{"id":11599,"date":"2006-05-07T09:48:08","date_gmt":"2006-05-07T09:48:08","guid":{"rendered":".\/?p=11599"},"modified":"2006-05-07T09:48:08","modified_gmt":"2006-05-07T09:48:08","slug":"11599","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/05\/11599\/","title":{"rendered":"Endspurt beim Projekt Bahn an die B&#246;rse"},"content":{"rendered":"<p>  Zur personellen Verquickung von Bahn und Bahn-Konkurrenz<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die Meldung vom 21. April passt ins Bild: Der Vorstandsvorsitzende der   Deutschen Bahn AG, Hartmut Mehdorn, wurde in die Unternehmensspitze   eines Billig-Fliegers berufen &#8211; als &#8222;non executive director&#8220; der   Gesellschaft nach britischen Recht Air Berlin. Der Kommentar des   Air-Berlin-Sprechers Peter Hauptvogel ist bezeichnend: &#8222;Wir sehen die   Bahn nicht als Konkurrenten.&#8220; Im &#252;brigen seien Hartmut Mehdorn und der   Chef von Air Berlin, Joachim Hunold, &#8222;seit langem freundschaftlich   verbunden&#8220;.<\/p>\n<p>  von Winfried Wolf<\/p>\n<p>  Diese Personalie zeichnet ein treffendes Bild dessen, um was es mit dem   geplanten B&#246;rsengang der Deutschen Bahn AG geht (im September 2006 soll   der B&#246;rsengang der Bahn &#252;ber die B&#252;hne gehen). Das Topmanagement der   Deutschen Bahn AG identifiziert sich weitgehend mit den Interessen der   Konkurrenz. Der Ausverkauf der Interessen der Fahrg&#228;ste und der   Bahnbesch&#228;ftigten und die Aufgabe des Konzeptes von einem   Schienenverkehr als potenzieller Alternative zum Stra&#223;enverkehr und zum   Kurzstreckenverkehr in der Luft wird bereits durch enge personelle   Verflechtungen dokumentiert. Dass Hartmut Mehdorn diese Art   Interessensverquickung im direkten Vorfeld des Bahnb&#246;rsengangs vornimmt,   ist ein besonders arroganter Akt. Andererseits ist der Vorgang so neu   nicht.<\/p>\n<p>  Auto- und Luftfahrtlobby nehmen Einfluss auf die Bahn<\/p>\n<p>  Hier einige andere Beispiele von personellen Verflechtungen, bei denen   der Verdacht nahe liegt, dass die dominierenden Interessen der   Autobranche und des Flugverkehrs in die Bahn hineinwirken:<\/p>\n<p>  &#8211; Derjenige, der die Bahnprivatisierung Anfang der neunziger Jahre   vorantrieb, war Heinz D&#252;rr. D&#252;rr war zuvor Vorstandmitglied der   Daimler-Benz AG. Er war und ist Haupteigent&#252;mer der D&#252;rr AG, die sich   r&#252;hmt, bei der Herstellung von Autolackier-Robotern auf dem Weltmarkt   f&#252;hrend zu sein.<\/p>\n<p>  &#8211; Hartmut Mehdorn, Bahnchef seit 2000, war selbst mehr als eineinhalb   Jahrzehnte lang Top-Manager in der Flugzeugindustrie, zuletzt bei Airbus   und Daimler-Dasa. Er galt geraume Zeit als m&#246;glicher Nachfolger f&#252;r   Edzard Reuter als Daimler-Chef (und damit als Konkurrent von J&#252;rgen   Schrempp). Mehdorn ist auch eng mit dem Autovermieter Erich Sixt   befreundet. Siehe die vielfache Pr&#228;senz von Sixt (und anderen   Autovermietern) in den Bahnh&#246;fen der Deutschen Bahn (DB).<\/p>\n<p>  &#8211; Der Mann, der bis vor zwei Jahren die DB Cargo, dann Railion, also die   DB-Tochter zum Betreiben des Schieneng&#252;terverkehrs, leitete, war Bernd   Malmstr&#246;m. Dieser Herr war zuvor Chef der europaweit f&#252;hrenden   Lkw-Spedition Schenker (die wiederum nochmals fr&#252;her Eigentum der   Bundesbahn war). Unter dem DB-Manager Malmstr&#246;m wurde Schenker erneut   von der DB AG zur&#252;ckgekauft. Inzwi-schen ist Schenker eine Tochter der   DB AG, in der der Schieneng&#252;terverkehr (Railion) eine untergeordnete   Rolle spielt und der Lkw-Verkehr dominiert. Mit dem Zukauf des   US-Logistikers Bax Ende 2005 wurde bei der DB AG die Orientierung auf   den Stra&#223;enverkehr nochmals verst&#228;rkt.