{"id":11716,"date":"2006-08-16T14:02:09","date_gmt":"2006-08-16T14:02:09","guid":{"rendered":".\/?p=11716"},"modified":"2006-08-16T14:02:09","modified_gmt":"2006-08-16T14:02:09","slug":"11716","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/08\/11716\/","title":{"rendered":"&#8220;Unsere Fraktion wird ein Mittel zum Protest sein!&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>  Interview mit Lucy Redler, Spitzenkandidatin der WASG Berlin<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>Lucy, du bist Spitzenkandidatin der WASG Berlin bei den   Abgeordnetenhauswahlen am 17. September 2006. Was sind deiner Meinung   nach die Hauptprobleme in Berlin?<\/i><\/p>\n<p>  Die Politik des Senats von SPD und L.PDS ging voll und ganz zu Lasten   der Lohnabh&#228;ngigen, Erwerbslosen und sozial Schwachen. Der Horrorkatalog   unsozialer und arbeitnehmerfeindlicher Ma&#223;nahmen ist lang. Um nur einige   Beispiele zu nennen: Berlin trat aus dem Kommunalen Arbeitgeberverband   aus und erpresste von den Gewerkschaften Lohnk&#252;rzungen im &#246;ffentlichen   Dienst von acht bis zw&#246;lf Prozent. Hartz IV wird brav umgesetzt und es   gibt in Berlin &#252;ber 30.000 Ein-Euro-Jobs, die auch hier   sozialversicherungspflichtige Arbeitspl&#228;tze ersetzen. Der Senat hat   massiven Arbeitsplatzabbau zu verantworten und will diesen in den   n&#228;chsten Jahren fortsetzen. Die Wohnungsprivatisierung &#8211; in den letzten   vier Jahren wurden 100.000 &#246;ffentliche Wohnungen verkauft &#8211; wird auch   fortgesetzt. Aktuell werden in Berlin 3000 Wohnungen privatisiert und   1.600 Stellen beim Universit&#228;tsklinikum Charit&#233; abgebaut.<\/p>\n<p>  Diese Politik hat zu zahlreichen Protesten gef&#252;hrt. Studierende   streikten erfolgreich gegen die Einf&#252;hrung von Studienkonten.   Erwerbslose protestierten gegen Hartz IV, GewerkschafterInnen gegen   Privatisierungen. Nachdem das Sozialticket f&#252;r den &#246;ffentlichen   Nahverkehr abgeschafft wurde, musste der Senat es nach Protesten wieder   einf&#252;hren &#8211; allerdings inklusive einer f&#252;nfzig-prozentigen Preiserh&#246;hung. <\/p>\n<p>  Das alles geht nicht auf das Konto einer konservativen Regierung &#8211; in   Berlin regiert seit f&#252;nf Jahren eine Koalition aus SPD und   Linkspartei.PDS (LPDS). Und leider betrieb die L.PDS eine Politik nach   dem Motto: feiertags von Sozialismus reden, werktags an der Seite der   SPD K&#252;rzungen umsetzen.<\/p>\n<p>  Der neueste Hammer ist das &quot;Ja&quot; des Landes Berlin im Bundesrat zur   F&#246;deralismusreform und zur Ausweitung der Laden&#246;ffnungszeiten. Der Druck   auf die Besch&#228;ftigten im Einzelhandel wird ausgeweitet, ohne dass die   zunehmend &#228;rmer werdende Bev&#246;lkerung Berlins mehr Geld in der Tasche hat. <\/p>\n<p>  Und selbst in Bereichen, in denen es nicht ums Geld ging, machte dieser   Senat, unter Beteiligung der L.PDS, keine sozial fortschrittliche, linke   Politik. So enthielt sich der Gro&#223;teil der L.PDS-Abgeordneten bei der   Abstimmung, ob die kurdische Familie Aydin abgeschoben werden soll. Auch   in der Frage der Kennzeichungspflicht von Berliner Polizisten tat sich   nichts.<\/p>\n<p>  <i>Das Argument der anderen Parteien ist: Berlin ist pleite. Ist die   WASG gegen die Sanierung des Haushalts<\/i>?