{"id":11545,"date":"2006-02-24T20:13:05","date_gmt":"2006-02-24T20:13:05","guid":{"rendered":".\/?p=11545"},"modified":"2006-02-24T20:13:05","modified_gmt":"2006-02-24T20:13:05","slug":"11545","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/02\/11545\/","title":{"rendered":"Was f&#252;r eine neue Linke brauchen wir?"},"content":{"rendered":"<p>  Bericht &#252;ber die Berliner Veranstaltung des WASG-Bundesvorstandes &#252;ber   die Neuformierung der Linken<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Auf Einladung des Bundesvorstandes der WASG sprach Oskar Lafontaine in   Berlin &#252;ber den Neuformierungsprozess der Linken, die Notwendigkeit   einer antikapitalistischen und anti-neoliberalen Partei. Gleichzeitig   verteidigte er die Politik des &#8222;kleineren &#220;bels&#8220; in Berlin und   argumentierte f&#252;r einen gemeinsamen Wahlantritt von WASG und   Linkspartei.PDS bei den Berliner Abgeordnetenhauswalen im September.<\/p>\n<p>  <i>von Tanja Niemeier, Berlin <\/i><\/p>\n<p>  Die vom WASG Bundesvorstand organisierte Veranstaltung mit Oskar   Lafontaine war von vielen WASG Mitgliedern in Berlin mit Spannung   erwartet worden. Dementsprechen prall gef&#252;llt war der gro&#223;e   Versammlungssaal im Berliner IGM Haus. Der Zeitpunkt f&#252;r diese   Diskussion war nicht zuf&#228;llig gew&#228;hlt worden. Eine Woche vor dem   Landesparteitag der Berliner WASG und der darauffolgenden Urabstimmung   versucht der Bundesvorstand politisch Einfluss zu nehmen auf die Frage,   ob die WASG bei den Abgeordnetenhauswahlen eigenst&#228;ndig kandidieren   soll. Auch die Mehrheit des Berliner Landesvorstandes ist f&#252;r den   Neuformierungsprozess der Linken. Angesichts der von der Berliner LP.PDS   mit betriebenen Sozialkalschlagspolitik im rot-roten Senat in den   letzten Jahren sieht er aber keine politische und inhaltliche Grundlage   f&#252;r einen gemeinsamen Antritt in Berlin.<\/p>\n<p>  <b>Wer A sagt muss auch B sagen<\/b><\/p>\n<p>  Nachdem Christine Buchholz die Position der Bundesvorstandsmehrheit   dargelegt und &#8222;f&#252;r einen gemeinsamen Wahlantritt trotz aller   Differenzen&#8220; warb, ging das Wort an Oskar Lafontaine, der in seinem   20-min&#252;tigen Beitrag seine Position zur Frage darlegte, &#8222;Was f&#252;r eine   neue Linke brauchen wir?&#8220;. Seit seinem Auftritt bei der Rosa Luxemburg   Konferenz der Tageszeitung junge Welt Mitte Januar hatte sich Lafontaine   verst&#228;rkt f&#252;r &#8222;Haltelinien&#8220; linker Politik ausgesprochen. Als eine   dieser Haltelinien benannte Lafontaine eine klare Absage an   Privatisierungen. Den Verkauf der Wohnungsbaugesellschaft durch den rot   roten Berliner Senat hatte er als Fehler bezeichnet. In diesem Sinne   wurde sein Beitrag mit einer gewissen Erwartungshaltung verfolgt.<\/p>\n<p>  In seinen Ausf&#252;hrungen begann Lafontaine zun&#228;chst damit die Gr&#252;nde f&#252;r   seinen Wiedereinstieg in die Politik zu benennen. Angesichts von Agenda   2010, Hartz IV und anderen sozialen Schweinereien, die von allen im   Bundestag vertretenen Parteien mitgetragen worden seien, habe er sich   entschlossen alles was er Kraft seiner Person tun k&#246;nne zu tun, um eine   starke linke Alternative bundesweit anzubieten.