{"id":11601,"date":"2006-05-03T11:27:13","date_gmt":"2006-05-03T11:27:13","guid":{"rendered":".\/?p=11601"},"modified":"2006-05-03T11:27:13","modified_gmt":"2006-05-03T11:27:13","slug":"11601","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/05\/11601\/","title":{"rendered":"Ohne R&uuml;cksicht auf Verluste"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-style: italic; font-weight: bold;\">Spaltungs-Drohung der Fraktions-Spitze kippt WASG-Parteitag<\/span><\/p>\n<p>Mit knapper Mehrheit und unter massivem Druck der Linksfraktions-Spitze votierte der WASG-Bundesparteitag am 29. und 30. April in Ludwigshafen daf&uuml;r, &ldquo;<span  style=\"font-style: italic;\">alle Ma&szlig;nahmen zu pr&uuml;fen und gegebenenfalls zu ergreifen<\/span>&rdquo;, um gegen den Berliner Wahlantritt vorzugehen. Mit brachialem Vorgehen wurde zur Schau gestellt: Der Ernst-Lafontaine-Maurer-Fl&uuml;gel verfolgt nicht mehr den Aufbau einer neuen, linken Sammlungsbewegung. Ein Oppositionstreffen am Wochenende des 20. \/ 21. Mai will die Grunds&auml;tze der WASG verteidigen.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p style=\"font-style: italic;\">von Stephan Kimmerle und Tanja Niemeier<\/p>\n<p>Die Debatte der knapp 330 Delegierten um die vom Berliner Landesverband beschlossene eigenst&auml;ndige Kandidatur gegen Sozialabbau und Privatisierungen pr&auml;gte die Diskussion um die Neuformierung der Linken. Im Mittelpunkt stand allerdings vor allem der Umgang mit den Hauptstadt-WASGlern. <\/p>\n<p>Fragen des Aufbaus einer handlungsf&auml;higen Linken jenseits der auf acht Euro reduzierten Mindestlohn-Kampagne kamen zu kurz. Auch beim Mindestlohn blieb offen, wie eine Strategie zur Durchsetzung aussehen k&ouml;nnte. Die Mobilisierung f&uuml;r den 3. Juni oder die Bilanz der m&auml;&szlig;igen Ergebnisse in Rheinland-Pfalz und Baden-W&uuml;rttemberg einerseits und der guten Ergebnisse in den st&auml;dtischen Zentren Hessen andererseits wurden kaum thematisiert.<\/p>\n<p>Stattdessen wurde ein Blanko-Scheck f&uuml;r den Bundesvorstand ausgestellt, gegen den Berliner WASG-Verband und seine eigenst&auml;ndige Kandidatur vorzugehen. Dadurch &auml;nderte sich an der Politik der L.PDS im Berliner Senat von Sozialabbau, Privatisierungen und Tarifflucht leider nichts, betonte Lucy Redler gegen&uuml;ber der Presse am Abend des Parteitags. Sie als Mitglied des gesch&auml;ftsf&uuml;hrenden Landesvorstands in Berlin sah daher keinen Anlass, die Beschl&uuml;sse des Berliner Verbandes zu korrigieren oder sich gar &uuml;ber sie hinweg zu setzen. <\/p>\n<p>Im Vorfeld des Parteitags wurden Spaltungsszenarien von Ulrich Maurer, Fraktionsgesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Linken im Bundestag, und Klaus Ernst, Fraktions-Vize, offen lanciert: Sollte sich der Parteitag nicht f&uuml;r ein rabiates Vorgehen gegen die Berliner WASG aussprechen, winkten sie vorsorglich mit dem Zaunpfahl der Spaltung aus den Reichstagsfenstern. <\/p>\n<p>Das organisierende Zentrum der Anh&auml;nger von administrativen Ma&szlig;nahmen gegen&uuml;ber Berlin kam damit als &ldquo;<span style=\"font-style: italic;\">hohes Personal aus dem Busch<\/span>&rdquo;, so Joachim Bischoff.