{"id":11778,"date":"2006-10-01T16:26:21","date_gmt":"2006-10-01T16:26:21","guid":{"rendered":".\/?p=11778"},"modified":"2006-10-01T16:26:21","modified_gmt":"2006-10-01T16:26:21","slug":"11778","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/10\/11778\/","title":{"rendered":"Eine erste Bilanz der Berliner Wahlen"},"content":{"rendered":"<p>  Beschlossen vom Landesvorstand der WASG Berlin, 28.09.06 <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die eindeutige Botschaft der Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus und zu   den Bezirksverordnetenversammlungen (BVV) war: Die im Abgeordnetenhaus   vertretenen Parteien wurden von einer Minderheit der Berlinerinnen und   Berliner gew&#228;hlt. 42 Prozent gingen erst gar nicht zur Wahl. &#220;ber 13   Prozent gaben ihre Stimme anderen Parteien. Die &#8222;Wahlsiegerin&#8220; SPD wurde   gerade mal von 17 Prozent der Berlinerinnen und Berliner gew&#228;hlt. In   Marzahn-Hellersdorf oder Lichtenberg ging nicht mal jeder Zweite zur   Wahl.<\/p>\n<p>  Alle etablierten Parteien au&#223;er den Gr&#252;nen haben in absoluten Stimmen an   W&#228;hlerinnen und W&#228;hlern verloren. Am deutlichsten bekam die   Linkspartei.PDS die Quittung daf&#252;r, dass sie sonntags vom Sozialismus   gesprochen und montags bis freitags im rot-roten Senat massiven   Sozialabbau mitgetragen hat: Sie verlor mit &#252;ber 180.000 Stimmen (minus   9 Prozentpunkte) die H&#228;lfte ihrer W&#228;hlerInnen. Damit liegt sie gemessen   an der absoluten Stimmenzahl auf ihrem Stimmenniveau von 1990. Von den   180.000 Stimmen verlor sie den gr&#246;&#223;ten Anteil an die Nichtw&#228;hler. Im   Ostteil der Stadt b&#252;&#223;te sie um zwanzig Prozentpunkte ein. Die h&#246;chsten   Verluste fuhr sie in Marzahn-Hellersdorf ein. Dort brach sie um 30   Prozentpunkte ein. Vermutlich wird die Linkspartei.PDS drei von vier   Bezirksb&#252;rgermeister und etliche Stadtr&#228;te verlieren.<\/p>\n<p>  Die Stimmung im Wahlkampf war eindeutig: Die meisten Menschen haben die   Nase gestrichen voll von Parteien, die vor der Wahl das Eine versprechen   und nach der Wahl das genaue Gegenteil machen. Bestes Beispiel vor der   letzten Wahl war das Wahlversprechen der Linkspartei.PDS, die   Kita-Geb&#252;hren nicht zu erh&#246;hen und nach der Wahl die Erh&#246;hung mit zu   beschlie&#223;en.<\/p>\n<p>  <b>Warum konnte die WASG von dieser Stimmung nicht ausreichend   profitieren und wie ist das Abschneiden der WASG zu beurteilen?<\/b><\/p>\n<p>  Der Einzug der Berliner WASG in sieben Bezirksverordnetenversammlungen   mit 14 Abgeordneten, ein Zweitstimmenergebnis von 2,9 Prozent und ein   Erststimmenergebnis von 3,8 Prozent sind ein Erfolg. Im Ostteil der   Stadt erreichte die WASG ein Zweitstimmenergebnis von 3,3 Prozent, im   Westteil 2,7 Prozent. In absoluten Zahlen gaben der WASG 40.600   BerlinerInnen die Zweit- und 52.000 die Erststimme. Das sind 50.000   Stimmen f&#252;r den Widerstand gegen Sozialabbau und Privatisierung. Die   WASG war vor einem halben Jahr noch unbekannt, hat aus dem Stand dieses   Ergebnis geschafft und ist damit zu einer ernst zu nehmenden politischen   Kraft in Berlin geworden.