{"id":11703,"date":"2006-07-26T14:45:57","date_gmt":"2006-07-26T14:45:57","guid":{"rendered":".\/?p=11703"},"modified":"2006-07-26T14:45:57","modified_gmt":"2006-07-26T14:45:57","slug":"11703","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/07\/11703\/","title":{"rendered":"&#8222;H&#228;rten und Zumutungen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Zank in der Gro&#223;en Koalition darf nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass die   Umverteilungspolitik forciert wird <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Am 19. Juli gab das Magazin Capital eine Umfrage bekannt, nach der 67   Prozent der Unternehmer von der Merkel-Regierung &#8222;entt&#228;uscht&#8220; sind.   Bundespr&#228;sident K&#246;hler, ein neoliberaler Einpeitscher, forderte Union   und SPD dazu auf, &#8222;endlich ihre Sandkastenspiele zu beenden&#8220; und &#8222;die   dr&#228;ngenden Probleme [im Sinne der Unternehmer] anzugehen&#8220;.<\/p>\n<p>  <i>von Marcus Hesse, Aachen<\/i><\/p>\n<p>  Generell kommt aus dem Unternehmerlager Kritik an der Bundesregierung.   Mitte Juli wurden aber in der &#214;ffentlichkeit unterschiedliche T&#246;ne   angeschlagen.<\/p>\n<p>  <b>Teile der Kapitalverb&#228;nde fordern h&#228;rtere Gangart<\/b><\/p>\n<p>  Als die fr&#252;heren Pr&#228;sidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie   (BDI), Rogowski und Henkel, die Berufung des CDU-Bundestagsabgeordneten   und parlamentarischen Fraktionsgesch&#228;ftsf&#252;hrers Norbert R&#246;ttgen zum   BDI-Gesch&#228;ftsf&#252;hrer anprangerten, ging es ihnen nicht um so etwas wie   &#196;mterh&#228;ufung. R&#246;ttgen als Merkel-Intimus steht f&#252;r den Kurs vom   amtierenden BDI-Chef Thumann. Dieser wird von Rogowski, Henkel und   BDI-Vize Klingelnberg als &#8222;zu milde&#8220; gegen&#252;ber der Union angesehen. <\/p>\n<p>  In einer Talkshow beim Sender Deutsche Welle TV verlangte Henkel von   Merkel einen &#8222;Befreiungsschlag&#8220;, mit einer radikalen Privatisierung der   sozialen Sicherungssysteme, der faktischen Abschaffung des   K&#252;ndigungsschutzes und umfangreichen Steuergeschenken an die Unternehmen. <\/p>\n<p>  <b>Profilierungsstreit in der Koalition<\/b><\/p>\n<p>  Dabei ist es nicht wenig, was Merkel und M&#252;ntefering bereits   &#8222;verbrochen&#8220; haben: Mehrwertsteuererh&#246;hung, Versch&#228;rfung von Hartz IV,   Entlastung der Konzerne und Abw&#228;lzung von Kosten auf die arbeitende   Bev&#246;lkerung.<\/p>\n<p>  Hier war man sich rasch einig. Konsens bestand auch dar&#252;ber, dass   &#8222;H&#228;rten und Zumutungen&#8220;, so Finanzminister Steinbr&#252;ck, beschlossen   werden m&#252;ssen, w&#228;hrend die Fu&#223;ball-WM auf Hochtouren l&#228;uft. Dann drangen   aber zunehmend Streitigkeiten zwischen CDU\/CSU und SPD durch.<\/p>\n<p>  Ein Grund besteht darin, dass die Zustimmung in der Bev&#246;lkerung zur   Regierung Merkel massiv gesunken ist. Nach einer Umfrage von   ARD-Deutschlandtrend sind 74 Prozent mit der Arbeit der Bundesregierung   nicht zufrieden. So geht es Teilen der SPD darum, nach au&#223;en hin ein   eigenes, sozialeres Profil zu zeigen.<\/p>\n<p>  Vor allem die Gesundheitsreform wurde zum Anlass f&#252;r scharfe   Auseinandersetzungen. Hier wollten beide Seiten, dass ihre Handschrift   erkennbar wird. Da ihnen aufgrund der verschiedenen genannten Faktoren   nicht der von den Kapitalisten geforderte &#8222;gro&#223;e Wurf&#8220; gelang, wurde die   &#8222;Kakofonie&#8220; unter den Koalition&#228;ren lauter (sowie die Vorw&#252;rfe aus   Unternehmerkreisen).<\/p>\n<p>  <b>Gesundheitsreform<\/b><\/p>\n<p>  Doch auch wenn die Gesundheitsreform, die letztlich nur ein Kompromiss   ist, keinen der Koalitionspartner so richtig gl&#252;cklich macht, nannte   Merkel sie &#8222;eine ganz neue Etappe in der Finanzierung des   Gesundheitssystems&#8220;. Und tats&#228;chlich bedeutet sie den faktischen   Abschied von der parit&#228;tischen Finanzierung des Gesundheitswesens. Ziel   ist es, den Arbeitgeberanteil an der Finanzierung zu dr&#252;cken. F&#252;r die   Masse der Bev&#246;lkerung erh&#246;hen sich die Krankenkassenbeitr&#228;ge 2007 nicht   nur um etwa 0,5 Prozentpunkte, sie m&#252;ssen zudem den von Rot-Gr&#252;n   eingef&#252;hrten &#8222;Sonderbeitrag&#8220; von 0,9 Prozent hinbl&#228;ttern. Aus dem neu   eingerichten Gesundheitsfonds, in den Arbeitnehmer und Arbeitgeber   einzahlen, werden den gesetzlichen Krankenkassen f&#252;r jeden Versicherten   die gleichen Beitr&#228;ge &#252;berwiesen. F&#252;r dar&#252;ber hinaus gehenden   Finanzbedarf sollen bei den Versicherten Zuschl&#228;ge erhoben werden. Die   Kassen k&#246;nnen auch mit einem Zusatzbeitrag f&#252;r alle &#8222;zumindest eine   kleine Kopfpauschale&#8220; (Die Zeit) erheben.