{"id":11647,"date":"2006-06-08T12:37:44","date_gmt":"2006-06-08T12:37:44","guid":{"rendered":".\/?p=11647"},"modified":"2006-06-08T12:37:44","modified_gmt":"2006-06-08T12:37:44","slug":"11647","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/06\/11647\/","title":{"rendered":"&#8222;Leitw&#228;hrung&#8220; BAT abgeschafft"},"content":{"rendered":"<p>  &#214;ffentlicher Dienst: Beim Streik der Landesbesch&#228;ftigten w&#228;re mehr drin   gewesen<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Ihr schafft uns den &#196;rztestreik vom Hals, daf&#252;r bekommt ihr einen   Tarifvertrag. Nach einem solchen Deal riecht der Tarifabschluss f&#252;r die   Landesbesch&#228;ftigten. Drei Jahre nach dem tariflosen Zustand bei den   Sonderzahlungen und nach zwei Jahren ohne Tarifvertrag bei der   Arbeitszeit gibt es f&#252;r die Landesbesch&#228;ftigten einen Abschluss, der   sich am neuen Tarifvertrag f&#252;r den &#246;ffentlichen Dienst (TV&#246;D) f&#252;r   Kommunen und Bund orientiert. Die L&#246;hne werden abgesenkt, Arbeitszeiten   werden verl&#228;ngert. Es gibt noch offene beziehungsweise f&#252;r die   Arbeitgeber leicht zu &#246;ffnende Tarifbestandteile. Das ist das Ergebnis   nach drei Monaten Streik.<\/p>\n<p>  <i>von Ursel Beck, Stuttgart<\/i><\/p>\n<p>  Unglaublich, aber wahr: F&#252;r die 146.000 Klinik&#228;rzte, die sich von ver.di   seit dem TV&#246;D nicht mehr vertreten f&#252;hlen, hat ver.di die   42-Stunden-Woche, 24-Stunden-Schichten und bis zu vier   12-Stunden-Schichten hintereinander vereinbart. Und trotzdem behauptet   Frank Bsirske, es sei gelungen, &#8222;die Arbeitszeit ein St&#252;ck weit zu   verteidigen&#8220;. Niederlagen werden von Gewerkschaftsf&#252;hrern wieder einmal   als Erfolg verkauft. Das gilt auch f&#252;r die angebliche Gehaltserh&#246;hung   von bis zu zehn Prozent f&#252;r die Mediziner. Sie kommt nur dadurch   zustande, dass die Arbeitszeitverl&#228;ngerung teilfinanziert wird. An   anderer Stelle wird den &#196;rzten wie allen anderen etwas weggenommen. Der   Marburger Bund, bei dem 105.000 &#196;rztInnen organisiert sind, will den   Abschluss nicht akzeptieren und mehr herausschlagen.<\/p>\n<p>  F&#252;r die Besch&#228;ftigten der Unikliniken wurde wie zuvor f&#252;r die   st&#228;dtischen Krankenh&#228;user die Option auf weitere Lohnsenkungen von zehn   Prozent vereinbart &#8211; &#8222;zur Sicherung der wirtschaftlichen Zukunft&#8220;. <\/p>\n<p>  <b>Arbeitszeitverl&#228;ngerung<\/b><\/p>\n<p>  Der Kampf gegen Arbeitszeitverl&#228;ngerung und Stellenvernichtung war   ausschlaggebend f&#252;r das Durchhalteverm&#246;gen der Tausenden von Streikenden   in Hamburg, im Saarland, in Nordrhein-Westfalen und anderswo. Am Ende   steht eine Arbeitszeitverl&#228;ngerung f&#252;r die Mehrheit der   Landesbesch&#228;ftigten. ver.di redet davon, dass im bundesweiten   Durchschnitt eine Wochenarbeitszeit von 39,22 Wochenstunden im Westen   herauskommt (im Osten wird 40 Stunden gearbeitet). In NRW sind es   allerdings 39,68, in Bayern sogar 39,73 Wochenstunden.<\/p>\n<p>  Die w&#246;chentliche Arbeitszeit bei Bereitschaftsdiensten darf nun bis zu   58 Stunden betragen. Mit dieser tariflichen Regelung wird sogar gegen   das bestehende Arbeitszeitgesetz versto&#223;en.