{"id":11674,"date":"2006-06-30T10:50:28","date_gmt":"2006-06-30T10:50:28","guid":{"rendered":".\/?p=11674"},"modified":"2006-06-30T10:50:28","modified_gmt":"2006-06-30T10:50:28","slug":"11674","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/06\/11674\/","title":{"rendered":"&#8222;Alleinstellungsmerkmale&#8220; der Linken"},"content":{"rendered":"<p>  Lafontaine-Gysi-Aufruf: stark in Worten &#8211; die Umsetzung &#8222;ziemlich egal&#8220; <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Am 2. Juni legten Lafontaine und Gysi, die beiden Fraktions-Chefs der   Linken im Bundestag, zusammen mit VertreterInnen der Bundesvor-st&#228;nde   von WASG und Linkspartei. PDS einen ersten Entwurf der Grunds&#228;tze der   neuen Linken vor: kr&#228;ftig in Worten, wie Lafontaine; mobilisierungsfern,   wie die Fraktion der Linken; dehnbar gegen&#252;ber Regierungsbeteiligungen.<\/p>\n<p>  <i>von Stephan Kimmerle, Berlin<\/i><\/p>\n<p>  Von zahlreichen linken &#8222;Alleinstellungsmerkmalen&#8220; sprach Oskar   Lafontaine, Fraktions-Chef der Linken im Bundestag, bei der Vorstellung   des &#8222;Aufruf zur Gr&#252;ndung einer neuen Linken&#8220;. Mit diesem Begriff aus der   Betriebswirtschaftslehre wird laut Wikipedia die &#8222;herausragende   Eigenschaft eines Produktes oder eines Markenartikels&#8220; beschrieben;   dieses k&#246;nne begr&#252;ndet sein im &#8222;Preis, in der Formgebung, in besonderen   technologischen Eigenarten oder dem Service&#8220;.<\/p>\n<p>  Grund also, Preis, Formgebung, technologische Eigenarten und den Service   des Aufrufs unter die Lupe zu nehmen.<\/p>\n<p>  <b>Der Preis<\/b><\/p>\n<p>  Der Preis, &#8222;wof&#252;r ist die Linke zu haben&#8220;, findet sich erst ganz am   Ende. Eingeleitet wird er mit einem Bezug auf das &#8222;Potsdamer Dreieck&#8220;,   mit dem die alte PDS Regierungsbeteiligungen in den eigenen Reihen   durchsetzte: &#8222;Protest, Mitgestaltung und Alternativen, die &#252;ber den   Kapitalismus hinausweisen, bilden in der Arbeit der Linken eine   strategische Einheit.&#8220; Dann geht es weiter: Die Linke &#8222;&#252;bernimmt dann   Regierungsverantwortung, wenn sie die Lebensverh&#228;ltnisse der Menschen   verbessern und alternative Entwicklungspfade &#246;ffnen kann.&#8220; Danach werden   die Beachtung der Grunds&#228;tze, eine Absage an Privatisierungen und der   generelle Stopp von Stellenabbau zum Ma&#223;stab von Regierungsbeteiligungen   erkl&#228;rt.<\/p>\n<p>  &#8222;Allein der letzte Punkt&#8220;, der generelle Stopp des Personalabbaus,   &#8222;m&#252;sste dazu f&#252;hren, sofort jede Regierungsbeteiligung aufzugeben&#8220;, so   die Welt vom 3. Juni. In Berlin ist vom SPD\/PDS-Senat f&#252;r die n&#228;chsten   Jahre Stellenabbau im f&#252;nfstelligen Bereich vorgesehen.<\/p>\n<p>  Die junge Welt (ebenfalls 3. Juni) hakte nach: &#8222;Auf die Frage, ob damit   die Koalitionen, an denen die Linkspartei.PDS in Berlin und Schwerin   beteiligt ist, nicht aufgek&#252;ndigt oder neu ausgerichtet werden m&#252;ssten,   antwortete Gysi etwas kryptisch, man w&#252;rde heute vieles &#8216;ganz anders&#8217;   bewerten als 1998 oder 2001, als die PDS in die Landesregierungen in   Mecklenburg-Vorpommern beziehungsweise Berlin eintrat.&#8220;<\/p>\n<p>  Kryptische Formulierungen, wo klare Aussagen gefordert sind. Die   Verbesserung der Lebensverh&#228;ltnisse und alternative Entwicklungspfade   hat auch der Berliner Senat in den letzten Jahren stets f&#252;r seine   Politik proklamiert: Verbesserungen und Alternativen eben immer gemessen   am (fiktiven) gr&#246;&#223;eren &#220;bel einer (immer noch schlimmeren) CDU\/FDP- oder   CDU\/SPD-Variante.<\/p>\n<p>  Selbst der Antritt der Schr&#246;der-Regierung 1998, noch zusammen mit   Lafontaine, wird in ein gutes Licht ger&#252;ckt: Die damaligen   sozialdemokratischen Regierungen seien einfach &#8222;zu schwach&#8220; gewesen.<\/p>\n<p>  Auch wenn sich die Berliner L.PDS sicherlich eine andere, noch   bedingungslosere Formulierung gew&#252;nscht h&#228;tte: Eine Absage an eine   Politik des &#8222;kleineren &#220;bels&#8220; und der &#8222;Sachzw&#228;nge&#8220; im Kapitalismus   klingt anders.<\/p>\n<p>  <b>Technologischen Eigenarten<\/b><\/p>\n<p>  Die &#8222;barbarische Weltwirtschaftsordnung&#8220;, &#8222;imperialistische Kriege&#8220;, der   &#8222;Raubtierkapitalismus&#8220; werden angeklagt. Die Linke bekennt sich zum   &#8222;demokratischen Sozialismus&#8220;. Auch die Eigentumsfrage wird angeschnitten   und die &#220;berf&#252;hrung der Schl&#252;sselbereiche der Wirtschaft in &#246;ffentliche   Eigentumsformen gefordert.