{"id":11544,"date":"2006-02-24T16:58:54","date_gmt":"2006-02-24T16:58:54","guid":{"rendered":".\/?p=11544"},"modified":"2006-02-24T16:58:54","modified_gmt":"2006-02-24T16:58:54","slug":"11544","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/02\/11544\/","title":{"rendered":"Der ver.di-Streik geht in die entscheidende Phase"},"content":{"rendered":"<p>Seit knapp drei Wochen dauern die Arbeitsniederlegungen im &#246;ffentlichen Dienst mittlerweile an.<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Es sind bislang bei weitem nicht so viele Besch&#228;ftigte in den Ausstand   einbezogen wie bei dem elft&#228;gigen Streik 1992 &#8211; w&#228;hrend vor 14 Jahren   400.000 KollegInnen streikten, sind es in dieser Auseinandersetzung erst   mehrere Zehntausend (in neun Bundesl&#228;ndern in dieser Woche). Trotzdem   ist der Streik keines der in der Vergangenheit &#252;blichen Tarifrituale,   sondern von enormer Bedeutung f&#252;r die gesamte Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>  <i>von Aron Amm, Berlin<\/i><\/p>\n<p>  Die Arbeitgeberseite f&#252;hrt den Konflikt mit entsprechend harten   Bandagen. Die Streikenden sind einem beispiellosen medialen Trommelfeuer   ausgesetzt. So wettert Bild: &#8222;Was soll der M&#252;ll, Herr Bsirske?&#8220; und   zitiert Erwerbslose, die angeblich beinahe darauf brennen, 15 Stunden am   Tag zu arbeiten. Die b&#252;rgerlichen Medien erscheinen &#8222;gleichgeschaltet&#8220;.   KrebspatientInnen werden pr&#228;sentiert, die auf Grund der   Arbeitsniederlegungen angeblich nicht operiert werden k&#246;nnen. Bernd   Riexinger, ver.di-Gesch&#228;ftsf&#252;hrer im Bezirk Stuttgart-Ludwigsburg wurde   von einem Vater angezeigt, dessen Tochter nicht zum gew&#252;nschten Termin   operiert wurde &#8211; ein reichlich inszenierter Fall, da schon bei der   Terminierung der Operation, kein Notfall im &#252;brigen, bekannt war, dass   an diesem Tag gestreikt wird. In einem Kommentar in der Stuttgarter   Zeitung vor einigen Tagen wollte der Chefredakteur den   Krankenhausbesch&#228;ftigten de facto das Streikrecht &#252;berhaupt absprechen.<\/p>\n<p>  Die Arbeitgeber mobilisieren zudem Hunderte von Streikbrechern &#8211; in   Baden-W&#252;rttemberg 800 Leiharbeiter und 100 Ein-Euro-Kr&#228;fte. In Hamburg   wurden in den vergangenen Tagen ebenfalls viele Ein-Euro-Kr&#228;fte zum   Einsammeln von M&#252;ll eingesetzt, in Wilhelmsburg allein 50   ALG-II-BezieherInnen letzten Mittwoch. Im nieders&#228;chsischen Osnabr&#252;ck   pr&#252;gelten Polizisten einen mit Streikbrechern besetzten M&#252;llwagen den   Weg frei.<\/p>\n<p>  Die Streikfront steht. Mehr noch, die Beteiligung &#252;bertrifft sowohl die   Erwartungen von Arbeitgebern als auch von ver.di: &#8222;Die hohe   Streikbewegung ist f&#252;r uns eine &#220;berraschung. Wir hatten schon damit   gerechnet, dass wir in den Arbeiterbereichen &#8211; bei der M&#252;llabfuhr, bei   den Tiefbau&#228;mtern, Bauh&#246;fen usw. &#8211; ganz gut aufgestellt sind. Dass aber   auch die Besch&#228;ftigten in den Kitas und beim Jugendamt so toll im Streik   dabei sind, freut uns sehr&#8220;, so Riexinger im junge-Welt-Interview vom   22. Februar. &#8222;Die Arbeitgeber sind zur Zeit sehr nerv&#246;s, weil sie nicht   damit gerechnet haben, dass die Besch&#228;ftigten bereit sind, wegen der   Arbeitszeitfrage in den Streik zu gehen.