{"id":11734,"date":"2006-08-28T09:24:02","date_gmt":"2006-08-28T07:24:02","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11734"},"modified":"2017-07-06T13:50:41","modified_gmt":"2017-07-06T11:50:41","slug":"11734","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/08\/11734\/","title":{"rendered":"Die Zeit dr&#228;ngt"},"content":{"rendered":"<p>  Kampf um die Arbeitspl&#228;tze bei Bosch-Siemens in Berlin <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die Besch&#228;ftigten des Bosch-Siemens-Hausger&#228;tewerkes in Berlin k&#228;mpfen   gegen die Vernichtung ihrer Arbeitspl&#228;tze. Die Produktion soll bis zum   n&#228;chsten Jahr stillgelegt werden. Am 24. August demonstrierten rund 800   Kolleginnen und Kollegen vor der Berliner Siemens-Verwaltung. Die   Vertrauensleute des Siemens-Schaltwerkes nahmen auch an der   Demonstration teil.<\/p>\n<p>  Im Fr&#252;hjahr 2005 konnte die geplante Schlie&#223;ung des   Bosch-Siemens-Hausger&#228;tewerkes in Berlin-Spandau durch den Widerstand   der Besch&#228;ftigten verhindert werden. Die Unternehmensleitung hatte sich   jedoch auf die zweite Runde dieses Kampfes gr&#252;ndlich vorbereitet. Das   ganze Jahr 2006 &#252;ber wurde Mehrarbeit geleistet und Samstag-Schichten   gefahren. Die Besch&#228;ftigten in der Produktion haben 22 Freischichten   angeh&#228;uft, so dass BSH Spielraum hat, um Proteste und einen Arbeitskampf   leichter auszuhalten.<\/p>\n<p>  Anfang August 2006 hat die Firmenleitung erneut verk&#252;ndet, die   Produktion am Standort Spandau stilllegen zu wollen. Angeblich war sie   bereit zu verhandeln, eine teilweise Fortf&#252;hrung des Betriebes zu   erm&#246;glichen, wenn die Mehrkosten im Vergleich zur Schlie&#223;ung 10   Millionen Euro j&#228;hrlich nicht &#252;berschreiten w&#252;rden. Wohlgemerkt, hierbei   geht es nicht um Verlust, sondern um 10 Millionen weniger Profit. BSH   insgesamt hat 2004 &#252;ber 500 Millionen Euro Profit erzielt.<\/p>\n<p>  <b>Nie ernsthaft verhandelt<\/b><\/p>\n<p>  Betriebsrat und IG Metall haben sich auf Verhandlungen eingelassen und   Lohnverzicht in H&#246;he von 26,5% der Lohnkosten (Angabe der IGM) bei   gleichzeitiger Reduzierung der Belegschaft angeboten. Nach ihren   Berechnungen w&#228;re dadurch die 10-Millionen-Marke erreicht worden. Sie   rechneten dem Unternehmen sogar vor, dass eine Schlie&#223;ung wegen der   Einmalkosten (Abfindungen, Abriss der Hallen) teurer w&#228;re. Die   Vorstellung, betriebswirtschaftlich schlauer sein zu k&#246;nnen als die   Kapitalisten ist allerdings illusorisch. Nicht die Summe der Kosten   z&#228;hlt f&#252;r die Aktion&#228;re, sondern die Rendite-Erwartungen. Das   Unternehmen setzt auf die Schlie&#223;ung des gewerkschaftlich gut   organisierten und kampferfahrenen Betriebes in Berlin und auf den Erhalt   der modernen Werke in T&#252;rkei, Polen und Spanien. Das ist im Sinne der   Aktion&#228;re richtig &#8211; und steht im Gegensatz zu den Interessen der   Besch&#228;ftigten.<\/p>\n<p>  Die Firmenleitung will das Werk schlie&#223;en, am liebsten kurzfristig und   brutal. Aber die Schlie&#223;ung per Zwischenschritt mit einer halbierten   Belegschaft, die auf gro&#223;e Teile ihres Lohns verzichtet ist eine weitere   Option, die gew&#228;hlt werden k&#246;nnte, um per Mitnahmeeffekt &#246;ffentliche   Subventionen zu kassieren oder politischen Druck aus der   Auseinandersetzung zu nehmen. Ernsthaft verhandeln wollte die   Firmenleitung nie. Sie nutzte die Verhandlungen nur, um den Eindruck zu   vermitteln, Betriebsrat und IG Metall w&#228;ren am Scheitern Schuld.