{"id":11672,"date":"2006-06-22T19:18:50","date_gmt":"2006-06-22T19:18:50","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11672"},"modified":"2012-12-30T12:08:54","modified_gmt":"2012-12-30T11:08:54","slug":"11672","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/06\/11672\/","title":{"rendered":"Brot und Spiele\u2026"},"content":{"rendered":"<p><br style=\"margin-bottom: 0cm;\" \/> Jedes lebendige Wesen in Europa hat es mitbekommen: Die Fu\u00dfball-WM in Deutschland hat letzte Woche begonnen. Ein Beitrag von Jonas Van Vossole, Alternativa Socialista (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in Portugal), Coimbra, Portugal <!--more--><br \/> \u00a0<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Der Fu\u00dfballvirus breitet sich zur Zeit weltweit und besonders in den L\u00e4ndern S\u00fcdeuropas und in S\u00fcdamerika aus. Obgleich das Ereignis Fu\u00dfball-WM f\u00fcr viele die Gelegenheit bietet, qualitativ hochwertigen Sport im Weltma\u00dfstab zu verfolgen oder einfach nur zu feiern, ist es f\u00fcr Fu\u00dfballfans, mich selbst eingeschlossen, ebenso interessant, einmal hinter das Spektakel zu blicken und es von einem mehr politischen Standpunkt aus zu betrachten. Besonders in einem Land wie Portugal ist es \u00e4u\u00dferst spannend festzustellen, dass das Turnier den Effekt zu haben scheint, das Land komplett zu paralysieren, wenn die Nationalmannschaft auf dem Rasen steht.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">In gesellschaftlicher wie in politischer Hinsicht hat Portugal \u2013 wie viele andere Mittelmeer-Staaten \u2013 immer noch nicht zum Rest der EU aufgeschlossen. Die Wirtschaftskrise ist so verheerend, dass die europ\u00e4ische Zentralbank ihre Prognose beibeh\u00e4lt und Portugals Wachstum bei Null stagnieren sieht. Unterdessen stieg die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren weiter an. Ein durchschnittliches monatliches Einkommen von 400,-\u20ac macht es den Chefetagen unterdes fast unm\u00f6glich, die \u00f6konomischen Probleme mit zu hohen L\u00f6hnen und daraus entstehenden Wettbewerbsnachteilen f\u00fcr den Standort Portugal abzuleiten \u2013 so, wie es in den anderen westeurop\u00e4ischen Staaten mittlerweile Usus geworden ist.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Das h\u00e4lt die Kapitaleigner dennoch nicht davon ab, Produktion und Kapital ins Ausland zu verlagern, wo die L\u00f6hne noch niedriger sind. In erster Linie trifft dies auf eine der wichtigsten Industriezweige Portugals zu, die Textilbranche. Auf der Suche nach immer h\u00f6heren Profite werden Produktionsst\u00e4tten in den Osten verlegt und doch stellt der Textilsektor keine Ausnahme dar. In der vergangenen Woche hat General Motors (zu dem auch Opel geh\u00f6rt; Anm. d. \u00dcbers.) z.B. beschlossen, die Fertigung in Portugal einzustellen. 1.800 ArbeiterInnen werden dadurch ihre Jobs verlieren.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Der Gipfel all dessen ist, dass in Portugal Sozialdemokraten regieren, welche keinen Deut von der neoliberalen Politik abweichen, wie sie momentan \u00fcberall in Europa praktiziert wird. Die erst seit einem Jahr im Amt befindliche sozialdemokratische <em>Partido Socialista<\/em> (PS; \u201eSozialistische Partei Portugals\u201c) ist schon jetzt bestens daf\u00fcr bekannt, die am st\u00e4rksten gegen die Arbeiterklasse gerichtete Regierung seit der Revolution von 1974 zu stellen. Es scheint, als g\u00e4be es keine soziale Errungenschaft, die vor den rechtslastigen Angriffen noch sicher w\u00e4re: sinkende Renten, K\u00fcrzungen im \u00f6ffentlichen Sektor, bei der Bildung, den sozialen Sicherungssystemen, im Gesundheitsbereich usw. usf.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Die jetzige Regierung geht so weit, dass die rechts-kapitalistische <em>Partido Social Democrata<\/em> (PSD; w\u00f6rtlich: \u201eSozialdemokratische Partei\u201c) auf ihrem einmal j\u00e4hrlich stattfindenden Kongress das Problem diskutieren musste, wie man sich inhaltlich noch von der PS-Regierung unterscheidet. Letztere habe schlie\u00dflich Politik und Programm der PSD umgesetzt. Die amtierende Regierung hat den Weg des unverbl\u00fcmten Neoliberalismus eingeschlagen, in einem nie dagewesenen Ausma\u00df seit bestehen der portugiesischen Republik.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Im Mai 2006 k\u00fcndigte die Regierung an, ein Drittel der Geburts-Kliniken zu schlie\u00dfen, wovon in erster Linie das Landesinnere betroffen sein wird. Das bedeutet, dass werdende M\u00fctter Strecken von \u00fcber 80 km zur\u00fccklegen m\u00fcssen, um ihre Kinder zur Welt bringen zu k\u00f6nnen. Die Liste der Angriffe seitens der Regierung ist lang und beinhaltet u.a. auch Angriffe auf die LehrerInnen. Die P\u00e4dagogInnen, die \u00fcber weniger als eine f\u00fcnfj\u00e4hrige Berufserfahrung verf\u00fcgen, werden keine festen Anstellungsvertr\u00e4ge mehr bekommen. Dass Portugal vorher schon die Bildungseckpunkte des sogenannten Bologna-Abkommens nicht einhalten konnte, sei nur nebenbei bemerkt.