<\/p>\n<p>  Viel Applaus erntete er von den Anwesenden f&#252;r seine Aussage, dass eine   neue Linke auf einer klaren inhaltlichen Grundlage entstehen m&#252;sse. Eine   neue Linke muss &#8222;antikapitalistisch und anti- neoliberal&#8220; sein, sagte er   unter gro&#223;em Beifall. In diesem Zusammenhang stellte Lafontaine fest,   dass neoliberales Gedankengut auch in den Reihen der Linkspartei.PDS   wiederfinde und er Kritik daran berechtigt findet.<\/p>\n<p>  Er argumentierte auch daf&#252;r, sich zu trauen die Reichen in diesem Land   anzugreifen. W&#252;rde man das endlich tun, so w&#228;re keine einzige   Sparma&#223;nahme zu Lasten von ArbeitnehmerInnen und Erwerbslosen n&#246;tig   gewesen. Nur so lasse sich auch die notwendige Demokratisierung der   Gesellschaft durchsetzen. Er pl&#228;dierte auch daf&#252;r, dass es bestimmte   &#8222;Schutzrechte&#8220; f&#252;r die Schw&#228;cheren in der Gesellschaft geben m&#252;sse. <\/p>\n<p>  <b>F&#252;r einen eigenst&#228;ndigen Antritt<\/b><\/p>\n<p>  Nachdem sich der Berliner Landesvorstand bei den Veranstaltern dar&#252;ber   beschwert hatte, dass kein Vertreter des Landessvorstandes als   Podiumsredner eingeladen wurde, erhielt Lucy Redler, Mitglied im   gesch&#228;ftsf&#252;hrenden Landesvorstand der Berliner WASG und Mitglied der   SAV, die M&#246;glichkeit als erste Rednerin in der Diskussion die Position   aus Sicht des Berliner Landesvorstandes darzulegen. &#8222;Niemand von uns ist   gegen den politischen Neuformierungsprozess&#8220;, erkl&#228;rte sie.&#8220;Wir wollen   allerdings einen Neuformierungsprozess, der mehr ist als die Addition   von WASG und Linkspartei.PDS und einen Neuformierungsprozess, der nicht   als ein top down Projekt durchgezogen wird. Wir brauchen einen   Neuformierungsprozess der Linken der tats&#228;chlich auf einer linken   Grundlage basiert&#8220;. Tats&#228;chlich sei es aber so, betonte Lucy Redler,   &#8222;dass die Linkspartei.PDS in allen wichtigen politischen   Auseinandersetzungen, die in der letzten Zeit in Berlin stattgefunden   haben, nicht auf Seiten der abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten und Erwerbslosen   gestanden hat.&#8220;<\/p>\n<p>  Um deutlich zu machen, dass es eklatante Widerspr&#252;che gibt zwischen dem   was die Linkspartei.PDS auf Bundesebene fordert oder sagt und dem, was   sie auf L&#228;nderebene umsetzt, f&#252;hrte Lucy Redler drei Beispiele an. So   k&#246;nne es nicht sein, &#8222;im Bund gegen Privatisierungen zu sein und   gleichzeitig in Berlin die Wohnungsbaugesellschaft zu verkaufen.&#8220;   Genauso widerspr&#252;chlich sei es, auf Bundesebene zu fordern, Hartz IV zu   stoppen und Ein Euro Jobs abzulehnen und in Berlin mitverantwortlich zu   sein f&#252;r die Einf&#252;hrung von 32.000 Ein-Euro-Jobs. Als letztes Beispiel   nannte sie die allgemeine Forderung nach h&#246;heren L&#246;hnen, die von der   Linkspartei.PDS unterst&#252;tzt werden, und die konkrete Situation bei der   Charit&#233;, wo die KollegInnen in einen Absenkungsvertrag gedr&#228;ngt werden   sollen.