{"id":11693,"date":"2006-07-19T09:55:46","date_gmt":"2006-07-19T09:55:46","guid":{"rendered":".\/?p=11693"},"modified":"2006-07-19T09:55:46","modified_gmt":"2006-07-19T09:55:46","slug":"11693","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/07\/11693\/","title":{"rendered":"Eine Mine, die niemand entsch&#228;rfen will"},"content":{"rendered":"<p>  Israel: Fast sechs Monate sind vergangen, seit Hamas* in die Regierung   gew&#228;hlt wurde. <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Yasha Marmerstien, Maavak Sozialisti (Schwesterpartei der SAV und   Sektion des CWI in Israel und Pal&#228;stina), Israel<\/i><\/p>\n<p>  Das Ergebnis der pal&#228;stinensischen Wahlen hat in Israel gro&#223;e Unruhe   entfacht, die pal&#228;stinensische Politik bedeutend ver&#228;ndert und   aufgezeigt, wie sich in den pal&#228;stinensischen Gebieten die sozialen   Verh&#228;ltnisse entlang von Massenarmut, israelischen Milit&#228;reins&#228;tzen und   verbreiteter Hoffnungslosigkeit entwickeln. W&#228;hrend Israels   Ministerpr&#228;sident Ehud Olmert und seine Koalitionspartner mit einer   Politik fortfahren, die die soziale Krise in den besetzten Gebieten   verschlimmert und sie damit eine Situation bef&#246;rdern, in der die   Zustimmung zu Selbstmordattentaten zunimmt, muss die entscheidende Frage   lauten, ob der &#8222;Plan zur beiderseitigen Ann&#228;herung&#8220; [Olmerts Plan zur   Beendigung der Siedlungen] und die Trennung Israels von den   Pal&#228;stinensergebieten durch eine Mauer die Selbstmordattacken beenden   werden.<\/p>\n<p>  Die Regierung Olmert erw&#228;gt keine langfristige L&#246;sung des Konflikts,   sondern sucht einen Weg, um Israels Position im globalen Markt stabil   und &#8222;f&#252;r Investitionen attraktiv&#8220; zu halten. Die K&#252;rzungen in den   sozialen Sicherungssystemen und die Privatisierung der meisten Bereiche,   die im &#246;ffentlichen Sektor noch &#252;brig geblieben sind, sind wesentliche   Bestandteile dieses Prozesses. Die Politiker werden in Fragen der   &#8222;Sicherheit&#8220; von exakt denselben Motiven geleitet wie in   wirtschaftlichen Entscheidungen &#8211; in beiden Bereichen denken sie jeweils   nicht an die Interessen der Bev&#246;lkerungsmehrheit zwischen Jordan und   Mittelmeer [also an die Mehrheit aller Menschen, die im Staat Israel   leben], sondern in erster Linie an die Wirtschaftselite des Landes.<\/p>\n<p>  Wie die Initiativen der bisherigen israelischen Regierungen, ist auch   der &#8222;Plan zur beiderseitigen Ann&#228;herung&#8220; ein weiterer Versuch, die   &#246;konomischen Kosten der Besetzungen zu verringern und den politischen   Druck abzufedern. Dieser Druck wird nicht nur seitens der kriegsm&#252;den   israelischen Bev&#246;lkerung auf die Regierung ausge&#252;bt, sondern auch von   der Bush-Administration und der EU, die beide am &#214;l aus dem Nahen Osten   interessiert sind, das ohne Hindernisse flie&#223;en soll.<\/p>\n<p>  Gegen&#252;ber dem Abzug aus dem Gazastreifen beinhaltet der &#8222;Plan zur   beiderseitigen Ann&#228;herung&#8220; noch nicht einmal eine erw&#228;hnenswerte   Verkleinerung der israelischen Milit&#228;rpr&#228;senz im Westjordanland (West   Bank). Lediglich die R&#228;umung der weit vom Mutterland entfernten   Au&#223;enposten [mit &#8222;Au&#223;enposten&#8220; sind hier die sehr kleinen Siedlungen   gemeint, die von ideologischen Extremisten gebaut wurden, haupts&#228;chlich   mit der Absicht, die Weiterentwicklung der pal&#228;stinensischen