{"id":11709,"date":"2006-08-09T17:12:21","date_gmt":"2006-08-09T17:12:21","guid":{"rendered":".\/?p=11709"},"modified":"2006-08-09T17:12:21","modified_gmt":"2006-08-09T17:12:21","slug":"11709","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/08\/11709\/","title":{"rendered":"WASG und L.PDS: Berliner Wahlen, Fusion und Aufgaben der Linken"},"content":{"rendered":"<p>  WASG und Linkspartei.PDS werden im n&#228;chsten Jahr sehr wahrscheinlich   fusionieren. Offen sind jedoch die Fragen, auf welcher programmatischen   Basis und in welcher Form der Zusammenschluss stattfinden wird &#8211; und wie   viele WASG-Mitglieder ihn mitmachen werden. Denn viele Aktivistinnen und   Aktivisten, die in den Jahren 2004 und 2005 mit Begeisterung an den   Aufbau der neuen Partei WASG gegangen sind, sehen die Fusion mit der   L.PDS &#228;u&#223;erst kritisch. Manche sind grunds&#228;tzlich dagegen. Die Mehrheit   der KritikerInnen ist aber eher gegen die Art und Weise der   Vereinigung.&#160;&#160;<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Sascha Stanicic, 29. Juli 06<\/i><\/p>\n<p>  Mit dem Netzwerk Linke Opposition (gebildet auf der Kasseler Konferenz   am 20. Mai, an der sich auch die SAV beteiligt), dem Zusammenschluss der   Unterst&#252;tzerInnen des sogenannten &#8222;Antikapitalistischen Manifests&#8220;   (Sarah Wagenknecht, Thies Gleiss, Nele Hirsch und andere) und dem   Netzwerk Linke Alternativen (Joachim Bischoff, Bj&#246;rn Radke und andere)   haben sich nun verschiedene Zusammenschl&#252;sse gebildet, die f&#252;r sich in   Anspruch nehmen, eine antikapitalistisch\/sozialistisch motivierte Kritik   an dem Parteibildungsprozess zu formulieren. Welche Aussichten gibt es   f&#252;r die &#8222;Neue Linke&#8220; und wie sollten sich die KritikerInnen der Fusion   verhalten?<\/p>\n<h5>  Zwischenbilanz<\/h5>\n<p>  Die gro&#223;e Resonanz auf die Bildung der WASG im Jahr 2004 zeigte: Die   Zeit f&#252;r eine neue linke Partei war reif. In Meinungsumfragen &#228;u&#223;erten   bis zu zwanzig Prozent der Befragten, sie k&#246;nnen sich vorstellen, eine   neue linke Partei zu w&#228;hlen. Die WASG hatte von Beginn an einen gewissen   Masseneinfluss. Zum einen, weil sie ein Ausdruck der Massenbewegung   gegen Agenda 2010 und Hartz IV war und viele AktivistInnen der   Sozialproteste sich der neuen Partei (bzw. zuerst dem Verein WASG)   anschlossen. Zum anderen, weil eine Schicht von   Gewerkschaftsfunktion&#228;ren der mittleren Ebene offen mit der SPD brachen   und die neue Partei mit ins Leben riefen.<\/p>\n<p>  Viele ArbeiterInnen und Erwerbslose sp&#252;rten, dass sie keine politische   Vertretung mehr hatten. Die SPD war zu einer b&#252;rgerlich-neoliberalen   Partei verkommen, die Gr&#252;nen hatten die Friedenstaube gegen den   Bundesadler eingetauscht und die PDS hatte mit ihren Eintritten in   Landesregierungen auf dem Weg der Anpassung eine gro&#223;e Strecke   zur&#252;ckgelegt. Mit der Gr&#252;ndung der WASG verband sich die Hoffnung, dass   die Lehren aus der Entwicklung dieser anderen Parteien gezogen w&#252;rden. <\/p>\n<h5>  Nein zu Regierungsbeteiligungen<\/h5>\n<p>  In Ans&#228;tzen geschah das auch. Kernbestandteil des sogenannten   Gr&#252;ndungskonsenses der WASG war eine prinzipielle Absage an Sozialabbau   und neoliberale Ma&#223;nahmen. Dies schlug sich im Gr&#252;ndungsprogramm in der   Formulierung nieder: An einer Regierung im Bund oder im Land werden wir   uns nur beteiligen, wenn dies zu einem Politikwechsel in Richtung   unserer Forderungen f&#252;hrt. Hierbei handelte es sich &#252;brigens um eine   bewusste Abgrenzung zur PDS, die in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern   f&#252;r Sozialabbau und Privatisierungen mitverantwortlich ist.