{"id":11776,"date":"2006-10-03T16:22:17","date_gmt":"2006-10-03T16:22:17","guid":{"rendered":".\/?p=11776"},"modified":"2006-10-03T16:22:17","modified_gmt":"2006-10-03T16:22:17","slug":"11776","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/10\/11776\/","title":{"rendered":"Nationalratswahlen in &#214;sterreich"},"content":{"rendered":"<p>  Unerwarteter Sieg der SP&#214; &#8211; Rassisten gest&#228;rkt &#8211; 2200 Stimmen gegen   Kapitalismus<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die Nationsratswahlen am 1. Oktober in &#214;sterreich f&#252;hrten zu einem   unerwarteten Sieg der SP&#214;. Nachdem sie seit 2006 in Opposition gewesen   war, wurde sie nun mit knapp 36% st&#228;rkste Partei. Der Hauptgrund daf&#252;r   ist der starke Wunsch gro&#223;er Teile der Bev&#246;lkerung den &#214;VP-Kanzler   Wolfgang Sch&#252;ssel endlich los zu werden. Er hatte brutalen   Neoliberalismus umgesetzt gepaart mit einer schier unglaublichen   Arroganz. Die zwei offen rassistischen Parteien &#8211; FP&#214; und BZ&#214; &#8211;   erhielten zusammen mehr als 15% der Stimmen. Die Schwesterorganisation   der SAV hat bei diesen Wahlen ebenfalls kandidiert &#8211; als Sozialistische   LinksPartei &#8211; Liste gegen Kapitalismus und Rassismus.<\/p>\n<p>  <i>von Sonja Grusch, Wien<\/i><\/p>\n<p>  Die Kampagne der Kanzlerpartei &#214;VP hatte als Kernaussage, das ohnehin   alles wunderbar ist in &#214;sterreich. Manche &#214;VP-Wahlk&#228;mpferInnen trugen   sogar T-Shirts mit der Aufschrift &#8222;Nicht-Raunzer&#8220; &#8211; was nichts anderes   bedeutet als das jedeR der\/die sich &#252;ber die bestehenden Probleme   beschwert, nur ein Raunzer ist (Raunzer ist das &#246;sterreichische Wort f&#252;r   N&#246;rgler). Aber in den letzten sechs Jahren in der Regierung hat die &#214;VP   eine Reihe scharfer Angriffe auf Pensionen, Gesundheits- und   Bildungswesen durchgef&#252;hrt. Die Prek&#228;risierung von Jobs hat zugenommen   und Frauen wurden vom Arbeitsmarkt verdr&#228;ngt, Jugendliche aus den Unis   vertrieben. Kombiniert wurde das ganze mit starker Einflussnahme ins   staatliche Fernsehen das noch mehr als zuvor zu einem unkritischen   Regierungs-Fernsehen verkommen ist. Postenschacher bzw. die Schaffung   lukrativer Jobs f&#252;r Anh&#228;ngerInnen der Regierung haben das Bild   abgerundet. Die Meinungsumfragen haben zwar einen Wahlsieg der &#214;VP   vorausgesagt, aber offensichtlich war der Wunsch, diese Regierung los zu   werden, gr&#246;&#223;er. Dies deutete sich im Juni 2003 bereits an, als mehr als   eine Million ArbeiterInnen einen Tag gegen die Rentenpl&#228;ne der   Sch&#252;ssel-Regierung streikten.<\/p>\n<p>  <b>SP&#214;: Schwacher Sieger<\/b><\/p>\n<p>  Am Abend des 1. Oktobers war SP&#214;-Vorsitzender Gusenbauer erstaunt &#8211; und   Wahlsieger. Aber die SP&#214; ist eine schwache Siegerin, sie verlor rund   200.000 Stimmen. Obwohl die SP&#214; mit einer Reihe sozialer Slogans in den   Wahlkampf ging (&#8222;mehr Fairness&#8220;) stimmten 40% ihrer W&#228;hlerInnen f&#252;r sie   um Sch&#252;ssel los zu werden. Die SP&#214; konnte ihre Stimmen in den l&#228;ndlichen   Gebieten eher halten als in den St&#228;dten, am st&#228;rksten verlor sie in den   traditionellen ArbeiterInnenbezirken. Unter RentnerInnen wurde die SP&#214;   die unumstrittene Nr. 1, aber 75 % der unter 