{"id":11574,"date":"2006-03-30T09:38:10","date_gmt":"2006-03-30T09:38:10","guid":{"rendered":".\/?p=11574"},"modified":"2006-03-30T09:38:10","modified_gmt":"2006-03-30T09:38:10","slug":"11574","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/03\/11574\/","title":{"rendered":"K&#228;mpfen wie in Frankreich"},"content":{"rendered":"<p>Frankreich ist in Aufruhr: Millionen von Sch&#252;lerInnen, Studierenden, Erwerbslosen und GewerkschafterInnen gingen im ganzen Land auf die Stra&#223;e. Allein am 18. M&#228;rz waren es anderthalb Millionen. Die F&#252;hrung der franz&#246;sischen Gewerkschaften sah sich angesichts dieser Situation gezwungen, mit einem Generalstreik zu drohen. <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Ausgel&#246;st durch ihre Pl&#228;ne zur Aufweichung des K&#252;ndigungschutzes sieht   sich die konservative Regierung unter Ministerpr&#228;sident Dominique de   Villepin nun mit massiven Protesten konfrontiert. Die Angriffe, gegen   die sich unsere franz&#246;sichen KollegInnen zur Wehr setzen, stehen denen   in der Bundesrepublik jedoch in Nichts nach. Zeit also, dass auch wir   lernen, &#8222;Franz&#246;sisch&#8220; zu sprechen.<\/p>\n<p>  von Nelli T&#252;gel, Berlin<\/p>\n<p>  Grund f&#252;r die enorme Wut auf Frankreichs Stra&#223;en ist das so genannte   CPE-Gesetz, das einen umfassenden Angriff auf den K&#252;ndigungsschutz bei   Jugendlichen unter 26 darstellt. Die &#8222;Probezeit&#8220;, in der ein junger   Arbeitnehmer jederzeit und ohne Nennung von Gr&#252;nden entlassen werden   kann, soll auf zwei Jahre ausgedehnt werden.<\/p>\n<p>  K&#252;ndigungsschutz unter Beschuss<\/p>\n<p>  In Deutschland wollen die Herrschenden in Sachen K&#252;ndigungsschutz den   gleichen Weg gehen &#8211; eingeschlagen haben sie ihn schon lange. So wurde   der K&#252;ndigungsschutz &#252;ber die letzten Jahre hinweg immer wieder   aufgeweicht. Im rot-schwarzen Koalitionsvertrag ist nun ebenfalls   vorgesehen, bei Neueinstellungen k&#252;nftig die Probezeit auf zwei Jahre   anzuheben &#8211; und zwar nicht &#8222;nur&#8220; f&#252;r unter 26-J&#228;hrige wie in Frankreich,   sondern f&#252;r alle Besch&#228;ftigten! F&#252;r Kanzlerin Merkel lediglich der   &#8222;Ausgangspunkt&#8220; f&#252;r weitere Flexibilisierungen. Der Deutsche Industrie-   und Handelstag (DIHK) fordert, die Probezeit sogar auf drei Jahre zu   verl&#228;ngern und die sachgrundlose K&#252;ndigung auf vier Jahre auszudehnen.<\/p>\n<p>  Dem franz&#246;sischen Vorbild folgen<\/p>\n<p>  Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer hat mit Protesten nach franz&#246;sischem   Vorbild gedroht, sollte die Gro&#223;e Koalition die Pl&#228;ne zum   K&#252;ndigungsschutz nicht zur&#252;cknehmen. Zu Recht sagte Sommer in der Neuen   Osnabr&#252;cker Zeitung, dass dieser Angriff einen &#8222;deutlichen und scharfen   Protest der Gewerkschaften&#8220; herausfordere. Nun muss die   Gewerkschaftsspitze diesen Worten Taten folgen lassen. Denn Widerstand   ist keine Frage des franz&#246;sischen Gens, das hat gerade die   Anti-Hartz-Bewegung oder die Streikbereitschaft im &#246;ffentlichen Dienst   deutlich gemacht &#8211; auch bei uns kann und muss gek&#228;mpft werden.<\/p>\n<p>  Alle gemeinsam!<\/p>\n<p>  Zur Zeit befinden sich mehrere Bereiche und Branchen in   Auseinandersetzungen und Streiks: Besch&#228;ftigte des &#246;ffentlichen Dienstes   und der Telekom, MetallerInnen oder die Belegschaften von Gate Goumet in   D&#252;sseldorf als auch von CNH, der Charite sowie der S-Bahn in Berlin.   Doch wenn jeder f&#252;r sich allein k&#228;mpft, kostet das Kraft und die Bonzen   lachen sich ins F&#228;ustchen. Ein Zusammenf&#252;hren der K&#228;mpfe,   branchen&#252;bergreifende Streiks &#8211; das w&#252;rde ein h&#246;heres Niveau an   Gegenwehr darstellen und den Druck auf die Arbeitgeber deutlich erh&#246;hen.   