<\/p>\n<p>  Auch hinsichtlich des inneren Aufbaus sollte die WASG eine wirklich neue   Partei werden. Sie definierte sich als Sammlungsbewegung und lud von   MarxistInnen bis zu Anh&#228;ngerInnen der christlichen Soziallehre alle ein,   in ihr gegen die herrschende, neoliberale Politik zu k&#228;mpfen. Ein   pluralistischer und demokratischer Parteiaufbau war das Ziel vieler der   Mitglieder der ersten Stunde.<\/p>\n<p>  Diese beiden Aspekte &#8211; die Ablehnung einer Regierungsbeteiligung, die zu   Sozialabbau f&#252;hrt und der Anspruch einer demokratischen und   pluralistischen Parteistruktur &#8211; machen den &#8222;fortschrittlicheren&#8220;   Charakter der WASG im Vergleich zu den anderen sogenannten &#8222;linken&#8220;   Parteien aus &#8211; inklusive der PDS. Hinzu kommt, dass die WASG mit einer   starken Verbindung zu den sozialen Bewegungen und Gewerkschaften, eine   dynamische Entwicklung nehmen konnte und das Potenzial hatte, tief in   die Arbeiterklasse einzudringen. Vor allem in Westdeutschland hatte die   PDS dieses Potenzial niemals entwickelt, weil sie einerseits nicht   umfassend und glaubw&#252;rdig genug mit dem Stalinismus gebrochen hatte und   gleichzeitig nicht in der Lage war durch Kampagnen und konkrete Arbeit   in sozialen Bewegungen, Betrieben und Gewerkschaften eine Basis zu   entwickeln.<\/p>\n<p>  Deshalb war es f&#252;r SozialistInnen richtig, den Aufbau der WASG zu   unterst&#252;tzen, obwohl die Partei anfangs keinen antikapitalistischen oder   sozialistischen Anspruch hatte, sondern im Gegenteil auf eine   Ver&#228;nderung im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft &#8211; eine Art   &#8222;Kapitalismus mit menschlichem Antlitz&#8220; &#8211; orientierte. Aber die WASG bot   wenigstens erstmals seit vielen Jahren wieder die M&#246;glichkeit, diese   Fragestellung &#252;berhaupt mit tausenden AktivistInnen zu diskutieren.   Deshalb war es richtig, wenn SozialistInnen sich am Aufbau der WASG   beteiligten und gleichzeitig ein sozialistisches Programm f&#252;r die neue   Partei vorschlugen und darauf hinwiesen, dass die Ziele der WASG im   Rahmen des kapitalistischen Profitsystems nicht dauerhaft erreichbar   sind.<\/p>\n<p>  Das Potenzial f&#252;r die WASG h&#228;tte ausgesch&#246;pft werden k&#246;nnen, wenn die   Partei auf allen Ebenen aktive Kampagnen gef&#252;hrt und sich massiv an   Protestbewegungen und Klassenk&#228;mpfen beteiligt h&#228;tte. Hier wurden   Chancen verpasst, als zum Beispiel keine bundesweit koordinierte   Kampagne zur Unterst&#252;tzung der Montagsdemonstrationen gef&#252;hrt wurde. Die   Orientierung der WASG-F&#252;hrung an Teilen der Gewerkschaftsb&#252;rokratie   f&#252;hrte zum Beispiel w&#228;hrend des Streiks bei Opel Bochum zu der   katastrophalen Situation, dass k&#228;mpferische Streikaktivisten aus der   Partei gedr&#228;ngt wurden und der IG Metall-F&#252;hrung, die den Streik nicht   unterst&#252;tzte, der R&#252;cken freigehalten wurde.