{"id":11577,"date":"2006-04-02T10:27:50","date_gmt":"2006-04-02T10:27:50","guid":{"rendered":".\/?p=11577"},"modified":"2006-04-02T10:27:50","modified_gmt":"2006-04-02T10:27:50","slug":"11577","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/04\/11577\/","title":{"rendered":"ver.di: Die ganze Kampfkraft nutzen"},"content":{"rendered":"<p>  Streik am Wendepunkt<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die Politiker in den L&#228;ndern und Kommunen stellen sich die Aufgabe, im   &#246;ffentlichen Dienst zwei Breschen f&#252;r die gesamte Wirtschaft zu   schlagen. Die eine Bresche hei&#223;t: Weitere Erh&#246;hung der Arbeitszeit. Die   andere: Entscheidende Schw&#228;chung der Gewerkschaften.<\/p>\n<p>  von Ursel Beck, Stuttgart<\/p>\n<p>  Wenn ausgerechnet in Baden-W&#252;rttemberg mit einer weniger dramatischen   Haushaltslage als anderswo die h&#228;rteste Linie gefahren wird, dann gerade   auch, um den k&#228;mpferischeren Funktion&#228;ren im Bezirk Stuttgart und im   Landesbezirk eine Niederlage beizubringen.<\/p>\n<p>  Provokation der Arbeitgeber<\/p>\n<p>  Ohne ernsthaften Kampf hat die ver.di-Spitze in den letzten Jahren die   Arbeitszeitverl&#228;ngerungen f&#252;r BeamtInnen, die K&#252;ndigungen der   Tarifbestimmungen f&#252;r Sonderzahlungen und Arbeitszeit bei den   L&#228;nderbesch&#228;ftigten und den Austritt von Hessen aus der   Tarifgemeinschaft der L&#228;nder (TdL) hingenommen. Die Tarifreform des   &#246;ffentlichen Dienstes (TV&#246;D) bedeutet eine v&#246;llige Kapitulation. Es war   zu erwarten, dass die Arbeitgeber die &#214;ffnungsklausel des TV&#246;D nutzen   werden, um eine Arbeitszeitverl&#228;ngerung bei den Kommunen durchzusetzen.   Bsirske und Co. unterlie&#223;en es, eine Kampagne dagegen vorzubereiten und   mit der Forderung nach Arbeitszeitverk&#252;rzung zur Schaffung von neuen   Stellen eine Gegenoffensive zu starten.<\/p>\n<p>  95 Prozent f&#252;r Streik<\/p>\n<p>  Drei Jahre nach den ersten K&#252;ndigungen von Tarifbestandteilen bei den   L&#228;ndern gab es endlich eine Urabstimmung. In neun Bundesl&#228;ndern stimmten   94,5 Prozent der zur Urabstimmung aufgerufenen Landesbesch&#228;ftigten f&#252;r   Streik. Bei den Urabstimmungen der Kommunalbesch&#228;ftigten gab es noch   bessere Ergebnisse.<\/p>\n<p>  Immer wieder wird uns von den Politikern erkl&#228;rt, die Menschen seien   egoistisch. Die Streikenden f&#252;hren ihren Kampf jedoch ganz bewusst f&#252;r   die Arbeitslosen und die Jugendlichen.<\/p>\n<p>  Seit Anfang Februar wuchs mit jedem Streiktag der Aktivit&#228;tsgrad, die   Selbstorganisation und die Solidarit&#228;t zwischen den streikenden   Belegschaften. Mehr als 30.000 traten in ver.di ein. In den Kitas,   Krankenh&#228;usern und bei der M&#252;llabfuhr gibt es einen tagt&#228;glichen Kampf   um Notdienste. Die t&#228;glichen Streikversammlungen helfen den zum   schlechten Gewissen erzogenen Erzieherinnen oder Krankenschwestern, zu   ihrem Streik zu stehen. So steigen Mut und Entschlossenheit. Immer mehr   wagen es bei Streikversammlungen, ihre Meinung zu &#228;u&#223;ern. Streikende   diskutieren Fragen, die weit &#252;ber den Streik hinausgehen.<\/p>\n<p>  ver.di-F&#252;hrung versagt<\/p>\n<p>  W&#228;re ein Kampf darum gef&#252;hrt worden, bundesweit oder zumindest in allen   gr&#246;&#223;eren St&#228;dten eine Streikbeteiligung wie in Stuttgart hinzukriegen,   w&#228;ren schon Hunderttausende im Streik gewesen. In mehreren St&#228;dten gab   es gemeinsame Demonstrationen. In Hannover sind Busfahrer in einen   Solidarit&#228;tsstreik getreten. Die ver.di-Spitze hat jedoch nichts getan,   um diese positiven Beispiele bundesweit zu propagieren. In Hannover und   Hamburg h&#228;tte mit einem Streik an den Flugh&#228;fen &#246;konomisch ungeheurer   Druck ausge&#252;bt werden k&#246;nnen. Dass ausgerechnet in Hamburg mit seiner   Kampfkraft von mehr als 70.000 Tarifbesch&#228;ftigten ein fauler Kompromiss   geschlossen wurde, ist bezeichnend. Wen wundert es da, dass 58 Prozent   den Abschluss bei der Urabstimmung ablehnten und Streikwesten w&#252;tend in   M&#252;lltonnen geworfen wurden.