<\/p>\n<p>  Es ist in der Tat so, dass die Linkspartei.PDS in dieser betrieblichen   Auseinandersetzung auf der anderen Seite steht. Es ist Senator Flier von   der LP.PDS, der den KollegInnen die Pistole auf die Brust setzt und sie   vor die &#8222;Wahl&#8220; stellt: Entweder Lohnk&#252;rzungen oder 1.500   betriebsbedingte K&#252;ndigungen. Bez&#252;glich der Ein-Euro-Jobs hei&#223;t es in   einem Artikel der Berliner Zeitung vom 16. Februar: &#8222;Die H&#228;lfte der etwa   32 000 Ein-Euro-Kr&#228;fte in Berlin arbeiteten im &#246;ffentlichen Dienst,   bereits jeder vierte Besch&#228;ftigte in Bezirksverwaltungen und kommunalen   Einrichtungen sei Ein-Euro-Jobber. Uwe Januszewski vom Hauptpersonalrat   geht davon aus, dass derzeit 99 Prozent davon rechtswidrig eingesetzt   werden.&#8220;<br \/>Wenn es bei der LP.PDS nicht in den n&#228;chsten Tagen   noch zu einer 180 Grad Wende komme, so m&#252;sse der Linkspartei ein   &#8222;externer Schock&#8220; besorgt werden. &#8222;Dann gibt es keine Alternative zu   einem eigenst&#228;ndigen Antritt der WASG hier in Berlin&#8220;, f&#252;hrte Lucy   Redler aus.<br \/>Die letzten Umfrageergebnisse von 4,3 Prozent f&#252;r die   WASG machen deutlich, dass es Potential f&#252;r einen eigenst&#228;ndigen Antritt   gibt.<\/p>\n<p>  Dass Lucy Redler mit ihrem Beitrag vielen Anwesenden aus der Seele   sprach wurde durch viel Applaus eindr&#252;cklich dokumentiert.<\/p>\n<p>  <b>Riesiger Diskussionsbedarf <\/b><\/p>\n<p>  Etwa 50 Leute hatten Wortmeldungen abgegeben, um sich an der Diskussion   zu beteiligen. Trotz einer Redezeitbegrenzung auf zwei Minuten, kamen   nur etwa die H&#228;lfte in der sehr lebendigen und engagierten Diskussion zu   Wort.<\/p>\n<p>  In der Diskussion sprachen Bef&#252;rworterInnen und GegnerInnen einer   eigenst&#228;ndigen Kandidatur. Die GegnerInnen leiteten aus den vier   Millionen Stimmen und den 8,7 Prozent bei der Bundestagswahl den Auftrag   ab, das Neuformierungsprojekt mit der Linkspartei.PDS fortzusetzen.   Gemeinsam &#8222;trotz aller Differenzen&#8220; war der Haupttenor der   Bef&#252;rworterInnen der gemeinsamen Kandidatur, die auch auf den G&#228;ngen f&#252;r   diese Position Unterschriften sammelten. Es gehe um die historische   M&#246;glichkeit zur Einheit der Linken in Deutschland, hie&#223; es. Diesem   Argument setzten die Bef&#252;rworterInnen eines eigenst&#228;ndigen Antritts in   Berlin erneut entgegen, dass auch sie sehr wohl f&#252;r den   Neuformierungsprozess seien. Allerdings, so wurde mehrfach laut, reiche   es nicht aus, von einer abstrakten Einheit der Linken zu sprechen. In   mehreren Redebeitr&#228;gen wurde auf die asoziale Realpolitik des rot-roten   Senates hingewiesen. Dabei sei es nicht einfach damit getan, zu sagen,   die PDS habe hier in Berlin &#8222;Fehler&#8220; gemacht, hie&#223; es in Bezug auf Oskar   Lafontaine. Die LP.PDS unter F&#252;hrung von Harald Wolf   (Wirtschaftssenator), Stefan Liebich (Fraktionsvorsitzender im   Abgeordnetenhaus) und Klaus Lederer (Berliner Vorsitzender der LP.PDS)   in Berlin handle vors&#228;tzlich. Damit bezog man sich auf Aussagen von   Wolf, der seine Partei 2004 in einer Grundsatzrede aufforderte, sich   nicht l&#228;nger hinter den vermeintlichen Haushaltszw&#228;ngen zu verstecken,   sondern sich zum politischen &#8222;Vorsatz&#8220; der Senatspolitik zu bekennen. <\/p>\n<p>  In Berlin ist die Wahrheit konkret, wurde aus vielen Beitr&#228;gen deutlich:   Will man eine glaubw&#252;rdige, linke Partei aufbauen, die die Interessen   der ArbeitnehmerInnen, Erwerbslosen, RentnerInnen und Jugendlichen   vertritt und die zu einem Anziehungspunkt f&#252;r Menschen in Betrieben und   Gewerkschaften sowie aus den sozialen Bewegungen werden, dann gibt es   keinen Weg vorbei an einer eigenst&#228;ndidgen Kandidatur.