<\/p>\n<p>  &#8211; Mehdorn holte Ende der neunziger Jahre eine Reihe ehemaliger Manager   der Lufthansa ins Top-Management des Schienenkonzerns (unter anderem   Anna Brunotte, Christoph Franz und Hans G. Koch). Diese waren   hauptverantwortlich f&#252;r das Ende 2002 eingef&#252;hrte neue Bahnpreissystem   PEP (das auch die Abschaffung der BahnCard 50 und Rabatte bei festen   Vorbuchungen bis zu sieben Tage im Voraus beinhaltete) &#8211; eine   &#220;bertragung der Philosophie von Flugtarifen auf die Bahn. Das System   scheiterte im Fr&#252;hjahr und Fr&#252;hsommer 2003 grandios. Der   Hauptverantwortliche Christoph Franz wurde darauf Chef der Schweizer   Airline Swiss, die bald darauf von Lufthansa &#252;bernommen wurde, womit   Franz wieder beim Mutterkonzern angelangt ist &#8211; und dort bis heute   Swiss-Boss ist. Sein Nachfolger im Bahnvorstand wurde Karl-Friedrich   Rausch, der dort auch heute noch verantwortlich f&#252;r den Personenverkehr   ist. Rausch kommt ebenfalls von der Lufthansa.<\/p>\n<p>  &#8211; Bis 2005 war der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bahn AG Helmut   Frenzel. Der Mann war im Hauptberuf Chef von Preussag, einem ehemaligen   Staatskonzern, heute in TUI umbenannt und europaweit der gr&#246;&#223;te   Reiseveranstalter. Preussag\/TUI ist gleichzeitig Gr&#252;nder und Betreiber   von Germania, einer anderen Billig-Fluglinie.<\/p>\n<p>  Parallelen zu den USA im Jahr 1970<\/p>\n<p>  Diese Art personelle Verquickungen hat ein historisches Vorbild. Am 21.   Juni 1970 meldete in den USA die gr&#246;&#223;te Transportgesellschaft der Welt,   die Penn-Central-Eisenbahngesellschaft, Konkurs an. Eine f&#252;r damalige   Verh&#228;ltnisse gigantische Summe von drei Milliarden US-Dollar an   kurzfristigen Krediten musste binnen weniger Stunden abgedeckt werden,   um nicht gro&#223;e Banken in den Strudel der Krise zu rei&#223;en. Die Analyse,   die das angesehene US-Blatt Ramparts vornahm, zeigte: Ein entscheidender   Grund f&#252;r den Konkurs bestand darin, dass der Vorstand der Penn Central   durchsetzt war mit Personen, die den Eisenbahnen entgegengesetzte   Interessen vertraten (unter anderem &#214;linteressen). Gleichzeitig war der   Vorstand im gro&#223;em Ma&#223; ins Luftfahrtgesch&#228;ft eingestiegen (Executive Jet   Aviation Inc.) mit dem Ziel, die weltweit f&#252;hrende Fluggesellschaft Pan   Am von Platz eins zu verdr&#228;ngen. Der Penn Central-Boss Stuart Saunders   wurde im Blatt Ramparts mit dem Satz zitiert: &#8222;Ich will das   Penn-Central-Kapital in wirklich profitable Projekte stecken und nicht   in diese verdammte Eisenbahn&#8220; (&#8222;&#8230;and not in this fucking railroads&#8220;). <\/p>\n<p>  Der Bahnverkehr ist auf dem absteigenden Ast<\/p>\n<p>  Dieses Verst&#228;ndnis von den &#8222;fucking railroads&#8220; war typisch beim   Niedergang der damals weltweit f&#252;hrenden Eisenbahnen. Dieses Verst&#228;ndnis   ist heute f&#252;hrend im Top-Management der Deutschen Bahn AG. Deren Manager   kennen den Blick auf die Verkehrswelt in erster Linie als Blick durch   die Windschutzscheibe eines Top-Modells von DaimlerChrysler, BMW oder   Audi. Einige von ihnen hassen den Schienenverkehr; in jedem Fall ist er   ihnen fremd.