<\/p>\n<p>  Berlin ist mit &#252;ber 60 Milliarden Euro hoch verschuldet. Die Schulden   haben aber nicht die Jugendlichen, Frauen, Erwerbslosen und abh&#228;ngig   Besch&#228;ftigten verursacht. Sie sollen jetzt den G&#252;rtel enger schnallen,   damit unter anderem die Risikofonds der Berliner Bankgesellschaft durch   das Land abgesichert und horrende Zinszahlungen an die Banken geleistet   werden k&#246;nnen. Berlin ist vielmehr deshalb pleite, weil umfangreiche   Bundeshilfen nach der Wiedervereinigung gestrichen wurden und die   Hauptstadt wie alle anderen L&#228;nder und Kommunen von der massiven   Umverteilung von unten nach oben betroffen ist. Die Reichen und   Konzernchefs werden auf dem R&#252;cken der Besch&#228;ftigten und zu Lasten der   &#246;ffentlichen Haushalte immer reicher.<\/p>\n<p>  Deutschland ist ein reiches Land. Die Anzahl der Konzerne, die netto   eine Milliarde Euro Gewinn machte, stieg von 2004 auf 2005 von 14 auf   21. Die &#246;ffentlichen Kassen sind nicht von allein leer geworden, sondern   sie sind systematisch geleert worden. Um davon abzulenken, werden jetzt   Arbeitslosengeld-II-Empf&#228;ngerInnen als Schmarotzer beschimpft. Das ist   wirklich der Gipfel.<\/p>\n<p>  Gegen diese Umverteilung zu Gunsten der Reichen m&#252;ssen wir mobil machen.   Die franz&#246;sische Jugend und Arbeiterklasse hat vor kurzem gezeigt, dass   mit Massendemonstrationen und Streiks neoliberale Gesetze, in diesem   Fall die Demontage des K&#252;ndigungsschutzes, verhindert werden k&#246;nnen. Es   wird Zeit, dass wir auch hier endlich beginnen, mit Merkel, Wowereit und   Ackermann &#8220;franz&#246;sisch&#8221; zu sprechen.<\/p>\n<p>  <i>Und welche Antworten hat die WASG Berlin?<\/i><\/p>\n<p>  Wir stehen an der Seite der Menschen, die von den K&#252;rzungen des   rot-roten Senats betroffen sind und k&#228;mpfen f&#252;r die Umwandlung von   Ein-Euro-Jobs in sozialversicherungspflichtige und tariflich entlohnte   Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse, die R&#252;cknahme der Sozialk&#252;rzungen   beispielweise bei Frauenprojekten und der Jugendhilfe, die R&#252;ckkehr des   Landes Berlin in den Kommunalen Arbeitgeberverband und die   Rekommunalisierung der Berliner Wasserbetriebe. Wir sind uns bewusst,   dass unser Einzug ins Abgeordnetenhaus nicht ausreichen wird, um diese   Forderungen durchzusetzen. Unsere Fraktion wird aber ein Mittel sein, um   die Proteste von gewerkschaftlichen, sozialen und sonstigen   au&#223;erparlamentarischen Initiativen bekannt zu machen und zu st&#228;rken. <\/p>\n<p>  Die Kandidatur war in der WASG hart umstritten, es gab administrative   Ma&#223;nahmen bis hin zur Absetzung des Landesvorstands durch den   Bundesvorstand. Wie ist es der WASG Berlin gelungen, trotz aller   Widerst&#228;nde, die Kandidatur durchzusetzen?<\/p>\n<p>  Die wichtigste Voraussetzung unseres Erfolgs, war der Zusammenhalt unter   der Mehrheit der Mitglieder der WASG Berlin. Wir sind bis zum Schluss   standhaft geblieben. Letztlich hatten wir ja auch gar keine andere Wahl,   denn die Alternative w&#228;re gewesen, unsere &#220;berzeugung &#252;ber Bord zu   werfen. Wir haben nat&#252;rlich auch gewonnen, weil unsere Entscheidungen   auf demokratischen Mehrheitsbeschl&#252;ssen im Landesverband der WASG Berlin   basierten und die Ma&#223;nahmen des Bundesvorstands undemokratisch waren. Es   war schon peinlich f&#252;r Oskar Lafontaine und Klaus Ernst, dass sie durch   ein b&#252;rgerliches Gericht und den Landeswahlausschuss Berlin   Nachhilfeunterricht in Sachen innerparteilicher Demokratie entgegen   nehmen mussten.