{"id":11719,"date":"2006-08-21T14:28:49","date_gmt":"2006-08-21T14:28:49","guid":{"rendered":".\/?p=11719"},"modified":"2006-08-21T14:28:49","modified_gmt":"2006-08-21T14:28:49","slug":"11719","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/08\/11719\/","title":{"rendered":"Nepal: Maoisten treten Regierung bei"},"content":{"rendered":"<p>  Stalinistische Etappentheorie blockiert Revolution <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die Kommunistische Partei Nepals (Maoisten) wird innerhalb des n&#228;chsten   Monats einer neuen &#220;bergangsregierung beitreten. Das wurde am 16. Juni   nach einem Treffen des maoistischen Kommandeurs Prachanda mit dem   Premierminister Girija Prasad Koirala vom Sieben-Parteien-B&#252;ndnis   angek&#252;ndigt.<\/p>\n<p>  Die revolution&#228;re Massenbewegung vom April diesen Jahres hat eine v&#246;llig   neue politische Situation geschaffen. K&#246;nig Gyanendras Strategie zur   Schaffung einer Diktatur &#8211; die Aufl&#246;sung des Parlaments 2002 und der   Regierungen 2004 und 2005 und die Ausrufung des Notstands im Februar   2005 &#8211; f&#252;hrte zu einer Massenrevolte, die den K&#246;nig beinahe gest&#252;rzt   h&#228;tte.<\/p>\n<p>  <i>von Per-Ake Westerlund, 3. Juli 2006<\/i><\/p>\n<p>  Alle Parteien, auch die Maoisten, wurden von dieser Massenbewegung,   deren R&#252;ckgrat ein Generalstreik in der Hauptstadt Katmandu war,   &#252;berrascht. Erst in der letzten Woche der Bewegung versuchten die   traditionellen Parteien, wie die Kongresspartei (D) und die   Kommunistische Partei Nepals (Vereingte Marxisten-Leninisten), eine   Rolle zu spielen. Sie bildeten ein Sicherheitsnetz f&#252;r den K&#246;nig, indem   sie am 28. April eine &#220;bergangsregierung bildeten. Dieser Schritt war   zuvor mit Nachdruck von der indischen Regierung vorgeschlagen und von   den westlichen imperialistischen M&#228;chten unterst&#252;tzt worden.<\/p>\n<p>  <b>Das Abkommen<\/b><\/p>\n<p>  Das Abkommen vom 16. Juni zwischen dem Sieben-Parteien-B&#252;ndnis und den   Maoisten fordert die Aufl&#246;sung des derzeitigen Parlaments und die   Aufhebung der Verfassung (inklusive der im April vorgenommenen   &#196;nderungen). Es beinhaltet ebenfalls Zeitpl&#228;ne f&#252;r die Bildung einer   neuen &#220;bergangsregierung, der die Maoisten angeh&#246;ren sollen, innerhalb   eines Monats und einer &#220;bergangs-Verfassung innerhalb von 15 Tagen.   Au&#223;erdem soll ein Datum f&#252;r die Wahl einer Verfassunggebenden   Versammlung festgelegt werden.<\/p>\n<p>  Um diese Zugest&#228;ndnisse vom Sieben-Parteien-B&#252;ndnis zu erreichen,   versprachen Prachanda und die Maoisten die Aufl&#246;sung der sogenannten   &#8222;Volksregierungen&#8220; in den Gebieten, in denen diese von den Maoisten seit   Beginn des Konflikts 1996 gebildet wurden.<\/p>\n<p>  Die Maoisten haben auch zugestimmt, dass die Vereinten Nationen die   maoistischen Streitkr&#228;fte und Waffen im Vorfeld der Wahlen   kontrollieren. Die UNO soll ebenfalls die Nepalesische Armee (fr&#252;her die   &quot;K&#246;nigliche&quot; Nepalesische Armee) &#252;berwachen.<\/p>\n<p>  Viele Kommentatoren lobten Prachanda nach dem Abkommen. &#8222;Ich war tief   beeindruckt. Er demonstrierte starke nationale Gef&#252;hle&#8220;, sagte Ramesch   Nath Pandey, der Au&#223;enminister der k&#246;niglichen Regierung. Andere   rechtsgerichtete Politiker und ausl&#228;ndische Diplomaten warnten jedoch,   dass die Maoisten &#8222;der Gewalt nicht abschw&#246;rten und auch keinen Zeitplan   f&#252;r die &#220;bergabe ihrer Waffen vorlegten&#8220; (Kunda Dixit in der Nepal   Times).<\/p>\n<p>  <b>Unterst&#252;tzung f&#252;r die Maoisten<\/b><\/p>\n<p>  Die Maoisten haben zweifelsfrei eine gro&#223;e Gefolgschaft und sie sind die   Partei, die am meisten von der Revolution im April profitierte. Ihre   Volksarmee hat 10.000 bis 12.000 Soldatinnen und Soldaten unter Waffen   und kontrolliert 77 Prozent des Landes. Seit der Massenbewegung im   Fr&#252;hling konnten die Maoisten auch ihre Positionen in den St&#228;dten   ausbauen.