<\/p>\n<p>  Doch im gleichen Papier findet sich dane-ben eine andere Vorstellung:   &#8222;Markt und Wettbewerb f&#252;hren nicht nur zu einer effizienten Wirtschaft,   sondern ebenso zur Dezentralisierung wirtschaftlicher Entscheidungen und   damit zur Einschr&#228;nkung wirtschaftlicher Macht&#8220;, behauptet das Manifest.   Dass der zweite Teil Unsinn ist, wird einige Zeilen weiter oben   ausgef&#252;hrt: &#8222;F&#252;nfhundert Konzerne kontrollieren die H&#228;lfte des   Weltsozialprodukts.&#8220; Und auch die unterstellte &#8222;Effizienz&#8220; von Markt und   Wettbewerb ist realit&#228;tsfern: Die Folgen der Marktwirtschaft sind   Arbeitslosigkeit, &#220;berkapazit&#228;ten, Umweltzerst&#246;rung und Kriege. Das ist   f&#252;r die Profite effizient. F&#252;r die Gesellschaft ist es kein Ausdruck   eines guten Verh&#228;ltnisses von Ressourceneinsatz zum Ergebnis.<\/p>\n<p>  Doch dieses theoretischen Gewirr leitet &#252;ber zur Forderung nach   Versch&#228;rfung des Kartellrechts und Mittelstandsf&#246;rderung. Statt die   Frage zu beantworten, wie eine andere Gesellschaft erreicht werden kann,   wird Sozialismus zum Lippenbekenntnis; Mittelstandsf&#246;rderung sowie ein   &#8222;skandinavisches Modell&#8220; werden zur L&#246;sung der Probleme.<\/p>\n<p>  Neben der Umwandlung von Sozialismus in ein utopisches Ziel, das mit der   Realpolitik der Partei dann wenig zu tun hat, wird die Diktatur der   SED-B&#252;rokratie in der DDR und die anderen stalinistischen Staaten   verharmlost.<\/p>\n<p>  <b>Der Service<\/b><\/p>\n<p>  Mit Widerstand des Kapitals rechnet die Linke nicht mehr. Die   Arbeiterklasse, das hei&#223;t die den Kapitalbesitzern gegen&#252;berstehenden   Besch&#228;ftigten, Erwerbslosen und ihre Familien, kommt nicht vor. Am Ende   taucht noch ein &#8222;breites Reformb&#252;ndnis&#8220; auf &#8211; kurz nach der   Regierungsbeteiligung. Mit wem, wozu und wie ein solches B&#252;ndnis   geschmiedet werden soll &#8211; keine Ahnung. Da hilft dann auch das   geforderte &#8222;Recht auf Generalstreik&#8220; nicht weiter, wenn nichts dazu   gesagt wird, welche Rolle der Kampf in Betrieben, mit den   Gewerkschaften, mit sozialen Bewegungen spielen soll. Auch der Staat und   staatliche Institutionen werden als eine Art &#252;ber allem stehende   Schiedsrichter angesehen.<\/p>\n<p>  Zugegeben: Die sozialistische Linke hat klassisch wenig &#8222;Service&#8220; zu   bieten &#8211; au&#223;er der Anstrengung zur Selbstorganisation und   Selbstt&#228;tigkeit der Masse der Bev&#246;lkerung, um f&#252;r ihre Interessen   gemeinsam einzustehen. Dann muss man das aber auch sagen und Forderungen   aufstellen, f&#252;r die es sich lohnt zu k&#228;mpfen und selbst aktiv zu werden.   Da reicht es nicht, zum Beispiel kostenlose Bildung in den Kitas zu   fordern und zu den Unis zu schweigen (die L.PDS lieb&#228;ugelt mit   Studienkonten in Berlin).<\/p>\n<p>  <b>Die Formgebung<\/b><\/p>\n<p>  Der Aufruf redet von &#8222;Sammlungsbewegung&#8220; und meint Fusion. Beim jetzt   geplanten Parteineubildungsprozess kommen nur WASG und Linkspartei.PDS   als handelnde Akteure vor. Eine Einbeziehung von AktivistInnen aus   Betrieben, Gewerkschaften und sozialen Bewegungen gibt es im   vereinbarten Ablauf nur als Floskel.<\/p>\n<p>  Bei der Vorstellung sprach Lafontaine von der &#8222;einzig fairen und   demokratischen Vereinigung&#8220; in der deutsch-deutschen Geschichte nach   1990. Dazu kommentiert die Welt (3. Juni): Rosa Luxemburg habe &#8222;die   Linken gemahnt, &#8216;Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden&#8217;.   Beim Umgang mit dem widerspenstigen Berliner WASG-Landesvorstand haben   die Fusionsstrategen bewiesen, dass ihnen solche Freiheit ziemlich egal   ist.&#8220;<\/p>\n<p>  Die Rede vom &#8222;Alleinstellungsmerkmal&#8220; trifft voll, was Lafontaine   andernorts beklagt: Neoliberale Sprache und Denkmuster. Die Logik, auf   dem &#8222;W&#228;hlermarkt&#8220; gut abschneiden zu wollen, mag durch radikale Spr&#252;che   bedient werden. Ein Aufbruch der Linken, ein Zusammenschluss der   AktivistInnen im Kampf gegen Neoliberalismus und Kapitalismus sieht   anders aus.&#160;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Lafontaine-Gysi-Aufruf: stark in Worten &#8211; die Umsetzung &#8222;ziemlich egal&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[30],"tags":[183],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11674"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11674"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11674\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11674"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11674"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11674"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}