<\/p>\n<p>  Streik ausdehnen<\/p>\n<p>  Die H&#246;chstzahl der Streikenden an einem Tag lag bei 41.000. Davon   streikten 17.000 in Baden-W&#252;rttemberg und hier wiederum 5.000 in   Stuttgart. Nach dem Scheitern der Verhandlungen mit der TdL empfahl die   ver.di-Spitze ihren Funktion&#228;ren, samstags beim B&#228;cker in der Schlange   den Streik zu verteidigen und Leserbriefe zu schreiben. Keine Rede   davon, weitere Betriebe streikbereit zu machen, alle Fachbereiche zu   mobilisieren, Versammlungen einzuberufen und Solistreiks zu organisieren   oder auf einen gemeinsamen bundesweiten Streik- und Protesttag   hinzuarbeiten.<\/p>\n<p>  Statt Streikausdehnung trat die ver.di-Spitze den R&#252;ckzug an. Bei den   L&#228;ndern droht eine Kapitulation. Nach dem Scheitern der Schlichtung in   Baden-W&#252;rttemberg will man vom Erzwingungsstreik zum &#8222;permanenten   Streik&#8220; &#252;bergehen. Aber die M&#252;llwerker, Krankenpfleger und ErzieherInnen   wollen nicht ewig streiken, sondern verlangen eine Strategie, mit der   dieser Kampf zu gewinnen ist. Und diese Strategie kann nur darin   bestehen, Kr&#228;fte zu sammeln und eine schlagkr&#228;ftige Streikbewegung   aufzubauen: Einbeziehung aller streikbereiten Betriebe des &#246;ffentlichen   Dienstes, Herstellung der Streikf&#228;higkeit in weiteren, Mobilisierung von   BeamtInnen und allen anderen Bereichen, die von Arbeitsplatzvernichtung   und Tarifkonflikten betroffen sind (zum Beispiel bei der Telekom),   Aufruf der schweren Bataillone des &#246;ffentlichen Nahverkehrs zu   Solistreiks.<\/p>\n<p>  Ganz zentral ist zudem ein gemeinsamer Kampf mit den MetallerInnen, bei   denen seit&#160; Ende M&#228;rz die Friedenspflicht vorbei ist. Die Spitzen der   Gewerkschaften m&#252;ssen unter Druck gesetzt werden, den DGB zur   Organisierung von branchen&#252;bergreifenden Widerstand aufzurufen. Das muss   mit Initiativen von unten f&#252;r lokale, regionale und landesweite Streiks   einher gehen.<\/p>\n<p><big>T&#228;gliche Versammlungen und Streikkultur &#8211; Aktiver Streik in Stuttgart<\/big>  <\/p>\n<p>  Freitag, 17. M&#228;rz: Streikversammlung am B&#252;rgerhospital. Es ist der   zw&#246;lfte Streiktag in der f&#252;nften Streikwoche am Klinikum.<\/p>\n<p>  F&#252;r Sonntag wird ein Schlichterspruch erwartet. Der ver.di-Bezirk   Stuttgart hatte die Schlichtung abgelehnt, sich damit aber in der   Tarifkommission nicht durchgesetzt. SAV-Mitglied und Streikleiter Dieter   Janssen meint, dass alle Streikenden die M&#246;glichkeit haben m&#252;ssen, das   Schlichtungsergebnis und das Abstimmungsverhalten bei einer Urabstimmung   gemeinsam zu diskutieren. Es d&#252;rfe sich nicht wiederholen, was 1992   passiert sei. Damals habe die &#246;tv-F&#252;hrung vor der Urabstimmung den   Streik abgebrochen.<\/p>\n<p>  Am Ende gibt es eine Abstimmung. Bei zw&#246;lf Enthaltungen und einer   Gegenstimme wird f&#252;r den Tag nach dem Schlichterspruch Streik   beschlossen. &#220;ber Handy ermittelt ein Kollege der Streikleitung die   Ergebnisse der Diskussion aus den Versammlungen der anderen H&#228;user. Das   einhellige Ergebnis f&#252;r Streik am Montag wird mit Applaus aufgenommen. <\/p>\n<p>  Internationale Solidarit&#228;t<\/p>\n<p>  Im Laufe des Streiks wurde es im B&#252;rgerhospital &#252;blich, dass ein   ehemaliger Milit&#228;rmusiker der Roten Armee, Patient und ver.di-Mitglied   mit seinem Akkordeon bei Streikversammlungen spielt. Die Marseillaise   und die Internationale geh&#246;ren zum st&#228;ndigen Repertoire. Dieter Janssen   erkl&#228;rt, dass die Internationale beim Arbeiteraufstand 1871 in Paris   entstanden ist.