{"id":11688,"date":"2006-07-14T16:56:34","date_gmt":"2006-07-14T16:56:34","guid":{"rendered":".\/?p=11688"},"modified":"2006-07-14T16:56:34","modified_gmt":"2006-07-14T16:56:34","slug":"11688","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/07\/11688\/","title":{"rendered":"Armut und Elend in den H&#252;geln rund um Caracas"},"content":{"rendered":"<p>  Vor einigen Tagen sa&#223; ich hinten in einem heruntergekommenen alten   Mini-Bus, der mich nachts ins Stadtzentrum von Caracas brachte. <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  von Karl Debbaut, CWI, Caracas<\/p>\n<p>  Ein Personennahverkehr muss hier erst noch eingef&#252;hrt werden, um die   viel zu alten, klapprigen Mini-Busse mit Baujahr in den 1970ern   abzul&#246;sen und in die mensch zus&#228;tzliche Sitzb&#228;nke eingebaut hat, damit   mindestens 16 Personen darin Platz finden. So stellt sich das   &#246;ffentliche Transportsystem dar, bei dem die Fahrpreise von der   Regierung reglementiert sind.<\/p>\n<p>  Um die Verkehrsstaus auf den Hauptstra&#223;en zu umfahren, nahm unser   Mini-Bus-Fahrer die Route &#252;ber Nebenstra&#223;en durch die Berge. In der   ersten Stunde der Fahrt &#252;ber Serpentinen, die sich entlang der K&#252;ste   schl&#228;ngeln, sahen wir so gut wie nichts. Die einzigen Lichter, die die   Nacht durchbrechen, stammen hier ausschlie&#223;lich von entgegenkommenden   Fahrzeugen, die mit halsbrecherischer Geschwindigkeit die Kurven nehmen.   W&#228;hrend der Bus in Richtung Stadt kriecht, biegt er dann um eine Ecke   und pl&#246;tzlich sind die Bergh&#228;nge von Tausenden kleiner Lampen hell   erleuchtet. Ganz so, als h&#228;tte ein gigantischer Schwarm von Gl&#252;hw&#252;rmchen   die H&#252;gel befallen. Hier leben die &#228;rmsten der Armen. Millionen von   Menschen, die ihre Behausungen an den Bergh&#228;ngen aneinander reihen, ohne   Zugang zu einer permanenten Wasser- und Elektrizit&#228;tsversorgung, ohne   befestigte Stra&#223;en und ein funktionierendes Abwassersystem sowie st&#228;ndig   in Mitleidenschaft gezogen von einer der h&#246;chsten Kriminalit&#228;ts- und   Gewaltraten der Welt. Die offiziellen Zahlen legen den Schluss nahe,   dass die meisten Kriegsgebiete dieser Welt relativ sicherer sind als   lateinamerikanische Riesenst&#228;dte wie Sao Paulo oder Caracas.<\/p>\n<p>  Die venezolanische Hauptstadt Caracas ist umgeben von den weitl&#228;ufigsten   Barrios [Barackensiedlungen] in ganz Lateinamerika. Das &#8222;barrio Petare&#8220;,   am Rand von Caracas gelegen, soll das zweitgr&#246;&#223;te des Kontinents sein.   &#220;ber 1,5 Mio. Menschen leben hier auf engstem Raum nebeneinander. Und   niemand kennt die tats&#228;chlichen Zahlen, die &#252;ber die Kriminalit&#228;t an   diesem Ort Aufschluss geben k&#246;nnten. Auf die Polizei verl&#228;sst sich hier   kein Mensch, JournalistInnen trauen sich nur selten hier hinein und   verst&#228;ndlicherweise hat das F&#252;hren von aussagekr&#228;ftigen Statistiken in   diesen unwirtlichen Verh&#228;ltnissen nicht gerade die h&#246;chste Priorit&#228;t.   