{"id":11783,"date":"2006-10-05T16:58:07","date_gmt":"2006-10-05T14:58:07","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11783"},"modified":"2012-07-02T19:40:08","modified_gmt":"2012-07-02T17:40:08","slug":"11783","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/10\/11783\/","title":{"rendered":"Soziale Explosion in Ungarn"},"content":{"rendered":"<p>  Nur 250 Kilometer &#246;stlich von Wien entl&#228;dt sich die Entt&#228;uschung &#252;ber   sozialdemokratische &#8222;Reform-&#8220;Politik<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von John Evers, Wien\/Sopron <\/i><\/p>\n<p>  Es war eine regelrechte soziale Explosion die am 19. September und der   Woche danach, laut durch die Stra&#223;en Budapests hallte. Den Ausl&#246;ser   stellte die, inzwischen bereits legend&#228;re Rede, des sozialdemokratischen   Regierungschefs und Multimillion&#228;rs Gyurcs&#225;ny Ferenc dar. Dieser r&#228;umte   vor einem Parteigremium ein, dass Volk belogen zu haben um die letzten   Wahlen (Fr&#252;hjahr 2006) zu gewinnen und k&#252;ndigte nun harte   Sanierungsma&#223;nahmen an. Ungarn wird seit 2002 von einer Koalition aus   Sozialdemokraten (die sich offiziell Ungarische Sozialistische Partei,   MSZP, nennt) und Liberalen (Bund Freier Demokraten, SZDSZ) regiert &#8211; von   der Rechts-Opposition insgesamt schlicht als &#8222;die Kommunisten&#8220;   denunziert.<\/p>\n<p>  <b>Widerspr&#252;chlicher Charakter der Protestwelle<\/b><\/p>\n<p>  Die Protestwelle im September hatte zum einen spontanen Charakter, in   ihrer Form reichten die Methoden von der entschlossenen, aber   friedlichen Massendemonstration bis zum blanken Vandalismus einiger   Gruppen, die in den gest&#252;rmten TV-Studios urinierten. Zum anderen   erscheint die politische Ausrichtung der Demonstrationen unscharf:   Ankn&#252;pfungen an die ungarische Revolution gegen den Stalinismus 1956   waren ebenso un&#252;bersehbar, wie der Einfluss rechtsextremer Kr&#228;fte. Ein   dominantes Symbol stellten die ungarischen Nationalfarben   (rot-wei&#223;-gr&#252;n) dar, die gepaart mit Parolen gegen &#8222;die Kommunisten&#8220; an   der Regierung auftraten. Orb&#225;n Viktor von der gro&#223;en,   rechtspopulistischen Oppositionspartei FIDEZ, versuchte zun&#228;chst die   Proteste zu vereinnahmen. Bemerkenswerter weise blieben auch Proteste   au&#223;erhalb der Hauptstadt &#8211; in der die Sozialdemokratie bei den Wahlen   2006 mit 43,78 Prozent deutlich die Mehrheit erzielte &#8211; in den west- und   mittelungarischen Provinzhochburgen der FIDEZ fast v&#246;llig aus. Umgekehrt   waren hunderte, wenn nicht einige tausend Teilnehmer an den Budapester   Demonstrationen aus diesen Regionen; Rechte Einpeitscher die hier   bewusst von der rechten Opposition angekarrt wurden. Der FIDEZ, die   selbst immer wieder zum Mittel der Mobilisierung nationalistischer   Kr&#228;fte gegen die &#8222;Kommunistenregierung&#8220; greift, gingen die   Demonstrationen allerdings unmittelbar zu weit. Im Hinblick darauf, den   sicheren &#8211; und inzwischen eingetretenen &#8211; Sieg bei den Kommunalwahlen am   1.10 nicht durch eine unberechenbare Eskalation zu riskieren, waren   Orban und Co. schlussendlich f&#252;r die vorl&#228;ufige Demobilisierung der   Bewegung verantwortlich.