{"id":11536,"date":"2006-03-05T11:51:48","date_gmt":"2006-03-05T11:51:48","guid":{"rendered":".\/?p=11536"},"modified":"2006-03-05T11:51:48","modified_gmt":"2006-03-05T11:51:48","slug":"11536","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/03\/11536\/","title":{"rendered":"Arbeiterproteste im UNMIK-Protektorat"},"content":{"rendered":"<p>Massenarmut in Kosova unter der UN-Verwaltung<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Ende Dezember 2005 legte das in Pristina beheimatete Wirtschaftsinstitut   Riinvest eine Studie zur sozialen Lage in Kosova vor. Das Institut   diagnostizierte, dass in Kosova &quot;&#252;ber zw&#246;lf Prozent der Einwohner in   extremer Armut leben&quot;. Weitere 50 Prozent leben &quot;in trostloser Armut&#8220;.   Riinvest kommt zu dem Schluss: &quot;Kosova ist das &#228;rmste Gebiet in Europa.&quot;<\/p>\n<p>  <i>von Max Brym, M&#252;nchen<\/i><\/p>\n<p>  Offiziell sind in Kosova 53 Prozent der Menschen arbeitslos. Die   tats&#228;chliche Arbeitslosigkeit d&#252;rfte allerdings bei 70 Prozent liegen.   Das Durchschnittseinkommen eines Arbeiters liegt pro Monat zwischen 100   und 200 Euro. Haupts&#228;chlich gibt es T&#228;tigkeiten im &#246;ffentlichen Dienst   und Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse, die eng mit der UNMIK- B&#252;rokratie   verbunden sind (UNMIK ist die UN-&#220;bergangsverwaltung). Ein Rentner   erh&#228;lt eine Pension von h&#246;chstens 35 Euro im Monat. Die   Lebenshaltungskosten sind mit den Preisen in Deutschland zu vergleichen<\/p>\n<p>  <b>Interessen Serbiens <\/b>    <\/p>\n<p>  Kosovarische Einrichtungen wie das Parlament haben keinerlei   Kompetenzen. Jeder Beschluss der &#246;rtlichen &quot;Regierung&quot; muss dem   Protektoratsleiter der UNMIK vorgelegt werden. Der serbische Staat   regiert zus&#228;tzlich nach Kosova hinein, indem er serbische BeamtInnen,   die mit 200 Euro von der UNMIK bezahlt werden, zus&#228;tzlich mit 500 Euro   pro Monat ausstattet, um rein serbische Parallelstrukturen in Kosova zu   entwickeln. Immer deutlicher zeichnet sich die Absicht der serbischen   Regierung ab, Kosova ethnisch zu teilen.<\/p>\n<p>  Interessant ist f&#252;r Belgrad der wirtschaftlich reiche Norden, das Gebiet   um die Stadt Mitrovica. Einst war das Kombinat Trepca in Europa der   zweitgr&#246;&#223;te Betrieb in Sachen Zink-, Kupfer- und Bleif&#246;rderung. Heute   liegt das ehemalige Kombinat flach. Die UNMIK vergab eine Option f&#252;r die   F&#246;rderung an ein franz&#246;sisch-schwedisch-amerikanisches   Kapitalkonsortium. Dagegen wehrt sich die serbische Regierung. Im   B&#252;ndnis mit der serbischen Regierung stehen private Firmen aus   Frankreich und Griechenland. &#220;berhaupt nicht zur Debatte steht die   Forderung der albanischen Bergarbeitergewerkschaft, die die ehemaligen   ArbeiterInnen als Eigent&#252;mer von Trepca betrachten. Die   Bergarbeitergewerkschaft bot den serbischen ArbeiterInnen im Norden der   geteilten Stadt Mitrovica ein Abkommen an, um gemeinsam die Produktion   wieder aufzunehmen.<\/p>\n<p>  <b>Wem geh&#246;rt Ferronikel?<\/b><\/p>\n<p>  Im November 2005 wurde der Widerstand der ArbeiterInnen gegen die   Privatisierung des strategisch wichtigen Industriegiganten Ferronikel in   Drenas gebrochen. Dort sind derzeit 2.000 KollegInnen besch&#228;ftigt. Die   UNMIK-B&#252;rokratie setzte ihre gesamten Machtmittel ein, um Ferronikel   gegen radikale Arbeiterproteste an den Investor Alferon zu verscherbeln.   Es gibt eine &#8222;Treuhandagentur&#8220; f&#252;r die Abwicklung der kosovarischen   Wirtschaft. An der Spitze dieser Institution steht wiederum der   ehemalige B&#252;rgermeister von Sindelfingen, Joachim R&#252;cker. Zu Alferon,   dem Konzern, der den Betrieb &#252;bernahm, erkl&#228;rte R&#252;cker: &#8222;Die Firma   Alferon ist seri&#246;s, denn an ihr ist das renommierte Unternehmen Thyssen   Krupp beteiligt.