{"id":11722,"date":"2006-07-26T14:44:24","date_gmt":"2006-07-26T12:44:24","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11722"},"modified":"2012-07-24T12:21:18","modified_gmt":"2012-07-24T10:21:18","slug":"11722","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/07\/11722\/","title":{"rendered":"In Los Angeles gehen die ImmigrantInnen auf die Stra\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p>Interview aus der Zeitung Justice (dem Organ der Socialist Alternative; Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in den USA) mit dem verantwortlichen Organisator der Bewegung f\u00fcr MigrantInnen-Rechte in LA und der Arbeitsniederlegung von MigrantInnen in den USA am 1. Mai 06, Jesse Diaz. <!--more--><br \/> \u00a0<\/p>\n<p>Jesse D\u00edaz ist Mitbegr\u00fcnder des B\u00fcndnisses f\u00fcr den Marsch am 25. M\u00e4rz, das eine Demonstration f\u00fcr MigrantInnen-Rechte mit mehr als einer Million TeilnehmerInnen organisierte. \u00dcber dieses B\u00fcndnis gab Jesse auch den Aufruf \u201eGran Paro Americano 2006\u201c f\u00fcr einen landesweiten Boykott der Arbeiterinnen mit Migranten-Hintergrund am 1. Mai heraus, wo Millionen auf die Stra\u00dfe gingen, die Arbeit niederlegten und nicht zur Schule kamen. Hank Gonzalez von Justice f\u00fchrte mit Jesse j\u00fcngst ein Interview \u00fcber die Anf\u00e4nge der Bewegung f\u00fcr MigrantInnen-Rechte und die zuk\u00fcnftige Entwicklung dieses historischen Kampfes.<\/p>\n<p><em>Hank Gonzalez (HG): Kannst du die Kampagne f\u00fcr die Demo am 25. M\u00e4rz kurz vorstellen?<\/em><\/p>\n<p>Jesse D\u00edaz(JD): Am Ende dieser Kampagne haben wir gesehen, wie sich die Leute eigenst\u00e4ndig organisierten und mobilisierten. Es war eine echte Massenmobilisierung.<\/p>\n<p>Als die Mainstream-Medien zu unserer Pressekonferenz kamen und wir unsere Einsch\u00e4tzung abgaben, dass wir mit einer Million TeilnehmerInnen rechnen w\u00fcrden, wurde uns nicht geglaubt. Die Polizei sch\u00e4tzte die Teilnehmerzahl auf 500.000, allerdings sprach eine Nachrichtensendung auch von 1,7 bis 2 Millionen Menschen \u2013 und diese Zahl basiert auf den Luftaufnahmen von der Demo.<\/p>\n<p>Als ich auf die B\u00fchne ging und einige Worte sagte, reagierten die Leute auf die Idee des Boykotts. Ein wahrer Aufschrei ging daraufhin durch die Menge, die den Boykott wollte.<\/p>\n<p><em>HG: Wie kam es dazu, dass die Demoleitung in LA eine solch k\u00fchne Forderung aufstellte?<\/em><\/p>\n<p>JD: Vergangenen Sommer arbeitete ich in dem B\u00fcndnis La Tierra es de Todos mit. Daran waren weder gr\u00f6\u00dfere Organisationen noch PolitikerInnen beteiligt. Wir handelten buchst\u00e4blich ohne die Unterst\u00fctzung des Establishments. Dennoch organisierten wir Leute, die in die W\u00fcste fuhren und dort die Minutemen (Freiwillige, die die S\u00fcdgrenze der USA sichern und \u201eillegale Einwanderer\u201c einfangen) erfolgreich konfrontierten.<\/p>\n<p>Nachdem das Gesetz HR 4437 im Dezember 2005 das Repr\u00e4sentantenhaus passiert hatte, kam ich in Kontakt mit der Placita Olvera Pro-Immigrant Working Group. Diese organisierte Aktionen, Kundgebungen, Mahnwachen und ver\u00f6ffentlichte Petitionen. Ich kam dann dazu und sagte, dass sie eine Massenmobilisierung beginnen sollten.<\/p>\n<p>Zuerst dachten die Leute, wir seien verr\u00fcckt. Niemand beteiligte sich und keineR unterst\u00fctzte unsere Gruppe. Einige glaubten auch nicht wirklich an so eine Massenmobilisierung. Schlie\u00dflich brachte die Kampagne f\u00fcr den Marsch am 25. M\u00e4rz die etablierten Medien, aber auch langj\u00e4hrige AktivistInnen und Wortf\u00fchrerInnen aus der Community dazu, mit an Bord zu kommen.