St&#228;dte und   D&#246;rfer zu verhindern] ist vorgesehen, da diese weder f&#252;r das Milit&#228;r   noch f&#252;r die Regierung einen weiteren Nutzen haben. Mit dem &#8222;Plan zur   beiderseitigen Ann&#228;herung&#8220; ist die Absicht verbunden, das Gebiet des   Westjordanlands dauerhaft in den bestehenden Grenzen festzulegen. Doch   dieser Plan wird nicht durch die R&#228;umung einiger weitab liegender   Siedlungen umgesetzt werden k&#246;nnen. Auch die Eingrenzung des   Westjordanlands durch eine Mauer wird nur wenig dazu beitragen.<\/p>\n<p>  Der Trennungswall wurde den israelischen Juden als das effiziente Mittel   gegen die Selbstmordattentate pr&#228;sentiert. Die Effektivit&#228;t dieser Mauer   zur Eind&#228;mmung solcher Gewalttaten ist allerdings beschr&#228;nkt. Die   letzten Bombenanschl&#228;ge fanden z.B. in den israelischen St&#228;dten Netanya   und Hadera statt und die T&#228;ter kamen aus der Gegend um Tulkarem, einer   Stadt mit rund 55.000 EinwohnerInnen im Westjordanland an der Grenze zu   Israel. An dieser Stelle wurde die Mauer bereits vor zwei Jahren   fertiggestellt. Zudem kann die Mauer nat&#252;rlich wenig ausrichten gegen   Bombardierungen mit Kurzstreckenwaffen. Die Art und Weise, mit der die   Mauer errichtet wurde, zeigt auch, dass ihr Streckenverlauf an vielen   Stellen eher von politischen als von Sicherheits&#252;berlegungen abh&#228;ngt.   Die tats&#228;chliche Absicht hinter dem Mauerbau ist die Annexion von Land   und die Verst&#228;rkung der israelischen Kontrolle &#252;ber das Westjordanland.   Zwischenzeitlich hat die Mauer\/der Zaun zu gro&#223;em Leid unter den   ArbeiterInnen und Bauern\/B&#228;uerinnen in den besetzten Gebieten gef&#252;hrt,   da viele von ihnen nun auch von ihren Arbeitspl&#228;tzen bzw. L&#228;ndereien   abgeschnitten sind. Das wiederum f&#252;hrt zu einer Art stiller Migration,   weil die Menschen ohne Eink&#252;nfte einfach nicht l&#228;nger &#252;berleben k&#246;nnen.   Das Ergebnis davon sind Zehntausende von zus&#228;tzlichen Fl&#252;chtlingen, die   nichts mehr zu verlieren haben. Dass die soziale Basis f&#252;r den   Terrorismus dadurch noch gef&#246;rdert wird, liegt auf der Hand.<\/p>\n<p>  Unterdessen hat die israelische Regierung es mit der Umsetzung des   &#8222;Plans zur beiderseitigen Ann&#228;herung&#8220; nicht eilig, da die instabile   Situation in den besetzten Gebieten sich verst&#228;rkt und damit die Frage   aufkommt, ob der Plan &#252;berhaupt noch umgesetzt werden wird. Zwar werden   die &#220;berlegungen als unilateral (von Seiten der israelischen Regierung)   dargestellt, doch ist es f&#252;r seine eventuelle Umsetzung n&#246;tig, auf   pal&#228;stinensischer Seite ein mehr oder weniger stabiles Regime   vorzufinden, das f&#252;r relativen Frieden sorgen kann.<\/p>\n<p>  Als Reaktion auf die pal&#228;stinensischen Parlamentswahlen entschied sich   die israelische Regierung, unterst&#252;tzt von Bush-Administration und der   EU-F&#252;hrung, daf&#252;r, die Pal&#228;stinenserInnen f&#252;r ihre falsche Wahl zu   bestrafen. Die Konten der pal&#228;stinensischen Autonomiebeh&#246;rde bei   israelischen Banken wurden bis auf weiteres eingefroren und wegen des   nicht Vorhandenseins einer unabh&#228;ngigen pal&#228;stinensischen Bank wurde   damit jeder Geldtransfer der pal&#228;stinensischen Regierung unm&#246;glich   gemacht. Der pal&#228;stinensische Haushalt bel&#228;uft sich auf ann&#228;hernd 1,9   Milliarden US-$, von denen 1,3 Milliarden US-$ aus Finanzhilfen der USA   und der EU sowie aus vom israelischen Staat eingetriebenen Steuern   bestehen. Das Zur&#252;ckhalten dieser Finanzsumme bedeutet den Kollaps der   wirtschaftlichen Situation und damit eine wahre humanit&#228;re Katastrophe.   