&#8220;<\/p>\n<p>  Nackte Wut verbunden mit Protesten richteten sich von Juni bis November   2005 gegen die Privatisierung der Fabrik Ferronikel. Am 21. Juli   protestierten ArbeiterInnen der Metallarbeitergewerkschaft zusammen mit   vielen anderen durch Drenas. Auf den Plakaten war zu lesen: &#8222;Wir   verteidigen unseren Boden &#8211; die Regierung sollte f&#252;r das Volk arbeiten,   nicht f&#252;r die eigene Tasche.&#8220; &#220;ber drei Monate verhinderten die   Besch&#228;ftigten den Besuch von Managern der Firma Alferon in Ferronikel.   Es gab Barrikaden vor dem Firmengel&#228;nde, hinter denen bewaffnete   ArbeiterInnen standen. Mehrmals wurden Firmenvertreter aus Limousinen   gezogen und nach Hause geschickt.<\/p>\n<p>  <b>Kritik am gewerkschaftlichen Dachverband<\/b><\/p>\n<p>  Der gewerkschaftliche Dachverband BSPK gab den MetallarbeiterInnen wenig   R&#252;ckendeckung. Es ist demzufolge kein Zufall, dass die   Metallarbeitergewerkschaft zu den sechs Einzelgewerkschaften geh&#246;rt, die   in scharfer Opposition zum Dachverband stehen. Den Fall Ferronikel nahm   der BSPK nicht zum Anlass, seinen angedrohten Generalstreik gegen die   Privatisierungsorgie durchzuf&#252;hren. Allerdings streikten die im   Schuldienst besch&#228;ftigten Gewerkschaftsmitglieder von Ende August 2005   f&#252;r h&#246;here L&#246;hne und bessere Lehrbedingungen mehr als sechs Wochen. Die   Lehrergewerkschaft steht im scharfen Gegensatz zum gewerkschaftlichen   Dachverband BSPK. Der Streik konnte geplante Entlassungen verhindern und   die L&#246;hne im Schnitt um 20 Euro anheben. Die Lehrergewerkschaft schickte   Delegationen nach Drenas zu den MetallerInnen und die Metallarbeiter von   Ferronikel nahmen an zentralen Demonstrationen der Lehrergewerkschaft in   Prishtina teil.<\/p>\n<p>  <b>Wie geht es weiter in Kosova?<\/b><\/p>\n<p>  Das UNMIK-Experiment im Kosova wird von der Bev&#246;lkerung, egal welcher   Nationalit&#228;t, als gescheitert angesehen. Die AlbanerInnen nennen die   UNMIK meist ARMIK, was auf deutsch &#8222;Feind&#8220; hei&#223;t. Erregung l&#246;sen die   Geh&#228;lter der UNMIK-B&#252;rokraten aus. Der Chef der Telefongesellschaft   verdient &#252;ber 20.000 Euro monatlich. Ausl&#228;ndische Polizisten verdienen   das Zehnfache ihrer einheimischen KollegInnen.<\/p>\n<p>  Von der in Kosova &#8222;regierenden&#8220; Demokratischen Liga (LDK) ist nichts zu   erwarten. Gegenw&#228;rtig gibt es sowohl auf albanischer wie serbischer   Seite nur Gruppen und Einzelpersonen, die sich f&#252;r eine Beendigung des   Nationalit&#228;tenkonfliktes aussprechen. Entscheidend k&#246;nnte die Arbeit der   unabh&#228;ngigen Bergarbeitergewerkschaft in Mitrovica und der   MetallarbeiterInnen in Drenas werden. Die LPV (Bewegung f&#252;r   Selbstbestimmung), eine Organisation von 10.000 Unterst&#252;tzerInnen, tritt   gegen die UNMIK-Kolonialherrschaft in Kosova auf. Sie fordert die   Unabh&#228;ngigkeit und die Entscheidungsfreiheit der Gesellschaft. In den   Publikationen der LPV finden sich Debatten &#252;ber die &#8222;Schaffung einer   neuen Linken in Kosova&#8220;. Abgelehnt werden sowohl der Titoismus als auch   der Enverismus (Anh&#228;nger des fr&#252;her stalinistischen Diktators von   Albanien, Enver Hoxhas). Die LPV ist eine studentisch gepr&#228;gte   Organisation, die allerdings das Gespr&#228;ch mit den ArbeiterInnen sucht.<\/p>\n<p>  Um eine multiethnische soziale Bewegung aufzubauen, ist es n&#246;tig, f&#252;r   das Recht der albanischen KosovarInnen und f&#252;r demokratische Rechte der   SerbInnen sowie f&#252;r einen gemeinsamen Kampf gegen jede Art von   Fremdbestimmung, Privatisierungen und Ausbeutung einzutreten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Massenarmut in Kosova unter der UN-Verwaltung<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46],"tags":[179],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11536"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11536"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11536\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11536"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11536"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11536"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}