<\/p>\n<p>  In Friedrichshain-Kreuzberg erzielte die WASG mit 6 Prozent ihr bestes   Ergebnis und zieht in Fraktionsst&#228;rke in die BVV ein. Bei der   Zweitstimme schnitt die WASG besonders in Stadtgebieten mit einer   einkommensschwachen Bev&#246;lkerung sehr gut ab. Wir erreichten   beispielsweise in einem Neuk&#246;llner Wahllokal in der R&#252;tlistra&#223;e (in der   auch die bekannte R&#252;tlischule ist) 10,5 Prozent. In Kreuzberg lag die   WASG in vielen Wahllokalen &#252;ber zehn Prozent, in manchen sogar bei 14   oder 15 Prozent.<\/p>\n<p>  <b>Warum konnte jedoch das Wahlziel von f&#252;nf Prozent nicht erreicht   werden?<\/b><\/p>\n<p>  Das Haupthindernis f&#252;r die Erreichung dieses Ziels war der   Vertrauensverlust der Berlinerinnen und Berliner in politische Parteien   insgesamt. Viele Menschen stellten uns an den zahlreichen   WASG-Infotischen die Frage, warum sie uns glauben sollten, dass wir   anders sind, nachdem sie negative Erfahrung mit den Gr&#252;nen, der SPD und   der Linkspartei.PDS gemacht haben.<\/p>\n<p>  Wir haben unser M&#246;glichstes getan, um deutlich zu machen, dass wir   anders als die etablierten Parteien und mehr als eine &#8222;Wahlalternative&#8220;   sind. Das begann schon bei der Aufstellung unserer Landesliste, auf der   viele bekannte AktivistInnen aus der gewerkschaftlichen, sozialen und   antifaschistischen Bewegung kandidiert haben.<\/p>\n<p>  Auch aktuelle Themen wie die Privatisierungen von Wohnungen haben wir im   Wahlkampf umgehend aufgegriffen und Kampagnearbeit in der Neuk&#246;llner   Highdeck-Siedlung und in Gebieten, wo die Privatisierung der   Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) ansteht, begonnen. Wir haben   Info-Veranstaltungen f&#252;r betroffene MieterInnen durchgef&#252;hrt,   Unterschriften gesammelt und eine Protestaktion vor der WBM-Zentrale   durchgef&#252;hrt. Wir haben zudem den Streik der KollegInnen an der Charit&#233;   vom ersten Tag an an allen Standorten unterst&#252;tzt und damit f&#252;r viele   KollegInnen deutlich gemacht, dass wir es ernst meinen, wenn wir sagen,   dass eine linke Partei auf der Seite derjenigen stehen muss, die von   Sozialabbau, Lohndumping und Privatisierung betroffen sind. Wir waren   dabei die einzige Partei, die an der Seite der Charit&#233;-Kollegen stand.   Die Linkspartei.PDS und die SPD stehen durch ihre Mitglieder im   Aufsichtsrat dagegen f&#252;r einen Absenkungstarifvertrag f&#252;r die   Besch&#228;ftigten. Durch eine Aktion vorm Nobelrestaurant Borchardt haben   wir unter dem Motto &#8222;Einmal Essen wie die Reichen&#8220; deutlich gemacht,   dass die Kluft zwischen Arm und Reich in Berlin massiv zugenommen hat   und wir Zust&#228;nde von 37 Prozent Kinderarmut in Berlin nicht hinnehmen   sondern im Gegenteil erbittert bek&#228;mpfen wollen.<\/p>\n<p>  Trotzdem m&#252;ssen wir bilanzieren, dass die Zeit nicht ausgereicht hat, um   uns Vertrauen zu erarbeiten und uns als die einzige Alternative zum   Sozialabbau bekannt zu machen und zu verankern. Dazu kommt, dass in   Berlin in diesem Jahr im Gegensatz zu der gesellschaftlichen Situation   vor zwei Jahren, keine gesellschaftliche Protestbewegung stattgefunden   hat, die es der WASG erleichtert h&#228;tte, ihre Positionen, beispielsweise   gegen Hartz IV, deutlich zu machen.