{"id":11771,"date":"2006-09-30T12:53:58","date_gmt":"2006-09-30T12:53:58","guid":{"rendered":".\/?p=11771"},"modified":"2006-09-30T12:53:58","modified_gmt":"2006-09-30T12:53:58","slug":"11771","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/09\/11771\/","title":{"rendered":"Der Papst z&#252;ndelt"},"content":{"rendered":"<p>  Bewusste Provokation gegen Muslime<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Zwanzig Jahre nachdem Johannes Paul II. (in politischen und   gesellschaftlichen Fragen selber ein Reaktion&#228;r) Geistliche aller   Religionen zum gemeinsamen Friedensgebet in Assisi zusammen f&#252;hrte,   provoziert Benedikt XVI. Muslime in aller Welt &#8211; durch ein sechshundert   Jahre altes Zitat eines byzantinischen Kaisers. Jener Kaiser, Manuel II.   Palaiologos, klagte &#252;ber die seiner Ansicht nach dem Islam innewohnende   religi&#246;se Gewalt und warb selber ein paar Jahre sp&#228;ter bei den   Herrschern Europas f&#252;r einen Kreuzzug.<\/p>\n<p>  <i>von Philipp L&#252;hrs, K&#246;ln<\/i><\/p>\n<p>  Der Skandal, den der Papst nun mit einem Zitat Manuels II. ausl&#246;ste, war   wohl kalkuliert, denn wer in der theologischen Literatur nach Beitr&#228;gen   zu Fragen wie Religion und Gewalt oder Religion und Vernunft sucht, der   st&#246;&#223;t nicht zuerst auf diesen vergessenen Kaiser, es sei denn er sucht   danach. Ratzinger bedauerte auch nur &#8222;die Reaktionen auf einige Passagen   meiner Rede&#8220;, nicht aber die Inhalte der Passagen.<\/p>\n<p>  Benedikt XVI. hatte &#252;brigens, kaum im Amt, auch schon den Erzbischof   Michael Fitzgerald, zust&#228;ndig f&#252;r den Dialog mit anderen Religionen und   ein Kenner des Islam im Vatikan, entlassen.<\/p>\n<p>  <b>Eigeninteressen der katholischen Kirche<\/b><\/p>\n<p>  Doch der fein dosierte Angriff auf den Islam &#8211; einen Tag nach dem   f&#252;nften Jahrestag der Terroranschl&#228;ge vom 11. September &#8211; war nur der   Aufh&#228;nger f&#252;r eine umfassendere Zielsetzung, die Benedikt XVI. in seiner   Regensburger Rede erl&#228;uterte. Es geht dabei nicht nur um eine   Auseinandersetzung mit dem Islam, sondern auch um einen kulturellen und   politischen Rollback in den westlichen Gesellschaften, insbesondere in   Europa.<\/p>\n<p>  Die r&#246;mische Kirche versucht auf ihre Weise vom &#8222;Kampf der Kulturen&#8220; zu   profitieren, in dem der Papst die Gefahr eines expansiven und   gewaltt&#228;tigen Islam zeichnet, um am Ende seiner Regensburger Rede die   katholische Kirche als einzig m&#246;glichen Vermittler in diesem Konflikt   anzubieten. Als Voraussetzung f&#252;r diese Vermittlerfunktion in einem   Dialog mit den Muslimen nennt er die Abkehr von &#8222;gottloser&#8220; Vernunft und   die Hinwendung zur &#8222;g&#246;ttlichen Vernunft&#8220; in den westlichen   Gesellschaften. Einer Vernunft, die er ausdr&#252;cklich allein in der   katholischen Theologie verwirklicht sieht. Dabei wurde in der Geschichte   des Vatikan nicht selten das Schwert gebraucht: ob Kreuzz&#252;ge,   Inquisition oder Hexenverbrennung.<\/p>\n<p>  Neben der plumpen Provokation gegen Muslime stehen dabei theologisch   anspruchsvoller formulierte aber nicht weniger heftige Angriffe gegen   reformerische Str&#246;mungen in der katholischen Kirche, sowie gegen Luther   und den Protestantismus. Letzterem wirft Benedikt &#8222;Enthellinisierung&#8220;   des Christentums und damit die Abkehr von einem &#8222;Wesensmerkmal des   Christentums&#8220; vor.<\/p>\n<p>  <b>Neue Weltlage, neue Feinde<\/b><\/p>\n<p>  Dennoch sind es nicht Protestanten, die auf die Stra&#223;en gehen und   deutsche Fahnen oder Papstpuppen verbrennen, sondern Muslime. Denn um   Religion geht es bei der Rede des Papstes nur vordergr&#252;ndig.<\/p>\n<p>  Ein theologischer Diskurs kreist nicht um abstrakte Begriffe im   luftleeren Raum, sondern ist Ausdruck h&#246;chst irdischer Konflikte und   Interessen.