<\/p>\n<h5>  Links blinken, rechts abbiegen<\/h5>\n<p>  Heute hat sich eine geradezu paradoxe Situation entwickelt. Der sich   vollziehende Zusammenschluss von L.PDS und WASG hat auf dem Papier, auch   unter dem Einfluss von Oskar Lafontaine, zu einer programmatischen   Linksverschiebung gef&#252;hrt . So sieht der gemeinsame Gr&#252;ndungsaufruf   verschiedener Spitzenfunktion&#228;re aus beiden Parteien ein klares   Bekenntnis zum &#8222;demokratischen Sozialismus&#8220; und zur &#220;berf&#252;hrung der   Schl&#252;sselbereiche der Wirtschaft in &#246;ffentliches Eigentum vor. W&#228;hrend   Klaus Ernst noch im Fr&#252;hjahr 2005 versuchte, SozialistInnen aus der WASG   zu dr&#228;ngen, ist er mittlerweile selber zum &#8222;demokratischen Sozialisten&#8220;   mutiert. Doch ein Programm wird noch nicht dadurch sozialistisch, dass   es den Begriff verwendet. Zum einen sieht der Gr&#252;ndungsaufruf auch ein   Bekenntnis zu Wettbewerb und Markt (oder in anderen Worten: zu   Konkurrenz und Profitstreben,) vor. Zum anderen muss sich sozialistische   Politik in der Praxis beweisen. Nicht zuletzt darin, sich den   sogenannten kapitalistischen Sachzw&#228;ngen nicht zu beugen, sondern im   konkreten Kampf f&#252;r Verbesserungen diese zur&#252;ck zu weisen.<\/p>\n<p>  Die Linksverschiebung auf dem Papier findet keine Entsprechung in der   praktischen Politik. Im Gegenteil: In Bezug auf die oben erw&#228;hnten   entscheidenden progressiven Eigenschaften der WASG hat es ein Roll-Back,   also eine Rechtsverschiebung, gegeben.<\/p>\n<p>  Denn mit seiner Unterst&#252;tzung f&#252;r die Linkspartei.PDS bei den   Abgeordnetenhauswahlen in Berlin hat sich der Bundesparteitag der WASG   vom Mai diesen Jahres die &#8222;Politik des kleineren &#220;bels&#8220;, also die   Akzeptanz von Sozialabbau, Privatisierungen und Stellenvernichtung durch   Regierungskoalitionen mit der SPD, zu eigen gemacht. Dieser Bruch mit   dem eigenen Gr&#252;ndungsprogramm wird mit dem Bekenntnis zur Einheit der   Linken begr&#252;ndet. Doch das ist nicht mehr als einer der bekannten &#8222;guten   Vors&#228;tze auf dem Weg zur H&#246;lle&#8220;. Au&#223;erdem hat der Bundesparteitag durch   die von ihm auf den Weg gebrachten administrativen Ma&#223;nahmen gegen die   Landesverb&#228;nde in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern den pluralistischen   und demokratischen Charakter der Partei au&#223;er Kraft gesetzt. Ein   b&#252;rokratisch-zentralistisches Regime hat sich in der Partei festgesetzt,   das politische Konflikte mit Ordnungsma&#223;nahmen l&#246;sen will und die   Autonomie von Landesverb&#228;nden aufhebt.<\/p>\n<p>  Die WASG ist also nicht mehr die Partei, als die sie gegr&#252;ndet wurde.   Sie hat durch die Entscheidungen des Ludwigshafener Parteitags ihre   Entwicklungsrichtung ge&#228;ndert und sich auf den Weg der Anpassung begeben. <\/p>\n<h5>  Berlin<\/h5>\n<p>  Diese rasante Entwicklung war nur m&#246;glich, weil der Beschluss zur   gemeinsamen Bundestagskandidatur und der Bildung einer gemeinsamen   Partei mit der L.PDS die Widerspr&#252;che zwischen dem Gr&#252;ndungskonsens der   WASG (keine zu Sozialabbau f&#252;hrende Regierungsbeteiligung und ein   demokratisch-pluralistischer Aufbau) und der praktischen Realit&#228;t der   L.PDS-Politik zugespitzt hat. Dies wurde noch einmal dadurch versch&#228;rft,   dass die Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern im   September 2006 die existierenden Widerspr&#252;che zwangsl&#228;ufig an die   Oberfl&#228;che bringen mussten, weil sich die Landesverb&#228;nde beider Parteien   in ihrer Politik diametral unterscheiden. Berlin wurde zum Pr&#228;zedenzfall   f&#252;r den im Fusionsprozess schwelenden Konflikt zwischen konsequenter   Interessenvertretung f&#252;r die Arbeiterklasse und politischer Anpassung an   die kapitalistischen Vorgaben. Berlin ist der Praxis-Test f&#252;r die Neue   Linke.<\/p>\n<p>  Hier gibt es eine WASG, die mehr als anderswo als Reaktion auf die   unsoziale Politik der L.PDS in der Landesregierung gegr&#252;ndet wurde.   