30-j&#228;hrigen w&#228;hlten eine   andere Partei. Trotz ihrer sozialen Rhetorik gibt es keinen Linksruck in   der SP&#214;. In den letzten Jahren hat die SP&#214; in diversen Landesregierungen   Politik betrieben, die sich nicht wesentlich von jener der &#214;VP   unterschied. In Wien, wo sie eine absolute Mehrheit hat, wurde der   Sozialbereich ausgegliedert und Gesundheitswesen, Alten- und   Behindertenpflege der Profitlogik des Marktes unterwerfen. In K&#228;rnten,   wo der rechtsextreme J&#246;rg Haider Landeshauptmann ist, ging die SP&#214; eine   Koalition mit ihm ein und zeigte so, dass sie auch hier keine   Ber&#252;hrungs&#228;ngste hat.<\/p>\n<p>  <b>Rechtsextreme gest&#228;rkt<\/b><\/p>\n<p>  Erstaunlich ist auch, dass die Totgeburt BZ&#214; den Einzug ins Parlament   geschafft hat. Das BZ&#214; entstand durch die Abspaltung von Haider und der   FP&#214;-Ministerriege von der FP&#214; im Fr&#252;hjahr 2005. Das BZ&#214; hat keine   wirkliche Basis &#8211; daf&#252;r aber viel Geld von den Ministerien und Haiders   Landeshauptmannmandat, um seine KandidatInnen zu bewerben. Im Zuge des   Wahlkampfes hat sich unsere Analyse, dass es sich nicht um eine   &#8222;liberale&#8220; Abspaltung handelt, best&#228;tigt. Es gab einen widerlichen   Wettkampf zwischen BZ&#214; und FP&#214; dar&#252;ber, wer rassistischer ist.   AsylwerberInnen wurde quasi pauschal als L&#252;gnerInenn dargestellt die in   Luxus leben. Beide Parteien sprachen sich f&#252;r umfassende Abschiebungen   aus. Die FP&#214; erhielt mehr als 11 %, weniger als die 26,9 % 1999 vor   Haiders Ausstieg aus der Partei, aber immer noch mehr als die 10%, die   sie 2002 erhielt. Nach der Abspaltung 2005 hatten viele KommentatorInnen   erkl&#228;rt, nun sei die FP&#214; vor dem Aus. Wir erkl&#228;rten damals, dass die   Abspaltung die FP&#214; noch weiter nach rechts verschieben wird da der   faschistische Fl&#252;gel ins Zentrum der Partei r&#252;cken wird. Wir haben auch   erkl&#228;rt, das der Rechtsextremismus durch die Spaltung nicht verschwinden   w&#252;rde. Wir hatten mit beidem Recht. Heute besteht die FP&#214;-F&#252;hrung   weitgehend aus M&#228;nnern die mehrheitlich in rechtsextremen   Burschenschaften organisiert sind, die keine Ber&#252;hrungs&#228;ngste zu   FaschistInnen haben und offen sind f&#252;r revisionistische Ideen. Die FP&#214;   setzt auf eine Mischung aus pseudo-sozialer Rhetorik und aggressivem   Rassismus. In Kombination mit der Schw&#228;che der Linken ist das die Basis   f&#252;r ihre Wahlerfolge. Alle gro&#223;en Parteien sind in bezug auf die Frage   von Migration\/Asyl in der letzten Periode nach rechts gegangen. Statt   &#252;ber soziale Probleme oder ein Arbeitslosigkeitsproblem zu sprechen,   gibt es f&#252;r sie ein &#8222;Ausl&#228;nderInnenproblem&#8220;. RegierungsvertreterInnen   haben Sch&#252;lerInnen mit Migrationshintergrund f&#252;r das schlechte   Abschneiden &#214;sterreichs bei der Pisa-Studie verantwortlich gemacht.   Nat&#252;rlich haben sie nicht erw&#228;hnt, dass sie selbst verantwortlich sind   f&#252;r die massiven K&#252;rzungen im Bildungswesen. Die &#214;VP-Innenministerin hat   eine (ohnehin schon unwissenschaftliche) Studie falsch zitiert und   behauptet, 45% aller Moslems\/Muslima w&#228;ren &#8222;integrationsunwillig&#8220;. Das   hat die rassistischen Stimmung gegen Moslems\/Muslima, die von der FP&#214;   gesch&#252;rt wird, weiter angeheizt. Vor diesem Hintergrund gibt es auch   eine Zunahme von Angriffen auf MigrantInnen durch rechte Jugendliche und   Nazis.