Die 130.000 Angestellten der pal&#228;stinensischen Autonomiebeh&#246;rde, von   denen laut Weltbank rund 1,5 Mio. Pal&#228;stinenserInnen direkt finanziell   abh&#228;ngen, wurden schon seit zwei Monaten nicht mehr bezahlt.   Krankenh&#228;user stehen am Rande des Zusammenbruchs und 70% der Schulen   stehen wegen des Mangels an finanziellen Mittel kurz vor der Schlie&#223;ung.<\/p>\n<p>  Doch die Beweggr&#252;nde f&#252;r diesen &#246;konomischen Boykott sind nicht   ausschlie&#223;lich mit einem Vorgehen gegen Hamas zu begr&#252;nden. Sowohl   Olmert als auch die Bush-Administration haben schlie&#223;lich bei   unterschiedlichen Gelegenheiten in der Vergangenheit erkl&#228;rt, dass sie   eventuelle Verhandlungen mit Hamas nicht vollkommen ablehnen. Der   Wirtschafts-Boykott wird von der israelischen Regierung dazu benutzt,   Druck auf die Hamas-F&#252;hrung auszu&#252;ben, damit diese die Pl&#228;ne der   israelischen Regierung und die Rolle der Fatah* der 1990er Jahre   akzeptiert: Israelischen Unternehmern sollen billige Arbeitskr&#228;fte aus   den besetzten Gebieten zur Verf&#252;gung stehen und Fragen der Sicherheit,   des Transportwesens, der Bildung etc. sollen wie gehabt auf t&#228;glicher   Basis neu behandelt werden. Einige Hamas-F&#252;hrer sind auch gewillt,   dieser Vorgehensweise zuzustimmen. Allerdings bef&#252;rchten viele aus der   F&#252;hrungsschicht von Hamas, dass durch eine enge Zusammenarbeit mit der   israelischen Regierung die momentane Massenunterst&#252;tzung f&#252;r ihre   Organisation schwinden k&#246;nnte. Ganz so, wie es schon die Fatah in der   Vergangenheit erleben musste.<\/p>\n<p>  Die Weigerung von Hamas, sich dem Druck Israels zu beugen, wird in der   pal&#228;stinensischen &#214;ffentlichkeit noch als couragiertes Verhalten   wahrgenommen. Und die sozialen Umst&#228;nde, die Hamas&#180; Sieg bei den Wahlen   entscheidend begr&#252;ndeten, sind immer noch dieselben. Tats&#228;chlich haben   sie sich durch den wirtschaftlichen Boykott und den Mangel an   Sozialleistungen noch weiter zugespitzt. So lange die Menschen in den   besetzten Gebieten derart in Mitleidenschaft gezogen werden, stellt sich   ihnen Hamas im Vergleich zur Fatah als das kleinere &#220;bel dar. Die   Korruption innerhalb der Fatah, ihre Hilflosigkeit gegen&#252;ber der   israelischen Besatzung und die anarchischen Zust&#228;nde, die damit &#252;ber die   pal&#228;stinensische Bev&#246;lkerung gekommen sind, haben sie f&#252;r die meisten   der in den besetzten Gebieten lebenden Menschen unakzeptabel werden   lassen. Die weiter herrschende Arbeitslosigkeit und der Zusammenbruch   des Wohlfahrtssystems der pal&#228;stinensischen Autonomiebeh&#246;rde haben dazu   gef&#252;hrt, dass die soziale F&#252;rsorge, die Hamas zur Verf&#252;gung stellt, f&#252;r   weite Teile der Pal&#228;stinenserInnen unentbehrlich geworden ist. Und Hamas   wei&#223; ganz genau, wie sie dies in politische Unterst&#252;tzung umm&#252;nzen kann.   Dabei reicht ihr v&#246;llig, dass sich nur eine Minderheit der Menschen   aufrichtig und ernsthaft der Organisation verpflichtet f&#252;hlt.