<\/p>\n<p>  Die bundesweite Unterst&#252;tzung von vielen Mitgliedern und Gremien der   WASG hat uns nat&#252;rlich auch den R&#252;cken gest&#228;rkt. Es wurde klar, dass es   nicht um einen Streit zwischen Berlin und dem Bundesverband geht,   sondern dass ein politischer Konflikt um die grundlegende Frage, auf   welcher inhaltlichen Grundlage die neue Partei gebildet werden soll,   quer durch die WASG geht. Unsere standhafte Haltung hat auch erreicht,   dass bundesweit intensiv die Frage debattiert wird, ob die Partei sich   vermeintlich kapitalistischen Sachzw&#228;ngen beugt oder entschlossen gegen   die kapitalistische Profitlogik ank&#228;mpft. Die WASG Berlin hat sich   entschieden.<\/p>\n<p>  <i>Die WASG Berlin kandidiert gegen die L.PDS. Was ist deine Antwort auf   den Vorwurf der Spaltung in der Linken?<\/i><\/p>\n<p>  Wir kandidieren gegen alle Parteien, die zur Zeit im Abgeordnetenhaus   vertreten sind, weil alle eine unsoziale Politik verfolgen. Wir waren ja   bereit, mit der L.PDS Berlin gemeinsam zu kandidieren, wenn dies auf   einer inhaltlich linken Basis m&#246;glich gewesen w&#228;re. Aus meiner Sicht   bedeutet &#8220;links&#8221;, f&#252;r und mit Erwerbslosen, abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten und   sozial Benachteiligten Politik zu machen. Das macht die WASG in Berlin.   Die LPDS hingegen geht mit der Parole &quot;Fortsetzung folgt&quot; und dem f&#252;r   die Politik der letzten vier Jahre ma&#223;geblich mitverantwortlichen Harald   Wolf als Spitzenkandidaten in den Wahlkampf. Da ist keine linke Politik   im Interesse der abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten und Erwerbslosen zu erwarten. <\/p>\n<p>  Linke Einheit darf nicht abstrakt, sondern sie muss konkret sein. Es ist   heuchlerisch, von linker Einheit zu sprechen und dann entgegen der   Interessen der Besch&#228;ftigten wie auch der Berliner Bev&#246;lkerung Betriebe   zu privatisieren oder L&#246;hne, Stellen und Betten bei der Charite   abzubauen. Und das, wo es bereits die ersten bekannt gewordenen   Todesopfer der K&#252;rzungen im Gesundheitswesen gab. Wenn man eine solche   Politik macht, sollte man nicht von &#8220;linker Einheit&#8221; sprechen, denn in   Wirklichkeit ist es die gleiche unsoziale Politik, die auch die anderen   etablierten Parteien machen. Von einer solchen &#8220;Einheit&#8221; f&#252;hlen sich die   vom Sozialabbau Betroffenen verraten und betrogen. W&#252;rden wir gemeinsam   mit der L.PDS kandidieren, w&#252;rden auch wir uns von den Besch&#228;ftigten und   Erwerbslosen dieser Stadt abspalten. Was wir aber brauchen ist eine   Einheit aller, die von K&#252;rzungen, Privatisierungen, Ein-Euro-Jobs   betroffen sind und die sich gemeinsam wehren wollen. Hier gibt es eine   ganze Menge zu tun, um die verschiedenen Proteste und Streiks auch   bundesweit zusammenzubringen und zu st&#228;rken.<\/p>\n<p>  <i>Was wirst du tun, wenn die WASG Berlin ins Abgeordentenhaus einzieht?   Wie k&#246;nnten die Proteste au&#223;erhalb des Parlaments und die Arbeit der   WASG Fraktion miteinander verbunden werden?