{"id":11775,"date":"2006-10-04T16:17:51","date_gmt":"2006-10-04T14:17:51","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11775"},"modified":"2017-07-06T13:50:41","modified_gmt":"2017-07-06T11:50:41","slug":"11775","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/10\/11775\/","title":{"rendered":"N&#228;chtliche Solidarit&#228;t"},"content":{"rendered":"<p>  Es ist 1.00 Uhr, in der Nacht zum 28. September. Normalerweise ist um   diese Zeit am Tor des Bosch-Siemens-Hausger&#228;tewerks (BSH) in   Berlin-Spandau nichts los. <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Daniel Behruzi <\/i>    <\/p>\n<p>  Die Nachtschicht wurde vor drei Jahren gestrichen. Seither endet der   Betrieb im Normalfall um 22.15 Uhr. Auch heute stehen die Maschinen   still, und doch herrscht auf dem Parkplatz und an den Toren reges   Treiben. M&#228;nner in roten Streikwesten der IG Metall stehen um   Tonnen herum, in denen Holzpaletten verfeuert werden. Seit Montag   befinden sie sich im Arbeitskampf. Es geht um den Erhalt des Werks, um   ihre Arbeitspl&#228;tze.<\/p>\n<p>  &#187;Die Familie Bosch-Siemens entl&#228;&#223;t 620 Kinder&#171;, steht anklagend auf  einem Transparent, das die Arbeiter am Haupttor angebracht haben. Seit 1953   werden in der Spandauer Fabrik Waschmaschinen gefertigt. Geht es nach   den BSH-Managern, ist damit zum Jahresende Schlu&#223;.<\/p>\n<p>  &#187;Als ich hier meine Lehre anfing, dachte ich: Siemens ist ein   Weltkonzern &#8211; hier ist mein Job sicher&#171;, erz&#228;hlt Stephan, der seit 16  Jahren als Industriemechaniker bei BSH ist. Was er im Falle der K&#252;ndigung   machen wird, wei&#223; der 32j&#228;hrige noch nicht. Theoretisch k&#246;nne  er ja weggehen, meint er. Allerdings hat Stephan vor vier Monaten geheiratet,   und seine Frau konnte nach f&#252;nf Jahren in befristeten   Arbeitsverh&#228;ltnissen nun endlich eine unbefristete Stelle ergattern. Auf  der Betriebsversammlung, die in den zwei Wochen vor offiziellem Streikbeginn   durchgehend abgehalten wurde, habe jemand dar&#252;ber berichtet, was   auf die Kollegen im Falle von Hartz IV zukomme. &#187;Da ist bei allen   die Kinnlade runtergefallen&#171;, berichtet er.<\/p>\n<\/p>\n<p>  &#187;Das wird ganz sch&#246;n schlimm&#171;, bef&#252;rchtet auch sein Kollege Zeymel, der  seit 19 Jahren im Werk arbeitet. &#187;Ich bin Alleinverdiener, habe zwei   Kinder und mir bleibt schon jetzt nach Abzug der Fixkosten nicht mehr   als 600 Euro zum Leben&#171;, so der 42j&#228;hrige, der wie die meisten der  Arbeiter aus der T&#252;rkei stammt. Zeymel erz&#228;hlt, wie das Unternehmen   offenbar systematisch versuchte, sich auf einen Arbeitskampf   vorzubereiten. &#187;Die haben noch mal alles rausgeholt und auf Halde   produziert&#171;, meint er. 50000 montierte Waschmaschinen befinden sich   allerdings noch auf dem Gel&#228;nde&#8211; deshalb die Streikposten, die  entschlossen sind, den Abtransport der Ware zu verhindern. Mehr als 600 S  treikende h&#228;tten sich hierf&#252;r gemeldet und w&#252;rden den Betrieb rund um  die Uhr bewachen, sagt IG-Metall-Sekret&#228;r Luis Sergio stolz. Rund 80   Besch&#228;ftigte &#8211; gr&#246;&#223;tenteils Angestellte &#8211; seien aber auch ins Werk im  brandenburgischen Nauen gegangen, um dort Streikbrecherarbeiten zu leisten.<\/p>\n<p>  Von anderen kommt hingegen Solidarit&#228;t. So haben sich gut zwei Dutzend A ktivisten der Berliner Wahlalternative den n&#228;chtlichen Streikposten   angeschlossen, die dar&#252;ber sichtlich erfreut sind. &#187;Wir wollen die  Kollegen auch ganz praktisch unterst&#252;tzen&#171;, erkl&#228;rt WASG-Frontfrau Lucy  Redler, die f&#252;r gemeinsame Aktionen verschiedener in Auseinandersetzungen   stehender Belegschaften wirbt. Unter den BSH-Besch&#228;ftigten selbst wird   diese Solidarit&#228;t bereits vielfach gelebt.<\/p>\n<p>  So geh&#246;ren zu den Streikposten auch Besch&#228;ftigte, die von den   Konzernpl&#228;nen nicht unmittelbar betroffen sind. Zum Beispiel Sabine. Sie  ist seit 1992 in der Entwicklungsabteilung des Spandauer Betriebs t&#228;tig,   die vorerst bestehen bleiben soll. &#187;Wenn die Fertigung erst weg ist,  dann wird es auch uns bald treffen&#171;, ist Sabine dennoch &#252;berzeugt. Die  Hoffnung, der Streik k&#246;nne die BSH-Spitze zur Umkehr bewegen, hat sie wie   die meisten ihrer Kollegen nicht. &#187;Realistisch betrachtet geht es   nur noch um Abfindungen&#171;, sagt die 37j&#228;hrige, deren Sohn gerade eine  Lehrstelle sucht. &#187;In der Re&#173;gion ist ja jetzt schon alles tot&#171;, erkl&#228;rt  sie. Ihr Partner sei bereits der letzten gro&#223;en Entlassungswelle bei BSH   im Jahr 2002 zum Opfer gefallen. Damals habe es keinen Widerstand   gegeben.<\/p>\n<p>  Die jetzigen Aktionen k&#228;men viel zu sp&#228;t, kritisiert auch ein anderer  Arbeiter, der schon einmal gestreikt hat: &#187;Vor 15 Jahren war ich im   Stahlwerk Hennigsdorf, wo 8000 Besch&#228;ftigte f&#252;r den Erhalt ihrer Jobs  k&#228;mpften. Damals hat es die IG Metall &#252;berhaupt nicht interessiert, was  im Osten los war&#171;, sagt er verbittert. Er sei dennoch seit 25 Jahren in   der Gewerkschaft. &#187;Man mu&#223; sich ja organisieren&#171;, meint er. Auch er hat  indes wenig Hoffnung auf einen Streikerfolg. &#187;Das hier ist gelaufen, aber   wenn man sich nicht alles gefallen l&#228;&#223;t und k&#228;mpft, dann kann man  danach wenigstens ruhigen Gewissens in den Spiegel schauen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Es ist 1.00 Uhr, in der Nacht zum 28. September. 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