{"id":11664,"date":"2006-06-15T09:20:32","date_gmt":"2006-06-15T07:20:32","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11664"},"modified":"2012-07-02T19:40:45","modified_gmt":"2012-07-02T17:40:45","slug":"11664","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/06\/11664\/","title":{"rendered":"Arbeiter- und Jugendproteste in Polen"},"content":{"rendered":"<p>&#220;ber die zunehmende Kampfbereitschaft und Massenproteste von ArbeiterInnen, Jugendlichen und Unterdr&#252;ckten in Polen <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>&#8216;Die Kampfbereitschaft ist zur&#252;ck!&#8217;<\/b><\/p>\n<p>  <i>von Paul Newbery, GPR &#8211; Grupy na rzecz Partii Robotniczej   (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in Polen)<\/i><\/p>\n<p>  Nur knapp ein halbes Jahr nach den Parlamentswahlen, die   rechts-konservative Nationalisten und populistische Parteien ins Amt   brachten, l&#228;sst die polnische Arbeiterklasse ihre Muskeln spielen und   geht in die Offensive.<\/p>\n<p>  In den letzten Wochen zwang der Streik der Krankenschwestern, -pfleger   und &#196;rztInnen die Regierung dazu weite Zugest&#228;ndnisse machen zu m&#252;ssen.   Tats&#228;chlich wurden Zusagen &#252;ber nicht unwesentliche Lohnerh&#246;hungen   gemacht. Weil diese aber erst im n&#228;chsten Kalenderjahr kommen sollen,   geht der Streik an &#252;ber 90 Krankenh&#228;usern weiter, da &#196;rztInnen und   Pflegepersonal die sofortige Anhebung der Bez&#252;ge durchsetzen wollen.<\/p>\n<p>  Die Bergleute sind ebenfalls in Aktion getreten und fordern eine   Beteiligung an den Gewinnen der Gruben. Allein im vergangenen Jahr stieg   der Profit dreier Bergbauunternehmen um 250 Mio. Euro. Als die Gespr&#228;che   dar&#252;ber ohne Einigung abgebrochen wurden, kam es am 5. Juni zu einer   zweist&#252;ndigen Arbeitsniederlegung.<\/p>\n<p>  Warschau bereitet sich gerade auf den Einmarsch der Bergleute vor. Am   14. Juni 06 wollen diese ihren Unmut auf die Stra&#223;en der polnischen   Hauptstadt tragen und es ist davon auszugehen, dass die Demo noch gr&#246;&#223;er   werden wird als die bereits 10.000 TeilnehmerInnen starke Veranstaltung   im letzten Jahre. Damals endete der Protest gegen die Anhebung des   Rentenalters der Bergleute in Stra&#223;enschlachten mit der Polizei. In   diesem Jahr drohen allerdings sogar die PolizistInnen damit, sich neben   den Feuerwehrleuten und den GrenzerInnen f&#252;r ihre Interessen einzusetzen   und Aktionen gegen die Regierung zu organisieren. Alles in allem finden   Land auf Land ab bisher noch isoliert nebeneinander ausgefochtene   Auseinandersetzungen in den Fabriken statt.<\/p>\n<p>  Und als ob all dies nicht schon genug w&#228;re, bereiten zur selben Zeit   auch noch die Sch&#252;lerinnen und LehrerInnen landesweiten Widerstand vor.   Sie wenden sich gegen die Ernennung Roman Giertychs von der Liga der   polnischen Familien (LPR) zum neuen Bildungsminister. Giertych, der auch   Vorsitzender der LPR ist, plant die Einf&#252;hrung eines verpflichtenden   Religionsunterrichts und so bezeichneter patriotischer Stunden. Er will   nicht nur das Budget f&#252;r Stipendien an Sch&#252;lerInnen aus armem Elternhaus   zusammenstreichen, sondern dar&#252;ber hinaus auch verhindern, dass   obligatorische Vorschulen f&#252;r F&#252;nfj&#228;hrige eingerichtet werden.   ErzieherInnen und RektorInnen mit einer liberaleren Vorstellung von   Bildung wurden bereits von einflussreicheren Stellen im Bildungssektor   entfernt.<\/p>\n<p>  <b>Demonstration von Schwulen und Lesben<\/b><\/p>\n<p>  Am 9. Juni 2006 nahmen rund 5.000 Menschen am Gleichheitsmarsch teil, um   f&#252;r ein Ende der Diskriminierung von Schwulen und Lesben zu   demonstrieren. Das war ein Schu&#223; vor den Bug der polnischen Rechten.   