Unter den 850 Mitgliedern der WASG Berlin sind nicht wenige, die aus   Protest gegen die Senatspolitik aus der L.PDS ausgetreten waren und noch   mehr, die als Ein-Euro-JobberInnen, Besch&#228;ftigte des &#246;ffentlichen   Dienstes oder MieterInnen privatisierter Wohnungen direkte Opfer der   Senatspolitik sind. Angesichts der verheerenden Bilanz des   SPD\/LPDS-Senats stand f&#252;r die Mehrheit der Berliner WASG-Mitglieder   schon seit Mitte 2005 fest: &#196;ndert die L.PDS nicht grundlegend ihre   Politik, wird die WASG eigenst&#228;ndig bei den Abgeordnetenhauswahlen   antreten m&#252;ssen.<\/p>\n<p>  Denn das, was Oskar Lafontaine &#8222;Fehler&#8220; bei Senatsentscheidungen nennt,   ist in Wirklichkeit ein Horrorkatalog unsozialer Ma&#223;nahmen: Austritt aus   dem kommunalen Arbeitgeberverband, Lohnk&#252;rzungen von acht bis zw&#246;lf   Prozent beim Land und in &#246;ffentlichen Betrieben, Privatisierung von   100.000 Wohnungen, K&#252;rzung des Blindengeldes, Abschaffung der   Lehrmittelfreiheit, Einrichtung von 34.000 Ein-Euro-Jobs, Absicherung   der Risikofonds bei der Bankgesellschaft, drastische Erh&#246;hung des   BVG-Sozialticket-Preises, Abbau von 15.000 Arbeitspl&#228;tzen beim Land   Berlin. Die Liste lie&#223;e sich fortsetzen.<\/p>\n<p>  Der Versuch der WASG Berlin, in Verhandlungen und &#246;ffentlichen Foren die   L.PDS zu einem Politikwechsel zu bewegen, scheiterte. Die L.PDS-F&#252;hrung   um Harald Wolf und Stefan Liebich geht mit einem &#8222;Fortsetzung folgt!&#8220; in   den Wahlkampf, bezeichnet die Politik der letzten vier Jahre als &#8222;sozial   ausgewogen&#8220; und will die Koalition mit der Wowereit-SPD fortsetzen.<\/p>\n<h5>  L.PDS bewegt sich nicht<\/h5>\n<p>  Monatelang haben die VerfechterInnen einer gemeinsamen Kandidatur in den   Reihen der WASG, die Initiative Rixdorf und die Gruppe Linksruck,   behauptet, die L.PDS bewege sich. Im Fr&#252;hjahr wurde ein gemeinsames   Positionspapier pr&#228;sentiert, um die Delegierten des Bundesparteitags zu   beeinflussen und ihnen zu suggerieren, die L.PDS habe sich zu einer   Politik gegen Sozialabbau entschlossen. Die Berliner WASG hat schon   damals darauf hin gewiesen, dass in diesem Papier kaum belastbare   Aussagen enthalten sind. So waren unter anderem die Ein-Euro-Jobs nicht   einmal erw&#228;hnt und der tausendfach geplante Stellenabbau wurde nicht   grunds&#228;tzlich abgelehnt. Ebenfalls wurden Teilprivatisierungen im   Krankenhausbereich und Einzelprivatisierungen von Wohnungen nicht   ausgeschlossen. Das Papier war alles andere als die Ank&#252;ndigung eines   Politikwechsels. Aber in der Realit&#228;t werden jetzt schon, also noch vor   den Wahlen, die wenigen deutlichen Aussagen gebrochen. Die in dem Papier   enthaltene Ablehnung betriebsbedingter K&#252;ndigungen wird gerade am   Universit&#228;tsklinikum Charit&#233; ad absurdum gef&#252;hrt. Hier drohen Vorstand   und Aufsichtsrat ( letzterer unter Vorsitz des L.PDS-Senators Thomas   Flierl) mit eben solchen, sollte die Belegschaft nicht zu Lohnk&#252;rzungen   bereit sein. Und auch die Forderung, dass Wohnungen nicht an den   Kapitalmarkt ver&#228;u&#223;ert werden sollen, wird in diesen Tagen durch den   Verkauf von 1.700 &#246;ffentlichen Wohnungen an einen Finanzinvestor   konterkariert. Hinzu kommt die Zustimmung zur F&#246;deralismus-Reform im   Bundesrat und die auch in Berlin geplante Verl&#228;ngerung der   Laden&#246;ffnungszeiten, was auf Kosten der im Einzelhandel Besch&#228;ftigten   gehen wird.