<\/p>\n<p>  BR-Vorsitzender G&#252;ng&#246;r Demirci sagte auf der Betriebsversammlung am   22.8., man h&#228;tte bewusst darauf gesetzt, der Firmenleitung entgegen zu   kommen und auf Protestaktionen verzichtet. Der BR h&#228;tte Zugest&#228;ndnisse   angeboten, die vor Jahren undenkbar gewesen w&#228;ren. Er beschrieb dies als   notwendig, damit der BR nicht als kompromisslos dargestellt werden   k&#246;nne. IGM-Bezirksleiter H&#246;bel meinte &#8222;&#8230; am Ende darf sich hier keine   Seite vorwerfen lassen, nicht alles f&#252;r den Erhalt der Arbeitspl&#228;tze   getan zu haben &#8230;&#8220;.<\/p>\n<p>  Dieses Vorgehen hat die Position der Besch&#228;ftigten geschw&#228;cht. Die   b&#252;rgerlichen Medien haben ohnehin die Version der Firmenleitung   &#252;bernommen. Das kann nur durch die eigene &#214;ffentlichkeitsarbeit von BR   und IGM konterkariert werden, die allerdings bisher nicht stattgefunden   hat, weil man um des lieben Friedens willen der Gesch&#228;ftsleitung   entgegen gekommen ist. Die Zustimmung des BR zu &#220;berstunden und   Sonderschichten hat der Firmenleitung erm&#246;glicht, sich auf einen   Arbeitskampf vorzubereiten. Der Lohnverzicht schafft Unklarheit bei den   Besch&#228;ftigen und schw&#228;cht den Kampf um den Erhalt der Arbeitspl&#228;tze.   Kollegen fragen sich: Lohnt es sich unter solchen Umst&#228;nden weiter dort   zu arbeiten? Soll man nicht lieber die Abfindung nehmen?<\/p>\n<p>  <b>Die Zeit dr&#228;ngt <\/b>    <\/p>\n<p>  Schon ist Zeit verloren worden. Am 31.8. wird entschieden, ob dem Antrag   der Firmenleitung, ein Einigungsstellenverfahren mit dem Inhalt   &#8222;Betriebsschlie&#223;ung und Sozialplan&#8220; zu er&#246;ffnen, stattgebeben wird.   Innerhalb weniger Wochen w&#252;rde dann die Einigungsstelle die Zul&#228;ssigkeit   der Schlie&#223;ung abnicken und die H&#246;he der Abfindungen festsetzen. Das   w&#252;rde die Bedingungen f&#252;r den Kampf um die Arbeitspl&#228;tze verschlechtern,   vor allem, wenn bis dahin weiter produziert w&#252;rde.<\/p>\n<p>  Es muss jetzt entschlossen gehandelt werden. Es ist notwendig, sofort   wirtschaftlichen Druck durch Arbeitskampf-Ma&#223;nahmen aufzubauen und   gleichzeitig politischen Druck durch &#246;ffentliche Aktionen und die   Verbindung zu anderen Betrieben erzeugen.<\/p>\n<p>  Bei der Betriebversammlung am 22.8. sagte der BR-Vorsitzende Demirci man   w&#228;re verhandlungsbereit aber wenn der Arbeitgeber bis zum 24.8. nicht   verhandeln und stattdessen gegen den Willen des BR einen Antrag auf   Einrichtung der Einigungsstelle abgeben w&#252;rde, &#8222;&#8230; dann werden wir die   Republik bewegen, so eine Auseinandersetzung hat das Land noch nicht   gesehen.&#8220;<\/p>\n<p>  Am 24.8. gab es eine Demonstration. In seiner Rede drohte Demirci   erneut: &#8222;Wenn die Gesch&#228;ftsleitung nicht bis Montag an den   Verhandlungstisch zur&#252;ckkehrt, dann werden wir Aktionen in Gang setzen.&#8220;   Nach der Demonstration wurden Kollegen im Werk allerdings auch von   BR-Mitgliedern angehalten, die Produktion schnell wieder aufzunehmen. Es   sieht nicht danach aus, als w&#228;re allen klar, dass entschlossener   Widerstand und eine &#246;ffentliche Kampagne sofort notwendig sind.