{"id":11692,"date":"2006-07-18T09:54:33","date_gmt":"2006-07-18T09:54:33","guid":{"rendered":".\/?p=11692"},"modified":"2006-07-18T09:54:33","modified_gmt":"2006-07-18T09:54:33","slug":"11692","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/07\/11692\/","title":{"rendered":"Eine weitere geklaute Pr&#228;sidentschaft?"},"content":{"rendered":"<p>  Mexiko: Das Land droht auseinanderzubrechen, sollte die Rechte erneut   eine linke Pr&#228;sidentschaft unterschlagen <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Alan Jones, Socialist Alternative (Schwesterorganisation der SAV   und Sektion des CWI in den Vereinigten Staaten), New York, USA<\/i><\/p>\n<p>  Lateinamerika befindet sich inmitten einer kontinentalen Erhebung gegen   die Regierungen und herrschenden Eliten, welche seit &#252;ber zehn Jahren   erbarmungslos den neoliberalen Gesetzen des Freihandels folgen. Mehr als   215 Millionen Menschen, das sind schwindelerregende 41% der   Gesamtbev&#246;lkerung des Kontinents, leben in Armut, 18% hungern.<\/p>\n<p>  Das Ergebnis dessen ist ein Erstarken der Oppositionsbewegungen in allen   lateinamerikanischen L&#228;ndern. So ersch&#252;tterten K&#228;mpfe von ArbeiterInnen,   Bauern und B&#228;uerinnen, der indigenen Bev&#246;lkerung, Studierenden und   anderen Ausgebeuteten des Kapitalismus und Imperialismus die L&#228;nder   Chile, Peru, Argentinien, Kolumbien und weitere Staaten. In Venezuela   und Bolivien haben diese Massenbewegungen bereits dazu gef&#252;hrt, dass   links-populistische Regierungen gew&#228;hlt wurden, die den US-Imperialismus   herausfordern.<\/p>\n<p>  <b>Polarisierende Wahlen<\/b><\/p>\n<p>  Die mexikanischen Wahlen vom 2. Juli 06 haben zwischen &#8222;Versprechungen   und Angst&#8220; polarisiert, wie es die New York Times j&#252;ngst ausdr&#252;ckte. Das   Wort &#8222;Versprechen&#8220; steht dabei f&#252;r den Harvard-Absolventen,   Multimillion&#228;r und Pr&#228;sidentschaftskandidaten der rechts-konservativen   PAN (Partei der nationalen Aktion), Felipe Calderon. Er macht den   Menschen leere Versprechungen &#252;ber Arbeitspl&#228;tze und ein lebensw&#252;rdiges   Leben. Und das Wort &#8222;Angst&#8220; steht f&#252;r die gro&#223;e Sorge der herrschenden   Klassen in Mexiko und den USA, die einen m&#246;glichen Sieg des radikalen   Populisten Lopez Obrador, Kandidat der PRD (Demokratisch-revolution&#228;re   Partei), bef&#252;rchteten.<\/p>\n<p>  In den Monaten vor der Wahl f&#252;hrte Obrador die Umfragen an. Alle   Prognosen sahen stets den Kandidaten der PRD an erster Stelle. Nach den   Wahlen und nachdem drei Millionen Stimmen als &#8222;verschwunden&#8220; gelten,   beanspruchen sowohl Obrador als auch Calderon den Wahlsieg f&#252;r sich.   W&#228;hrend dieser Artikel geschrieben wurde, meldeten einige Agenturen,   dass Calderon mit 0.6% &#8222;vorne liegen&#8220; w&#252;rde (Calderon wie Obrador wurden   gut 36% der ausgez&#228;hlten Stimmen zugesprochen, der Kandidat der PRI   [Partei der institutionellen Revolution] erhielt 21%). Momentan werden   unz&#228;hlige Wahlurnen zum zweiten Mal ausgez&#228;hlt. Am 5. Juli sah dann eine   sp&#228;tere Teilausz&#228;hlung den linken Kandidaten Obrador vorne. Als direkte   Folge fiel der mexikanische B&#246;rsenindex um 4% und der mexikanische Peso   verlor dramatisch im Verh&#228;ltnis zum US-Dollar wegen der ungewissen Lage   und der allgemeinen Anspannung. In den US- und mexikanischen   Unternehmens-Nachrichten wurde die Bef&#252;rchtung verbreitet, dass es zu   Zusammenst&#246;&#223;en und -br&#252;chen kommen k&#246;nnte, sollten Polarisierung und Wut   gegen den Wahlbetrug die Situation eskalieren lassen.