<\/p>\n<p>  Der Koran hat sich in den zwanzig Jahren seit dem Weltreligionstreffen   in Assisi nicht ver&#228;ndert. Umso mehr jedoch haben sich die politischen   Konflikte und Interessen durch den Zusammenbruch der Sowjetunion   ver&#228;ndert.<\/p>\n<p>  So wurden die Muslime (einschlie&#223;lich fundamentalistischer   Gotteskrieger) von Verb&#252;ndeten im Kampf gegen den &#8222;gottlosen&#8220;   Kommunismus in der westlichen &#214;ffentlichkeit zu menschenverachtenden   Terroristen umdeklariert. Aus freiheitsliebenden frommen K&#228;mpfern wurden   r&#252;ckst&#228;ndige Barbaren. Warum? Weil sich die f&#252;hrenden imperialistischen   Kr&#228;fte, allen voran die USA, gezwungen sehen, die Rohstoffvorkommen im   Nahen Osten viel umfassender und direkter auszupl&#252;ndern und die Region   unter ihre Kontrolle zu bringen. Auch die herrschenden Klassen Europas   dr&#228;ngen nun verst&#228;rkt milit&#228;risch dorthin. So fiel Ratzingers Rede de   facto mit dem Bundeswehreinsatz vor dem Libanon zusammen.<\/p>\n<p>  Die ver&#228;nderte Interessenlage der westlichen Kapitalistenklassen trifft   jedoch nicht nur Muslime. Auch der Dalai Lama, der Jahrzehnte lang nicht   fehlen durfte, wenn es darum ging, den Kommunismus anzuprangern, wirkt   heute eher als l&#228;stiges Handelshemmnis in den Wirtschaftsbeziehungen zu   China.<\/p>\n<p>  <b>Flanke f&#252;r imperialistische Politik im Nahen Osten<\/b><\/p>\n<p>  Die ver&#228;nderte weltpolitische Lage bedrohte &#252;ber etwa ein Jahrzehnt auch   die katholische Kirche selbst. Nachdem die b&#252;rgerlichen Revolutionen des   18. und 19. Jahrhunderts ihr fast alles genommen hatten, was sie an   politischem Einfluss und irdischen G&#252;tern besa&#223;, bl&#252;hte sie seit den   zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts (auch in B&#252;ndnissen mit   faschistischen Regimen) als Bollwerk gegen die &#8222;kommunistische   Bedrohung&#8220; wieder auf. Am Ende dieser Entwicklung stand das Pontifikat   Johannes Pauls II., der von b&#252;rgerlichen Politikern und Medien   unabh&#228;ngig von ihrem konfessionellen Hintergrund gerne als   &#8222;Freiheitsk&#228;mpfer&#8220; gegen den Stalinismus tituliert wurde.<\/p>\n<p>  Doch mit dem Zusammenbruch des Ostblocks kam der katholischen Kirche   ihre wichtigste politische Aufgabe der letzten Jahrzehnte abhanden. Seit   Beginn der neunziger Jahre war sie auf der Suche nach neuen Aufgaben.   Ihre best&#228;ndiges Klagen &#252;ber die Repression gegen die Christen in China   wurden in den letzten Jahren von den Herrschenden des Abendlandes wenig   honoriert. Ihr Kampf gegen Kondome und Homosexuelle wirkte auf weite   Teile der Kapitalisten befremdlich und teilweise bizarr.<\/p>\n<p>  Im Kampf um die Eind&#228;mmung des Islam, der indirekten Legitimierung von   Kriegen im Nahen und Mittleren Osten und die Unterst&#252;tzung der   herrschenden Klassen Europas bei der Formierung der EU als Club auf   konservativ-christlicher Grundlage bietet sich der r&#246;mischen Kirche   allerdings ein neues vielversprechendes Bet&#228;tigungsfeld.<\/p>\n<p>  Diese neue Aufgabenstellung hat Benedikt XVI. in seiner Regensburger   Rede theologisch und philosophisch verklausuliert erl&#228;utert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Bewusste Provokation gegen Muslime\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[34],"tags":[186],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11771"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11771"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11771\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11771"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11771"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11771"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}