<\/p>\n<p>  <b>Fehlende Investitionen<\/b><\/p>\n<p>  Demirci schlug auf der Kundgebung auch vor, das Land Berlin m&#246;ge eine   Summe von zwei Millionen j&#228;hrlich bereitstellen, um die entgangenen   Profite von BSH auszugleichen. Somit werden &#246;ffentliche Gelder zur   Subventionierung von Arbeitsplatzabbau und als Garantie f&#252;r die Profite   eines Konzerns verwendet &#8211; eine hilf- und sinnlose Forderung.<\/p>\n<p>  Die Arbeiterinnen und Arbeiter des BSH-Werkes in Spandau produzieren   seit 50 Jahren Waschmaschinen. Sie haben BSH und den Mutterfirmen   reichhaltige Profite beschert. Mit diesen Profiten wurden hochmoderne   Werke in Polen und der T&#252;rkei aufgebaut. In Berlin-Spandau wurden in den   letzten Jahren keine nennenswerten Investitionen vorgenommen.   Stattdessen wurde Berlin unprofitabel gerechnet, indem die   Personalkosten von in Wirklichkeit weltweit t&#228;tigen Kollegen aus der   Entwicklung dem Standort zugerechnet werden.<\/p>\n<p>  Anstatt die &#246;ffentliche Hand aufzufordern, die Profite von BSH zu   subventionieren m&#252;ssten BR und Gewerkschaft deutlich machen, dass nicht   die Arbeiter verzichten sollten sondern dass BSH im Kampf Geld   abgerungen werden m&#252;sste, um die Arbeitspl&#228;tze und den Standard der   L&#246;hne und Arbeitsbedingungen zu erhalten.<\/p>\n<p>  <b>Wie kann es weiter gehen?<\/b><\/p>\n<p>  Angesichts der Entschlossenheit der Firmenleitung braucht es dieselbe   Entschlossenheit auf Seiten der Besch&#228;ftigten und der Gewerkschaft. Wenn   es gelingt, die wirtschaftlichen und politischen Kosten der Schlie&#223;ung   in die H&#246;he zu treiben, kann das Werk verteidigt werden.<\/p>\n<p>  Auf der Kundgebung am 24.8. erkl&#228;rte die Berliner WASG-Spitzenkandidatin   Lucy Redler, die WASG wird den Kolleginnen und Kollegen in ihrem Kampf   helfen, auch wenn es zu Streik oder einer Betriebsbesetzung kommt.<\/p>\n<p>  Ein Streik alleine wird BSH zur Zeit wohl aussitzen k&#246;nnen. Wenn   allerdings der Betrieb besetzt w&#252;rde und die Besch&#228;ftigten die Kontrolle   &#252;ber s&#228;mtliche Anlagen und Geb&#228;ude &#252;bern&#228;hmen, w&#228;re der wirtschaftliche   Schaden f&#252;r BSH gr&#246;&#223;er. Ein besetzter Betrieb w&#228;re die beste Grundlage,   um eine gro&#223;e &#246;ffentliche Wirkung zu entfalten, die Besch&#228;ftigten der   anderen Betriebe vor allem in Berlin-Spandau zu erreichen und so die   notwendige politische Bewegung zu schaffen, um Druck auf BSH auszu&#252;ben. <\/p>\n<p>  Berlin hat in den letzten zwei Jahren viele betriebliche   Auseinandersetzungen erlebt. Trotz gro&#223;er Anstrengungen wurden die Jobs   bei CNH, JVC und Samsung nicht gerettet. In keinem dieser F&#228;lle war es   zu einer vollst&#228;ndigen Betriebsbesetzung gekommen. F&#252;r die Kolleginnen   und Kollegen bei BSH gibt es nicht mehr viele Alternativen. Der Kampf   f&#252;r den Erhalt der Arbeitspl&#228;tze erfordert entschlossenes Handeln &#8211;   jetzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Kampf um die Arbeitspl&#228;tze bei Bosch-Siemens in Berlin<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[8,17],"tags":[929],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11734"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11734"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11734\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34958,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11734\/revisions\/34958"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11734"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11734"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11734"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}