<\/p>\n<p>  Erschwerend kam f&#252;r uns hinzu, dass die eigene Bundespartei inklusive   Oskar Lafontaine Wahlkampf f&#252;r die Linkspartei.PDS gemacht hat. Eine   finanzielle Unterst&#252;tzung durch die Bundespartei gab es nicht. Im   Gegenteil mussten wir unseren Wahlkampfetat in H&#246;he von rund 55.000 Euro   durch Spendengelder und Darlehen finanzieren. Doch die Solidarit&#228;t von   WASG-Mitgliedern und sogar Linkspartei.PDS-Mitgliedern aus dem   Bundesgebiet mit unserem Antritt war enorm. &#220;ber zweihundert   WahlkampfhelferInnen aus dem Bundesgebiet und auch aus anderen   europ&#228;ischen L&#228;ndern unterst&#252;tzten die WASG im Wahlkampf. Wir m&#246;chten   uns an dieser Stelle noch einmal herzlich bei allen Wahlk&#228;mpferInnen   bedanken, die von au&#223;erhalb Berlins kamen.<\/p>\n<p>  Wir finden: Gemessen an all diesen Umst&#228;nden, kann sich unser Ergebnis   sehen lassen. Wir gehen mit 14 Abgeordneten in den BVVn und einem hohen   Bekanntheitsgrad gest&#228;rkt aus diesem Wahlkampf hervor.<\/p>\n<p>  Ein gro&#223;er Erfolg ist zudem, dass der Einzug der Neonazis in Gestalt der   NPD und der Republikaner ins Abgeordnetenhaus verhindern werden konnte.   An diesem Erfolg hatte unser Antritt einen gro&#223;en Anteil. Gerade mit   Blick auf den Einzug der NPD in den Landtag in Mecklenburg-Vorpommern   kann das Scheitern der Neonazis in Berlin nicht hoch genug eingesch&#228;tzt   werden. Die NPD hat auch im Wahlkampf versucht, mit ihrer sozialen   Demagogie auf Stimmenfang zu gehen. Indem mit der WASG Berlin eine linke   Alternative zur Wahl stand, konnten wir ihnen auf Landesebene aber auch   in vielen Bezirken einen Strich durch die Rechnung machen. Zur Bilanz   geh&#246;rt jedoch auch, dass das Verhindern eines Antritts der WASG zur   BVV-Wahl in Neuk&#246;lln durch die Mehrheit der dortigen Bezirksgruppe den   Einzug der NPD in die BVV Neuk&#246;lln erleichtert hat. Wir sind uns sicher:   Eine Kandidatur der WASG in Neuk&#246;lln h&#228;tte wahrscheinlich zu einem   Einzug der WASG in Neuk&#246;lln und einem Scheitern der Neonazis gef&#252;hrt.<\/p>\n<p>  <b>Was bedeuten die Berliner Wahlen nun f&#252;r den Parteineubildungsprozess   bundesweit?<\/b><\/p>\n<p>  Wir sind der Meinung, dass Oskar Lafonatine und der WASG-Bundesvorstand   die Konsequenzen aus dem katastrophalen Wahlergebnis der Linkspartei.PDS   ziehen m&#252;ssen. Oskar Lafontaine und der WASG-Bundesvorstand kommentieren   nun das Wahlergebnis und so tun, als h&#228;tten sie nicht eindeutig Position   f&#252;r das sinkende Schiff der Berliner Linkspartei.PDS ergriffen. Doch   Oskar Lafontaine hat aktiven Wahlkampf f&#252;r die Linkspartei.PDS gemacht   und der WASG-Bundesvorstand hat zu ihrer Wahl aufgerufen. Damit sind der   Bundesvorstand und Oskar Lafontaine Teil der Niederlage und m&#252;ssen auch   Konsequenzen aus dem eigenen Handeln ziehen.<\/p>\n<p>  Die einer linken Position unverd&#228;chtige Berliner Morgenpost kommentierte   am Tag nach der Wahl: &#8222;Im Bund gegen Hartz IV agitieren, aber im Land   die verhassten Reformen umsetzen. Im Bund gegen die Privatisierung   &#246;ffentlicher Unternehmen wettern, aber in Berlin Wohnungen verkaufen.   Den Sozialabbau verteufeln, gleichzeitig aber auch in Berlin soziale   Leistungen zusammenstreichen. Das haben viele W&#228;hler offenbar nicht   verstanden. Als dann auch noch ein Oskar Lafontaine als   Linkspartei-Fraktionschef zwar inhaltlich die gleichen R&#252;gen austeilte   wie seine WASG-Parteikollegin Redler, aber dennoch die Wahl der   pragmatischen PDS-Spitzen empfahl, war die Verwirrung komplett.&#8220;<\/p>\n<p>  Die Konsequenz aus dem Wahlergebis kann nur sein: Eine neue Linke kann   und darf nicht auf der politischen Grundlage der Berliner   Linkspartei.PDS gegr&#252;ndet werden. Unter den Vorzeichen von Sozialabbau   und Privatisierungen in Regierungsverantwortung kann es keine Fusion   geben. Mit Befremden sehen wir, dass Oskar Lafontaine sich am 25.09.   