<\/p>\n<p>  <b>SLP: Die einzige Alternative zu den RassistInnen<\/b><\/p>\n<p>  Die &#246;sterreichische Sektion des CWI hat bei diesen Wahlen ebenfalls   kandidiert. Wegen der extremen b&#252;rokratischen und finanziellen H&#252;rden   sind wir nur in Wien angetreten. Wir haben der KP&#214; ein Wahlb&#252;ndnis   angeboten, aber ihre einzige Reaktion war &#8222;ihr k&#246;nnt auf unserer offenen   Liste kandidieren&#8220;. Die KP&#214; hatte in der letzten Zeit einige gute   Stimmenergebnisse (bis zu 20% in &#214;sterreichs zweitgr&#246;&#223;ter Stadt Graz) im   Bundesland Steiermark. Dort pr&#228;gt Sozialarbeit ihre politische Arbeit,   speziell unter MieterInnen. Der bekannteste KP&#8217;ler, Ernest Kaltenegger,   wird als nicht-korrupter, nicht-privilegierter und nicht-typischer   Politiker gesehen. Die KP&#214; hat daher gedacht, sie k&#246;nnten an diesen   Wahlerfolg &#214;sterreichweit ankn&#252;pfen. Aber nirgends sonst in &#214;sterreich   haben sie &#228;hnliche Arbeit gemacht, und Kaltenegger hat nicht auf der   Nationalratsliste kandidiert. Der KP&#214;-Spitzenkandidat war zweimal je   eine Stunde im staatlichen Fernsehen &#8211; aber er hat keine   sozialistischen\/kommunistischen Ideen vorgebracht. Der zentrale   Wahlslogan der KP&#214; war &#8222;Geben, nicht nehmen&#8220;, was eher an eine Anlehnung   an die Bibel klingt. Und sie haben nichts gegen die die rassistische FP&#214;   gemacht. Die KP&#214; hat Stimmen gewonnen, und hat insgesamt rund 1%   erhalten, aber sie sind weit entfernt von den Hoffnung und Erwartungen   vieler KP&#8217;lerInnen.<\/p>\n<p>  Die einzige Partei, die in diesem Wahlkampf aktiv gegen die   rassistischen Kundgebungen der FP&#214; mobilisiert hat, war die SLP. Wir   haben unter dem Namen &#8222;Sozialistische LinksPartei &#8211; Liste gegen   Kapitalismus und Rassismus&#8220; kandidiert. Es ist bemerkenswert wie viel   positive Reaktionen wir auf das &#8222;gegen Kapitalismus&#8220; erhielten. Die SLP   hat Proteste gegen die FP&#214;-Kundgebungen organisiert, mit In- und   Ausl&#228;ndischen ArbeiterInnen und Jugendlichen. Die SLP hat Material in   sieben verschiedenen Sprachen produziert das unseren   internationalistischen Anspruch deutlich gemacht hat und sehr gut   aufgenommen wurde. Die SLP erzielte rund 2200 Stimmen &#8211; weniger als bei   den Nationalratswahlen 2002. Der Unterschied kommt v.a. daher, das   dieses Mal die KP&#214; wesentlich pr&#228;senter in den Medien war (was nicht das   Ergebnis ihrer Arbeit war, sondern formale Gr&#252;nde hatte) und das manche   hofften, die KP&#214; k&#246;nnte den Einzug ins Parlament schaffen. Aber wenn man   die Aktivit&#228;t, die Klarheit des Programms und den sozialistischen   Anspruch hernimmt, dann war die SLP erfolgreicher.