<\/p>\n<p>  Dementsprechend ruhig ist es um Linksruck geworden, die auch bei der   Kandidatenaufstellung der L.PDS nicht ber&#252;cksichtigt wurden. Das letzte   Argument gegen die Kandidatur der WASG Berlin ist, damit werde die Linke   gespalten.<\/p>\n<p>  Aber was hat die Berliner Arbeiterklasse von einer linken Partei, die in   der Landesregierung eine unsoziale und pro-kapitalistische Politik   betreibt? Wo ist der Gebrauchswert f&#252;r eine Partei, gegen deren   Beschl&#252;sse man zu Demonstrationen aufrufen muss? Nichts und nirgends. <\/p>\n<p>  Dass Oskar Lafontaine Wahlkampf f&#252;r die Berliner L.PDS machen wird,   l&#228;sst daran zweifeln, wie ernst es ihm mit den von ihm propagierten   Haltelinien ist: keine Privatisierungen, kein Sozialabbau, keine   Stellenstreichungen. Wenn er diese Forderungen nicht auf dem Altar des   &#8222;kleineren &#220;bels&#8220; opfern will, m&#252;sste er einen deutlichen Politikwechsel   von Wolf und Liebich fordern und die WASG Berlin unterst&#252;tzen, die genau   diese Haltelinien einh&#228;lt. Die von ihm vielfach eingeforderte   Glaubw&#252;rdigkeit verliert Lafontaine dadurch, dass er den &#8222;Praxistext   Berlin&#8220; nicht bestanden hat.<\/p>\n<h5>  Linke Einheit?<\/h5>\n<p>  Dass die Kandidatur der WASG Berlin nicht gegen die Idee einer starken   vereinigten Linken gerichtet ist, hat der Landesverband mehr als einmal   klar gemacht. Aber die Berliner WASG&quot;lerInnen haben auch betont: Linke   Einheit ist nichts abstraktes. Sie verdient diesen Namen nur, wenn auch   eine linke Politik dabei heraus kommt. Deshalb muss an die Vereinigung   von WASG und L.PDS die Bedingung gekn&#252;pft werden, dass diese Partei   nicht auf der Basis der aktuellen LPDS-Politik und -Strategie der   &#8222;Regierungsbeteiligungen um jeden Preis&#8220; gebildet werden darf. Der   WASG-Bundesvorstand hat die entscheidenden Grunds&#228;tze der eigenen Partei   &#252;ber Bord geworfen und f&#252;hrt keinen Kampf f&#252;r eine konsequent linke   Ausrichtung der neuen Partei. &#8222;Erst vereinigen, dann weiter sehen&#8220;   scheint das Motto zu sein. Damit l&#228;uft die WASG aber Gefahr, von dem   deutlich gr&#246;&#223;eren und finanzst&#228;rkeren Fusionspartner geschluckt zu   werden. Folge wird sein, dass die Anziehungskraft auf ArbeiterInnen und   Erwerbslose verloren gehen, der Aktivit&#228;tsgrad in der Partei zur&#252;ckgehen   und die Chance, eine konsequente politische Interessenvertretung f&#252;r   ArbeiterInnen und Erwerbslose aufzubauen vertan wird.<\/p>\n<p>  Der Prozess der Entleerung der WASG hat schon begonnen. In vielen   Kreisverb&#228;nden ist die Beteiligung an Versammlungen zur&#252;ckgegangen.   Linke AktivistInnen haben sich aus &#196;mtern und aus Aktivit&#228;ten   zur&#252;ckgezogen. Auf der anderen Seite macht sich eine Siegermentalit&#228;t   breit. So werden unliebsame Kreisverbands-Vorst&#228;nde aus dem Amt gedr&#228;ngt   und in Bayern wird offen diskutiert, dass man so lange den Ausschluss   von SAV-Mitgliedern aus der WASG beantragen werde, bis dies angenommen   wird. Die gro&#223; angek&#252;ndigte Mindestlohn-Kampagne lockt nur wenige   AktivistInnen hinterm Ofen hervor. Nicht zuletzt, weil vielen die   Forderung nach acht Euro pro Stunde als viel zu moderat erscheint.<\/p>\n<p>  Manche auf dem linken Fl&#252;gel der WASG ziehen daraus die   Schlussfolgerung, man k&#246;nne auf keinen Fall in eine fusionierte Partei   gehen. Manche aus diesem Kreis wiederum denken, laut oder leise, &#252;ber   die Bildung einer weiteren Partei nach. Andere wiederum sagen: Die   fusionierte Partei ist nicht Alles, aber ohne sie ist Alles Nichts und   f&#252;gen sich geradezu in vorauseilender Anpassung in den von oben   vorgegebenen Fusionsprozess ein.