Diese hatten wie im vorigen Jahr versucht den Marsch zu verbieten, waren   diesmal aber am Verfassungsgericht gescheitert. Im letzten Moment wurde   die von der rechts-nationalen Polnischen Jugend (Jugendorganisation der   LPR) geplante Gegenkundgebung mit der Begr&#252;ndung abgesagt, dass sich   Polen dieser Tage nicht f&#252;r Demos, sondern f&#252;r die Fu&#223;ball WM   interessieren. Offensichtlich rechneten sie urspr&#252;nglich mit der   Teilnahme von rechten Schl&#228;gern und Hooligans! Schlie&#223;lich marschierten   nur 150 Faschisten auf, die von acht Linien Sondereinheiten der Polizei   gesch&#252;tzt wurden. Zwar versuchten die Nazis die Parade mit Eiern zu   bewerfen, die wirklich Getroffenen an diesem Tag waren aber die Herren   und Damen in der polnischen Regierung.<\/p>\n<p>  Dennoch hat die Zahl faschistischer Angriffe gegen Linke und   AnarchistInnen in j&#252;ngster Zeit zugenommen. Diese Tatsache steht in   direktem Zusammenhang zu dem Wahlsieg der polnischen Rechten.   Reaktion&#228;re Bemerkungen eines Roman Giertych und seine immer wieder   gef&#252;hrten Seitenhiebe gegen politisch anders Denkende haben die Nazis   auf der Stra&#223;e selbstbewusster werden lassen und sie zu weiterer Gewalt   ermutigt. Vor einigen Wochen versuchten Nazis in Warschau einen   Antifaschisten zu ermorden, dessen Foto auf der polnischen Homepage   &#8216;Redwatch&#8217; ver&#246;ffentlicht war. Diese Website steht in Verbindung mit der   britischen Nazi-Organisation &#8216;Blood and Honour&#8217;.<\/p>\n<p>  Ungeachtet der Zunahme reaktion&#228;rer Tendenzen findet die   Arbeiterbewegung in Polen allm&#228;hlich zu alter Kampfkraft zur&#252;ck und geht   mehr und mehr in die Offensive. In dieser Situation verbreiten die   GenossInnen der GPR (Bewegung f&#252;r eine Arbeiterpartei; Anm. d. &#220;bers.)   die Idee eines Generalstreiks, der alle zur Zeit noch vereinzelt   stattfindenden K&#228;mpfe zu einer Bewegung gegen die Regierung vereinen   k&#246;nnte.<\/p>\n<p>  <b>Komitee zur Unterst&#252;tzung und Verteidigung schikanierter ArbeiterInnen<\/b><br \/><b>Polnische   AutobauerInnen verteidigen!<\/b><\/p>\n<p>  Am 7. Juni 2006 haben 100 AktivistInnen vom Komitee zur Unterst&#252;tzung   und Verteidigung schikanierter ArbeiterInnen (KPiORP) an Streikposten   vor den B&#252;ros von vier prominenten Parlamentariern in Warschau   teilgenommen. Die Proteste wurden zur Unterst&#252;tzung entlassener   ArbeiterInnen organisiert. Sie hatten ihre Jobs beim mittlerweile   bankrotten Autoproduzenten Daewoo-FSO verloren und k&#228;mpfen seither f&#252;r   die Auszahlung noch ausstehender L&#246;hne und Abfindungen f&#252;r die letzten   drei Jahre.<\/p>\n<p>  Am selben Tag veranstaltete die KPiORP eine Informationskampagne in &#252;ber   80 St&#228;dten Polens. Flugbl&#228;tter und Brosch&#252;ren wurden verteilt, die sich   an PolInnen richten, die dieses Jahr vorhaben im Ausland zu arbeiten.   Die Flugis riefen dazu auf, sich auch im Ausland gewerkschaftlicher   Unterst&#252;tzung zu vergewissern und erl&#228;uterten zudem die Arbeitsrechte   von Polen in EU-Staaten.<\/p>\n<p>  Das KPiORP wurde Anfang diesen Jahres als Antwort auf die Entlassung von   GewerkschafterInnen ins Leben gerufen, die in verschiedensten Branchen   aktiv sind. Die Initiative dazu ging von einzelnen   Gewerkschaftsgliederungen, der Einzelgewerkschaft &#8216;Sierpien 80&#8217;, die in   den schlesischen Gruben eine Macht ist, GPR-Mitgliedern und einigen   anderen linken Gruppen aus. Das KPiORP verfolgt das Ziel, ArbeiterInnen   aller Einzelgewerkschaften im gemeinsamen Kampf f&#252;r Arbeiterrechte zu   vereinen und rechtliche Hilfe f&#252;r einzelne ArbeiterInnen anzubieten, wo   diese n&#246;tig geworden ist.