<\/p>\n<p>  <b>Was bringt die Zukunft<\/b><\/p>\n<p>  Die Koalitionsverhandlungen beginnen in diesen Tagen. Am   wahrscheinlichsten ist eine gro&#223;e Koalition zwischen SP&#214; und &#214;VP. Aber   die &#214;VP wird daf&#252;r einen extrem hohen Preis verlangen. Obwohl   unwahrscheinlich kann eine &#214;VP-FP&#214;-BZ&#214; Koalition nicht vollst&#228;ndig   ausgeschlossen werden. M&#246;glich ist auch, dass die Regierungsbildung   scheitert und Neuwahlen ausgerufen werden. Aber wie eine k&#252;nftige   Regierung auch aussehen wird, klar ist: die Angriffe auf den   Lebensstandard der ArbeiterInnenklasse, auf Gesundheit und Bildungswesen   und auf MigrantInnen werden weitergehen. Rasch wird deutlich werden, das   die &#8222;Fairness&#8220;, die SP&#214; auf ihren Wahlplakaten gefordert hatte, keine   relevanten Verbesserungen f&#252;r die ArbeiterInnenklasse bringen wird.<\/p>\n<p>  Wichtig f&#252;r die k&#252;nftige Entwicklung wird sein, welche Rolle die   Gewerkschaft spielt. Nach der finanziellen und politischen Krise des &#214;GB   in der ersten Jahresh&#228;lfte sind die jetzigen Reformschritte innerhalb   des &#214;GB bestenfalls halbherzig. <\/p>\n<p>  Aber die Stimmung in den Gewerkschaften &#228;ndert sich. Nur einem Tag nach   der Wahl stimmten 65 Prozent der Delegieren der Wiener Regionalkonferenz   des &#214;GB f&#252;r eine Resolution, die von einem Vertrauensmann und   SLP-Mitglied, eingebracht wurde. In dieser Resolution wird gefordert,   dass demokratische in der Gewerkschaft entschieden wird, alle   Funktion&#228;re j&#228;hrlich gew&#228;hlt und nicht mehr als einen Facharbeiterlohn   verdienen sollen. In ihr hei&#223;t es weiter: &quot;K&#228;mpferischer Kurs statt   Sozialpartnerschaft: Die Gewerkschaftspolitik muss sich an den   Mitglieder- und nicht an Wirtschaftsinteressen orientieren.&#8221;<\/p>\n<p>  Die Forderungen der &#214;GB-F&#252;hrung an die neue Regierung sind sehr   allgemein und es werden keine Schritte vorgeschlagen, um f&#252;r diese zu   k&#228;mpfen. Die Forderungen f&#252;r die Lohnverhandlungen, die gerade starten   sind noch zahmer, gefordert werden &#8222;Erh&#246;hungen&#8220; der L&#246;hne, ohne auch nur   zu sagen, dass diese Erh&#246;hung &#252;ber der Inflationsrate liegen soll.   Andererseits gibt es Wut an der Gewerkschaftsbasis. Bei den Austrian   Airlines, die eine traditionell sehr k&#228;mpferische Belegschaft hat,   finden zZt. Betriebsversammlungen statt um &#252;ber Kampfma&#223;nahmen zu   diskutieren und abzustimmen da die Gesch&#228;ftsf&#252;hrung 350 Jobs abbauen   m&#246;chte. Die Angriffe der kommenden Regierung werden Reaktionen der   ArbeiterInnen, Jugendlichen und Arbeitslosen zur Folge haben. Die   Gewerkschaftsb&#252;rokratie hat ihre Autorit&#228;t teilweise eingeb&#252;sst und   daher ist ihr oft bremsender Griff auf die Mitglieder schw&#228;cher   geworden. K&#228;mpfe der ArbeiterInnenklasse werden daher k&#252;nftig   wahrscheinlicher &#8211; K&#228;mpfe, die die Basis f&#252;r die Entwicklung einer neuen   Partei f&#252;r ArbeiterInnen und Jugendliche legen kann, die auch bei den   n&#228;chsten Nationalratswahlen antreten kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Unerwarteter Sieg der SP&#214; &#8211; Rassisten gest&#228;rkt &#8211; 2200 Stimmen gegen<br \/>\n      Kapitalismus<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11776"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11776"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11776\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11776"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11776"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11776"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}