&nbsp; &ldquo;<span style=\"font-style: italic;\">Wer so von der Fraktion einfliegt, hat vom Stil her eine tiefgreifende Besch&auml;digung vorgenommen<\/span>&rdquo;, begr&uuml;ndete der Hamburger seinen R&uuml;cktritt aus dem Bundesvorstand nach knappem Votum und diversen Man&ouml;vern zugunsten administrativer Ma&szlig;nahmen, sprich: der Aufhebung der Beschl&uuml;sse der Berliner oder der Absetzung des Berliner Landesvorstands. Die Aufl&ouml;sung des Landesverbands &ldquo;<span  style=\"font-style: italic;\">soll vermieden werden<\/span>&rdquo;, so der beschlossene Antrag dazu. <\/p>\n<h5>Z&auml;sur: WASG-Rechte verabschiedet sich vom Gr&uuml;ndungskonsens<\/h5>\n<p>Es gehe nicht um einen Konflikt mit, &ldquo;<span  style=\"font-style: italic;\">wie sagt das Klaus Ernst so sch&ouml;n, Leuten die in eine Telefonzelle passen<\/span>&rdquo;, sondern mit 40 Prozent in der Partei und auf dem Parteitag, hielt Bischoff fest. Er sei f&uuml;r eine harte inhaltliche Debatte mit den Berlinern und teile deren Ansichten nicht. Aber eine Politik der Ausgrenzung habe im 21. Jahrhundert keine Chance mehr. <\/p>\n<p>Darin liegt der Kern des Vorgehens der Fraktions-Spitze. Ihre Haltung war klar und eindeutig: Wer nicht bereit ist, diesen Kurs inklusive Ordnungsma&szlig;nahmen mit zu machen, kann gehen. <\/p>\n<p>Der Aufbruch bei der Gr&uuml;ndung der WASG bestand darin, offen zu sein, f&uuml;r AktivistInnen aus Betrieben, Gewerkschaften, sozialen Bewegungen, aus unterschiedlichen politischen Zusammenh&auml;ngen und Organisationen. Gemeinsam sollte der Neoliberalismus ins Visier genommen werden. Die WASG war die Antwort auf die soziale Krise und die Thatcher-Politik Schr&ouml;ders, der im Zeitraffer nachzuholen versuchte, was Kohl nicht durchbekommen hatte. Sie war die Folge des Wiederbeginns der Proteste gegen die Offensive der Arbeitgeber und ihrer zahlreichen Parteien. <\/p>\n<p>Eine Sammlungsbewegung unterschiedlicher Kr&auml;fte sollte das Vakuum auf der Linken f&uuml;llen, das SPD und Gr&uuml;ne hinterlassen hatten &ndash; und das die PDS nicht ausf&uuml;llte. &ldquo;<span style=\"font-style: italic;\">Eine Zusammenarbeit mit der PDS oder gar eine Listenverbindung zur n&auml;chsten Bundestagswahl 2006 lehne ich ab. Die PDS ist an zwei Landesregierungen beteiligt, die eine Politik des Sozialabbaus praktizieren<\/span>&rdquo;, fasste Klaus Ernst im Juli 2004 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Kritik an Gysi und Co zusammen. <\/p>\n<p>Die Neuformierung umfasst mittlerweile &ndash; wesentlich durch die Intervention von Oskar Lafontaine &ndash; auch die L.PDS. Dann ist aber offensichtlich, dass diese fundamentalen inhaltlichen Fragen gekl&auml;rt werden m&uuml;ssen. <\/p>\n<p>In den letzten Monaten brachte auch der Berliner Widerstand gegen eine &ldquo;linke&rdquo; Einheit ohne linke Politik Lafontaine dazu, selbst &uuml;ber <span  style=\"font-style: italic;\">&ldquo;Haltelinien&rdquo;<\/span> glaubw&uuml;rdiger Politik zu reden: Privatisierungen und Stellenabbau im &ouml;ffentlichen Dienst seien mit der neuen Linken nicht zu machen. Doch beim f&uuml;r die L.PDS so wichtigen Referenzpunkt ihrer Regierungstauglichkeit in Berlin verlieren diese Mindestanforderungen anscheinend ihre G&uuml;ltigkeit. <\/p>\n<p>Die inhaltlichen Positionen der WASG &ndash; noch im Gr&uuml;ndungsprogramm unmissverst&auml;ndlich als Bedingung jeglicher Regierungsbeteiligung definiert &ndash; und die demokratische Offenheit einer linken Sammlungsbewegung sind f&uuml;r die WASG-Rechte nun pass&eacute;. <\/p>\n<h5>Druck aus der Fraktion, Parteitag kippt<\/h5>\n<p>Und sie setzte sich mit ihrer Haltung knapp, daf&uuml;r ohne R&uuml;cksicht auf Verluste, durch. Der Parteitag lehnte einen Antrag, eingebracht von den Bundesvorstandsmitgliedern Rainer Spilker und Thies Gleiss sowie der Fraktions-Vize Inge H&ouml;ger, mit 156 zu 143 Stimmen ab, der