<\/i><\/p>\n<p>  Wir werden durch Antr&#228;ge, Anfragen, aber vor allem auch durch   Protestaktionen deutlich machen, dass eine grundlegend andere Politik   n&#246;tig ist. So wie wir schon in den letzten Wochen durch Aktionen gegen   Abschiebung &#8211; wir haben uns medienwirksam an das Eingangstor eines   Abschiebegef&#228;ngnisses gekettet -, Armutsl&#246;hne und Bespitzelung durch den   Verfassungsschutz auf uns und unsere Inhalte aufmerksam gemacht haben,   wird das auch die zuk&#252;nftige WASG-Fraktion im Abgeordnetenhaus machen. <\/p>\n<p>  Der Einzug der WASG w&#252;rde einen riesigen Fortschritt f&#252;r die sozialen   und betrieblichen Bewegungen bedeuten. Wir sind die einzigen, die die   Forderungen der au&#223;erparlamentarischen Bewegungen im Abgeordentenhaus   artikulieren werden, die soziale Initiativen unterst&#252;tzen und auch bei   K&#228;mpfen in den Betrieben, Schulen und Hochschulen aktiv dabei sein   werden. Beispiel Studiengeb&#252;hren: Egal was die anderen Parteien jetzt   versprechen; ich schlie&#223;e eine Wette dar&#252;ber ab, dass Studiengeb&#252;hren in   irgendeiner Form eingef&#252;hrt werden nach den Wahlen &#8211; unabh&#228;ngig davon,   welche Koalition regiert. Wir werden dagegen ank&#228;mpfen und die Proteste   der Studierenden unterst&#252;tzen. Wir werden sicherstellen, dass kein   Abgeordneter &#8220;still und heimlich&#8221; zustimmen kann, weil wir Rechenschaft   und &#214;ffentlichkeit bei allen Abstimmungen einfordern werden. Die   Einf&#252;hrung von als Studienkonten getarnten Geb&#252;hren konnte 2003 nur   verhindert werden, weil Studierenden Abgeordnetenb&#252;ros der L.PDS besetzt   haben und der politische Druck auf die L.PDS enorm war.<\/p>\n<p>  Ich werde mich auch dadurch von anderen Abgeordneten unterscheiden, dass   ich keine Privilegien aufgrund des Mandats annehmen werde und ein   erheblicher Teil meiner Einnahmen der politischen Arbeit und dem   sozialen Widerstand gespendet wird. Ich hoffe, dass mir dies die anderen   WASG-Abgeordneten gleich tun werden.<\/p>\n<p>  <i>Oskar Lafontaine und Gregor Gysi haben einen Aufruf f&#252;r eine neue   bundesweite Linke verfasst. Was ist dein Eindruck von dem Papier?<\/i><\/p>\n<p>  Das Papier k&#246;nnte eigentlich ein Ausgangspunkt f&#252;r eine breite   programmatische Debatte sein. Im Gegensatz zum aktuellen Programm der   L.PDS bedeutet der Aufruf an einigen Stellen sogar eine   Linksverschiebung. So fordert er die &#220;berf&#252;hrung der Schl&#252;sselbereiche   der Wirtschaft in &#246;ffentliches Eigentum. Diese Forderung ist besonders   wichtig, weil Besch&#228;ftigte tagt&#228;glich die Erfahrung machen, dass sie im   Rahmen der profitorientierten Produktion so gut wie keinerlei   Einflussnahme auf zentrale Entscheidungen nehmen k&#246;nnen. Kontrollieren   kann man nur, was einem geh&#246;rt. Es ist auch zu begr&#252;&#223;en, dass der Text   den Begriff &quot;Sozialismus&quot; positiv besetzt, wenn er auch in seiner Kritik   am Stalinismus nicht &#252;ber die unzureichende Haltung der L.PDS hinaus   geht. Es finden sich aber auch andere Passagen in dem Aufruf, die   &#252;berhaupt nicht in eine sozialistische Richtung gehen. So bezieht sich   der Aufruf positiv auf Markt und Wettbewerb und preist die   Mittelstandsf&#246;rderung als wichtige Aufgabe.