<\/p>\n<p>  <b>Links anget&#228;uscht und rechts &#252;berholt?<\/b><\/p>\n<p>  Hatte Lafontaine in seiner Eingangsrede noch explizit darauf gepocht,   dass ein Neuformierungsprozess auf inhaltlicher Grundlage erfolgen muss,   war von diesem Grundsatz in seinem Schlusswort bedauerlicherweise nicht   mehr viel zu h&#246;ren. Er beschwor die linke Einheit, die nicht aufs Spiel   gesetzt werden d&#252;rfe. Lafontaine versuchte sich deutlich abzugrenzen von   der linken Mehrheit der WASG in Berlin und der SAV im Besonderen. Er   stellte sich vor den rot-roten Senat und verteidigte vehement die   Politik des kleineren &#220;bels in Berlin. Ein eigenst&#228;ndiger Antritt sei   nur dann gerechtfertigt, wenn man beweisen k&#246;nne, dass es unter anderen   Mehrheitsverh&#228;ltnissen und unter einer anderen Regierungskoalition nicht   zu schlimmeren Angriffen kommen w&#252;rde. Lafontaine bezeichnete die SAV   als Spalter, die den Neuformierungsprozess behindern wolle.<\/p>\n<p>  Es war bedauerlicherweise keine Rede mehr davon, dass es selbst in der   gegebenen Berliner Situation andere M&#246;glichkeiten gibt, Politik zu   machen.Findet man daf&#252;r keine politischen Partner und keine Mehrheiten,   dann &#8211; und das sollte die Linkspartei.PDS im Falle Berlin tun &#8211; muss man   aus der Regierung aussteigen, statt kapitalistische Sachzwangpolitik zu   akzeptieren und umzusetzen. &#220;berhaupt keine Erw&#228;hnung fand die   M&#246;glichkeit, &#252;ber au&#223;erparlamentarische Proteste Druck zu entfalten und   dar&#252;ber zu beginnen, die Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse im Interesse der   Arbeiterklasse und der Jugend umzukehren.Gerade das w&#228;re die Aufgabe   einer antikapitalistischen und anti-neoliberalen linken Partei. Das w&#228;re   aus Sicht der SAV der beste Weg um in kurzer Zeit zu einer starken und   k&#228;mpferischen Neuformierung zu kommen. Das Potential daf&#252;r ist vorhanden. <\/p>\n<p>  Es gibt innerhalb der Arbeiterklasse, unter Besch&#228;ftigten, Erwerbslosen   und Jugendlichen und in den sozialen Bewegungen derzeit eine   Abwartehaltung wie sich die WASG auf ihrem Landesparteitag positionieren   wird. Entscheidet man sich beim Landesparteitag f&#252;r eine konsequente,   linke Politik, kann das eine enorme Ermutigung sein f&#252;r viele   AktivistInnen und vor allem f&#252;r diejenigen, die sich heute von der   etablierten Politik verraten und verkauft f&#252;hlen. Ein eigenst&#228;ndiger   Antritt ist deshalb ein wichtiger Beitrag f&#252;r den Neuformierungsprozess   auf inhaltlicher, linker Grundlage und das Gegenteil von Spaltung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Bericht &#252;ber die Berliner Veranstaltung des WASG-Bundesvorstandes &#252;ber<br \/>\n      die Neuformierung der Linken\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[27,30],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11545"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11545"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11545\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11545"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11545"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11545"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}