<\/p>\n<p>  <b>Wahlbetrug hat Geschichte<\/b><\/p>\n<p>  Die auf die Wahlen des 2. Juli 06 folgenden Ereignisse &#228;hneln den   Geschehnissen nach den Pr&#228;sidentschaftswahlen 1988 auf unheimliche Art   und Weise. Damals wurde der Sieg des aufst&#228;ndischen linken Kandidaten   der PRD, Cardenas, durch einen &#8222;Computerabsturz&#8220; vereitelt. Dieser   Wahlbetrug machte seiner Zeit Salinas, den Kandidaten der korrupten PRI   zum Pr&#228;sidenten. Von Salinas und nach ihm von Zedillo und nach diesem   vom bisher letzten regierenden Pr&#228;sidenten Vincente Fox (PAN) wurden ein   striktes Privatisierungs-Programm und Attacken auf die Lebensbedingungen   von Millionen von mexikanischen ArbeiterInnen, Bauern und B&#228;uerinnen   durchgezogen, indem das Land zur Pl&#252;nderung und Ausbeutung durchs   US-amerikanische Kapital mittels der NAFTA* freigegeben wurde.<\/p>\n<p>  Millionen um ihr Land und ihren Lebensunterhalt gebrachter mexikanischer   Bauern, B&#228;uerinnen und ArbeiterInnen insbesondere aus dem S&#252;den des   Landes mussten ins Landesinnere abwandern, um dort zu versuchen in den   neu errichteten Fabriken der Maquiladoras* Arbeit zu finden oder gleich   ohne Papiere in die USA auswandern, um &#252;berleben zu k&#246;nnen. Als direktes   Ergebnis des NAFTA sind die Reall&#246;hne von ungelernten ArbeiterInnen nach   dem Zusammenbruch der mexikanischen Wirtschaft in den 1980er Jahren   weiter gesunken. Zudem m&#252;ssen die mexikanischen ArbeiterInnen heute mit   den Billigl&#246;hnen Chinas konkurrieren.<\/p>\n<p>  Die Ernennung Felipe Calder&#243;ns zum Pr&#228;sidenten w&#252;rde die Fortsetzung   dieser Politik bedeuten, die eine Explosion der allgemeinen Lage   heraufbeschw&#246;rt. Die Wahl letzten Monat fand statt, als Hunderttausende   von Bergleuten, LehrerInnen und andere abh&#228;ngig Besch&#228;ftigte   Arbeitsniederlegungen und Demos in ganz Mexiko durchf&#252;hrten. Nachdem   diesen Februar 65 Kohlekumpel im Bundesstaat Coahuila ums Leben gekommen   waren, brachen explosionsartig K&#228;mpfe von Bergleuten und Metallarbeitern   aus, die eine Anhebung der Gefahrenzulage, sichere Arbeitsbedingungen   und das Ende der Privatisierungen forderten.<\/p>\n<p>  <b>Erhebungen in der Bev&#246;lkerung<\/b><\/p>\n<p>  In diesem Monat streikten 70.000 LehrerInnen im Bundesstaat Oaxaca f&#252;r   h&#246;here Bez&#252;ge. Nachdem 1.700 Polizisten eines Sondereinsatzkommandos die   LehrerInnen angegriffen hatten, bewaffneten diese sich mit St&#246;cken und   Steinen und schlugen eine lange andauernde Schlacht gegen die   Einsatzkr&#228;fte. Letztere wurden davon schlie&#223;lich &#252;berw&#228;ltigt und mussten   sich zur&#252;ckziehen. Die Bewegung in Oaxaca hat sich unterdessen zu einer   breiten Erhebung der Bev&#246;lkerung ausgeweitet. Inzwischen rufen Hunderte   von Einzelgewerkschaften und Community-Organisationen, die mehr als 10   Millionen ArbeiterInnen repr&#228;sentieren, zu einem landesweiten   Generalstreik am 28. Juli auf.<\/p>\n<p>  Die Massenunterst&#252;tzung f&#252;r Obradors Kampagne, war Ausdruck der   Entschlossenheit der mexikanischen Arbeiterklasse und der am meisten   Unterdr&#252;ckten, die die neoliberale Politik leid sind. Lopez Obrador   f&#252;hrte seinen Wahlkampf auf populistische Art und Weise, indem er mit   dem Slogan &#8222;Zum Wohle aller &#8211; und zuerst f&#252;r die Armen&#8220; auftrat. Obrador   sicherte zu, Teile des NAFTA neu verhandeln zu wollen, um die   mexikanische Produktion vor US-amerikanischer Konkurrenz zu sch&#252;tzen.   Gleichzeitig machte er der Wirtschaft und den Bankunternehmen wiederholt   klar, dass sie ihm ebenfalls vertrauen k&#246;nnten, weil er auch ihre   Interessen im Auge habe und den Staatshaushalt ausgleichen wolle.