<\/p>\n<p>  Selbst jetzt, nach sechs Monaten seit Hamas&#180; Macht&#252;bernahme in den   besetzten Gebieten, genie&#223;t man immer noch Unterst&#252;tzung bei der   Mehrheit der Pal&#228;stinenserInnen. Und diese Unterst&#252;tzung rechtfertigen   die Menschen damit, dass nicht Hamas, sondern der Staat Israel und mit   ihm die US-Regierung verantwortlich sind f&#252;r die wirtschaftliche   Atemnot. Trotz allem kann die Zustimmung zu Hamas nicht gleichgesetzt   werden mit einer Zustimmung f&#252;r Selbstmordanschl&#228;ge oder f&#252;r die   vollkommen irrealen L&#246;sungsvorschl&#228;ge, die Hamas anbietet: ein   islamischer Staat vom Jordan im Osten bis ans Mittelmeer im Westen. Die   Unterst&#252;tzung f&#252;r Hamas erw&#228;chst aus dem Vakuum, das von der   pal&#228;stinensischen Politik erzeugt wird und aus dem Fehlen einer   politischen Kraft, die ihre Basis unter den ArbeiterInnen und Armen des   Westjordanlands und des Gazastreifens h&#228;tte. Eine solche politische   Kraft k&#246;nnte eine echte und praktikable Strategie vorschlagen, mit der   die Besatzung beendet und die Korruption innerhalb der pal&#228;stinensischen   Autonomiebeh&#246;rde abgeschafft werden k&#246;nnte.<\/p>\n<p>  Die augenscheinliche Tatsache, dass der Wirtschafts-Boykott die   Unterst&#252;tzung f&#252;r Hamas bis zum jetzigen Zeitpunkt eben nicht kleiner   werden l&#228;sst, f&#252;hrt dazu, dass die Fatah einen gr&#246;&#223;eren Anteil an der   Macht innerhalb der Autonomiebeh&#246;rde f&#252;r sich beansprucht. Die Fatah   versucht nun mit Gewalt das zu erreichen, was sie &#252;ber die Wahlen nicht   geschafft hat. So f&#252;hrt dann die Konfrontation der beiden gro&#223;en   pal&#228;stinensischen Organisationen dazu, dass sich die Lage bis hin zum   bewaffneten Kampf verschlimmert. Und die AktivistInnen der Fatah finden   sich mittlerweile in einer g&#228;nzlich ver&#228;nderten Situation wieder: Nicht   nur, dass ihre Organisation nicht mehr die herrschende Partei ist, hinzu   kommt, dass sie selbst ihre Arbeit verloren haben.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend die K&#228;mpfe zwischen den bewaffneten Kr&#228;ften von Fatah und Hamas   politischer Natur sind, werden die Wurzeln daf&#252;r aus dem ernsthaften   Mangel an den grundlegendsten Ressourcen gen&#228;hrt. Und die Frage, wer nun   diesen Mangel verwalten soll, ist selbstredend als kritisch zu   bezeichnen. Nach einige Wochen anhaltenden Scharm&#252;tzeln zwischen   Fraktionen von Hamas und Fatah, beschlossen die politischen F&#252;hrungen   beider Organisationen &#252;ber die Frage der Machtaufteilung in   Verhandlungen einzutreten.<\/p>\n<p>  Die bewaffneten Auseinandersetzungen im Gazastreifen k&#246;nnen durchaus das   Level erreichen, das wir tagt&#228;glich aus dem Irak kennen, wo jede Stadt,   jeder Ort unter der Kontrolle unterschiedlicher bewaffneter Milizen   steht. Sich ausweitende K&#228;mpfe zwischen einzelnen Organisationen werden   einen Effekt auf den ganzen Nahen Osten haben und zu einem allgemeinen   Stadium von Instabilit&#228;t und Blutvergie&#223;en f&#252;hren. Ein m&#246;gliches   Ergebnis der weiteren Verschlechterung der Lage k&#246;nnte der totale   Kollaps der pal&#228;stinensischen Autonomiebeh&#246;rde sein.