<\/p>\n<p>  Das ist die &#220;berleitung zum Internationalismus heute, der vor allem   durch die europaweite Bolkestein-Demo am 14. Februar Bestandteil dieses   Streiks wurde. Am B&#252;rgerhospital gehen Solidarit&#228;tserkl&#228;rungen von   Unison-KollegInnen aus Britannien ein. Die Streikenden erfahren, dass   der &#246;ffentliche Dienst dort am 28. M&#228;rz in einen eint&#228;gigen Streik   tritt. Die Versammlung beschlie&#223;t daf&#252;r ebenfalls eine Soliadresse. <\/p>\n<p>  Immer wieder wurden zu den Streikversammlungen KollegInnen aus anderen   Betrieben eingeladen. Mal sprach ein Kollege von UPS, mal vom   Metallbetrieb Mahle, dann vom&#160; Betriebshof der M&#252;llabfuhr eine Stra&#223;e   weiter.<\/p>\n<p>  Demo, Kundgebung, Musik<\/p>\n<p>  Nach der Versammlung geht es zum Gewerkschaftshaus. Um die tausend   Streikenden f&#252;llen den Saal. Hunderte halten sich im Foyer auf.<\/p>\n<p>  Dann geht es, wie jede Woche, im Demozug durch die Innenstadt. Auf der   Kundgebung kommt der Personalratsvorsitzende vom Klinikum, Thomas B&#246;hm,   darauf zu sprechen, dass die &#196;rzte 30 Prozent mehr Geld fordern. Spontan   fordern viele das dann auch f&#252;r sich. KollegInnen aus verschiedenen   &#196;mtern und Betrieben tragen selbst gedichte Lieder vor. Der Streikchor   des Klinikums tritt auf. Die beiden Streikleiter des B&#252;rgerhospitals,   Dieter Janssen und Michael D&#246;cker, begleiten den Chor mit Trompete und   Akkordeon. Bei einem Lied auf die Melodie von Bandierra Rossa stimmen   viele in den Refrain ein: &#8222;M&#252;llmann, Krankenschwester &#8211; alle sind   bereit, Jammern, das war gestern &#8211; heute wird gestreikt. Putzfrauen und   Arbeiter &#8211; Hand in Hand, wir k&#228;mpfen f&#252;r die 38,5 im Land.&#8220; Italienische   KollegInnen singen den Originaltext. Die Stimmung unter den 2.000   TeilnehmerInnen ist euphorisch.<\/p>\n<p>  Das Bewusstsein steigt an<\/p>\n<p>  So &#8211; wie im B&#252;rgerhospital &#8211; sind t&#228;gliche Streikversammlungen, getrennt   nach &#196;mtern und gemeinsam im Gro&#223;en Saal des Gewerkschaftshauses fester   Bestandteil des Streiks. Um die 2.000 KollegInnen beteiligen sich daran,   machen Vorschl&#228;ge, stimmen ab. Mit der Wochen steigt der Mut, vor   Hunderten ans Mikrofon zu gehen. Zwischen den Betrieben hat sich eine   riesige Solidarit&#228;t aufgebaut.<\/p>\n<p>  Streikende im Klinikum unterst&#252;tzten KollegInnen des Staatstheaters bei   einer Aktion w&#228;hrend einer Vorstellung auf der B&#252;hne. Bei den   erfolgreichen Blockaden der M&#252;llverbrennungsanlage halfen KollegInnen   aus anderen Bereichen mit. Ein Streikpokal macht die Runde.<\/p>\n<p>  Egal wie dieser Kampf ausgeht, die in Stuttgart gemachten Erfahrungen   kann den KollegInnen niemand mehr nehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Streik am Wendepunkt\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[14,17,18],"tags":[180],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11577"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11577"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11577\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11577"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11577"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11577"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}