&#8220;<\/p>\n<p>  Wann hat es jemals solch eine hohe Zustimmung zum Streik in   Urabstimmungen im &#246;ffentlichen Dienst gegeben? Bei der Streikversammlung   im Stuttgarter Klinikum sprach sich am Dienstag, den 21. Februar die   Versammlung bei nur einer Gegenstimme f&#252;r die Fortsetzung und Ausweitung   des Streiks aus. SAV-Mitglied Ari H&#228;cker, Vertrauensmann, wird in der   jungen Welt mit den Worten zitiert: &#8222;Beim Streik 1992 haben wir es gar   nicht geschafft, Streikposten aufzustellen &#8211; jetzt haben die Leute den   Mut, sich selbstbewusst vor die T&#252;r zu stellen.&#8220; In Stuttgart wie in   anderen St&#228;dten nehmen Azubis &#252;brigens auch aktiv an den Protesten teil.   Am vergangenen Freitag in Stuttgart demonstrierten 300, unter denen   nicht nur die 38,5- sondern auch die 35-Stunden-Woche Diskussionspunkt   war.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend in den b&#252;rgerlichen Medien behauptet wird, dass die Bev&#246;lkerung   sich angewidert abwenden w&#252;rde, ergab eine Umfrage im Stuttgarter   Klinikum unter BesucherInnen bei 190 Befragten eine Zustimmung zum   Arbeitskampf bei 156, eine ablehnende Haltung bei 20.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend im letzten Jahr 100.000 KollegInnen ver.di verlassen haben, gab   es seit Streikbeginn 20.000 Eintritte in die Gewerkschaft.<\/p>\n<p>  Auf der Streikkundgebung am 22. Februar in Hamburg rief Frank Bsirske   aus: &#8222;Jetzt ist die Stunde des Streiks&#8220;. W&#228;hrend die Reden der   ver.di-Spitze von markigen Worten gepr&#228;gt sind, ist zu konstatieren,   dass l&#228;ngst nicht alle streikbereiten Betriebe im Ausstand sind. Es   fehlt an ernstzunehmenden Anstrengungen, weitere Betriebe streikf&#228;hig zu   machen und auf eine Ausdehnung hinzuarbeiten. Weiter gilt die Taktik der   &#8222;Nadelstiche&#8220; statt der Zielsetzung eines bundesweiten fl&#228;chendeckenden   Streiks.<\/p>\n<p>  Schlimmer noch: Es mehren sich Anzeichen, dass ver.di dabei ist, den   R&#252;ckzug anzutreten. So soll vor dem Hintergrund der beginnenden   Verhandlungen im S&#252;dwesten (Baden-W&#252;rttemberg als Pilotbezirk) der   Streik in einigen Bereichen ausgesetzt werden. In Stuttgart gilt das   konkret f&#252;r das Klinikum und die Kitas. Bei der M&#252;llabfuhr wird der   Streik allerdings fortgesetzt. Es gibt ernste Bem&#252;hungen, ab Montag   wirksam Streikposten zu organisieren. Aus gutem Grund: Schlie&#223;lich   erw&#228;gt die Gegenseite in diesem Bereich den Einsatz von Privaten.<\/p>\n<p>  Der Streik im &#246;ffentlichen Dienst tritt jetzt offensichtlich in seine   entscheidende Phase. Ein Verhandlungsergebnis zwischen ver.di und den   Kommunalen Arbeitgebern ist in den n&#228;chsten Tagen &#8211; zun&#228;chst f&#252;r den   &quot;Pilotbezirk&quot; Baden-W&#252;rttemberg &#8211; nicht auszuschlie&#223;en. Das w&#228;re dann   genau zu dem Zeitpunkt, zu dem die ersten Warnstreiks in der   Metalltarifrunde angesetzt werden. Die Chance, die Kr&#228;fte zu b&#252;ndeln,   w&#228;re vertan.