<\/p>\n<p>  <b>Hintergrund <\/b><\/p>\n<p>  &#8222;Auch die Unt&#228;tigkeit und Unf&#228;higkeit der Linksregierungen ist daf&#252;r   verantwortlich, dass das Lebensniveau der gro&#223;en Mehrheit noch hinter   den Glanzzeiten der K&#225;d&#225;r-&#196;ra* herhinkt, dass Millionen, darunter viele   der 3,2 Millionen Rentner, in Armut, sogar Elend leben. Durch diese   Politik ist das Land in eine tiefe Budgetkrise geraten. (Durch) Die   bekannt gewordene &#8222;geheime&#8220; Rede von Gyurcs&#225;ny wurde &#214;l ins Feuer   gegossen: Die Verlierer der Wende f&#252;hlten sich in ihrer Meinung   best&#228;tigt, dass &#8222;die Kommunisten&#8220; schon immer gelogen haben. Ihr Chef   habe das nun zynisch und offen zugegeben. Die MSZP erwidert: Die Rede   sei ein leidenschaftlicher Aufschrei gewesen, um den Widerstand in der   Partei gegen die unvermeidlichen harten Reformen durchzusetzen.&#8220; (Pester   Lloyd, deutschprachige Wochenszeitung Ungarns, 39\/2006)<\/p>\n<p>  (*Anmerkung JE: 1956-1988, im Westen als &#8222;Gulaschkommunismus bezeichnet) <\/p>\n<p>  Ungarn war einst Vorreiter der &#8222;Wende&#8220; in Osteuropa, einer Wende die   allerdings nicht unbedingt zum Besseren f&#252;r die Mehrheit der Bev&#246;lkerung   verlaufen ist: Trotz einer Phase von Lohnsteigerungen um das Jahr 2000,   liegen die L&#246;hne nach Kaufkraftparit&#228;ten noch immer bei nur ca. 40 % des   &#246;sterreichischen Niveaus (netto sind es knapp 400 Euro). Inzwischen   bildet Ungarn bei der Reallohnentwicklung sogar eines der Schlusslichter   in der EU. Einer Wende die allerdings ebenso von den ehemaligen KP-   Appartschiks ma&#223;geblich vorangetrieben wurde: &#8222;Sozialisten&#8220; wie der   Ex-KP Jugendfunktion&#228;r Gyurcs&#225;ny haben sich in dieser Periode der 90er   Jahre eine goldene Nase verdient. Diese &#8222;Wendekommunisten&#8220; wurden und   werden von breiten Teilen der Bev&#246;lkerung deshalb als jene   identifiziert, die es sich schon immer auf Kosten der kleinen Leute   &#8222;richten&#8220; konnten. Ebenso war bezeichnenderweise bereits die   Regierungszeit des sozialdemokratischen Ministerpr&#228;sidenten Horn Gyula   in den 1990ern jene Periode, in welcher die h&#228;rteste neoliberale   &#8222;Reformpolitik&#8220; vorangetrieben wurde. Diese Phase bedeutete gleichzeitig   den Aufstieg der rechtspopulistischen FIDEZ von einer Kleinpartei (7 %)   zur st&#228;rksten Oppositionskraft, welche 1998 schlie&#223;lich die   Sozialdemokraten f&#252;r vier Jahre abl&#246;sen konnte. Obwohl die FIDEZ und   ihre B&#252;ndnispartner, wie die rechtsextreme und antisemitische MIEP, 2002   &#8211; wenn auch knapp &#8211; wieder abgew&#228;hlt wurden, versuchen die rechten   Oppositionsparteien seitdem soziale Rhetorik mit dem traditionell stark   verankerten Antikommunismus, Nationalismus und Antisemitismus zu   verbinden.<\/p>\n<p>  Der nun erh&#246;hte Druck internationaler Institutionen, dass Budgetdefizit   von mehr als 10 Prozent auf die &#8222;EU-Vorgabe&#8220; von 3 Prozent zu senken,   w&#252;rde massive Streichung von Zusch&#252;ssen f&#252;r die 30 Prozent (=3   Millionen) offiziell Arme (z.B. Streichung von Heizkostenzusch&#252;ssen &#8230;),   sowie im &#246;ffentlichen Dienst bedeuteten. Der &#246;ffentliche Dienst ist   allerdings f&#252;r die ungarische Gesellschaft in weiten Bereichen auch   jener Kitt, der &#8211; trotz offiziell relativ niedriger Arbeitslosigkeit im   Landesdurchschnitt (6 %, Ostungarn allerdings bis zu 20 %) &#8211; das Land   noch irgendwie zusammenh&#228;lt.