{"id":11671,"date":"2006-06-27T10:25:11","date_gmt":"2006-06-27T08:25:11","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11671"},"modified":"2012-12-30T12:08:31","modified_gmt":"2012-12-30T11:08:31","slug":"11671","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/06\/11671\/","title":{"rendered":"Das sch&#246;ne Spiel zu einem viel zu hohen Preis"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit Kevin Miles. Er ist internationaler Koordinator der englischen <i>Football Supporters&#180; Federation<\/i> und au&#223;erdem Mitglied der <i>Socialist Party<\/i> (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in England und Wales). Momentan h&#228;lt er sich mit der &#8222;Fan&quot;s Embassy&#8220; in Deutschland auf. <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  John Reid, Autor des Buchs &#8222;<i>Reclaim the Game<\/i>&#8220;, interviewte   Kevin f&#252;r &#8222;<i>The Socialist<\/i>&#8220;, der Zeitung der <i>Socialist   Party<\/i>.<\/p>\n<p>  <b>John Reid (JR):<\/b> Es gab in England einen Aufschrei der Emp&#246;rung   dar&#252;ber, dass eingefleischte England-Fans keine Karten f&#252;r die Spiele   ihres Teams bekommen hatten. Was sagst du zu den Ticketpreisen und der   Art und Weise, wie die Eintrittskarten verkauft wurden?<\/p>\n<p><b>Kevin   Miles (KM):<\/b> Trauriger Weise haben wir es hier mit einem Problem zu   tun, das schon bei den letzten Turnieren vorhanden war. Die FIFA macht   nicht den Eindruck, aus bereits gemachten Fehlern zu lernen. Die Rede   ist von gut 40% der WM-Karten, die direkt bei den Sponsoren, in   Gastgeschenken und bei nicht konkurrierenden Fu&#223;ballverb&#228;nden landeten.   Mit anderen Worten standen diese seitens der FIFA also erst gar nicht   f&#252;r die Fans zur Verf&#252;gung.<\/p>\n<p>  Das hei&#223;t zwar nicht, dass diese Eintrittskarten am Ende nicht auch bei   &#8222;echten&#8220; Fans angekommen sind. Es bedeutet aber, dass diese Fans   Hunderte Pfund f&#252;r Werbekosten mit bezahlen mussten, weil es nach   unserer Erfahrung die Karten aus diesem Bereich waren, die am h&#228;ufigsten   auf dem Schwarzmarkt gehandelt wurden. F&#252;r die Karten zum Spiel   England-Trinidad wurden beispielsweise 600,- &#8364; verlangt.<\/p>\n<p>  Der Schwarzhandel ist ein Skandal und er missbraucht die Liebe der   Menschen f&#252;r den Sport. Die meisten auf dem schwarzen Markt verkauften   Karten stammten nicht von einzelnen Personen. Meist wurde der Verkauf   von organisierten Cliquen in gro&#223;em Stil betrieben.<\/p>\n<p>  Dennoch liefen alle Ma&#223;nahmen der FIFA, den Schwarzhandel zu bek&#228;mpfen,   darauf hinaus, ausschlie&#223;lich den Endverbraucher zu bestrafen. Sie   zielten darauf ab, die Leute am Stadionbesuch zu hindern, die   tats&#228;chlich f&#252;r die Karten gezahlt hatten.<\/p>\n<p>  Per Definition ist eine jede auf dem schwarzen Markt gehandelte   Eintrittskarte eine Eintrittskarte, die urspr&#252;nglich von der FIFA einer   Person zur Verf&#252;gung gestellt wurde, welche mehr Interesse daran hat,   diese Karte zu Geld zu machen als sich selbst das Spiel anzusehen. Das   ist das Wesentliche am schwarzen Markt.<\/p>\n<p>  Nur sehr wenige Eintrittskarten, die von England-Fans &#252;ber die   offiziellen Stellen erworben wurden, fanden ihren Weg auf den   Schwarzmarkt. Ernsthafte Fu&#223;ballfans w&#252;rden sie niemals wieder f&#252;r Geld   hergeben.<\/p>\n<p>  <b>Mikrokosmos<\/b><\/p>\n<p>  Beim Spiel Togo-Korea existierte eine Art Mikrokosmos des schwarzen   Markts. McDonalds hatte ein Preisausschreiben &#252;ber WM-Eintrittskarten   ins Leben gerufen aber vers&#228;umt, ausreichend Fl&#252;ge und Unterk&#252;nfte zu   organisieren. Daher haben etliche Leute die von ihnen &#252;ber McDonalds   ergatterten Karten gar nicht erst eingel&#246;st.