<\/p>\n<p>  <b>Reisende Bergleute<\/b><\/p>\n<p>  Ein bedeutsames Merkmal der Protestaktionen und Demos, die das KPiORP   organisiert, ist die Teilnahme von Bergleuten, die durch das ganze Land   fahren, um sich f&#252;r die Proteste einzusetzen. So auch am 7. Juni, als   schlesische Bergleute nach Warschau kamen, um die Aktionen zur   Unterst&#252;tzung der dortigen Autobauer zu unterst&#252;tzen.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend der Protestaktionen vor dem Sitz Jaroslaw Kaczynskis, dem   Vorsitzenden der Partei f&#252;r Recht und Gerechtigkeit, ergriff ein   GPR-Mitglied im Namen des KPiORP das Wort und erkl&#228;rte, wie 300   Besch&#228;ftigte von Daewoo-FSO zynischer Weise in neu errichtete und   unterfinanzierte Zweigwerke von Daewoo-FSO verschickt wurden. Dies   geschah, als der Bankrott schon unausweichlich feststand. Innerhalb   eines Jahres stellte das Unternehmen dann die Lohnzahlungen ein und als   die Belegschaft &#252;berfl&#252;ssig geworden war wurden keine Abfindungen   gezahlt. Der Kampf der KollegInnen vor Gericht hat bislang zu keinem   Ergebnis gef&#252;hrt.<\/p>\n<p>  Der Genosse von der GPR sagte weiter: &#8222;All dies geschah in   &#220;bereinstimmung mit den Gesetzen. Deshalb frage ich euch, wessen   Interessen durch die Gesetze vertreten werden? Erfahren wir Recht und   Gerechtigkeit in diesem Land? &#8211; Nein! Recht und Gerechtigkeit herrschen   in Kaczynskis B&#252;ro und im polnischen Parlament. Unser Recht ist dies   nicht und uns widerf&#228;hrt auch keine Gerechtigkeit. Es sind Recht und   Gerechtigkeit f&#252;r die Reichen, f&#252;r die Banken und die Konzerne.&#8220;<\/p>\n<p>  Er f&#252;gte hinzu, dass das KPiORP nicht nur die Zahlung ausstehender L&#246;hne   und Abfindungen f&#252;r die ehemaligen Daewoo-Besch&#228;ftigten fordert, sondern   ebenfalls ein Ende der Privatisierungswelle, die &#252;ber Polen zieht. &#8222;Alle   Betriebe, die Abfindungen ablehnen, m&#252;ssen wieder vergesellschaftet   werden unter der Kontrolle der ArbeiterInnen und der &#246;rtlichen   Communities. Wir wollen Recht und Gerechtigkeit f&#252;r die ArbeiterInnen!&#8220;<\/p>\n<p>  &#220;ber die ganze letzte Woche hindurch berichtete die landesweite Presse   von den Protesten. In verschiedenen Landesteilen wurden AktivistInnen   des KPiORP von lokalen Fernsehsendern und Radiostationen interviewt. Die   Mitglieder von GPR und KPiORP bereiten momentan eine Demo gegen den   extrem nationalistischen Bildungsminister Roman Giertych f&#252;r den 24.   Juni vor. Die Bergleute der Gewerkschaft Sierpien 80 werden daf&#252;r   genauso breit mobilisieren wie die LehrerInnen der ZNP-Gewerkschaft, die   Oberstufensch&#252;lerInnen und die Universit&#228;tsstudentInnen. Die   Hauptforderungen dieser Demo richten sich gegen die religi&#246;se   Indoktrination der Schulen, f&#252;r ein sekulares Bildungssystem &#8211; gegen   neoliberale Politik und f&#252;r soziale Standards.<\/p>\n<p>  Weitere Infos unter: <a href=\"http:\/\/www.gpr.webpark.pl\">www.gpr.webpark.pl<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#220;ber die zunehmende Kampfbereitschaft und Massenproteste von<br \/>\n    ArbeiterInnen, Jugendlichen und Unterdr&#252;ckten in Polen <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[43],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11664"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11664"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11664\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11664"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11664"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11664"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}