<\/p>\n<p>  Die Errichtung der pal&#228;stinensischen Autonomiebeh&#246;rde durch Israel in   den fr&#252;hen 1990er Jahren stellte einen bedeutenden Schritt f&#252;r die   wirtschaftliche und politische Elite des Landes dar. Eine neue Autorit&#228;t   &#252;bernahm damit von der israelischen Regierung und dem israelischen   Milit&#228;r die Aufgabe, ein Sozialsystem, eine funktionierende   Kriminalit&#228;tsbek&#228;mpfung, ein Post- und Kommunikationswesen etc.   aufzubauen. Der m&#246;gliche Zusammenbruch der pal&#228;stinensischen   Autonomiebeh&#246;rde w&#252;rde Israel um gut 15 Jahre auf das Level   zur&#252;ckwerfen, als man die pal&#228;stinensischen St&#228;dte unmittelbar   verwaltete. Dies w&#228;re ohne eine milit&#228;rische Wieder-Besetzung nicht   durchf&#252;hrbar.<\/p>\n<p>  Sowohl f&#252;r die Eliten in Israel als auch f&#252;r die US-Administration ist   dies Szenario der Alptraum: Eine Neu-Besetzung des Gazastreifens und des   Westjordanlands durch die israelische Armee w&#252;rde die ganze Region in   Flammen setzen, dar&#252;ber hinaus die Position der USA im Irak weiter   schw&#228;chen und die mit den USA verb&#252;ndeten Regimes im Nahen Osten weiter   destabilisieren.<\/p>\n<p>  Es ist wahrscheinlich, dass der Widerstand gegen einen erneuten   israelischen Einmarsch mit einer Zunahme an Selbstmordattentaten und der   Gr&#252;ndung kleinster bewaffneter Einheiten einher gehen wird, die gezielte   Attentate unter der Bev&#246;lkerung ver&#252;ben werden. Eine solche Entwicklung   w&#252;rde die Kluft zwischen den ArbeiterInnen in Israel und in den   pal&#228;stinensischen Gebieten weiter vergr&#246;&#223;ern, Angst und   Hoffnungslosigkeit w&#252;rden auf beiden Seiten weiter zunehmen.<\/p>\n<p>  Als Teil der politischen Auseinandersetzung zwischen Hamas und Fatah   kann der Versuch des Chefs der pal&#228;stinensischen Autonomiebeh&#246;rde, Abu   Mazen (=Mahmud Abbas), angesehen werden, der j&#252;ngst ein von Marwan   Barghuti eingeleitetes Abkommen vorstellte. Dieses Abkommen wurde von   allen pal&#228;stinensischen Fraktionen unterzeichnet, die zur Zeit im   israelischen Hadarim Gef&#228;ngnis sitzen. Abbas verlangt von der   Hamas-Regierung, dieses Abkommen ebenfalls zu unterschreiben und droht   damit andernfalls ein Referendum durchf&#252;hren lassen zu wollen, das die   darin er&#246;rterten Fragen aufgreifen soll. F&#252;r Abbas stellt das   beschriebene Schriftst&#252;ck ein weiteres Druckmittel gegen die Hamas dar,   um seine eigene Kontrolle &#252;ber die Bev&#246;lkerung zu st&#228;rken. Er will das   m&#246;gliche Referendum als eine Art zweiter Parlamentswahl f&#252;r seine Zwecke   nutzen. Das Abkommen selbst ruft alle Fraktionen dazu auf, unter der   &#196;gide der PLO* zusammen zu kommen und Israel anzuerkennen. Im Gegenzug   soll Israel sich bis zu den im Jahre 1967 geltenden Grenzen zur&#252;ckziehen   und die Rechte der pal&#228;stinensischen Fl&#252;chtlinge anerkennen. [Mahmud   Abbas hatte angek&#252;ndigt, dass das besagte Referendum unter den   Pal&#228;stinenserInnen am 26. Juli stattfinden sollte. Die Reaktion der   gefangenen Mitglieder von Hamas und Islamischem Dschihad* war, dass   diese ihre Unterschrift zur&#252;ckzogen. Bis heute hat keine solche   Volksabstimmung stattgefunden].<\/p>\n<p>  Die Vereinbarung &#228;hnelt sehr den Ans&#228;tzen, die schon im Oslo-Abkommen in   den 1990er Jahre definiert wurden und beinhaltet daher auch alle Fehler,   die diese internationale &#220;bereinkunft bereits hatte. Das zentrale   Problem ist, dass diese Vereinbarungen die Verh&#228;tnisse vollkommen au&#223;er   Acht lassen, die in der Praxis herrschen. Die &#246;konomische Konstellation   im Nahen Osten macht eine ernst gemeinte Staatsgr&#252;ndung Pal&#228;stinas im   Wirtschaftssystem des Kapitalismus unm&#246;glich. Im besten Fall entsteht   dabei ein von der israelischen Elite