<\/p>\n<p>  Im Mai hat die KPN (Maoisten) im ganzen Land Massenkundgebungen   organisiert, die am 2. Juni in einer Kundgebung von 200.000 Menschen in   Katmandu gipfelten. Maositische Slogans waren auf den W&#228;nden in der   ganzen Stadt zu sehen und der Verkehr kam zum erliegen, als ihre   Unterst&#252;tzerInnen sich versammelten. Selbst auf einem Milit&#228;rgeb&#228;ude   wurde die maoistische Flagge gehisst.<\/p>\n<p>  Als der maoistische F&#252;hrer Prachanda den Premierminister Koirala traf,   wiederholte er das Versprechen seiner Bewegung eine   &#8222;Mehrparteien-Demokratie&#8220; zu unterst&#252;tzen und erkl&#228;rte, er sei in das   Licht der &#214;ffentlichkeit getreten, um Gutes zu erreichen. Die Maoisten   sagen, die fr&#252;heren Gespr&#228;che in den Jahren 2001 und 2003 seien an der   Weigerung der Vorg&#228;ngerregierungen, Wahlen zu einer Verfassunggebenden   Versammlung zu akzeptieren, gescheitert.<\/p>\n<p>  Es ist allerdings unklar, wie weit die Maoisten eine solchen Linie   verfolgen k&#246;nnen, denn ihre Unterst&#252;tzung in der Bev&#246;lkerung basiert auf   dem Kampf f&#252;r eine Verbesserung des t&#228;glichen Lebens der armen   B&#228;uerinnen und Bauern, Frauen, unteren Kasten und der unterdr&#252;ckten   ethnischen Minderheiten etc.<\/p>\n<p>  <b>Zwei Etappen?<\/b><\/p>\n<p>  Kurz gesagt ist der Maoismus eine Variante des Stalinismus. Er verfolgt   die Perspektive einer Revolution in zwei Etappen: erstens einer   &#8222;demokratischen Etappe&#8220; und zu einem sp&#228;teren Zeitpunkt einer   &#8222;sozialistischen Etappe&#8220;. Im Kampf f&#252;r die &#8222;erste demokratische Etappe&#8220;   bem&#252;hen sich Maoisten um B&#252;ndnisse mit &#8222;fortschrittlichen&#8220; und   national-orientierten Fl&#252;geln der Bourgeoisie (herrschenden   kapitalistischen Klasse). Das gilt auch in den F&#228;llen, in denen Maoisten   einen auf die Bauernschaft gest&#252;tzten bewaffneten Guerillakampf f&#252;hren.   Jedoch zeigt alle geschichtliche Erfahrung, dass die demokratischen und   sozialistischen Aufgaben eng verbunden sind. Demokratische   Errungenschaften werden als Teil des Kampfes f&#252;r eine grundlegende   Ver&#228;nderung der Gesellschaft erreicht. Durch Massenk&#228;mpfe erreichte   demokratische Rechte werden durch die Kapitalisten und Gro&#223;grundbesitzer   wieder bedroht, wenn diesen gestattet wird, an der Macht zu bleiben. In   der Russischen Revolution von 1917 wurden die zentralen demokratischen   Aufgaben, die nationale Befreiung und die Landreform, erst erreicht, als   die Arbeiterklasse im Oktober die Macht eroberte.<\/p>\n<p>  Als Mao Zedong in den sp&#228;ten 40er Jahren die Macht ergriff, war er dazu   gezwungen seine urspr&#252;ngliche Perspektive von 50 Jahren Kapitalismus in   China zu verwerfen. Die, auf die Bauern gest&#252;tzte, Rote Armee   marschierte in Chinas St&#228;dte ein und balancierte zwischen verschiedenen   Teilen der Gesellschaft &#8211; Bauern, Arbeitern und Teilen der Kapitalisten   &#8211; und machte schrittweise ein Ende mit Kapitalismus und Gro&#223;grundbesitz.   Grund und Boden und der Gro&#223;teil der Industrie wurden verstaatlicht,   aber es wurde keine Arbeiterdemokratie eingef&#252;hrt. Um an der Macht zu   bleiben, erschuf Mao ein Regime nach dem Modell des stalinistischen   Russlands.<\/p>\n<p>  Prachandas Bewegung hat Maos Kampf einer auf Bauern gest&#252;tzten   Guerilla-Armee zum Modell. Sie war in der Lage durch den Kampf gegen ein   despotisches Regime und f&#252;r demokratische Rechte und Landverteilung an   die Bauern breite Unterst&#252;tzung zu entwickeln. Prachandas Maoismus   betont Nationalismus und das B&#252;ndnis mit den angeblich   &#8222;fortschrittlichen&#8220; Teilen der Bourgeoisie. Die Nepalesischen Maoisten   betonen vor allem die demokratischen Ziele der Revolution. Das f&#252;hrende   Mitglied des Zentralkomitees Dev Gurung wurde k&#252;rzlich von der &#8222;Asia   Times&#8220; interviewt. Dort hei&#223;t es: &#8222;Gurung sagte, das Ziel seiner Partei   sei aus Nepal eine demokratische und zivilisierte Gesellschaft zu   machen. Diese soll Raum geben f&#252;r alle ethnischen Minderheiten und   regionalen Gruppen Nepals und, wenn n&#246;tig, eine f&#246;derale Struktur   entwickeln. An der Regierung w&#252;rde seine Partei eine Wirtschaftspolitik   betreiben, die die derzeitige Subsistenzwirtschaft zu einer   industrialisierten &#214;konomie transformieren w&#252;rde. Nepal d&#252;rfe nicht ein   Gefangenenmarkt f&#252;r indische Produkte bleiben. Gurung sagte, es sei   absolut nicht wahr, dass seine Partei das Privateigentum an Grund und   Boden und anderem Eigentum abschaffen wolle.