<\/p>\n<p>Etliche linke Gruppen traten dem B\u00fcndnis bei. Unter ihnen auch MAPA, die Mexican American Political Association (Mexikanisch-amerikanische politische Vereinigung). Es handelt sich immer noch um eine alternative, linke Gruppe. Aus diesem Grund wurden wir auch von Seiten der extremen Rechten und diesen ganzen Leuten stark angegriffen. Sie sehen, dass wir ArbeiterInnen sind und dass wir erfolgreich sind. Auch wissen sie, dass die Biografien einiger unserer Mitglieder in den Auseinandersetzungen von 1986 eingebettet sind, als sie die letztmalige Amnestie durchf\u00fchrten. Deshalb profitiert auch unsere Gruppe von dieser Geschichte und f\u00fchrt dazu, dass wir eine gewisse Autorit\u00e4t genie\u00dfen.<\/p>\n<p><em>HG: Welches Denken stand hinter dem 1. Mai?<\/em><\/p>\n<p>JD: Voraussetzung f\u00fcr den Boykott war die Erkenntnis, dass die US-amerikanische Wirtschaft extrem von der Arbeitskraft der MigrantInnen abh\u00e4ngig ist. Als wir gegen die Minutemen in Aktion traten, machten wir die Erfahrung, dass die ImmigrantInnen scheinbar der Bodensatz der \u00d6konomie sind. Untersuchungen haben aber gezeigt, dass ImmigrantInnen stetig mehr in die Gesellschaft einflie\u00dfen lassen als sie heraus bekommen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber erkannte ich, dass die einzige M\u00f6glichkeit diesen Fakt klar zu machen darin besteht, alle MigrantInnen zu einem Boykott und dazu aufzurufen ihre Arbeit niederzulegen. Als dann die Lastwagenfahrer aus dem Hafen von LA zu uns stie\u00dfen, wussten wir, dass es eine gro\u00dfe Sache in Bezug auf die Arbeiterschaft werden w\u00fcrde. Vielfach waren die ArbeiterInnen mit dem drohenden Verlust ihrer Arbeitspl\u00e4tze konfrontiert. Und trotzdem gingen sie nicht zur Arbeit. Du konntest somit \u00fcberall, wo du hinsahst, eine Art landesweiten Ferientag erleben. So etwas habe ich niemals vorher irgendwo erlebt. Es kam einem wie Zauberei vor.<\/p>\n<p>Ich denke, dass wir die Tragf\u00e4higkeit unserer Gedanken bewiesen haben. Samstags standen dann Kardinal Mahoney und Bush auf der Titelseite der Los Angeles Times \u2013 gegen den Boykott. Sie brachten das ganze Zeug von \u201eGastarbeitern\u201c, dem \u201eWeg in die Staatsb\u00fcrgerschaft\u201c und den ganzen B.S. (=Bullshit; Anm. d. \u00dcbers.). In der Folgewoche \u00e4nderte dann Bush sein Verhalten. Er besuchte Orange County, die Geburtsst\u00e4tte der Minutemen und eine der konservativsten Gegenden Kaliforniens und sagte, dass \u201ees realistisch betrachtet keine M\u00f6glichkeit gibt, 12 Millionen Menschen ohne Papiere abzuschieben\u201c.<\/p>\n<p>Am 24. M\u00e4rz, dem Tag vor dem Marsch, war das \u201eSensenbrenner-Gesetz\u201c* noch in Kraft. Nach dem Marsch, am 27. M\u00e4rz, begann dann die Debatte im Senat. Diese lie\u00df die Ansichten von George Bush von \u201eGastarbeitern\u201c zum \u201eWeg in die Staatsb\u00fcrgerschaft\u201c \u00e4ndern. Sind wir damit nun zufrieden? Nein. Das war nicht unser Ziel \u2013 es ist nichts als ein Programm, das das Gastarbeiter-Dasein verherrlicht. Einer unserer Ans\u00e4tze zur Geschlossenheit steht vollkommen gegen alles, was auch nur den Anschein hat, ein Gastarbeiter-Programm zu sein. Also haben wir die bundesweite Diskussion durch die Massenmobilisierung des B\u00fcndnisses f\u00fcr den Marsch am 25. M\u00e4rz in LA zugespitzt.