<\/p>\n<h5>  Linke Opposition<\/h5>\n<p>  Der Kreis um das sogenannte &#8222;antikapitalistische Manifest&#8220;, der aus   Abgeordneten und Funktion&#228;rInnen beider Parteien wie Sarah Wagenknecht,   Wolfgang Zimmermann, Nele Hirsch, Thies Gleiss und anderen besteht, hat   sich als zahme und &#8222;loyale Opposition des Herrn&#8220; entpuppt. Sie werfen in   allgemeiner Form die Notwendigkeit einer antikapitalistischen   Programmatik und von inhaltlichen Bedingungen f&#252;r   Regierungsbeteiligungen auf, gehen dabei kaum weiter als Oskar   Lafontaine und bringen keinerlei konkrete Vorschl&#228;ge und Initiativen   gegen den Kurs der Parteif&#252;hrungen vor. Statt deutlich zu machen, dass   der Erfolg eines neuen linken Projekts durch die Ausrichtung auf   Regierungsbeteiligungen unter neoliberalen Vorzeichen gef&#228;hrdet wird,   beginnt die bei dem schwach besuchten Treffen dieses Kreises vom 10.   Juni 2006 beschlossene Erkl&#228;rung mit einer Kritik an der eigenst&#228;ndigen   Kandidatur der WASG Berlin. Diese Kolleginnen und Kollegen haben   offensichtlich die Entwicklung der L.PDS-Linken in die   Bedetungslosigkeit nicht verarbeitet und machen sich auf den Weg der   Kommunistischen Plattform und des Geraer Dialogs.<\/p>\n<p>  Das von den fr&#252;heren WASG-Bundesvorstandsmitgliedern Joachim Bischoff   und Bj&#246;rn Radke gegr&#252;ndete Netzwerk Linke Alternativen fristet bisher   ein rein virtuelles Dasein. Hervorgetan hat es sich durch eine von   Rechts ge&#228;u&#223;erte Kritik am &#8222;antikapitalistischen Manifest&#8220;. Es ist nicht   zu erwarten, dass kritische Basismitglieder durch dieses Netzwerk   gesammelt werden. Es wird sich eher zu einem keynesianischen   Beratungsb&#252;ro des Parteivorstands entwickeln.<\/p>\n<p>  Das meiste Potenzial hat zweifellos, das auf einer Konferenz in Kassel   von 280 Aktiven gegr&#252;ndete Netzwerk Linke Opposition. Hier gibt es   allerdings auch am deutlichsten das Spannungsfeld zwischen denjenigen,   die auf keinen Fall in die fusionierte Partei gehen wollen und jenen,   die dazu keine Alternative sehen.<\/p>\n<h5>  Die neue Partei<\/h5>\n<p>  Es w&#228;re ein Fehler, die zuk&#252;nftige Partei ausschlie&#223;lich an der in ihr   zum Zeitpunkt der Gr&#252;ndung dominierenden Str&#246;mung zu messen. Die   entscheidende Frage ist, ob es ein Entwicklungspotenzial gibt. Kann die   Partei zu einem Anziehungspol f&#252;r ArbeiterInnen und Jugendliche werden,   die sich in den n&#228;chsten Monaten und Jahren gegen die Folgen der   kapitalistischen Krise und gegen neoliberale Politik zur Wehr setzen   werden? Kann sich auf dieser Basis eine Linksverschiebung in der Partei   vollziehen?<\/p>\n<p>  Es ist sehr unwahrscheinlich, dass in den n&#228;chsten ein oder zwei Jahren   eine andere linke Partei, als die aus WASG und L.PDS zu bildende   Linkspartei, einen Masseneinfluss gewinnen kann. Sie wird, trotz ihres   internen b&#252;rokratischen Regimes und der Beteiligung an einigen   Landesregierungen, als einzige bundesweite linke und soziale Opposition   wahrgenommen werden. Dies wird umso mehr gelten, wenn zum einen die SPD   als Teil der gro&#223;en Koalition weiterhin als eine Hauptverantwortliche   f&#252;r den Sozialabbau betrachtet wird und zum anderen weitere Teile der   Gewerkschaftsapparate, auch unter dem Druck von Protestbewegungen und   Klassenk&#228;mpfen, mit der SPD brechen und sich der neuen linken Partei   zuwenden werden. Oskar Lafontaine spielt dabei eine duale Rolle.   