{"id":11627,"date":"2006-05-17T15:16:44","date_gmt":"2006-05-17T15:16:44","guid":{"rendered":".\/?p=11627"},"modified":"2006-05-17T15:16:44","modified_gmt":"2006-05-17T15:16:44","slug":"11627","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/05\/11627\/","title":{"rendered":"Selbstbewusste Berliner WASG erteilt Kommissar Aydin klare Absage"},"content":{"rendered":"<p>Bericht vom Sonderparteitag der Berliner WASG am 16. Mai 2006 <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Gleich zu Beginn gab es den ersten H&#246;hepunkt. Eine Vertreterin des   partei-internen Landesschiedsgerichts teilte &#252;ber eine Eilentscheidung   mit, dass die Erkl&#228;rung des vom Bundesvorstand eingesetzten   Landeskoordinators H&#252;seyin Aydin, der Sonderparteitag der WASG Berlin   sei abgesagt, keine G&#252;ltigkeit habe. Daraufhin wurde bei langanhaltendem   Jubel die Beschlussf&#228;higkeit mit 104 angemeldeten Delegierten   festgestellt. Die mit dem Bundesvorstand konform gehende Minderheit (vor   allem die Initiative Rixdorf) hatten sich &#252;berwiegend nicht als   Delegierte angemeldet, waren aber gemeinsam mit den VertreterInnen vom   Bundesvorstand und der Fraktion anwesend, &#8220;um die Diskussion zu f&#252;hren&#8221;.   Der Berliner Landesparteitag war ein Muster an Demokratie, denn den   &#8220;G&#228;sten&#8221; wurde, obwohl sie den Parteitag als nicht rechtens   bezeichneten, das volle Rederecht einger&#228;umt. Das gew&#228;hlte Pr&#228;sidium   achtete sogar darauf, dass jede\/r vierte RednerIn von der Minderheit war   (letztendlich war es sogar fast jeder dritte Beitrag). Das hielt   nat&#252;rlich trotzdem einige ihrer VertreterInnen nicht davon ab, sich zu   beschweren. Die Delegierten reagierten auf solche Provokationen eher   gelassen.<\/p>\n<p>  <i>von Angelika Teweleit<\/i><\/p>\n<p>  Die Debatte wurde von Rouzbeh Taheri eingeleitet, der den vom gew&#228;hlten   Landesvorstand beschlossenen Antrag begr&#252;ndete. Rouzbeh Taheri und   Michael Pr&#252;tz vom &#8220;abgesetzten&#8221; Landesvorstand, machten selbstbewusst   klar: Die Berliner WASG wird sich durch ein solches Verfahren nicht   wegdr&#228;ngen lassen, sondern weiter f&#252;r eine Politik f&#252;r alle, die von   Sozialabbau betroffen sind, fortsetzen. Pr&#252;tz bezeichnete das   zentralistische Verfahren des Bundesvorstandes als &#8220;demokratischen   Verfall, nach dem man in der Parteiengeschichte lange suchen muss.&#8221;<\/p>\n<p>  Darufhin r&#228;umte das von den Delegierten gew&#228;hlte Pr&#228;sidium dem   &#8220;Kommissar&#8221; Aydin die doppelte Redezeit ein. Er argumentierte f&#252;r die   &#8220;Einheit der Linken&#8221; und meinte salopp: &#8220;Zwei Linke kannste vergessen&#8221;.   Die Menschen w&#252;rden nach einer &#8220;vern&#252;nftigen Alternative&#8221; suchen und 4,1   Millionen Menschen h&#228;tten die gemeinsame Linke gew&#228;hlt und &#8220;die haben   uns den R&#252;cken noch nicht zugewandt&#8221;. Dabei verga&#223; er ganz, dass die PDS   wegen ihrer Politik durchaus massiv an Stimmen verloren hatte und die   Neu-Entstehung der WASG in Wirklichkeit f&#252;r den Erfolg bei den   Bundestagswahlen verantwortlich war. Aydin verk&#252;ndete scheinbar   selbstsicher, die Linkspartei, also die L.PDS, st&#252;nde ganz klar gegen   Privatisierung, gegen Sozialabbau und f&#252;r eine R&#252;ckkehr zum   Fl&#228;chentarifvertrag. Dies verursachte heftiges Gel&#228;chter bei den sonst   sehr h&#246;flichen Delegierten. Weiterhin behauptete er, er wolle als   eingesetzter Landeskoordinator &#8220;nicht Alleinherrscher werden, sondern   alle Str&#246;mungen vertreten, und die Dominanz einer Gruppe verhindern&#8221;.   