politisch wie &#246;konomisch vollkommen   abh&#228;ngiger Staat. Und diese Elite wird nat&#252;rlich alles daran setzen, die   abgesteckten eigenen Interessen dar&#252;ber zu verwirklichen. Die Interessen   der Oberschichtsind wiederum unvereinbar mit den Erwartungen der Massen   in den bis dato besetzten Gebieten. Hier strebt mensch nach nichts   weiter als einem akzeptablen Lebensstandard und der Regeneration der   pal&#228;stinensischen Gesllschaft. W&#228;hrend der Verhandlungen in Oslo haben   sich die Lebensbedingungen hingegen dramatisch verschlechtert. Die   Entt&#228;uschung dar&#252;ber f&#252;hrte schon Mitte der 1990er zu   Selbstmordanschl&#228;gen und sp&#228;ter zur zweiten Intifada*.<\/p>\n<p>  Israelische wie pal&#228;stinensische ArbeiterInnen haben ein gemeinsames   Interesse an der Beendigung des blutigen Konflikts. Und ohne den   ArbeiterInnen und Erwerbslosen im Westjordanland und im Gazastreifen   sichere Lebensbedingungen zu gew&#228;hrleisten, kann auch die pers&#246;nliche   Sicherheit der israelischen ArbeiterInnen nicht garantiert werden. Doch   ein politisches System, das von einer Handvoll Kapitalisten kontrolliert   wird, die ausschlie&#223;lich damit besch&#228;ftigt sind ihre Profitraten zu   sichern, ist unf&#228;hig weder f&#252;r die ArbeiterInnen in den   pal&#228;stinensischen Gebieten noch f&#252;r die ArbeiterInnen Israels sichere   Lebensverh&#228;ltnisse zu bringen.<\/p>\n<p>  Aus diesem Grund k&#246;nnen wir uns nicht auf die Politiker verlassen, die   sich den Kapitalbesitzern gegen&#252;ber unterw&#252;rfig verhalten, wenn sie   wieder einmal L&#246;sungen f&#252;r den Konflikt vorschlagen. Genauso wenig   schenken wir ihnen Vertrauen, wenn sie davon reden die Armut zu   bek&#228;mpfen. Der sinnvollste Schritt w&#228;re heute, damit aufzuh&#246;ren an Magie   zu glauben. Eine wirkliche Klassen-Alternative muss her, die in Form   einer breiten Arbeiterpartei eine alternative Strategie zu der der   Clique aus Genr&#228;len und Politikern aufstellen w&#252;rde. Diese Partei wird   dann f&#252;r die Interessen der Arbeiterklasse beiderseits der &#180;67er-Linie,   gegen Privatisierung und K&#252;rzungspolitik in Israel, gegen den   infrastrukturellen Mangel und die Abschottung der besetzten Gebiete   eintreten. Diese Partei muss gleiche Arbeitsbedingungen und L&#246;hne sowohl   f&#252;r pal&#228;stinensische wie f&#252;r israelische ArbeiterInnen fordern und muss   f&#252;r die Einrichtung demokratischer Arbeiterorganisationen und f&#252;r   substantielle Verbesserungen der Sozialsysteme beider Seiten k&#228;mpfen.   Diese Partei muss energisch ihre Stimme gegen die Selbstmordanschl&#228;ge   erheben, von denen israelische ArbeiterInnen heimgesucht werden. Der   R&#252;ckzug der israelischen Armee aus den besetzten Gebieten und das Ende   einer direkten wie auch indirekten Milit&#228;rpr&#228;senz im Gazastreifen und   Westjordanland m&#252;ssen angepeilt werden, w&#228;hrend den Massen dort   gleichzeitig das Recht auf Selbstbestimmung auf Basis eines unabh&#228;ngigen   Staates zugestanden werden muss. Eine solche Selbstbestimmung kann nur   durch einen grundlegenden Wandel des wirtschaftlichen Systems und der   sozialen Ordnung im Nahen Osten erreicht werden. Die Herrschaft der 18   kapitalistischen Familien und der korrupten Schichten in Israel muss   beendet werden, damit die Grundlage f&#252;r einen sozialistischen Nahen   Osten gelegt ist.