administrative Ma&szlig;nahmen gegen Berlin ausgeschlossen h&auml;tte und die Debatte in und um die Hauptstadt als Symptom der notwendigen politischen Kontroverse im Parteineubildungsprozess verortete. Darauf folgte die Beratung um einen Antrag von Joachim Bischoff, Bj&ouml;rn Radke und anderen, der sich sch&auml;rfer gegen den eigenst&auml;ndigen Wahlantritt an der Spree aussprach, aber ebenfalls Ordnungsma&szlig;nahmen ausschloss. Diese Debatte wurde &ndash; als Gegenrede zum Antrag ausgegeben &ndash; durch einen Gesch&auml;ftsordnungsantrag von Klaus Ernst beendet. Er lenkte die Beschlussfassung auf einen Antrag des Bundesvorstands. <\/p>\n<p>Gegen den Spilker-Gleiss-Antrag und f&uuml;r den Antrag des Bundesvorstands ging Oskar Lafontaine gleich zweimal ans Mikrofon, um den Delegierten klar zu machen, sich entweder f&uuml;r oder gegen ihn zu entscheiden. So wurde der Antrag gegen Berlin und f&uuml;r administrative Ma&szlig;nahmen durchgesetzt. <\/p>\n<p>Die Reaktion: Neben Bischoff traten auch Sabine L&ouml;sing und Bj&ouml;rn Radke zur&uuml;ck. Die ehemalige gesch&auml;ftsf&uuml;hrende Vorst&auml;ndlerin wandte sich dagegen, einen politischen Konflikt administrativ l&ouml;sen zu wollen. Die G&ouml;ttingerin kritisierte die Gleichsetzung der KritikerInnen des Verfahrens mit Bef&uuml;rwortern des Berliner Antritts. Sie prangerte die Interviews von Maurer und Ramelow an, die den Parteitag mit einem Droh-Szenario unter Druck gesetzt hatten.<\/p>\n<h5>Wie weiter?<\/h5>\n<p>Bischoff betonte in seiner R&uuml;cktrittsbegr&uuml;ndung, keinen Abschied zu nehmen. Die Akteure eines Stils der Ausgrenzung in der WASG w&uuml;rden sich in Zukunft noch wundern, so seine Ank&uuml;ndigung. Damit unterstrich er den Anspruch auch weiterhin gemeinsam mit anderen um den politischen Kurs und die demokratische Kultur im Neuformierungsprozess zu streiten.&nbsp; Er sprach sich daf&uuml;r aus, ein Netzwerk aufzubauen, das sich auf Grundlage ihres Initiativantrages formieren k&ouml;nne. <\/p>\n<p>Alle drei erhielten Zwischenapplaus und standing ovations. Ihre Einsch&auml;tzung, dass dieses administrative Vorgehen den Lebensnerv der Neu-Sammlung der Linken trifft, &auml;u&szlig;erten sie aber in dieser Klarheit erst nachdem die Entscheidungen gef&auml;llt waren. Ihre Redebeitr&auml;ge h&auml;tten sonst noch dazu beitragen k&ouml;nnen, dem Druck von Lafontaine und Co entgegen zu wirken und eine andere Entscheidung herbei zu f&uuml;hren.<\/p>\n<p>Ihr R&uuml;ckzug sowie der Verzicht einiger linker KandidatInnen und das Durchziehen der Rechten bei bei der Nachwahl hinterl&auml;sst nun einen Bundesvorstand, der diesen Man&ouml;vern noch weniger entgegen setzt und die Breite des WASG-Projekts nicht verk&ouml;rpert. <\/p>\n<p>Sascha Stanicic, Bundessprecher der SAV, bekam bei seiner Kandidatur mit 83 Stimmen im ersten und 79 Stimmen im zweiten Wahlgang (33 und 35 Prozent der Stimmen). Beim zweiten Wahlgang fehlten neun Stimmen, um den sechsten Platz aus dem ersten Wahlgang zu verteidigen, der einen Einzug in den erweiterten Bundesvorstand bedeutet h&auml;tte. <\/p>\n<p>Mit reduzierter Zahl der KritikerInnen im Leitungsgremium der WASG droht nun eine Turbo-Fusion statt der Neuformierung der Linken unter Einbeziehung von AktivistInnen aus sozialen Bewegungen und Gewerkschaften bei Kl&auml;rung der politischen Inhalte.<\/p>\n<p>Der Resignation und Entt&auml;uschung, die sich bei einer gro&szlig;en Minderheit der Delegierten nach den gef&auml;llten Beschl&uuml;ssen breit zu machen drohte, muss nun entgegen gewirkt werden. Michael Aggelidis, NRW-Linker, rief dazu auf, in der WASG zu bleiben und sich am 20. oder 21. Mai zu einem Oppositionstreffen der verschiedenen linken Str&ouml;mungen zu treffen.