<\/p>\n<p>  Als McDonalds realisierte, dass sie auf Hunderten von Eintrittskarten   sitzen bleiben w&#252;rden, gaben sie offiziell den Auftrag heraus, die   Karten unter den Angestellten zu verteilen.<\/p>\n<p>  Tats&#228;chlich aber vertrieben sie die Karten in der Innenstadt. Die   Schwarzh&#228;ndler waren die ersten, die diese Karten ergatterten. Sie   gingen nach dem Verkauf einige Hundert Meter die Stra&#223;e hinunter, um   dieselben Karten dann f&#252;r 200,- Pfund weiterzuverkaufen.<\/p>\n<p>  Es ist bewiesen, dass Sponsoren einfach zu viele Karten zugeteilt   bekommen haben, dass sie nicht wirklich darauf Acht gaben, was am Ende   mit den Karten geschehen w&#252;rde und dass Eintrittskarten an   Schwarzh&#228;ndler gegangen sind. Genauso steht unter Beweis, dass letztere   ein Verm&#246;gen damit machten.<\/p>\n<p>  <b>JR:<\/b> Generell hat man hier in England das Gef&#252;hl, dass die   Stimmung unter den Fans ziemlich gut ist. Stimmt das?<\/p>\n<p>  <b>KM:<\/b> Die Atmosph&#228;re ist sehr, sehr, sehr gut. Nach meiner   Erfahrung ist der entscheidende Faktor, der bestimmt, ob ein   Fu&#223;ballturnier friedlich vonstatten geht oder nicht, das Verhalten der   Polizei. Bei gro&#223;en Menschenansammlungen ist es unvermeidlich, dass du   auf alle m&#246;glichen Personen triffst. Und viele Leute trinken wesentlich   mehr als ein vern&#252;nftiges Ma&#223;.<\/p>\n<p>  Entscheidend ist, ob die Polizei die ein, zwei geringf&#252;gigen   Vorkommnisse als solche behandelt und ansonsten relaxed mit allen   anderen Leuten umgeht oder ob sie die Dinge eskalieren l&#228;sst. Dann wird   gegen ganze Gruppen von Menschen vorgegangen, egal, wer getroffen wird.   Bisher f&#228;hrt die deutsche Polizei die relaxte Schiene.<\/p>\n<p>  Es gibt eine Menge von England-Fans, die die Vorurteile gegen sie leid   sind. Besonders leid sind sie die Konsequenzen, die das alles hatte:   Ziemlich brutale Polizeieins&#228;tze und Misstrauen sowie Feindseligkeit,   die uns &#252;berall entgegengebracht wurde, wo wir hinkamen. Uns haftete in   der Vergangenheit ein sehr schlechter Ruf an, der durch das uns&#228;gliche   Verhalten einer kleinen Minderheit begr&#252;ndet wurde. In den letzten   Jahren hat sich die Fangemeinde des englischen Nationalteams unheimlich   verbreitert.<\/p>\n<p>  <b>JR:<\/b> Es ist nicht meine Meinung, aber viele behaupten, dass sich   das Verhalten englischer Fans auch deshalb gebessert habe, weil mehr   Leute aus der Mittelschicht dazu gesto&#223;en sind. Wie siehst du das?<\/p>\n<p>  <b>KM:<\/b> Die Basis der englischen Fans ist breiter geworden. Dennoch   ist der Anteil an Leuten aus der Mittelschicht, die die   Nationalmannschaft unterst&#252;tzen, gleich geblieben. Einige meinen, dass   es nur Fans aus der Mittelschicht finanziell m&#246;glich war, der letzten WM   in Japan beizuwohnen und dass das der Grund daf&#252;r gewesen sei, dass das   Verhalten der Fans besser gewesen w&#228;re.<\/p>\n<p>  Allerdings kam man nur an Karten des englischen Fu&#223;ballverbands f&#252;r die   WM in Japan, wenn man sich f&#252;r dessen sogenanntes Treue-System   qualifiziert hatte. D.h. dass nur die Leute Tickets erhielten, die alle   Qualifikationsspiele besucht hatten.<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich waren es insgesamt weniger Leute, die sich das leisten   konnten. Aber es ist das, wof&#252;r viele sparen wie f&#252;r einen lang   ersehnten Urlaub. Die WM alle vier Jahre ist <i>das<\/i> Ding.<\/p>\n<p>  <b>JR:<\/b> In England flattert die St. George&quot;s Flagge (die englische   Fahne mit dem roten Kreuz auf wei&#223;em Grund; Anm. d. &#220;bers.) nicht nur   inmitten der Hellh&#228;utigen aus der Arbeiterklasse, sondern auch unter   kleineren Teilen der dunkelh&#228;utigen Menschen und denen mit asiatischer   Abstammung. Wie ist dein Eindruck davon?