<\/p>\n<p>  Parallel dazu hat das Kabinett auch noch eine gewaltige steuerliche   Entlastung von Kapitalgesellschaften beschlossen (siehe Seite 1).<\/p>\n<p>  <b>F&#246;deralismusreform<\/b><\/p>\n<p>  Mit der so genannten F&#246;deralismusreform (der bislang massivsten aller   Grundgesetz&#228;nderungen) gibt der Bund viele Kompetenzen an die   Landesregierungen ab. Was auf dem ersten Blick harmlos erscheint, hat es   in sich. So sind es jetzt allein die Landesregierungen, die &#252;ber das   Ladenschlussgesetz, den Strafvollzug und das Versammlungsrecht   entscheiden. Im Falle der Laden&#246;ffnungszeiten streben einige nun ihre   v&#246;llige Freigabe an.<\/p>\n<p>  Die F&#246;deralismusreform wird f&#252;r die Landesregierungen dazu benutzt,   einen Wettbewerb zwischen den L&#228;ndern um die niedrigsten Sozialstandards   und die niedrigsten L&#246;hne im &#246;ffentlichen Dienst zu starten. Gemeinsamer   Widerstand der Besch&#228;ftigten wird durch die Zersplitterung und die   unterschiedlichen Verh&#228;ltnisse in den verschiedenen Bundesl&#228;ndern   erschwert.<\/p>\n<p>  <b>Demokratieabbau und Rassismus<\/b><\/p>\n<p>  Begleitet wird diese Politik von verst&#228;rktem staatlichen Rassismus.   Nahtlos an die Hetze vom Fr&#252;hjahr dieses Jahres ankn&#252;pfend, fordern   Politiker aller etablierten Parteien von MigrantInnen unter   Strafandrohung, sich doch gef&#228;lligst zu integrieren.<\/p>\n<p>  Gleichzeitig lud die Kanzlerin zum ersten &#8222;Integrationsgipfel&#8220; ein. Zu   dieser Showveranstaltung sagte Merkel, dass es bei dem Gipfel &#8222;weniger   um Konsequenzen f&#252;r Integrationsverweigerer&#8220; gegangen w&#228;re, als &#8222;um eine   Betonung der [nicht vorhandenen] Angebote&#8220;. Dagegen spricht die reale   Politik der Gro&#223;en Koalition eine deutlichere Sprache: So forderte   Innenminister Sch&#228;uble gleich nach dem Gipfel h&#228;rter durchzugreifen und   eine generelle Versch&#228;rfung des Ausl&#228;nderrechts. MigrantInnen, die zu   Hartz-IV-Empf&#228;ngerInnen werden, sollen k&#252;nftig ausgewiesen werden   k&#246;nnen, Deutsche, die von Sozialhilfe leben, sollen keine ausl&#228;ndischen   Ehepartner mehr ins Land holen d&#252;rfen, und Abschiebungen von   MigrantInnen, deren Duldung abl&#228;uft, sollen erleichtert werden. Die   Ank&#252;ndigung solcher Abschiebungen vier Wochen vorher soll wegfallen.<\/p>\n<p>  Die nach den Anschl&#228;gen vom 11. September 2001 erlassenen   &#8222;Anti-Terror-Gesetze&#8220; werden um weitere f&#252;nf Jahre verl&#228;ngert und   erg&#228;nzt. Nach dem Beschluss des Kabinetts sollen auch die Befugnisse der   Geheimdienste ausgeweitet werden.<\/p>\n<p>  Wenn die Thumanns leiser, die Rogowskis lauter Kritik an der Regierung   &#228;u&#223;ern, dann kommt damit nur zum Ausdruck, dass sie ein noch schnelleres   Tempo einfordern. Es zeigt au&#223;erdem, dass im heutigen Stadium des   Kapitalismus beim Abbau fr&#252;herer Errungenschaften kein Ende in Sicht ist   &#8211; au&#223;er ArbeiterInnen, Erwerbslose und Jugendliche setzen sich   entschlossen gegen diese &#8222;H&#228;rten&#8220; zu Wehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Zank in der Gro&#223;en Koalition darf nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass die<br \/>\n      Umverteilungspolitik forciert wird<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[50],"tags":[184],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11703"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11703"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11703\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11703"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11703"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11703"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}