Einerseits leistet er einen Beitrag dazu, dass die Idee einer   antikapitalistischen Partei f&#252;r Besch&#228;ftigte und Erwerbslose eine   Massenwirkung erzielt. Mit seiner oftmals radikalen Rhetorik tr&#228;gt er   auch zur Popularisierung von Begriffen wie &#8222;Antikapitalismus&#8220; und   &#8222;demokratischer Sozialismus&#8220; bei. Gleichzeitig versucht er die   Radikalisierung der WASG bzw. der neuen Partei zu verhindern bzw. zu   kontrollieren und orientiert letztlich, &#228;hnlich wie die ostdeutschen   L.PDS-F&#252;hrerInnen, auf Regierungskoalitionen mit der SPD. Kommt es zu   Massenprotesten gegen die Politik der Gro&#223;en Koalition wird die neue   Partei davon profitieren k&#246;nnen, wenn Lafontaine diese unterst&#252;tzen wird. <\/p>\n<p>  Das muss nicht dazu f&#252;hren, dass sich ihr viele neue Mitglieder   anschlie&#223;en. Schlie&#223;lich ist das innere Leben und die Kampagnent&#228;tigkeit   unattraktiv und bildet sich bisher keine bundesweit starke organisierte   linke Opposition heraus, die selbst&#228;ndig ein Anziehungspol werden   k&#246;nnte. Aber es ist doch zu erwarten, dass die zuk&#252;nftige Linkspartei   erst einmal auf der Wahlebene von der wachsenden Radikalisierung und   Entfremdung vom Kapitalismus wird profitieren k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Es ist also m&#246;glich, dass f&#252;r linke und antikapitalistische   AktivistInnen innerhalb der neuen Partei nur wenig durchsetzbar sein   wird, es aber auch nicht erfolgversprechend sein wird, eine neue Partei   zu proklamieren.<\/p>\n<p>  Gleichzeitig werden die Klassenwiderspr&#252;che zunehmen und die   Notwendigkeit des Widerstandes wird sich Bahn brechen. Gr&#246;&#223;ere K&#228;mpfe,   an denen sich neue Schichten von ArbeiterInnen und Jugendlichen   beteiligen, k&#246;nnen sich auch in der zuk&#252;nftigen Partei niederschlagen   und zu einer Linksverschiebung und Belebung der Strukturen f&#252;hren. Das   ist aber kein Automatismus. Es ist genauso m&#246;glich, dass die   Unattraktivit&#228;t der Partei und ihre Einbindung in Landesregierungen   k&#228;mpferische und radikalisierte AktivistInnen von einem Eintritt   abhalten wird und sich diese in der n&#228;chsten Phase in betrieblichen   Zusammenh&#228;ngen, Gewerkschaften und sozialen Bewegungen engagieren.<\/p>\n<p>  Die oppositionellen Kr&#228;fte aus und um WASG und L.PDS sollten sich   deshalb auch darauf orientieren, unabh&#228;ngige Kampagnen zu starten und   f&#252;r diese in Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und der fusionierten   Linkspartei einzutreten. So kann Druck &#8211; von innen und au&#223;en &#8211; auf diese   Partei ausge&#252;bt werden, ohne die eigene Handlungsf&#228;higkeit von den   Beschl&#252;ssen der Parteigremien abh&#228;ngig zu machen. So kann der Kampf f&#252;r   eine tats&#228;chlich k&#228;mpferische und sozialistische neue Arbeiterpartei   fortgesetzt werden, die durch zuk&#252;nftige Wellen von gr&#246;&#223;eren   Klassenk&#228;mpfen auf die Tagesordnung gesetzt werden wird..<\/p>\n<h5>  Was tun?<\/h5>\n<p>  Konkret sollte das Netzwerk Linke Opposition den Kampf um die   Ausrichtung und politische Basis der neuen Partei nicht vorzeitig   beenden. Im November ist der n&#228;chste Bundesparteitag. Dort sollte   beantragt werden, dass die WASG einem Zusammenschluss nur zustimmt, wenn   die neue Partei erstens sich an keiner Regierung beteiligen wird, die   Sozialabbau betreibt und zweitens die neue Partei demokratisch gegr&#252;ndet   wird und dabei solche AktivistInnen einbezogen werden, die in keiner der   Parteien sind.