<\/p>\n<p>Das Treffen ist ein wichtiger Schritt, die Einheit der Partei zu wahren. Gegen die Akzeptanz der Politik des &ldquo;kleineren &Uuml;bel&rdquo; sowie der Unterordnung unter die Senats- und Regierungs-Sozialisten der L.PDS m&uuml;ssen die Grunds&auml;tze der WASG verteidigt werden: Gegen Sozialabbau, Privatisierungen und Tarifflucht; keine Regierungsbeteiligung, die nicht zu einem Politikwechsel in Richtung der Forderungen der WASG f&uuml;hrt.<\/p>\n<h5>&ldquo;<span style=\"font-style: italic;\">Freundliche Warnung<\/span>&rdquo; an die SAV &ndash; inszeniert und abgeschmettert<\/h5>\n<p>Wie sich manche den weiteren Weg vorstellen, sollte am Sonntag mittag vorgef&uuml;hrt werden. Dabei &uuml;berspannte die Partei-Rechte den Bogen: Gefordert wurde mittels eines Initiativantrags die Unvereinbarkeit der SAV- mit der WASG-Mitgliedschaft. Wohl nach Drehbuch mit den Antragsstellern einstudiert, stand Klaus Ernst bereit, um die Gegenrede zu halten und einen R&uuml;ckzug des Antrags vorzuschlagen &ndash; <span style=\"font-style: italic;\">&ldquo;momentan&rdquo;<\/span> sei dies nicht das richtige Instrument. Doch es sei inakzeptabel, so der Fraktions-Vize, dass SAV-Mitglieder, gemeint war wohl die Berliner WASG-Spitzenkandidatin Lucy Redler, in der Presse nach wie vor den eigenst&auml;ndigen Antritt der Berliner WASG verteidigten. Ziel der &Uuml;bung: Das Damokles-Schwert der Ausschl&uuml;sse sollte fortan an einem d&uuml;nnen, bayrischen Faden &uuml;ber den SAVler schweben. <\/p>\n<p>Pflichtschuldig und wie von Ernst gew&uuml;nscht zogen die M&uuml;nchner Antragssteller ihre Initiative zur&uuml;ck &ndash; ebenfalls nicht, ohne auf die &ldquo;<span  style=\"font-style: italic;\">freundliche Warnung<\/span>&rdquo; zu verweisen, die der Antrag darstelle. Doch der Unmut der Delegierten &uuml;ber dieses Man&ouml;ver war zu gro&szlig;. Linke Delegierte bestanden auf einer Abstimmung und nach kurzem Gesch&auml;ftsordnungs-Hin-und-Her wurde der Antrag mit einzelen Pro-Stimmen und einzelnen Enthaltungen mit &uuml;berw&auml;ltigender Mehrheit nieder gestimmt. <\/p>\n<p>So bricht sich am Sonntag nochmals viel Unmut &uuml;ber das Vorgehen von Ernst und Lafontaine Bahn. &ldquo;<span  style=\"font-style: italic;\">Lafontaine h&ouml;rt das nicht mehr. Am zweiten Tag ist er in Ludwigshafen nicht mehr dabei. Seine Anwesenheit ist nicht mehr notwendig. Und so hat er Zeit. F&uuml;r den geplanten Auftritt bei der Linkspartei auf deren Parteitag in Halle.<\/span>&rdquo; (tagesschau.de, 2. Mai)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span style=\"font-style: italic; font-weight: bold;\">Spaltungs-Drohung<br \/>\nder Fraktions-Spitze kippt WASG-Parteitag<\/span><\/p>\n<p>Mit knapper Mehrheit und unter massivem Druck der<br \/>\nLinksfraktions-Spitze votierte der WASG-Bundesparteitag am 29. und 30.<br \/>\nApril in Ludwigshafen daf&uuml;r, &ldquo;<span\n style=\"font-style: italic;\">alle Ma&szlig;nahmen zu<br \/>\npr&uuml;fen und gegebenenfalls zu ergreifen<\/span>&rdquo;,<br \/>\num gegen den Berliner Wahlantritt vorzugehen. Mit brachialem Vorgehen<br \/>\nwurde zur Schau gestellt: Der Ernst-Lafontaine-Maurer-Fl&uuml;gel<br \/>\nverfolgt nicht mehr den Aufbau einer neuen, linken Sammlungsbewegung.<br \/>\nEin Oppositionstreffen am Wochenende des 20. \/ 21. 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