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Das alles ging selbstredend nicht ohne Proteste vonstatten. In den Monaten Mai und Juni fanden \u00fcber zehn Demonstrationen statt. Letzten Dienstag (19. Juni 06; Anm. d. \u00dcbers.) z.B. rief FenProf, die gr\u00f6\u00dfte Bildungsgewerkschaft, zu einem landesweiten Kampftag in der Hauptstadt Lissabon auf, an dem sich 10.000 Menschen beteiligten, um den R\u00fccktritt des Bildungsministers zu fordern. Au\u00dferdem fanden etliche Protestveranstaltungen und Demos gegen die Schlie\u00dfung der besagten Kliniken, gegen K\u00fcrzungen im \u00f6ffentlichen Sektor und die Schlie\u00dfung von Textilfabriken statt. Den vorl\u00e4ufigen Abschluss findet die Bewegung in einem landesweiten Streik, der f\u00fcr den 15. Juli vorgesehen ist und von den beiden gr\u00f6\u00dften portugiesischen Gewerkschaftsverb\u00e4nden UGT und CGTP unterst\u00fctzt wird.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Die Geschichte lehrt uns, welche Methoden die herrschende Klasse in solchen Momenten anwendet. Das erste Ergebnis der drohenden Revolution in Portugal 1974, als der Kapitalismus f\u00f6rmlich nur noch auf dem Zahnfleisch ging, war, dass der Arbeiterklasse Reformen angeboten wurden. Heute kann der Kapitalismus solcher Art Zugest\u00e4ndnisse nicht mehr machen. Gezwungen durch die wirtschaftliche Krise ist die herrschende Klasse dazu \u00fcbergegangen brutale neoliberale Angriffe zu fahren, um die Profite zu sichern. Und dies geht Hand in Hand mit einer zunehmenden Monopolisierung der \u00d6konomie; in Teilen \u00fcbrigens sehr vergleichbar mit den Zust\u00e4nden, wie sie in den 1920er und -30er Jahren in Portugal herrschten.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">In solch einer Situation ist eine der beliebtesten Methoden der Bosse, den Nationalismus anzufachen, um<br \/>Portugal als einiges Land darzustellen, in dem es keine inneren Spannungen gibt und Klassengegens\u00e4tze nicht existieren. Ganz so, als hinge die Zukunft des Landes nur davon ab, dass einE jedeR PortugiesIn sich hinter der gr\u00fcn-roten Fahne einreiht.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">So rief beispielsweise der Staatspr\u00e4sident, Seit an Seit stehend mit dem Nationaltrainer, alle \u201ePatrioten\u201c dazu auf, \u00fcberall Nationalfahnen aufzuh\u00e4ngen. Jedes Haus und jede Wohnung, beinahe jedes Fenster, jede Stra\u00dfenlampe und jeder Baum, jede Autoantenne ist letzten Monat mit der portugiesischen Fahne beh\u00e4ngt worden. Abgesehen davon, dass die Landesregierung versucht, den Nationalismus als T\u00fcnche \u00fcber die sozialen Probleme zu kippen, liegt der Verdacht nahe, dass sie auch gute Beziehungen zu den Firmen haben, die die Fahnen massenweise produzieren.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Und so geht das immer weiter; es macht den Eindruck, als m\u00fcsste sich selbst die parlamentarische Demokratie vor dem \u201eregierungsamtlichen Fu\u00dfballnationalismus\u201c verneigen. Jede parlamentarische T\u00e4tigkeit wird unterbrochen, wenn Portugal aufl\u00e4uft. Alle Spiele des portugiesischen Nationalteams werden vom Premierminister besucht und sowohl der Pr\u00e4sident als auch der portugiesische Pr\u00e4sident der europ\u00e4ischen Kommission, Barrosso, werden als \u201eSpitze der Nation\u201c nach jeder Begegnung nach ihren Kommentaren in der Presse befragt.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Neben der F\u00f6rderung des Nationalismus wird der Fu\u00dfball auch dazu benutzt, von den realen Problemen im Land abzulenken. Linke Intellektuelle sprechen davon, dass der Fu\u00dfball in Portugal die Religion als das Opium des Volkes abgel\u00f6st hat. Und dieser Ansatz ist vollkommen berechtigt! Die Konzernchefs versuchen die Realit\u00e4t hinter den Ergebnissen der portugiesischen Nationalmannschaft zu verstecken.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Zwar ist das Rezept alles andere als neu, doch genauso stimmig wie in r\u00f6mischer Zeit vor mehr als 2000 Jahren: Es nennt sich \u201eBrot und Spiele\u201c&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><br style=\"margin-bottom: 0cm\"><br \/>\n      Jedes lebendige Wesen in Europa hat es mitbekommen: Die Fu&#223;ball-WM in<br \/>\n      Deutschland hat letzte Woche begonnen. 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