Den Parteitag habe er nur aus dem Grund abgesagt, damit man eine   politische Diskussion haben k&#246;nne. Zudem hielt er noch fest, dass er den   Parteitag eindeutig abgesagt habe, die Landesschiedsstelle gar keine   Befugnis habe seine Entscheidung r&#252;ckg&#228;ngig zu machen und daher &#8220;alle   Beschl&#252;sse der Delegierten an diesem Abend null und nichtig&#8221; seien. An   dem Punkt fiel es den meisten schwer, der seltsamen Logik des   Bundestagsabgeordneten zu folgen. Hakan Doganay (auch vom Landesvorstand   und SAV-Mitglied) erntete massiven Beifall, als er das   Demokratieverst&#228;ndnis des Genossen Aydin auseinandernahm.<\/p>\n<p>  Nach Aydin sprach Lucy Redler (WASG-Spitzenkandidatin) und stellte noch   einmal klar, warum die Berliner WASG nicht nur ihrer Mitgliedschaft,   sondern auch den Menschen in der Stadt gegen&#252;ber eine Verantwortung hat.   Denn &#8220;wir reden nicht nur links, sondern wir machen auch linke Politik&#8221;.   Sie erz&#228;hlte von einer Aktion am selben Vormittag vor dem Roten Rathaus,   wo die Berliner WASGler 10 Euro Mindestlohn einforderte, auch f&#252;r die   Besch&#228;ftigten der PIN AG, einer Billiglohnfirma, die vom rot-roten Senat   mit Postzustellungen beauftragt wird. Lucy Redler stellte anhand dieser   Sache auch die Widerspr&#252;chlichkeit der Berliner Minderheit dar.   Christine Buchholz (WASG-Bundesvorstand und Linksruck) hatte n&#228;mlich   eine solche Aktion abgelehnt, da sie &#8220;b&#252;ndnispolitisch nicht machbar&#8221;   sei. Lucy Redler stellte die Frage: &#8220;Wer sind denn unsere   B&#252;ndnispartner? Eine L.PDS im Senat? Oder sind unsere B&#252;ndnispartner die   Besch&#228;ftigten bei der PIN AG, die Kolleginnen und Kollegen bei der   Charite, die Erwerbslosen in der Stadt?!&#8221; Dies wurde mit stehendem   Beifall und rhythmischem Klatschen beantwortet.<\/p>\n<p>  Christine Buchholz, wie bereits in ihrem Streitgespr&#228;ch mit Lucy Redler   in der jungen Welt deutlich wurde, hatte keine schl&#252;ssige Antwort   darauf. Zun&#228;chst redete sie von einer Unterstellung, sagte dann aber,   die Mindestlohnkampagne m&#252;sste mit der L.PDS gemeinsam gef&#252;hrt werden.   Sch&#246;n und gut, sagten sich die Delegierten, wie aber geht das, wenn die   L.PDS doch selbst Verantwortung fur die Lohndr&#252;ckerei durch die PIN AG   tr&#228;gt! W&#228;hrend Buchholz also in der Praxis eine Aktion ablehnte, die die   Verantwortung des rot-roten Senats klar benennt, beschuldigte sie   gleichzeitig die Berliner WASG-Mehrheit, dass sie den Druck auf die   L.PDS &#8220;wegnehme&#8221; wenn sie sich au&#223;erhalb positioniere! Ein Delegierter   bekam viel Beifall, als er ironisch bemerkte, man m&#252;sse &#8220;den Genossen   Trotzki ja mal in Schutz nehmen, wenn sich Leute wie Buchholz und   Linksruck auf ihn beziehen&#8221;.<\/p>\n<p>  Buchholz versuchte die Delegierten &#252;ber das unterschiedliche Verst&#228;ndnis   von B&#252;ndnispolitik zu belehren, denn &#8220;wie soll man denn realpolitisch   die hunderte von Millionen Menschen f&#252;r eine linke Politik gewinnen?&#8221; Es   g&#228;be doch gr&#246;&#223;ere Feinde f&#252;r uns als die L.PDS: Wenn wir keine   Privatisierung und keinen Sozialabbau wollten, k&#246;nnten wir doch nur   gemeinsam etwas &#228;ndern. Dass das mit der Beteiligung an einer Regierung,   die modellhaften Sozialkahlschlag betreibt, eben gerade nicht geht,   machten eine Reihe von Delegierten mit exzellenten Redebeitr&#228;gen   deutlich.