<\/p>\n<p>  Der Ausgang der Berliner Abgeordnetenhauswahlen wird einen wichtigen   Einfluss auf die weiteren Debatten in der WASG nehmen. Ein Abschmieren   der L.PDS und ein gutes Wahlergebnis der WASG Berlin (und gut beginnt   sicher nicht erst bei f&#252;nf Prozent) w&#228;re ein Signal, das in WASG und   L.PDS die Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse noch einmal in Bewegung bringen kann und   vor allem die linken und oppositionellen Kr&#228;fte st&#228;rken w&#252;rde. Ob dies   reichen wird, den Bundesparteitag im November zu gewinnen, ist   unwahrscheinlich. Aber es k&#246;nnte die Ausgangsbasis f&#252;r   links-oppositionelle Arbeit deutlich verbessern.<\/p>\n<p>  Es werden sich auch Fragen stellen, die jetzt noch nicht absehbar sind.   So k&#246;nnte die WASG Berlin durch Ausschluss aus der Bundespartei oder   durch Nicht-Aufnahme in die zuk&#252;nftige Partei in die Rolle einer linken   Regionalpartei gezwungen werden. Im Land Berlin h&#228;tte eine solche   zweifellos eine ausreichende Basis zur erfolgreichen politischen Arbeit,   insbesondere nach einem Einzug ins Abgeordnetenhaus. Das wird aber nicht   bundesweit gelten, so dass m&#246;glicherweise ganz unterschiedliche   regionale Bedingungen entstehen und die Kr&#228;fte, die heute in WASG und   L.PDS als antikapitalistische Linke kooperieren, dies in Zukunft nicht   &#252;berall als Mitglieder derselben Partei werden tun k&#246;nnen. Alleine   deshalb sollte das Netzwerk Linke Opposition weiterhin offen sein f&#252;r   AktivistInnen, die nicht in einer der Parteien bzw. der zuk&#252;nftigen   Partei organisiert sind. Es sollte aber nicht den Fehler begehen, eine   weitere, sechste Partei auszurufen. Diese w&#228;re in den n&#228;chsten Monaten   und Jahren zum Scheitern verurteilt und k&#246;nnte keinen Masseneinfluss   gewinnen. Sie w&#252;rde wichtige AktivistInnen ins politische Abseits   bringen und dadurch Frustration und Passivit&#228;t f&#246;rdern.<\/p>\n<p>  Der Kampf f&#252;r eine wirklich k&#228;mpferische und sozialistische   Arbeiterpartei muss fortgesetzt werden. Nach der Fusion von WASG und   L.PDS werden daf&#252;r neue Anl&#228;ufe n&#246;tig sein. Diese werden wahrscheinlich   von Kr&#228;ften innerhalb und au&#223;erhalb der neuen Partei unternommen werden. <\/p>\n<p>  Ob ein n&#228;chster Anlauf erfolgreich sein wird, h&#228;ngt auch von der St&#228;rke   der marxistischen Kr&#228;fte in diesem Prozess ab. Wenn sich die Erfolge der   SAV bei der Mitgliedergewinnung und dem Aufbau neuer &#246;rtlicher Gruppen   fortsetzen, und die marxistischen Kr&#228;fte nicht mit einigen Hundert,   sondern einigen Tausend AktivistInnen zuk&#252;nftige Prozesse beeinflussen   k&#246;nnen, kann dies der entscheidende Faktor f&#252;r einen zuk&#252;nftigen Erfolg   sein.<\/p>\n<\/p>\n<p>  <i>Sascha Stanicic ist Bundessprecher der SAV und Redakteur von   sozialismus.info. Er ist aktives Mitglied der WASG Berlin.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      WASG und Linkspartei.PDS werden im n&#228;chsten Jahr sehr wahrscheinlich<br \/>\n      fusionieren. Offen sind jedoch die Fragen, auf welcher programmatischen<br \/>\n      Basis und in welcher Form der Zusammenschluss stattfinden wird &#8211; und wie<br \/>\n      viele WASG-Mitglieder ihn mitmachen werden. Denn viele Aktivistinnen und<br \/>\n      Aktivisten, die in den Jahren 2004 und 2005 mit Begeisterung an den<br \/>\n      Aufbau der neuen Partei WASG gegangen sind, sehen die Fusion mit der<br \/>\n      L.PDS &#228;u&#223;erst kritisch. Manche sind grunds&#228;tzlich dagegen. 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