<\/p>\n<p>  Bsirske hat ja bereits am dritten Streiktag laut &#252;ber ein Stufenmodell   nachgedacht: L&#228;ngere Arbeitszeiten f&#252;r J&#252;ngere, k&#252;rzere f&#252;r &#196;ltere. Am   Donnerstag, den 23. Februar wurden Verhandlungen in Baden-W&#252;rttemberg   aufgenommen. Diese sollen am Montag, den 27. Februar fortgesetzt werden.   M&#246;glicherweise w&#252;rde es dann auch zu Abschl&#252;ssen in einzelnen   Unikliniken (die nicht mehr zur TdL geh&#246;ren) kommen. Den   L&#228;nderbesch&#228;ftigten droht dann, isoliert zu werden und am ausgestreckten   Arm zu &#8222;verhungern&#8220;.<\/p>\n<p>  Denkbar ist nat&#252;rlich auch ein fauler Kompromiss bei den   L&#228;nderbesch&#228;ftigten. Nach der Verhandlung zwischen ver.di und der   Tarifgemeinschaft der L&#228;nder am 20. Februar soll es um den 10. M&#228;rz den   n&#228;chsten Termin geben. Ein Szenario w&#228;re eine Vertagung beziehungsweise   ein Scheitern der Verhandlungen bei den Kommunalbesch&#228;ftigten und ein   Ergebnis f&#252;r die L&#228;nder. In diesem Fall k&#246;nnten &#252;ber die   &#8222;Meistbeg&#252;nstigungsklausel&#8220; Verschlechterungen auch auf die Kommunen   &#252;bertragen werden. Das ist wohl nur theoretisch eine Option. In der   Praxis ist dieses Szenario extrem unwahrscheinlich, weil die   kampfst&#228;rkeren Kommunalbesch&#228;ftigten im Fall von   Arbeitszeitverl&#228;ngerungen auf diesem Weg laut aufschreien w&#252;rden und   eine Radikalisierung zu erwarten w&#228;re.<\/p>\n<p>  Der ver.di-Verhandlungsf&#252;hrer Alfred Wohlfart sprach am Mittwoch, den   22. Februar auf einer Kundgebung von 5.000 auf dem Stuttgarter   Schlossplatz vom &#8222;l&#228;ngsten Arbeitskampf in unserer Tarifgeschichte&#8220;.   Auch wenn die ver.di-F&#252;hrung darauf hinarbeitet, den Streik fr&#252;her oder   sp&#228;ter abzuw&#252;rgen, statt substanziell auszuweiten, sagte Wohlfart   richtigerweise: &#8222;Der Streik hat eine ganz gro&#223;e Bedeutung &#8211; er wird   bestimmen, wie das Verh&#228;ltnis zwischen Arbeitgebern und Besch&#228;ftigten in   Zukunft geregelt sein wird.&#8220; Immer mehr KollegInnen sp&#252;ren, dass es   einen Dammbruch geben k&#246;nnte, wenn die Streikenden beziehungsweise die   ver.di-F&#252;hrerInnen jetzt klein bei geben sollten.<\/p>\n<p>  Bei der Demonstration von 4.000 ver.di-Besch&#228;ftigten zum AEG-Werk in   N&#252;rnberg Anfang der Woche zeigte sich deutlich, dass Bewusstsein,   Klassenbewusstsein, sich sprunghaft entwickelt. Dort herrschte ein   gro&#223;es Verst&#228;ndnis davon vor, zusammen zu geh&#246;ren und zusammen stehen zu   m&#252;ssen &#8211; gegen &quot;die da oben&quot;. Sowohl in N&#252;rnberg wie auch bei der   zentralen Hamburger Streikkundgebung von ver.di fiel jeweils einmal das   Wort &#8222;Generalstreik&#8220;. Neben der Nowendigkeit einer Ausdehnung des   ver.di-Streiks stellt sich in der Tat die Frage, wie die K&#228;mpfe bei   ver.di, AEG, CNH, Telekom und vor allem der jetzt beginnenden   IG-Metall-Tarifrunde zusammengef&#252;hrt werden k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Auf &#246;rtlicher Ebene gibt es zum einen Entwicklungen hin zu Protesten im   &#246;ffentlichen Dienst, in die eine Vielzahl von Betrieben einbezogen sind:   So streikten in Hamburg am 22. Februar 6.000 Besch&#228;ftigte, darunter die   Stadtreinigung, Stadtentw&#228;sserung, Bauh&#246;fen, Stra&#223;enmeistereien,   st&#228;dtischer Ordnungsdienst sowie Besch&#228;ftigte der Schulen, Hochschulen   und Schwimmb&#228;der. In Stuttgart legten am gleichen Tag neben M&#252;llabfuhr,   Stadtreinigung und Kliniken auch KollegInnen im Rahmen eines   &#8222;p&#228;dagogischen Tags&#8220; bei Kitas, Schulen, Jugend&#228;mtern und Theater die   Arbeit nieder.