache, dass der Pr&#252;fer ein enger   Freund war. Und dann gibt es da noch den ehemaligen Premierminister und   Kandidaten der PiS f&#252;r das Amt des Warschauer B&#252;rgermeisters, Kazimierz   Marcinkiewicz, der erwiesener Ma&#223;en ebenfalls f&#252;r einen Bruchteil des   Werts eine gro&#223;e Wohnung im Warschauer Stadtzentrum von der   Stadtverwaltung kaufte.<\/p>\n<p>  Es w&#228;re falsch zu behaupten, dass die Abgeordneten von   &#8222;Selbstverteidigung&#8220; so arm wie die armen Bauern sind, die sie   vorgeblich repr&#228;sentieren. Die Abgeordneten von &#8222;Selbstverteidigung&#8220;   geh&#246;ren zu den reichsten Abgeordneten in Polen. In der Tat existieren in   Polen lediglich drei Luxuslimousinen der Marke Maybach, die von   DaimlerChrysler produziert werden und um die eine Mio. Euro kosten. Eine   dieser drei Karossen befindet sich im Besitz eines   &#8222;Selbstverteidigung&#8220;-Abgeordneten. &#8222;Selbstverteidigung&#8220; erlangte   Bekanntheit, weil man vorgab eine Protestpartei zu sein, welche die   armen Bauern verteidigt. Und diese stellen auch immer noch deren   W&#228;hlerbasis. Tats&#228;chlich ist die Partei jedoch die der l&#228;ndlichen   Kleinb&#252;rger und in geringerem Umfang der auch des st&#228;dtischen   Mittelstands (Ladenbesitzer, Kleinhandel etc.). Diese sind die Menschen,   deren Interessen die Partei verteidigt &#8211; arme Bauern bekommen nur die   Brosamen. Und das erkl&#228;rt auch, weshalb Lepper jetzt die EU unterst&#252;tzt   &#8211; besagte Bev&#246;lkerungsteile haben vom EU-Beitritt profitiert. Lepper   nennt sich selbst zudem einen Sozialliberalen und hat vieles von dem   fallen gelassen, was in seinem fr&#252;hreren Programm einmal als in der   Tendenz links zu bezeichnen war. Heutzutage will er ehrenhaft   daherkommen. Der Disput &#252;ber den Haushalt war auch Leppers Versuch, als   Verteidiger der Interessen der Bauern und anderer verarmender   st&#228;dtischer Berufsgruppen wie LehrerInnen und Krankenschwestern   aufzutreten. Mit anderen Worten war es sein Versuch, vor den   bevorstehenden Regionalwahlen weitere W&#228;hlerschichten hinzu zu gewinnen   und somit von der PiS unabh&#228;ngig zu bleiben, ein wahrer Volksheld also.   Wie dem auch sei ist er in der Realit&#228;t nun weit von alldem entfernt.<\/p>\n<p>  Ob der j&#252;ngste Skandal in vorzeitigen Neuwahlen ein Ende findet, ist   noch offen. Es besteht die M&#246;glichkeit, dass die Koalition aus PiS und   LPR die PSL mit ins Boot holt. Wie dem auch sei wird auch das keine   starke und lange w&#228;hrende Regierung hervorbringen. Weitere Spaltungen   sind ebenso m&#246;glich wie zunehmende Erosion in der Unterst&#252;tzung f&#252;r die   Regierung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Vermeintliche Anti-Korruptions Partei PiS beim Verkauf von<br \/>\n      Ministerposten ertappt<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[43],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11785"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11785"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11785\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11785"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11785"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11785"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}