<\/p>\n<p>  Das eigentliche Problem wird aber an der Passage zum Thema   Regierungsbeteiligung deutlich. Hier wird die Beteiligung an Regierungen   davon abh&#228;ngig gemacht, ob dadurch die Lebensverh&#228;ltnisse der Menschen   verbessert werden k&#246;nnen. Privatisierungen und Stellenabbau d&#252;rfe es mit   einer linken Regierung nicht geben. Das hat aber offensichtlich keine   praktischen Konsequenzen f&#252;r die Kolleginnen und Kollegen, die das   Papier vorgestellt haben. Denn Oskar Lafontaine macht Wahlkampf f&#252;r die   Berliner L.PDS, die aktuell weitere Stellen im &#246;ffentlichen Dienst   abbaut und gerade 1700 Wohnungen an einen privaten Finanzinvestor   verkauft hat. Programme m&#252;ssen als Anleitung zum Handeln dienen, dies   scheint hier nicht der Fall zu sein.<\/p>\n<p>  Leider gibt das Manifest auch keinen Hinweis darauf, wie die Forderungen   durchgesetzt werden k&#246;nnen; wie &quot;imperialistische Kriege&quot; oder der   &quot;Raubtierkapitalismus&quot; bek&#228;mpft werden k&#246;nnen. Der Aufruf spricht sich   zwar f&#252;r das Recht auf Generalstreik aus, aber wie der gesellschaftliche   Widerstand aufgebaut werden kann, um dorthin zu gelangen, beantwortet er   nicht.<\/p>\n<p>  Vor allem aber brauchen wir eine breite Debatte auf allen Ebenen der   Linken zur Programmfrage. Meine Bef&#252;rchtung ist, dass auch in dieser   Frage die zentralen Vorgaben in hohem Tempo von oben nach unten   durchgesetzt werden sollen.<\/p>\n<p>  <i>Oskar Lafontaine ist wegen des Papiers von Teilen der L.PDS unter   Beschuss geraten, er sei zu links und radikal.<\/i><\/p>\n<p>  Unser Wahlantritt hat offensichtlich vieles in Bewegung gebracht. Nicht   zuletzt Oskar Lafontaine hat sich &#8211; zumindest verbal &#8211; deutlich nach   links bewegt. Die Reaktionen f&#252;hrender L.PDS-PolitikerInnen auf den   Gr&#252;ndungsaufruf zeigen, wie sehr diese schon bei pro-kapitalistischer   Politik angekommen sind. Der s&#228;chsische Linksfraktionschef Wulf Gallert   kritisierte den Aufruf daf&#252;r, dass er Stellenabbau im &#246;ffentlichen   Dienst und Privatisierung ablehnen w&#252;rde. Er rechtfertigt den   Stellenabbau in der Verwaltung Sachsen-Anhalts damit, dass dadurch ja   wiederum Mittel f&#252;r soziale Projekte frei w&#252;rden. Gallert ist damit voll   und ganz in der Akzeptanz der &quot;kleineren-&#220;bel-Politik&quot; angekommen. Diese   ist aber vor allem eins &#8211; ein &#220;bel. Spitzenpolitikern wie Gallert geht   es prim&#228;r darum, dass die Partei in m&#246;glichst viele Regierungen auf   Landesebene eintritt, um fit f&#252;r die Regierungsbeteiligung 2009 im Bund   zu werden.<\/p>\n<p>  Die Kr&#246;nung war aber der Antrag, den Parteivorstandsmitglied und   Bundesgesch&#228;ftsf&#252;hrer Dietmar Bartsch in den Parteivorstand zum Thema   Privatisierungen einbrachte. Sein Ziel war, eine Kampagne gegen   Privatisierungen zu verhindern, weil aus seiner Sicht Privatisierungen   ein Weg zur &quot;Verbesserung der Finanzausstattung der Kommunen&quot;   darstellten. Er ging noch einen Schritt weiter und erkl&#228;rte, dass auch   &quot;progressive Entstaatlichung&quot;, also Privatisierung, ein &quot;notwendiger   Teil einer Transformationsstrategie zum demokratischen Sozialismus&quot; sein   k&#246;nne.