<\/p>\n<p>  Vielerorts bestehen M&#246;glichkeiten, den Widerstand auch   branchen&#252;bergreifend zusammenzubringen. In Mettingen ist f&#252;r den 1. M&#228;rz   der erste Warnstreik in der Metalltarifrunde angesetzt. Stuttgarter   SAV-Mitglieder argumentieren aus diesem Grund daf&#252;r, dass ver.di   Stuttgart f&#252;r den Tag ebenfalls nach Mettingen mobilisiert. In Bremen   ist der DGB auf Druck von unten gezwungen, am 1. M&#228;rz zu einem betriebs-   und branchen&#252;bergreifenden Protest aufzurufen (siehe den Bericht auf der   SAV-Website; Heino Berg konnte auf der BR- und PR-Konferenz auch f&#252;r die   WASG einen Beitrag machen). Auch in Rostock k&#246;nnte der Druck in diese   Richtung zunehmen (dort droht ein Klinik-Verkauf und es brodelt bei der   Stadtverwaltung vor dem Hintergrund der dortigen K&#252;rzungspl&#228;ne); am 22.   Februar hat die SAV ja eine Veranstaltung im DGB-Haus mit dem &#246;rtlichen   ver.di-Vorsitzenden organisieren k&#246;nnen. Die DruckerInnen und andere   Besch&#228;ftigte der Ostsee-Zeitung f&#252;hren Streikma&#223;nahmen unter anderem   gegen K&#252;ndigungen durch. <a href=\"http:\/\/www.verdi.de\/rostock\/berufe_branchen_fachbereiche\/8_-_medien_kunst_und_industrie\/ostsee-zeitung_erst_ausgequetscht_dann_weggeworfen_wir_sind_keine_zitronen\/#2.02.2006_2._streiktag_gemeinsamer_widerstand_gegen_entlassungen\">Auf   der ver.di-Website wird &#252;ber den Besuch von Christine Lehnert,   SAV-B&#252;rgerschaftsabgeordnete, und anderen SAV-Mitgliedern bei den   Streikposten berichtet.<\/a> <a href=\"http:\/\/www.verdi.de\/rostock\/berufe_branchen_fachbereiche\/8_-_medien_kunst_und_industrie\/ostsee-zeitung_erst_ausgequetscht_dann_weggeworfen_wir_sind_keine_zitronen\/#2.02.2006_2._streiktag_gemeinsamer_widerstand_gegen_entlassungen\"> <\/a>    <\/p>\n<p>  Ansatzpunkte also, einen lokalen, wenn nicht regionalen Streik- und   Protesttag einzufordern und auf diesem Weg die Frage einer solchen   Ma&#223;nahme auf &#252;berregionaler Ebene aufzuwerfen. Auf diesem Weg k&#246;nnten in   der Tat Schritte unternommen werden, das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis zu Gunsten der   abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten nachhaltig zu verbessern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit knapp drei Wochen dauern die Arbeitsniederlegungen im &#246;ffentlichen<br \/>\n    Dienst mittlerweile an.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[17],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11544"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11544"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11544\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11544"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11544"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11544"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}