{"id":11720,"date":"2006-09-10T14:29:55","date_gmt":"2006-09-10T14:29:55","guid":{"rendered":".\/?p=11720"},"modified":"2006-09-10T14:29:55","modified_gmt":"2006-09-10T14:29:55","slug":"11720","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/09\/11720\/","title":{"rendered":"Die franz&#246;sische Linke in den 90er Jahren"},"content":{"rendered":"<p>  Die Folgen kapitalistischer Regierungsbeteiligung <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Bef&#252;rworter einer Regierungsbeteiligung in WASG und L.PDS verweisen   gerne auf Erfahrungen in anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern. Die Beteiligung   der Kommunistischen Partei Frankreichs an der Regierung in den 1990er   Jahren wird positiv bewertet. Wie sieht deren Bilanz aus?<\/p>\n<p>  <i>Von Marie Rosa<\/i><\/p>\n<p>  In Frankreich regierte von 1997 bis 2002 eine Koalition aus Sozialisten   (PS), Kommunisten (KPF), Gr&#252;nen und kleineren b&#252;rgerlichen Parteien. <\/p>\n<p>  Den Parlamentswahlen 1997 vorausgegangen waren eine Reihe von K&#228;mpfen   gegen Entlassungen und Betriebsschlie&#223;ungen. Internationale Bedeutung   und Bekanntheit erreichte der Kampf um den Erhalt des Werkes von   Renault-Vilvorde.<\/p>\n<p>  Der Kandidat der Sozialisten, Lionel Jospin, hatte an der europ&#228;ischen   Demonstration gegen die Schlie&#223;ung des Werks teilgenommen und sogar ein   paar Tage vor der Wahl Arbeiterdelegierte der Fabrik eingeladen. Er   versicherte ihnen damals, dass er, wenn er Premierminister werde, alles   tun werde, um diese Schlie&#223;ung zu verhindern.<\/p>\n<p>  Vier Tage nach seiner Wahl sagte er, dass er eine politische Meinung zu   dieser Frage habe, aber leider kein wirtschaftliches Problem l&#246;sen k&#246;nne. <\/p>\n<p>  Das Verhalten der Regierung in diesem Fall nahm vorweg, auf welcher   Seite die Regierung f&#252;nf Jahre lang stehen w&#252;rde. W&#228;hrend   hunderttausende Stellen vernichtet wurden, (bei Electrolux, Peugeot,   Cr&#233;dit Lyonnais, Alcatel, Pechiney, Kodak, Panasonic, Weil, Texunion,   Aventis, Thomson, Renault-Nissan, Michelin u.s.w) blieb die Regierung   unt&#228;tig.<\/p>\n<p>  <b>Die Arbeitslosigkeit sinkt, das Elend steigt<\/b><\/p>\n<p>  Die Regierung br&#252;stete sich Anfang des Jahres 2000 damit, dass die die   Arbeitslosigkeit unter zehn Prozent gesunken sei. Tats&#228;chlich tauchten   viele Arbeitslose nur nicht mehr in der offiziellen Statistik auf, weil   die Berechnungsgrundlagen ge&#228;ndert wurden. Mit gro&#223;en Worten wurde das   Programm &#8222;Emplois jeunes&#8220;, angek&#252;ndigt, mit dem 700.000 Jugendliche   einen Arbeitsplatz bekommen sollten. 350.000 im &#214;ffentlichen Dient und   350.000 in der privaten Wirtschaft. Das Ergebnis waren 210. 000   Arbeitspl&#228;tze im &#214;ffentlichen Dienst. Diese Stellen wurden zudem   schlecht bezahlt und auf ein Jahr befristet.<\/p>\n<p>  Wenn Bef&#252;rworterInnen von Regierungsbeteiligungen linker Parteien in   Deutschland nach den angeblichen Erfolgen der sozialistischen Regierung   unter Beteiligung der KPF gefragt werden, verweisen sie immer noch auf   das Gesetz zur Einf&#252;hrung der 35-Stunden-Woche in Frankreich. Das Beste   an diesem Gesetz war allerdings der Name. Das Gesetz wurde nach dem   Motto gestaltet: Die Besch&#228;ftigten wollen die 35-Stunden-Woche &#8211; dann   sollen sie auch daf&#252;r zahlen. In der Praxis bedeutete das Gesetz eine   weitreichende Flexibilisierung der Arbeitszeit. Es wurde ein   Jahresarbeitszeit-Konto eingef&#252;hrt. Nach dem neuen Gesetz k&#246;nnen   Besch&#228;ftigte bis zu 13 Stunden t&#228;glich an sechs Tagen der Woche   eingesetzt werden. Dadurch wurde nicht nur die Arbeitshetze drastisch   erh&#246;ht, sondern auch die L&#246;hne gesenkt, weil die &#220;berstundenzuschl&#228;ge   zum gr&#246;&#223;ten Teil wegfallen. &#220;berstundenzuschl&#228;ge gibt es nur noch ab 48   Wochenstunden. Unternehmen, die angeblich Arbeitspl&#228;tze sicherten,   bekamen gro&#223;z&#252;gig Subventionen. Den Steuerzahlern, also haupts&#228;chlich   der Masse der Bev&#246;lkerung, hat das Gesetz umgerechnet &#252;ber 18 Milliarden   Euro gekostet.