Die gestrige Zeitungsausgabe berichtete von dem Zoll, den ein   durchschnittliches Wochenende an Gewalt abverlangt. Im &#246;rtlichen   Leichenschauhaus begann mensch Freitagnacht damit, die Opfer zu z&#228;hlen   und musste bis Sonntagmorgen 28 Leichen registrieren. Bei der Mehrzahl   der Toten handelte es sich um junge Leute, die ihren Schusswunden   erlegen waren. Allein in der Gemeinde Sucre, die Teil des Barrios Petare   ist, starben 10 Menschen im selben Zeitraum. Die Tante eines 17-j&#228;hrigen   Opfers, Angela Rosa Sanchez, beschwert sich &#252;ber die Polizei: &#8222;Die   &#246;rtliche Polizei verlangt von uns, dass wir selbst die Kriminellen   schnappen. Auch sollen wir die Toten eigenh&#228;ndig zur Leichenhalle   bringen, damit die Polizisten nicht so hart arbeiten m&#252;ssen. So weit ist   es in unserem Barrio gekommen. Wir wollen nur die Chance auf ein   friedliches Leben.&#8220; Die Polizei wird hier als sehr unzuverl&#228;ssig   wahrgenommen und manchmal auch als gef&#228;hrlicher und korrupter als die   bewaffneten Kriminellen.<\/p>\n<p>  Und &#252;ber Mangelwirtschaft, Armut und Kriminalit&#228;t hinaus m&#252;ssen sich die   Menschen, die an den H&#228;ngen Caracas&#180; leben auch noch mit den   Naturgewalten auseinandersetzen. Momentan herrscht Regenzeit, in der   Baracken von Schlammlawinen mitgerissen werden und die Fl&#252;sse &#252;ber die   Ufer treten. Die Regierung hat zwar versprochen, obdachlos Gewordenen   und denen, die in mittlerweile unbewohnbaren Verh&#228;ltnissen leben, neue   Unterk&#252;nfte zur Verf&#252;gung zu stellen. Doch die Monate gehen vor&#252;ber und   rein gar nichts passiert.<\/p>\n<p>  In dieser Situation werden improvisierte Feldlager in den Parks und auf   den Gr&#252;nfl&#228;chen rund um die Stadt aufgebaut. Wie an einer Stelle in John   Steinbecks Roman &#8222;Fr&#252;chte des Zorns&#8220; beschrieben, entstehen ganze St&#228;dte   kleiner Zeltsiedlungen. Familien errichten Notbehelfs-Unterk&#252;nfte aus   Metallteilen, Pappe und Stoffresten. In der Hauptstadt selbst werden   mittlerweile (wenn auch in kleinerem Umfang) leerstehende Geb&#228;ude von   solchen Familien besetzt, die ihre alten Behausungen durch   Schlammabg&#228;nge verloren haben. Die Reaktion der Stadtoberen und des   B&#252;rgermeisters von Caracas, Freddy Barnal, darauf ist wie immer: Hilfe   wird sofort zugesagt, doch Pl&#228;ne, wie der verzweifelten Wohnsituation   beizukommen ist, wie den Armen Wasser- und Stromversorgung zur Verf&#252;gung   gestellt werden kann oder wie die in sich zerfallende Infrastruktur   erneuert werden muss, werden nicht gemacht. Der B&#252;rgermeister hat bei   verschiedenen Gelegenheiten erkl&#228;rt, dass Privatbesitz respektiert   werden muss und als hochheilig angesehen wird. Und das, obwohl   gleichzeitig jedeR mit eigenen Augen sehen kann, dass es in der Stadt   leerstehende und bauf&#228;llige Geb&#228;ude gibt, die von Maklern und   Spekulanten bewusst in diesem Zustand gelassen werden.<\/p>\n<p>  <b>&#8222;Nur einmal in zwei Wochen gibt es Leitungswasser&#8220;<\/b><\/p>\n<p>  In Nueva Taca, einem Stadtteil von Caracas, warten 20 Familien darauf,   dass die nationale Wohnungsbeh&#246;rde ihnen Ausgleichszahlungen f&#252;r ihre   zerst&#246;rten Wohnungen &#252;berweist. Diese Menschen leben in unvorstellbaren   Verh&#228;ltnissen. &#8222;Nur einmal alle zwei Wochen haben wir flie&#223;endes Wasser   und das in der Zeit, da ich meinem Baby die Flasche mit Regenwasser   zubereiten muss&#8220;, sagt Ericka Sanchez, die in diesem Bezirk lebt. Ihre   W&#228;sche waschen die Menschen hier in einem nahegelegenen Rinnsal, der   stehendes und stinkendes Wasser f&#252;hrt. Kinder wie Erwachsene haben   unterdessen Pusteln auf der Haut und sind von Kr&#228;tze befallen, einer   ansteckenden und juckenden Hauterkrankung, bei der sich Milben in die   Haut graben und dort weiter vermehren. Ganze Familien sind davon   betroffen.