<\/p>\n<p>  Eine von Lopez Obrador gef&#252;hrte Regierung w&#228;re ein Affront f&#252;r George   Bush, der bisher nur mit dem willf&#228;hrigen und rechts-konservativen   Pr&#228;sidenten Vicente Fox verhandeln musste. Obradors Wahlsieg k&#246;nnte die   Schleusen f&#252;r eine neue Welle von K&#228;mpfen mexikanischer ArbeiterInnen,   B&#228;uerinnen und Bauern &#246;ffnen und w&#252;rde auch eine entscheidende   R&#252;ckwirkung auf die lateinamerikanische Bev&#246;lkerung n&#246;rdlich der   mexikanisch-US-amerikanischen Grenze haben. Ganz besonders w&#252;rde dies   die hochaktuelle Frage &#252;ber den Umgang mit &#8222;illegalen&#8220; MigrantInnen in   den USA betreffen. Die &#8222;R&#252;ckf&#252;hrung&#8220; mexikanischer ImmigrantInnen aus   den USA &#8211; deren Kosten sich auf ann&#228;hernd 18 Mio. US-$ j&#228;hrlich belaufen   &#8211; stellt momentan den zweitgr&#246;&#223;ten Posten von zwischenstaatlichem   Austausch zwischen den beiden Nachbarstaaten dar &#8211; knapp davor liegt   noch der Handel mit &#214;l, das aus den Staaten nach Mexiko gepumpt wird.<\/p>\n<p>  Der einzige Weg, einen neuerlichen, von der mexikanischen herrschenden   Klasse und ihren Agenten organisierten Wahlbetrug zu vereiteln liegt   darin, dass die unabh&#228;ngigen Gewerkschaften und   Community-Organisationen, die Obrador unterst&#252;tzen, Massendemos &#252;berall   in Mexiko veranstalten, Aktionskomitees ins Leben rufen und sich f&#252;r   einen Generalstreik r&#252;sten, der das ganz Land zum Stillstand kommen   l&#228;sst. Wie dem auch sei ist es doch sehr unwahrscheinlich, dass Obrador   und die PRD solcher Art Methoden anwenden werden. Schon ihr eigenes   Programm ber&#252;hrt kaum den Kern der mexikanischen Krise: den   Kapitalismus. Der einzige Weg, um den Angriffen auf die   Lebensbedingungen der Bev&#246;lkerungsmehrheit etwas entgegenzusetzen, wird   der definitive Bruch mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem sein.   Die Vergesellschaftung der Banken, der Gro&#223;industrie und der   bestimmenden Handels-Unternehmen muss auf die Tagesordnung.<\/p>\n<p>  Die Homepage des CWI (www.socialistworld.net) wird in den n&#228;chsten   Wochen weiteres Informationsmaterial &#252;ber die wichtigen Entwicklungen in   Mexiko bereithalten. Auch auf der Homepage der SAV werden weitere   &#220;bersetzungen zu diesem Thema folgen.<\/p>\n<p>  * Glossar<\/p>\n<p>  Maquiladoras<\/p>\n<p>  In diesen meist neu errichteten Produktionsst&#228;tten werden h&#228;ufig   Bekleidung und vergleichbare Kosumg&#252;ter hergestellt. Meist sind in den   M. mehrere Fabriken zusammengefasst, in denen nicht f&#252;r den Bedarf im   Land, sondern ausschlie&#223;lich f&#252;r den Export produziert wird. Es handelt   sich hierbei also um ein direktes Ergebnis des Freihandelsabkommens, da   speziell f&#252;r diese Anlagen Sonderwirtschaftszonen eingerichtet wurden.<\/p>\n<p>  NAFTA<\/p>\n<p>  engl.: &#8222;North American Free Trade Agreement&#8220;, span.: &#8222;Tratado de Libre   Comercio&#8220; (TLE)&#8218; f&#252;r Nordamerikanisches Freihandelsabkommen von 1994   zwischen Kanada, Mexiko und den USA.<\/p>\n<p>  Weitere Infos dazu u.a. auf der Site des &#246;sterreichischen Rundfunks ORF:   http:\/\/oe1.orf.at\/highlights\/55254.html Selbst f&#252;r b&#252;rgerliche   AutorInnen scheint der wahre Gehalt des Freihandels nicht ignorierbar zu   sein&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Mexiko: Das Land droht auseinanderzubrechen, sollte die Rechte erneut<br \/>\n      eine linke Pr&#228;sidentschaft unterschlagen<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11692"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11692"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11692\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11692"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11692"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11692"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}