Nur so k&#246;nnen wir uns auch einem massiven Angriff wie den auf den   K&#252;ndigungsschutz entgegenstellen.<\/p>\n<p>  Demonstrieren &#8211; Streiken!<\/p>\n<p>  Schaut man nach Frankreich, sieht man aber auch, dass Demonstrieren   allein nicht ausreicht, um einen Vorsto&#223; wie das CPE-Gesetz wirklich zu   stoppen. Trotz zahlreicher Demonstrationen gab Ministerpr&#228;sident de   Villepin nach Gespr&#228;chen mit den Gewerkschaften bekannt, dass er an dem   Gesetz festhalten wird. Egal ob in Deutschland oder Frankreich, die   deutlichste Sprache ist die des Streiks. Denn wo es um Profite geht,   kann nur &#246;konomischer Druck die Kapitalisten und ihre Freunde in der   Regierung wirklich treffen und sie zum R&#252;ckzug zwingen.<\/p>\n<p>  <big>&#8222;Wenn der Kampf gewonnen wird, ist de Villepin weg&#8220;<\/big><\/p>\n<p>  Streikbewegung in Frankreich: Gespr&#228;ch mit drei AktivistInnen<\/p>\n<p>  Seit Februar erleben wir in Frankreich ein neues Erwachen der K&#228;mpfe von   Jugendlichen (darunter auch viele aus den Pariser Banlieus). Grund daf&#252;r   ist das gerade verabschiedete Gesetz &#252;ber die &#196;nderung des   K&#252;ndigungsschutzes.<\/p>\n<p>  Marie Rosa, Aachen, sprach mit Nourr-Eddine, Sch&#252;ler in Rouen, Virginie,   Englisch-Lehrerin in Rouen (Mitglieder der SAV-Schwesterorganisation   Gauche Revolutionnaire) und Elias, Physik- und Chemiestudent in   Marseille.<\/p>\n<p>  Was hat es mit dem neuen Gesetz auf sich?<\/p>\n<p>  Nourr-Eddine: Der neue Vertrag beinhaltet zwei Jahre Probezeit. Das   hei&#223;t, dass ein Arbeiter w&#228;hrend der zwei Jahre jederzeit und ohne   Angabe von Gr&#252;nden rausgeschmissen werden kann.<\/p>\n<p>  Virginie: Betroffen sind alle unter 26, besonders diejenigen, die unter-   oder unqualifiziert sind.<\/p>\n<p>  <span><b>Welchen Verlauf nimmt die Protestbewegung?<\/b><\/span><\/p>\n<p>  Virginie: Die ersten, die im Streik waren und die Universit&#228;t blockiert   haben, waren die StudentInnen aus Rennes. Die haben tolle Arbeit   geleistet: Sie haben Anfang Februar den Kampf angefangen, als alle Unis   in Paris Ferien hatten. Sie haben durchgehalten, bis die StudentInnen   aus Paris sich angeschlossen haben.<\/p>\n<p>  Erst vom 6. M&#228;rz an konnten alle Unis Frankreichs gleichzeitig den Kampf   f&#252;hren. Von der bundesweiten Koordination der StudentInnen ging f&#252;r den   7. M&#228;rz der erste Streiktag aus: Eine Million Menschen waren an diesem   Tag auf der Stra&#223;e.<\/p>\n<p>  Leider zeigten die Gewerkschaftsspitzen keine Begeisterung. Thibault,   Vorsitzender der CGT, hat sogar erkl&#228;rt: &#8222;F&#252;r Streiks aufzurufen, das   ist nicht unsere Berufung.&#8220; Statt dem von der Koordination   vorgeschlagenen Generalstreik am 23. M&#228;rz wollten die Gewerkschaften   zuerst nur zu Demonstrationen am Samstag aufrufen &#8211; zu der am 18. M&#228;rz   auch 1,5 Millionen kamen. Kurz danach mussten sie jedoch durch den Druck   von unten f&#252;r Dienstag, den 28. M&#228;rz zumindest Streikma&#223;nahmen   organisieren.<\/p>\n<p>  Welche Bedeutung hat der Streiktag am 28. M&#228;rz?<\/p>\n<p>  Virginie: Die Gewerkschaften tun alles, um den Besch&#228;ftigten klar zu   machen, dass es sich nur um einen eint&#228;gigen Streik handelt. Wenn nicht   mehr passiert, dann gibt es die Gefahr, dass die Jugendlichen irgendwann   ersch&#246;pft sein werden. Die Arbeiterklasse hat noch nicht gen&#252;gend   Selbstvertrauen, um selbst den Kampf zu organisieren. Es ist trotzdem   m&#246;glich, dass Streiks in einzelnen Betrieben nach dem nationalen   Protesttag durchgef&#252;hrt werden.