<\/p>\n<p>  &#8222;Man muss sich vorstellen, dass eine Familie in Ungarn nur wie ein   Wunder vor und nach der Wende &#252;berleben kann, indem alle arbeiten und   indem die meisten zwei oder mehrere Jobs haben. Ein normaler   Angestellter im &#246;ffentlichen Dienst, oder im Gesundheitswesen arbeitet   an zwei Stellen &#8211; ganz legal. An der einen Stelle ist er sozial   versichert und zahlt Steuern und an der zweiten Stelle geht es um ein   Zusatzeinkommen in den Abendstunden oder in der Freizeit. Nur so kann   man den Lebensstandard halten (&#8230;).&#8220; Radio Vatikan aus Budapest <\/p>\n<p>  <b>Politische Perspektiven <\/b><\/p>\n<p>  Politisch scheint diese ungarische Gesellschaft an der Oberfl&#228;che zwar   eindeutig gespalten: Zwischen den &#8222;kommunistischen Liberal-Sozialisten&#8220;,   die f&#252;r die kapitalistische &#8222;Internationalisierung&#8220; des Landes stehen   und der Rechtsopposition die sich als einzig &#8222;echte Ungarn&#8220; betrachten.   Demgegen&#252;ber lehnen aber ebenso 60 Prozent der Ungarn Versuche ab, die   Regierung &#252;ber die, nach dem 1.10 von der Rechten erneut angek&#252;ndigten   Gro&#223;demonstrationen zu st&#252;rzen. Gleichzeitig sind wiederum nur 27   Prozent der Meinung, dass das aktuelle Kabinett bleiben soll. Ingesamt   sind auch nur 21 Prozent f&#252;r vorgezogene Neuwahlen &#8211; ein auff&#228;lliger   Widerspruch zur explosiven Stimmung gegen&#252;ber dem angek&#252;ndigten   Sozialabbau und der Ablehnung Gyurcs&#225;nys (Zahlen nach: Pester Lloyd \/   Nr. 40\/2006). Selbst wenn die kommenden Wochen zum Sturz der aktuellen   Regierung f&#252;hren, ist das politische Vakuum, die Frage nach Alternativen   zum neoliberalen &#8222;Nationalismus&#8220;, bzw. &#8222;Internationalismus&#8220; a la FIDEZ   und MSZP somit evident. Eine Schl&#252;sselrolle k&#246;nnten die, bisher in der   Mehrheit an die Regierungskoalition gebundenen, Gewerkschaften spielen:   Sie hatten ebenfalls Proteste gegen Gyurcs&#225;nys Sparpl&#228;ne angek&#252;ndigt.   Von den bereits f&#252;r Ende September versprochenen Kampfma&#223;nahmen war   allerdings bisher in den Medien nichts zu vernehmen. Mit rund 18 Prozent   Organisationsgrad geh&#246;ren sie aber immerhin zu den st&#228;rksten   Gewerkschaftsbewegungen in Osteuropa &#8211; ein Potential aus dem sich in der   kommenden Periode, tats&#228;chlich linke und k&#228;mpferische Alternativen   entwickeln k&#246;nnten. Vielleicht rascher als manche denken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Nur 250 Kilometer &#246;stlich von Wien entl&#228;dt sich die Entt&#228;uschung &#252;ber<br \/>\n      sozialdemokratische &#8222;Reform-&#8220;Politik<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[43],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11783"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11783"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11783\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11783"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11783"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11783"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}