<\/p>\n<p>  <i>Wie sch&#228;tzt du die Situation bez&#252;glich der Schaffung einer neuen   Linken ein? Was k&#246;nnte die Aufgabe der Berliner WASG weiterhin im   Prozess der Schaffung einer bundesweiten Linken sein?<\/i><\/p>\n<p>  Die WASG Berlin hat immer gefordert, dass die Parteibildung demokratisch   von unten nach oben verlaufen muss, au&#223;erparlamentarische Initiativen   und andere Linke mit einbezogen werden und eine klare inhaltlichen   Grundlage erreicht werden muss, die Sozialabbau und Privatisierungen   durch Regierungsbeteiligungen ablehnt. Unseren Anspruch unterstreichen   wir durch unseren Wahlantritt. Wir kritisieren die K&#252;rzungspolitik der   L.PDS in der Regierung, die unzureichende Einbindung weiterer Kr&#228;fte in   den Parteibildungsprozess und die Top-down-Manier, in der er organisiert   wird. Der Bundesparteitag der WASG stellte in all diesen Punkten eine   Z&#228;sur dar. Die Fraktion und der rechte Fl&#252;gel im Bundesvorstand haben   sich auf dem Bundesparteitag, unter anderem durch die Drohung des   Austritts aus der WASG, knapp durchgesetzt. Die WASG und das &#8220;Projekt   Neue Linke&#8221; hat dadurch bei AktivistInnen an Ansehen und Anziehungskraft   eingeb&#252;&#223;t. Das ist eine schwere Hypothek f&#252;r die zuk&#252;nftige fusionierte   Partei, die wahrscheinlich im n&#228;chsten Jahr gebildet wird.<\/p>\n<p>  Wir werden in diesem Prozess weiterhin f&#252;r eine klare linke und   antikapitalistische Ausrichtung und demokratische Strukturen k&#228;mpfen. In   den letzten Wochen haben sich in vielen Kreis- und Landesverb&#228;nden   kritische und linke Aktivistinnen und Aktivisten aus Frust &#252;ber die   Parteitagsentscheidungen und das undemokratische Regime in der Partei   etwas zur&#252;ck gezogen. Die Bildung des Netzwerks Linke Opposition ist ein   wichtiger Schritt, um kritische und oppositionelle Kr&#228;fte zu sammeln.   Ein Wahlerfolg der WASG in Berlin wird diese Kr&#228;fte sicher auch   bundesweit st&#228;rken und motivieren und so auch den Druck von links auf   die Parteif&#252;hrungen erh&#246;hen.<\/p>\n<p>  Ob eine Partei entsteht, die von Arbeiterinnen und Arbeitern,   Erwerbslosen und Jugendlichen als eine glaubw&#252;rdige Alternative   angenommen wird, wird durch die Politik der Parteivorst&#228;nde aufs Spiel   gesetzt.<\/p>\n<p>  Auch kommenden sozialen und gewerkschaftlichen Protesten kommt eine   wichtige Bedeutung zu. Wie werden die beiden Parteien auf zunehmenden   Widerstand gegen die Umverteilungspolitik im Interesse des Kapitals   reagieren? Werden sie Teil davon sein und Initialz&#252;ndungen zu Protesten   geben oder passiver Zaungast sein, &#228;hnlich wie wir es bei den Streiks im   &#214;ffentlichen Dienst in Baden-W&#252;rttemberg beobachten konnten.<\/p>\n<p>  <i>Du bist Sozialistin und langj&#228;hriges Mitglied der SAV. Welche   Bedeutung siehst du darin, auch in der SAV organisiert zu sein?<\/i><\/p>\n<p>  Ich bin davon &#252;berzeugt, dass man dem Druck der sogenannten   kapitalistischen Sachzw&#228;nge und der Anpassung ans Establishment nur   standhalten kann, wenn man f&#252;r eine sozialistische Perspektive k&#228;mpft.   Die L.PDS hat diese Perspektive verloren und kapituliert deshalb in   ihrer Regierungspolitik tagt&#228;glich vor den Sachzw&#228;ngen, die sie   teilweise selbst geschaffen oder zumindest nicht bek&#228;mpft hat. Sie macht   in Berlin dadurch faktisch eine Politik im Interesse des Kapitals.