<\/p>\n<p>  <span><b>Wie ging es in Rouen los?<\/b><\/span><\/p>\n<p>  Nourr-Eddine: Zuerst waren es die StudentInnen, die Blockaden   durchgef&#252;hrt haben. Aber dann haben wir Sch&#252;lerInnen uns organisiert und   auch eine lokale Koordination aufgebaut. Dabei hat Gauche   R&#233;volutionnaire eine gro&#223;e Rolle gespielt.<\/p>\n<p>  <span><b>Wie war es in Marseille?<\/b><\/span><\/p>\n<p>  Elias: &#196;hnlich. Die StudentInnen haben Mitte Februar zuerst mit   Unterschriftensammlungen angefangen. Am 7. M&#228;rz gab es eine erste   Versammlung und Blockaden.<\/p>\n<p>  Anfang M&#228;rz sind die Sch&#252;lerInnen auch in den Kampf getreten. In   Marseille gibt es heute nur ein Gymnasium ohne Blockadeaktion. Und am   18. M&#228;rz haben 130.000 Menschen in Marseille demonstriert!<\/p>\n<p>  Wie verh&#228;lt sich die Regierung?<\/p>\n<p>  Virginie: Sie sind entschlossen, hart zu bleiben. F&#252;r sie geht es um   viel mehr, als nur um dieses Gesetz. Wenn wir den Kampf gewinnen, dann   ist de Villepin weg! Deshalb gibt es auch dieses Ausma&#223; staatlicher   Repressalien.<\/p>\n<p>  Was sind die Schw&#228;chen der Bewegung?<\/p>\n<p>  Nourr-Eddine: Die Jugend ist bis jetzt auf sich allein gestellt. Deshalb   gibt es enorme Probleme in der Organisierung der Proteste.<\/p>\n<p>  Virginie: Eine enorme Entpolitisierung unter Jugendlichen seit dem   Zusammenbruch des Stalinismus ist das Hauptproblem. Es fehlt politische   Klarheit dar&#252;ber, mit wem man es zu tun hat und wie der Kampf   erfolgreich sein kann. Das politische Vakuum war noch nie so sp&#252;rbar wie   jetzt. Es gibt keine Vorstellung dar&#252;ber, was die Alternative zur   Villepin-Regierung ist.<\/p>\n<p>  Welche Spuren werden die Proteste hinterlassen?<\/p>\n<p>  Virginie: Schon jetzt ist das Selbstbewusstsein der Sch&#252;lerInnen   gestiegen. Man wei&#223;, dass man auch Widerstand organisieren kann, ohne   auf Gewerkschaften und Parteien warten zu m&#252;ssen.<\/p>\n<p>  Das Verst&#228;ndnis in der Jugend, sich an den ArbeiterInnen orientieren zu   m&#252;ssen, ist enorm gestiegen. Immer mehr unterst&#252;tzen die Position, dass   die Probleme System haben &#8211; und allm&#228;hlich unertr&#228;glich werden. Einer   der Lieblingsspr&#252;che auf den Demos ist &#252;brigens: Oui, oui, oui &#224; la   r&#233;volution!<\/p>\n<p>  Gauche Revolutionnaire tritt f&#252;r die Bildung von Komitees auf allen   Ebenen ein, um f&#252;r die Proteste wirksam mobilisieren zu k&#246;nnen. Zudem   stellen wir die Forderung nach einem Generalstreik auf.<\/p>\n<p>  N&#246;tig ist der Aufbau einer neuen Partei f&#252;r ArbeiterInnen und   Jugendliche, die einen Ausweg aus der kapitalistischen Sackgasse   aufzeigt. Ans&#228;tze daf&#252;r k&#246;nnten in dieser Streikbewegung entstehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frankreich ist in Aufruhr: Millionen von Sch&#252;lerInnen, Studierenden,<br \/>\n    Erwerbslosen und GewerkschafterInnen gingen im ganzen Land auf die Stra&#223;e.<br \/>\n    Allein am 18. M&#228;rz waren es anderthalb Millionen. Die F&#252;hrung der<br \/>\n    franz&#246;sischen Gewerkschaften sah sich angesichts dieser Situation<br \/>\n    gezwungen, mit einem Generalstreik zu drohen. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46],"tags":[180],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11574"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11574"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11574\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11574"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11574"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11574"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}