<\/p>\n<p>  <b>Finanzielle Verluste f&#252;r alle<\/b><\/p>\n<p>  F&#252;r alle Landesbesch&#228;ftigten und erst recht f&#252;r die Altbesch&#228;ftigten   gilt: Der neue Tarifvertrag ist eine enorme Verschlechterung gegen&#252;ber   dem Bundesangestelltentarif (BAT). Ganz abgeschafft wurde das   Urlaubsgeld, familienbezogene und andere Zuschl&#228;ge. Das Weihnachtsgeld   lag bisher f&#252;r die KollegInnen im Westen, f&#252;r die der BAT nachwirkte,   bei 82 Prozent. Ab Entgeltgruppe 9 wird es jetzt auf 80 Prozent begrenzt   und f&#252;r h&#246;here Entgeltgruppen gibt es nur noch 50 beziehungsweise 35   Prozent.<\/p>\n<p>  Beginnend mit dem Jahr 2007 werden den Besch&#228;ftigten bis acht Prozent   des Bruttogehalts f&#252;r Leistungsentlohnung einbehalten. Dieser von allen   einbehaltene Lohn soll dann als Nasenpr&#228;mie verteilt werden.<\/p>\n<p>  Die vereinbarten Lohnerh&#246;hungen sind noch nicht mal ein Trostpflaster   f&#252;r all diese Verluste, geschweige denn ein Lohnausgleich f&#252;r die   Arbeitszeitverl&#228;ngerung.<\/p>\n<p>  <b>Fl&#228;chentarifvertrag abgeschafft<\/b><\/p>\n<p>  Mit dem Tarifabschluss bei den L&#228;ndern ist der BAT als einst gr&#246;&#223;ter   Fl&#228;chentarifvertrag endg&#252;ltig abgeschafft. Die ver.di-F&#252;hrung behauptet,   dass das neue Tarifwerk im &#246;ffentlichen Dienst ein Fortschritt w&#228;re. Das   Gegenteil ist der Fall. Materiell bedeutet das den gr&#246;&#223;ten Verlust f&#252;r   die Besch&#228;ftigten im &#246;ffentlichen Dienst in der ganzen   Nachkriegsgeschichte.<\/p>\n<p>  Noch gr&#246;&#223;er ist der Verlust f&#252;r alle im indirekten &#246;ffentlichen Dienst   Besch&#228;ftigten, die bisher am BAT angelehnt waren. Arbeiterwohlfahrt,   Caritas, kirchliche und freie Tr&#228;ger nutzen die Abschaffung der   &#8222;Leitw&#228;hrung&#8220; BAT f&#252;r Lohnsenkungen, Arbeitszeitverl&#228;ngerung und die   Streichung von Urlaubstagen unterhalb des TV&#246;D-Niveaus.<\/p>\n<p>  F&#252;r die insgesamt sechs Millionen Besch&#228;ftigten im direkten und   indirekten &#246;ffentlichen Dienst gibt es keinen Fl&#228;chentarifvertrag mehr.   Selbst da, wo der TV&#246;D vereinbart wurde, gibt es &#8211; entgegen der   Behauptung der ver.di-F&#252;hrung &#8211; nicht mehr, sondern weniger   Einheitlichkeit. Die Arbeitszeiten variieren von Bundesland zu   Bundesland und zum Teil von Stadt zu Stadt. Die Spaltung innerhalb von   Belegschaften wurde durch unterschiedliche Regelungen bei der   Arbeitszeit vertieft. Wenn im n&#228;chsten Jahr ein Teil des Lohns auf   leistungsabh&#228;ngige Bezahlung umgestellt wird, wird sich diese Spaltung   weiter vertiefen.<\/p>\n<p>  Noch v&#246;llig ungekl&#228;rt ist die Frage der neuen Eingruppierungen. Sie wird   ohne jegliche Beteiligung der ver.di-Basis hinter verschlossenen T&#252;ren   verhandelt.<\/p>\n<p>  Im Gegensatz zu ver.di ist der Kommunale Arbeitgeberverband der Meinung,   dass die Meistbeg&#252;nstigungsklausel durch den Abschluss nicht umgangen   wurde. Die Besch&#228;ftigten in den st&#228;dtischen Betrieben k&#246;nnten also bald   mit weiteren Verl&#228;ngerungen der Arbeitszeit und K&#252;rzungen bei den   Sonderzahlungen konfrontiert sein.