<\/p>\n<p>  <i>Aus dem Hebr&#228;ischen von Dolev Rahat <\/i>    <\/p>\n<p>  <b>* Glossar:<\/b><\/p>\n<p>  Fatah<\/p>\n<p>  W&#246;rtlich f&#252;r: &#8222;Bewegung zur nationalen Befreiung Pal&#228;stinas&#8220;; politische   pal&#228;stinensische Partei, die seit 1969 unter dem mittlerweile   verstorbenen Jassir Arafat die F&#252;hrung der PLO inne hat. Bis zu den   j&#252;ngsten Wahlen in den pal&#228;stinensischen Gebieten war sie die f&#252;hrende   politische Kraft, wurde dann von der Hamas abgel&#246;st.<\/p>\n<p>  Grenzen vom 4. Juni 1967<\/p>\n<p>  Vor dem sogenannten Sechstagekrieg vom 5. bis 10. Juni 1967 zwischen   Israel und seinen Nachbarstaaten &#196;gypten, Syrien und Jordanien waren   weder das Westjordanland zwischen Jerusalem im Westen und Jordanien im   Osten (inklusive der Altstadt von Jerusalem bis dahin von Jordanien   besetzt) noch der Gazastreifen zwischen Israel im Osten und &#196;gypten im   S&#252;dwesten (bis dato von &#196;gypten okkupiert) von Israel besetzt.<\/p>\n<p>  Hamas<\/p>\n<p>  sinngem&#228;&#223; f&#252;r: &#8222;Islamische Widerstandsbewegung&#8220;;   Religi&#246;s-fundamentalistische pal&#228;stinensische Organisation, die zun&#228;chst   soziale Projekte in den besetzten Gebieten organisierte, unter Scheich   Yasin Mitte der 1980er Jahre aber zur Gewalt vornehmlich gegen   israelische ZivilistInnen aufrief bzw. diese direkt aus&#252;bte, um das   selbst gesteckte Ziel eines befreiten Pal&#228;stina zu erreichen. Dazu   geh&#246;ren nach ihrem Verst&#228;ndnis nicht nur das Westjordanland und der   Gazastreifen, sondern auch das gesamte Staatsgebiet Israels.   Hamas-F&#252;hrer leugnen den Holocaust bzw. behaupten, dieser sei von   Zionisten initiiert worden.<\/p>\n<p>  Intifada<\/p>\n<p>  arab.: &#8222;sich erheben, loswerden, absch&#252;tteln&#8220;; die erste   pal&#228;stinensische Intifada begann 1987 und endete Anfang der 1990er   Jahre. Die zweite Intifada fand ihren Anlass im Besuch des damaligen   israelischen Oppositionsf&#252;hrers Sharon auf dem f&#252;r Moslems heiligen   Tempelberg im September 2000. Seit dem Abkommen zwischen den   Regierungschefs Sharon und Abbas 2005 gilt dieser Aufstand offiziell als   beendet.<\/p>\n<p>  Islamischer Dschihad<\/p>\n<p>  islamistische Terrorgruppe, die Jugendliche f&#252;r Selbstmordattentate   anwirbt.<\/p>\n<p>  PLO<\/p>\n<p>  engl.: &#8222;Palestine Liberation Organization&#8220; f&#252;r &#8222;Pal&#228;stinensische   Befreiungsorganisation&#8220;; 1996 wurden alle Passagen aus dem Programm   entfernt, die die Zerst&#246;rung Israels betrafen. Ersetzt wurde das   Porgramm bis heute nicht. Die Fomulierung &#8222;Pal&#228;stina ist eine unteilbare   Einheit, basierend auf den Grenzen vom 4. Juni 1967&#8220; wird seither als   Kompromiss gehandelt, bleibt jedoch umstritten. Seit Arafats Tod ist   Mahmud Abbas Vorsitzender nicht nur der Fatah, sondern auch der PLO. Die   Hamas geh&#246;rt der PLO nicht an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Israel: Fast sechs Monate sind vergangen, seit Hamas* in die Regierung<br \/>\n      gew&#228;hlt wurde.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[38],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11693"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11693"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11693\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11693"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11693"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11693"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}