<\/p>\n<p>  So erkl&#228;rte Carsten Becker, Betriebsrat bei der Charite: Die L.PDS sitzt   in der Charite im Aufsichtsrat und ist daran beteiligt, die Kolleginnen   und Kollegen mit folgender Wahl zu erpressen: Entweder sie unterzeichnen   eine massive Tarifabsenkung, oder es gibt Stellenabbau (zus&#228;tzlich zu   dem, der bereits stattgefunden hat.) Er machte klar, bei ihm in der   Charite wird es schwer sein, KollegInnen zu finden, die noch irgendeine   Sympathie f&#252;r die L.PDS hegen. Schon gar nicht k&#246;nne er den KollegInnen   in irgendeiner Weise nahebringen, dass es n&#246;tig sei mit dieser L.PDS   eine Neue Linke aufzubauen! Daher kandidiert Carsten Becker f&#252;r die WASG   Berlin und wird auch weiterhin mit allen Mitteln daf&#252;r k&#228;mpfen, dass es   diese Wahl-Alternative f&#252;r seine KollegInnen geben wird (tosender   Applaus folgte).<\/p>\n<p>  Monika Jeske stellte die Situation der Jugendlichen eindrucksvoll dar.   Sie erz&#228;hlte, dass sie seit einem Jahr auf der Suche nach einem   Ausbildungsplatz sei und immer wieder Absagen bekommt. Damit sei sie   sicher nicht alleine. Sie habe allerdings nun eine Chance auf einen   Platz bei der BVG oder den Wasserwerken. Doch hier wurde ihr schon jetzt   deutlich gemacht, dass es auf &#220;bernahme kaum Hoffnung gibt, denn es gibt   nun seit mehreren Jahren Einstellungsstopp bei beiden Betrieben. Auch   hier ist es ganz klar notwendig, eine k&#228;mpferische politische   Alternative zu rot-roter Senatspolitik zu unterst&#252;tzen.<\/p>\n<p>  Stehenden Beifall bekam auch Renate Herranen, die ebenfalls kandidiert   und sich als Erzieherin sehr gut mit dem Bereich Kitas auskennt. Sie   berichtete vom Privatisierungsprogramm des Senats im Kitabereich. Sie   berichtete auch von einem Skandal, der bisher gegen die FDP vorgebracht   wurde, n&#228;mlich dass Erwerbslose diskrimniert werden, indem ihnen nur   eine Halbtags-Kitastelle zugestanden wird. Genau dasselbe hat nun auch   der rot-rote Senat beschlossen. Sie brachte den Saal zum Toben als sie   fragte, ob sie denn den Kindern sagen solle, das ist nunmal so, aber   daf&#252;r gibt es eine neue Linke!<\/p>\n<p>  In keinem einzigen Beitrag nahmen die VertreterInnen des Bundesvorstands   under der Berliner Minderheit Bezug auf die Beitr&#228;ge der Delegierten,   die mit konkreten Beispielen den Sozialabbau in Berlin durch den Senat   anprangerten. Man bekam den Eindruck, dass ihnen die Erfahrungen von den   KollegInnen bei Charite oder Kitas, wie auch das von Jugendlichen nicht   sehr nahe sind. Die Beliner Delegierten wiesen provokative &#196;u&#223;erungen   von Axel Troost, Mitglied vom Bundesvorstand und von der   Bundestagsfraktion wie &#8220;wir werden erfolgreich verhindern, dass hier   unter dem Namen der Bundes-WASG kandidiert wird&#8221; eindeutig und   selbstbewusst zur&#252;ck. Stattdessen Der Parteitag traf entsprechende   Beschl&#252;sse, die sowohl die Kandidatur best&#228;tigen, wie auch dem   Landesvorstand das politische Vertrauen aussprachen. Nat&#252;rlich wird es   jetzt auch um eine juristische Auseinandersetzung gehen, sowohl um die   Frage der Absetzung des Landesvorstands als auch um die Frage der   Kandidatur, da Aydin erkl&#228;rt hat, die Wahlanzeige beim Landeswahlleiter   zur&#252;ckzuziehen. Politisch ist sich die Mehrheit der Berliner WASG einig   und hat eindrucksvoll deutlich gemacht, dass sie es nicht aufgeben wird,   die soziale Opposition und die &#8220;Neue Linke&#8221;, gemeinsam mit den vom   Sozialabbau Betroffenen, weiter aufzubauen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bericht vom Sonderparteitag der Berliner WASG am 16. 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