<\/p>\n<p>  <b>KM:<\/b> Das St. George&quot;s Kreuz wurde der extremen Rechten best&#228;ndig   entrissen. Der Ansatz, wonach englische Identit&#228;t nationalistisch,   fremdenfeindlich und rassistisch ist, ist vollkommen in den Hintergrund   getreten.<\/p>\n<p>  Ich stehe auf einem Platz in N&#252;rnberg und sehe, dass die meisten   England-Fans immer noch hellh&#228;utig sind. Allerdings sind mittlerweile   auch viele darunter, die asiatischer Abstammung oder weiblich sind.<\/p>\n<p>  Die hellh&#228;utigen M&#228;nner aus der Arbeiterklasse unterst&#252;tzen immer noch   das englische Team. Dennoch hat sich die Fangemeinde zweifellos dar&#252;ber   hinaus entwickelt. Fu&#223;ballfans reflektieren alle anderen Tendenzen in   der Gesellschaft und es wird weiterhin auch Rassisten unter den   hellh&#228;utigen englischen Fans geben. Der Gedanke jedoch, wonach man der   St. George&quot;s Fahne hinterher l&#228;uft und damit die extreme Rechte   unterst&#252;tzt, ist nicht mehr haltbar.<\/p>\n<p>  In all den Jahren, in denen ich diese Arbeit tue, ist die Stimmung   insgesamt offener und freundlicher geworden. Es entwickelt sich auch im   Laufe des Turniers weiter.<\/p>\n<p>  Beim ersten Spiel bemerken die Leute, dass sie sich im Ausland befinden   und dass sie sich auch inmitten anderer Fans bewegen. Das ist dann der   Moment, wo man sich von nationaler Identit&#228;t weg bewegt. Und je l&#228;nger   das Turnier dauert, desto mehr mischen sich die Fans untereinander. Die   Leute werden entspannter, besonders wenn sie nicht st&#228;ndig auf   Feindseligkeit treffen.<\/p>\n<p>  Im selben Augenblick existiert dann eine gesteigerte Identifikation mit   der eigenen Nationalit&#228;tszugeh&#246;rigkeit und die Wechselbeziehung zu   anderen Nationalit&#228;ten &#8211; viel mehr als jemals sonst im Leben der   einzelnen.<\/p>\n<p>  <b>JR:<\/b> Wie l&#228;uft das Projekt der Fan Embassy (Fan-Botschaft)?<\/p>\n<p>  <b>KM:<\/b> Wirklich gut. Je l&#228;nger wir hier sind, desto mehr Zustimmung   erfahren wir. Der Ansatz, dass es eine unabh&#228;ngige Organisation von Fans   f&#252;r Fans gibt, wo man sich Tipps und Informationen holen kann, ist   &#252;beraus beliebt geworden.<\/p>\n<p>  Der Grund daf&#252;r, warum uns ein so gro&#223;es Vertrauen zukommt, ist, dass   wir vollkommen unabh&#228;ngig sind. Die Leute wissen, dass sie zu uns kommen   k&#246;nnen, egal wer sie sind.<\/p>\n<p>  Wie lautet deine Meinung zu diesen Ans&#228;tzen? Schreib&#180; an die Redaktion   von <i>The Socialist<\/i>: PO Box 24697, London E11 1YD. <font color=\"#0000ff\"><u><a href=\"mailto:editors@socialistparty.org.uk\">editors@socialistparty.org.uk<\/a><\/u><\/font>   oder an <font color=\"#0000ff\"><u><a href=\"mailto:info@sav-online.de\">info@sav-online.de<\/a><\/u><\/font>.   Wir leiten die Statements im Sinne des internationalen Gedankens gerne   weiter.<\/p>\n<p>  Weitere Infos unter: <font color=\"#0000ff\"><u><a href=\"http:\/\/www.fsf.org.uk\/;\">http:\/\/www.fsf.org.uk\/;<\/a><\/u><\/font>   http:\/\/www.socialistparty.org.uk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Kevin Miles. Er ist internationaler Koordinator der<br \/>\n    englischen <i>Football Supporters&#180; Federation<\/i> und au&#223;erdem<br \/>\n    Mitglied der <i>Socialist Party<\/i> (Schwesterorganisation der SAV und<br \/>\n    Sektion des CWI in England und Wales). Momentan h&#228;lt er sich mit der<br \/>\n    &#8222;Fan&quot;s Embassy&#8220; in Deutschland auf. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[69],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11671"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11671"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11671\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11671"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11671"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11671"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}