&#8220;<\/p>\n<p>  Was also w&#252;rde sich im Falle einer Regierungs&#252;bernahme der Maoisten   &#228;ndern? Die Maoisten stellen sich eine Art nationale kapitalistische   Entwicklung vor &#8211; und das in einer Situation, in der der indische und   westliche Kapitalismus die Wirtschaft schon dominieren und ohne die   Massen auf einen Kampf gegen den Kapitalismus vorzubereiten. In einer   Regierung mit Parteien, die f&#252;r ihre Zusammenarbeit mit dem   Imperialismus bekannt sind, werden die Maoisten keine substanziellen   Ver&#228;nderungen durchsetzen k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  <b>Friedensprozess?<\/b><\/p>\n<p>  Es war die revolution&#228;re Massenbewegung vom April, die eine politische   Wende erreicht hat. Diese Bewegung, die das Regime geschw&#228;cht hat, wurde   von den Maoisten unterst&#252;tzt.<\/p>\n<p>  Aufgrund des Fehlens einer revolution&#228;ren Massenpartei, die sich auf die   Arbeiterklasse in den St&#228;dten st&#252;tzen kann, wurden die Maoisten zu der   Partei, in die die Massen die gr&#246;&#223;ten Erwartungen haben. In dieser   Situation aber werden Stellungnahmen, wie die Gurungs, Teile der Massen   verwirren, weil sie keine andere Rolle als die von Unterst&#252;tzerInnen der   Maoisten zugesprochen bekommen.<\/p>\n<p>  Der derzeitige Friedensprozess in Nepal hat leider keine besseren   Erfolgsaussichten als seine Vorg&#228;nger in zum Beispiel Pal&#228;stina oder   Ost-Timor. Aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Klassenstandpunkte   werden sowohl die Massen der April-Revolution als auch die   feudal-kapitalistischen Reaktion&#228;re in Nepal erkennen, dass die Macht   nicht zwischen ihnen geteilt werden kann. Im Moment sind der   Imperialismus und die herrschende Elite Nepals bereit die weiteren   Entwicklungen abzuwarten.<\/p>\n<p>  Prachanda scheint entschlossen zu sein, sich in Katmandu zu etablieren.   Am 27. Juni f&#252;hrten er und sein Stellvertreter Baburam Bhattarai weitere   Gespr&#228;che mit den F&#252;hrern des Sieben-Parteien-B&#252;ndnisses in Katmandu.   Dies kann sich noch eine Weile hinziehen. Aber langfristig werden die   maoistischen F&#252;hrer entweder mit einer Rebellion von unten konfrontiert   werden oder sich entscheiden, die &quot;politische B&#252;hne&#8220; wieder zu verlassen   und eine neue Runde des Bauernkrieges einleiten.<\/p>\n<p>  Nepal geh&#246;rt zu den &#228;rmsten L&#228;ndern der Welt und braucht dringend eine   sozialistische Bewegung, die die Lebensbedingungen f&#252;r die   ArbeiterInnen, die Jugend und die arme Bauernschaft verbessern kann.   Nepal braucht keinen Nationalismus, sondern eine internationalistische   Herangehensweise, die sich an die Arbeiterklassen der Region wendet und   sie zum gemeinsamen Kampf aufruft.<\/p>\n<p>  <i>Per-Ake Westerlund ist f&#252;hrendes Mitglied der Sozialistischen   Gerechtigkeitspartei in Schweden. Er schreibt regelm&#228;&#223;ig f&#252;r die   schwedische Wochenzeitung Offensiv und f&#252;r www.socialistworld.net<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Stalinistische Etappentheorie blockiert Revolution<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[38],"tags":[251],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11719"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11719"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11719\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11719"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11719"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11719"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}