<\/p>\n<p>  <b>Kr&#228;fteverh&#228;ltnis<\/b><\/p>\n<p>  Die ver.di-F&#252;hrung verkauft den Abschluss bei den L&#228;ndern als Erfolg und   verweist darauf, dass angesichts des niedrigen gewerkschaftlichen   Organisationsgrades und der geringen Streikbeteiligung nicht mehr drin   war. Dass der Organisationsgrad und die Streikbeteiligung so niedrig   blieb, liegt aber in erster Linie an der ver.di-F&#252;hrung. Mit den   Abschl&#252;ssen bei den kommunalen Besch&#228;ftigten in Hamburg, Niedersachsen   und Baden-W&#252;rttemberg wurden die Landesbesch&#228;ftigten isoliert.   Tarifauseinandersetzungen bei der Post, Telekom und vielen anderen   Bereichen wurden nicht f&#252;r gemeinsame Streiks genutzt. F&#252;r die   Altbesch&#228;ftigten der L&#228;nder gab es die groteske Situation, dass es das   demobilisierende Streikziel &#8222;&#220;bernahme vom Absenkungstarifvertrag TV&#246;D&#8220;   gab. Im Gegensatz zum Marburger Bund stellte ver.di keine mobilisierende   Lohnforderung auf.<\/p>\n<p>  Der stellvertretende bayrische Landesbezirksvorsitzende Michael Wendl   hat die Streiks im &#246;ffentlichen Dienst als die Folge des nicht gef&#252;hrten   Streiks bei der Auseinandersetzung um den TV&#246;D bezeichnet. Das ist wohl   wahr. Aber das kampflose Nachgeben beim TV&#246;D und die &#214;ffnungsklausel   40-Stunden-Woche waren kein Betriebsunfall, sondern bewusste Politik des   verdi-Bundesvorstandes. Deshalb ist es v&#246;llig falsch davon zu reden,   dass das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis schuld gewesen sei an den tarifpolitischen   R&#252;ckschritten bei Kommunen und L&#228;ndern.<\/p>\n<p>  Die Verantwortung liegt bei der ver.di-F&#252;hrung, die es in den letzten   Jahren durch Spaltung und eine kampflose Kapitulation nach der anderen   geschafft hat, einen einst kampfstarken Sektor zu zerlegen, das   Vertrauen in die gewerkschaftliche Kampfkraft zu untergraben und dadurch   angreifbar zu machen. Und als die Arbeitgeber jetzt zur Offensive   bliesen, erwies sich der ver.di-Bundesvorstand und der Apparat als   v&#246;llig unf&#228;hig und unwillens, das Gewicht der gr&#246;&#223;ten Einzelgewerkschaft   der Welt in die Waagschale zu werfen. Und erkl&#228;rterma&#223;en war es   ver.di-Chef Frank Bsirske wichtig, die Fu&#223;ball-WM streikfrei zu halten.   Den Preis daf&#252;r bezahlen die Millionen Besch&#228;ftigten im &#246;ffentlichen   Dienst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      &#214;ffentlicher Dienst: Beim Streik der Landesbesch&#228;ftigten w&#228;re mehr drin<br \/>\n      gewesen\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11,18],"tags":[182],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11647"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11647"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11647\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11647"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11647"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11647"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}