<\/p>\n<p>  Wir leben in einer Klassengesellschaft. 500 Konzerne kontrollieren heute   die H&#228;lfte des Weltsozialprodukts. W&#228;hrend die Reichen gar nicht mehr   wissen, wo sie ihr Geld anlegen sollen, nimmt die Armut in   erschreckendem Ausma&#223; zu. Profitlogik und Konkurrenzkampf f&#252;hren zu   Umweltzerst&#246;rung und Kriegen, wie im Irak. Eine linke Partei muss sich   deshalb entscheiden, auf welcher Seite sie steht. Aus meiner Sicht ist   der Aufbau einer sozialistischen Massenpartei im Interesse der   Arbeiterklasse, die die Organisierung von gesellschaftlichem Widerstand   in den Mittelpunkt ihrer Aktivit&#228;ten stellt, notwendig.<\/p>\n<p>  Ebenso ist eine internationalistische Perspektive und politische Praxis   n&#246;tig, denn die aus dem Kapitalismus resultierenden Probleme sind global   und k&#246;nnen nur global gel&#246;st werden.<\/p>\n<p>  Eine marxistische Organisation wie die SAV ist notwendig, um die Lehren   aus der Geschichte der Arbeiterbewegung zu ziehen und ein Programm und   eine Strategie f&#252;r die vor uns liegenden Auseinandersetzungen zu   entwickeln. Als Teil einer internationalen sozialistischen Vereinigung,   dem Komitee f&#252;r eine Arbeiterinternationale, macht die SAV das mit einem   internationalistischen Blickwinkel und kann auch einen praktischen   Beitrag zu internationaler Solidarit&#228;t und Vernetzung von Widerstand   leisten.<\/p>\n<p>  Viele Menschen erkennen heute, dass unter den bestehenden   Gesellschaftsverh&#228;ltnissen keine Zukunftsperspektive besteht. Sie sind   offen f&#252;r eine scharfe Kritik am Kapitalismus. Vielen fehlt aber   aufgrund der Erfahrungen mit den stalinistischen Systemen im Ostblock   eine Vorstellung von Sozialismus. Die SAV hat auch die wichtige Aufgabe   &#252;bernommen zu erkl&#228;ren, dass im Osten nicht der Sozialismus, sondern der   Stalinismus gescheitert ist. Die stalinistischen Systeme mit ihren   abgehobenen B&#252;rokratien waren nicht sozialistisch. Die arbeitenden   Menschen m&#252;ssen im Sozialismus selbst entscheiden k&#246;nnen, was produziert   wird, sie m&#252;ssen Planung und Verwaltung von Wirtschaft und Gesellschaft   durch demokratisch gew&#228;hlte Organe selbst in der Hand haben.<\/p>\n<p>  Ich wei&#223;, dass viele Menschen das Ziel einer solchen Gesellschaft   bejahen, es aber als Utopie bezeichnen. F&#252;r mich ist es jedoch weitaus   utopischer, dass der menschenverachtende Kapitalismus Frieden, soziale   Gerechtigkeit, Umweltschutz etc. hervorbringen k&#246;nnte.<\/p>\n<p>  <i>Das Gespr&#228;ch f&#252;hrte Angelika Teweleit f&#252;r sozialismus.info<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Interview mit Lucy Redler, Spitzenkandidatin der WASG Berlin\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[27,30],"tags":[251],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11716"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11716"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11716\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11716"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11716"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11716"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}