<\/p>\n<p>  <b>Die Privatisierungen<\/b><\/p>\n<p>  Jospin hatte vor der Wahl sehr wenige Versprechungen gemacht, aber sogar   die hat er nicht gehalten. Eine seiner Versprechungen war, dass er die   Privatisierungspolitik seiner konservativen Vorg&#228;nger beenden werde.<\/p>\n<p>  Tats&#228;chlich wurde in den ersten drei Jahren seiner Regierung mehr   privatisiert, als die konservativen Regierungen Balladur und Jupp&#233;   zusammen in den 4 Jahren zuvor. Bei France Telecom, Thomson,   A&#233;rospatiale, staatlichen Versicherungen, staatlichen Banken, bei der   Bahn und Air France wurde der Prozess der Privatisierung eingeleitet   oder fortgesetzt.<\/p>\n<p>  Die KPF war mit zwei Ministern an der Regierung beteiligt: Jugend\/Sport,   sowie der wichtige Posten des Ministers f&#252;r Verkehr und Wohnen. Als der   kommunistische Verkehrsminister Schritte zur Privatisierung der   Staatsbahn SNCF einleitete, stellten Teile der KPF die   Regierungsbeteiligung in Frage. Ihr Vorsitzender, Robert Hue, ehemaliger   Pr&#228;sident der kommunistischen Eisenbahnergewerkschaft verlor ein paar   Worte des Protests um anschlie&#223;end f&#252;r eine Fortsetzung der Koalition zu   pl&#228;dieren.<\/p>\n<p>  Die angeblich linke Regierung erh&#246;hte &#252;brigens auch die Mehrwertsteuer   und beschloss Steuerverg&#252;nstigungen f&#252;r die besonders Reichen.<\/p>\n<p>  <b>Folgen der Regierungsbeteiligung<\/b><\/p>\n<p>  In der WASG streitet man sich gerade dar&#252;ber, wie die jetzige   Regierungsbeteiligung der L.PDS in Berlin und m&#246;gliche zuk&#252;nftige einer   vereinigten Linkspartei im Bund zu bewerten seien.<\/p>\n<p>  Im Fall Frankreich liegt eine Bewertung dieser &#8222;Links&#8220;-Regierung und der   Beteiligung der KPF vor. Sie erfolgte bei den Parlaments- und   Pr&#228;sidentschaftswahlen im Jahr 2002.<\/p>\n<p>  Die Regierung wurde abgew&#228;hlt, die KPF verlor die H&#228;lfte ihrer Stimmen   gegen&#252;ber der Wahl 1997 und erzielte mit 4,8 Prozent ihr schlechtestes   Ergebnis in der Nachkriegsgeschichte.<\/p>\n<p>  In der ersten Runde der Pr&#228;sidentschaftswahlen bekam der Chef der   rechtsextremen Front National, Le Pen, mehr Stimmen als   Sozialistenf&#252;hrer Jospin. Weitere Wahlerfolge der Front National bei den   anschlie&#223;enden Parlamentswahlen wurden nur durch landesweite   Massendemonstrationen vereitelt.<\/p>\n<p>  Eine Folge war auch, dass diejenigen trotzkistischen Links-Kr&#228;fte, die   sich nicht an der Regierung beteiligt hatten, bei den   Pr&#228;sidentschaftswahlen 2002 zusammen &#252;ber zehn Prozent der Stimmen im   ersten Wahlgang erzielten und mehr Stimmen als die KPF erhielten.<\/p>\n<p>  Aber die Konservativen stellen seit 2002 den Pr&#228;sidenten und regieren   mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament.<\/p>\n<p>  Das ist die Bilanz der &#8222;Pluralen Regierung&#8220; unter Beteiligung der KPF.   Trotzdem verk&#252;ndet Lafontaine, man m&#252;sse darum k&#228;mpfen, dass &#8222;die   Beteiligung der Linken an der Bundesregierung wie in anderen   europ&#228;ischen Staaten zur Selbstverst&#228;ndlichkeit wird.&#8220; (Oskar Lafontaine   in &#8222;Neues Deutschland&#8220; vom 14.10.2005). Falls sich dieses   Selbstverst&#228;ndnis durchsetzen sollte, dann wird das Projekt &#8222;Neue Linke&#8220;   genauso selbstverst&#228;ndlich scheitern. Um das zu verhindern, m&#252;ssen die   Erfahrungen mit linker Regierungsbeteiligung diskutiert und die Lehren   gezogen werden.<\/p>\n<p>  <i>Marie Rosa lebt in Aachen und ist Mitglied des Bundesvorstands der   SAV. Sie ist in Frankreich geboren und war dort in der trotzkistischen   Bewegung aktiv.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Die Folgen kapitalistischer Regierungsbeteiligung<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46],"tags":[251],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11720"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11720"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11720\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11720"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11720"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11720"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}