<\/p>\n<p>  Die oben zitierte Aussage, wonach die Bahn &#8222;keine Konkurrenz&#8220; sei, ist   f&#252;r beide Seiten typisch. Auch Top-Manager der Bahn erkl&#228;rten mehrfach,   dass sich Schiene und Flugverkehr und Schiene und Stra&#223;enverkehr   erg&#228;nzen w&#252;rden. Das Problem ist ein doppeltes. Erstens ist diese   Aussage grundfalsch &#8211; Schiene und Billigflieger und Schiene und Stra&#223;e   befinden sich in einer erbitterten Konkurrenz. Zweitens macht es einen   betr&#228;chtlichen Unterschied, von welcher Seite diese Feststellung   getroffen wird. Die Schiene befindet sich im Verkehrsmarkt seit   Jahrzehnten im Sinkflug. Der Bahnb&#246;rsengang wird und soll diesen   beschleunigen. Bahnmanager, die erkl&#228;ren, der Flugverkehr &#8222;erg&#228;nze&#8220; die   Schiene, argumentieren entweder dumm und naiv oder arrogant und   vernebelnd. Manager von Airlines allerdings k&#246;nnen einigerma&#223;en cool in   dieser Weise argumentieren, weil sie sich im Aufwind befinden und die   Aussage, die Schiene sei nicht wirklich Konkurrenz,   verkehrsmarktpolitisch ja auch zunehmend zutrifft. With a little help   from my friends&#8230;<\/p>\n<p>  Billigflieger &#252;berrunden den Bahnfernverkehr<\/p>\n<p>  Im Jahr 2004 lag der Flugverkehr innerhalb der Europ&#228;ischen Union   erst-mals vor dem Schienenfernverkehr. 2006 d&#252;rfte zum ersten Mal der   innerdeutsche Flugverkehr gr&#246;&#223;er sein als der Bahnfernverkehr. Und es   sind vor allem die Billigflieger wie Air Berlin, die Nummer zwei unter   den hiesigen Billigfliegern, die dem Schienenfernverkehr Konkurrenz   machen.<\/p>\n<p>  Mehdorns Ja zu einem Top-Job bei Air Berlin signalisiert, wer hier wen   kapert. Nein, es sind nicht die Ratten, die hier ein sinkendes Schiff   verlassen. Und es bedarf auch keiner Meuterei auf der Bounty. Wie bei   der Pleite von Penn Central in den USA 1970 wird mit dem B&#246;rsengang der   Deutschen Bahn AG die Selbstaufgabe des Schienenverkehrs betrieben   beziehungsweise es wird die &#220;bergabe des Schienenverkehrs in die   Fangarme der Konkurrenz in die Wege geleitet.<\/p>\n<p>  Dagegen kann und muss etwas getan werden.<\/p>\n<p>  <big><span>  <b>Das B&#252;ndnis <\/b><\/span><b><i><span>bahn f&#252;r alle<\/span><\/i><\/b><\/big> <\/p>\n<p>  Seit 2005 gibt es den Zusammenschluss <i><span>bahn f&#252;r alle<\/span><\/i> , der gegen jeglichen B&#246;rsengang der Deutschen Bahn AG eintritt. Dieses   B&#252;ndnis wurde im April 2006 neu konkretisiert und aktualisiert.<\/p>\n<p>  In <i><span>bahn f&#252;r alle<\/span><\/i> arbeiten zusammen: Attac   Deutschland, Robin Wood, die Bahnexpertengruppe B&#252;rgerbahn statt   B&#246;rsenbahn &#8211; BsB, bahn von unten (ein Zusammenschluss von Kolleginnen   und Kollegen in der Bahngewerkschaft Transnet) und Umkehr e.V. Berlin.   Geplant ist ab Mai\/Juni 2006 eine bundesweite Kampagne gegen den   Bahn-B&#246;rsengang, der im September 2006 vollzogen werden soll. Am 7. Mai   2006 gibt es in Frankfurt am Main eine &#246;ffentliche Auftaktveranstaltung,   mit der f&#252;r diese Kampagne geworben werden soll.<\/p>\n<p>  Aktuelle Infos dazu und allgemein siehe unter: <a href=\"http:\/\/www.bahn-fuer-alle.de\"> www.bahn-fuer-alle.de<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.buergerbahn-statt-boersenbahn.de\"> www.buergerbahn-statt-boersenbahn.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Zur personellen Verquickung von Bahn und Bahn-Konkurrenz\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78,20],"tags":[181],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11599"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11599"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11599\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11599"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11599"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11599"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}