<\/p>\n<p>Wir treten weiterhin f\u00fcr die sofortige, volle, bedingungslos Anerkennung der Illegalisierten ein \u2013 das ist die Crux der Bewegung. Schon jetzt f\u00fchrt die INS* hier und da Razzien durch und du merkst, dass die Mainstream-Medien nichts davon berichten. Die Community sammelt die Berichte dar\u00fcber. Die Razzien haben tiefe Folgen f\u00fcr unsere Communities. Die Leute gehen nicht mehr zum Arzt oder ins Krankenhaus, Eltern schicken ihre Kinder nicht l\u00e4nger zur Schule. In den kommenden Monaten steht noch ein harter Weg vor uns.<\/p>\n<p><em>HG: Unterst\u00fctzt die Bewegung f\u00fcr Migranten-Rechte in Kalifornien irgendeine unabh\u00e4ngige W\u00e4hler-Gemeinschaft?<\/em><\/p>\n<p>JD: Einige in unserer Gruppe unterst\u00fctzen die Gr\u00fcne Partei (deren Kandidat Ralph Nader bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen war). Andere stehen immer noch hinter der Demokratischen Partei, allerdings handelt es sich bei diesen um fortschrittlichere Demokraten. Ich denke, dass du nicht beides haben kannst. Du kannst nicht Mitglied der Bewegung f\u00fcr Migranten-Rechte sein und gleichzeitig eine gem\u00e4\u00dfigte Position einnehmen. Von Zeit zu Zeit musst du dich daf\u00fcr entscheiden, der Bewegung gegen\u00fcber loyal zu bleiben. Du musst den Leuten gegen\u00fcber aufrichtig sein und kannst deine Ziele nicht einfach verkaufen.<\/p>\n<p>Es gibt Menschen, die auf der Suche nach alternativen Parteien sind. Ich glaube, dass das weiter zunimmt. Meiner Meinung nach wird sich der Wind drehen. Ich denke, dass die Debatte um den Aufbau einer dritten Partei (neben Republikanern und Demokraten; Anm. d. \u00dcbers.) den ArbeiterInnen sehr nahe kommen wird \u2013 von daher wird diese dritte Kraft eine Partei der ArbeiterInnen oder eine Arbeiterpartei sein. Das ist die Vorstellung, die jedeR in der Unterschicht, der Arbeiterklasse, hat. Und die Mittelschicht w\u00fcrde wirklich dabei sein, wenn sie den Schaden realisiert, den Demokraten und Republikaner anrichten.<\/p>\n<p><em>Die ausf\u00fchrliche Fassung dieses Interviews findet ihr auf der Website www.SocialistAlternative.org unter dem Originaltitel: \u201eInterview with Jesse D\u00edaz of the L.A. March 25th Coalition\u201c.<\/em><\/p>\n<p>* Sensenbrenner bill = Nach dem Vorsitzenden des Justizausschusses des Repr\u00e4sentantenhauses, James Sensenbrenner, benanntes Gesetz, das im Dezember 2003 in Kraft trat und vorsieht, \u201eillegal\u201c in den USA lebende MigrantInnen strafrechtlich zu verfolgen. Zudem soll eine 1.100 Kilometer lange Mauer an der mexikanisch-US-amerikanischen Grenze Menschen an der Einwanderung hindern. Au\u00dferdem soll kriminalisiert werden, wer MigrantInnen bei ihrem Grenz\u00fcbertritt in die USA Unterst\u00fctzung leistet.<\/p>\n<p>Selbst konservative Kommentatoren kritisierten damals das \u201eSensenbrenner-Gesetz\u201c als rassistisch.<\/p>\n<p>* INS = United States Immigration and Naturalization Service; US-Beh\u00f6rde f\u00fcr Migration und Einb\u00fcrgerung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Interview aus der Zeitung Justice mit Jesse Diaz.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[42,6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11722"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11722"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11722\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11722"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11722"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11722"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}