gegen&#252;ber dem &#8222;stern&#8220; f&#252;r eine Fortsetzung des rot-roten Senats   ausgeprochen hat. Der Landesvorstand der WASG Berlin l&#228;dt Oskar   Lafontaine zu einer offenen Diskussion ein, um ernsthaft &#252;ber die   Konsequenzen aus den Berliner Wahlen und die Perspektiven f&#252;r den   Parteineubildungsprozess zu diskutieren.<\/p>\n<p>  Wir sind der Meinung: Der eigenst&#228;ndige Wahlantritt der WASG Berlin war   richtig. Wir tragen nicht die Verantwortung f&#252;r das Desaster der   Linkspartei PDS. Von 180.000 ehemaligen Linkspartei.PDS-W&#228;hlern haben   17.000 die WASG gew&#228;hlt. Der Grund f&#252;r das Scheitern der Linkspartei.PDS   liegt in ihrer eigenen unsozialen Politik. Die WASG hat die Mehrzahl   ihrer Stimmen von Nichtw&#228;hlern und ehemaligen W&#228;hlerInnen anderer   Parteien erhalten. Wir haben mit unserem Wahlantritt der TINA-Politik   (There is no alternative- Es gibt keine Alternative) der   Sozialabbau-Parteien etwas entgegen gesetzt, den Druck auf die   etablierten Parteien einschlie&#223;lich der Linkspartei.PDS enorm erh&#246;ht und   f&#252;r den ersten Wahlantritt ein respektables Ergebnis erreicht. Allein   aufgrund unseres Wahlantritts haben SPD und Linkspartei.PDS auf einmal   wieder von der Rekommunalisierung der Berliner Wasserbetriebe gesprochen   oder davon, dass keine Wohnungen mehr privatisiert werden d&#252;rfen.<\/p>\n<p>  Die WASG Berlin wird ihr Wahlversprechen halten und weiterhin als   oppositionelle soziale Kraft die Politik in dieser Stadt beeinflussen.   N&#228;chster H&#246;hepunkt ist die Demonstration der Gewerkschaften und sozialen   Bewegungen am 21. Oktober 2006, zu der die WASG mit eigenen Flugbl&#228;ttern   und Plakaten mobilisiert. Gerade vor den Jobcentern werden wir unserern   Platz nicht r&#228;umen, sondern in den n&#228;chsten Wochen verst&#228;rkt pr&#228;sent   sein. Auch die Unterst&#252;tzung der streikenden Kollegen an der Charit&#233; und   der Arbeiter bei Bosch-Siemens-Hausger&#228;te werden wir nicht   vernachl&#228;sigen sondern steigern. Wir geh&#246;ren nicht zu den Parteien, die   sich nur vor der Wahl einmal blicken lassen, um Wahlkampf zu machen.<\/p>\n<p>  Gerade jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, zu dem sich die WASG Berlin in   der au&#223;erparlamentarischen Opposition und in den BVVn beweisen muss. Wir   haben immer gesagt, dass es darum gehen muss, die gesellschaftlichen   Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse insgesamt zu ver&#228;ndern und den Widerstand gegen den   Neoliberalismus aufzubauen &#8211; und genau das werden wir jetzt tun: In den   sozialen und gewerkschaftlichen Bewegungen und durch unsere   Oppositionsarbeit in den BVVn. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Beschlossen vom Landesvorstand der WASG Berlin, 28.09.06<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[30],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11778"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11778"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11778\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11778"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11778"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11778"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}