<\/p>\n<p>  Aufgrund des erb&#228;rmlichen Zustands der Stra&#223;en, existiert praktisch kein   Nahverkehr in Nueva Taca. Die Kinder gehen nicht mehr zur Schule und die   zunehmende Isolation von der Stadtbev&#246;lkerung l&#228;sst die   Kriminalit&#228;tsrate weiter steigen. Juan Flores, einer der Bewohner, der   ein Auto besitzt, beschwert sich verbittert: &#8222;Weil die Stra&#223;en blockiert   sind, kann ich meinen PKW nicht mehr benutzen. Er steht geparkt vor   meinem Haus. Und jeden Tag wird ein weiteres Teil von diesem Wagen   gestohlen. Inzwischen steht dort auch kein Auto mehr, sondern nur noch   ein Haufen Schrott&#8220;.<\/p>\n<p>  Die Statistik sagt, dass &#252;ber die H&#228;lfte der VenezolanerInnen in Armut   lebt. Und das in einem Land, das unglaubliche Reicht&#252;mer wie &#214;l und   andere Rohstoffe besitzt. Ein Land, das eine hoch entwickelte Industrie   beheimatet und eine Arbeiterschaft, die daf&#252;r ausgebildet ist, den   Reichtum f&#246;rmlich aus der Erde zu holen. Der weltweit herrschende   Kapitalismus und eine korrupte venezolanische Elite haben es nie   hinbekommen, das Land weiter zu entwickeln und die unter der Mehrheit   der Menschen verbreitete Armut zu beenden. Armut, schlechte   Infrastruktur, Wassermangel, schadhafte Stromversorgung und hohe   Kriminalit&#228;tsraten sind nicht das Ergebnis von ungl&#252;cklichen Zuf&#228;llen,   einer schlechten Einstellung der Menschen oder mangelnder Bildung.   Letztendlich ist das, was du an den H&#228;ngen rund um Caracas sehen kannst   nichts anderes, als das Ergebnis eines Kapitalismus, der sich selbst   un&#252;berwindbare Grenzen setzt: Dieses Wirtschaftssystem ist zwangsl&#228;ufig   unf&#228;hig, in einer modernen Epoche die Produktivkr&#228;fte der Gesellschaft   weiter zu entwickeln und damit gleichzeitig das ganze Land   voranzubringen.<\/p>\n<p>  Um das Land wieder aufzubauen und damit den Bed&#252;rfnissen der Massen   gerecht zu werden, muss die Arbeiterbewegung zusammen mit den Armen den   Weg zum Sozialismus einschlagen. Was wir fordern m&#252;ssen, ist die   Vergesellschaftung der Schl&#252;sselindustrie, die sofortige Einf&#252;hrung   eines Notfallplans bez&#252;glich Wohnungsbau, Verkehr, Elektrizit&#228;t und   Wasserversorgung. Das sozialistische Wirtschaftssystem mit einer   demokratisch geplanten Produktion und unter der Kontrolle der   ArbeiterInnen selbst, unter der &#220;bernahme der politischen Macht durch   die ArbeiterInnen und ihre Organisationen &#8211; das ist die einzige Garantie   f&#252;r eine Zukunft, in der ArbeiterInnen und Arme weder Bettler noch   Sklaven sein m&#252;ssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Vor einigen Tagen sa&#223; ich hinten in einem heruntergekommenen alten<br \/>\n      Mini-Bus, der mich nachts ins Stadtzentrum von Caracas brachte.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[41],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11688"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11688"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11688\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11688"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11688"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11688"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}