{"id":11525,"date":"2006-02-16T11:07:40","date_gmt":"2006-02-16T11:07:40","guid":{"rendered":".\/?p=11525"},"modified":"2006-02-16T11:07:40","modified_gmt":"2006-02-16T11:07:40","slug":"11525","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/02\/11525\/","title":{"rendered":"Landesparteitag der WASG Bayern am 12. Februar 2006"},"content":{"rendered":"<p>&#8211; ein pers&#246;nlicher Bericht von Sascha Stanicic und ein Brief an die WASG-Mitglieder in Bayern <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Nachdem ich am Freitag Abend bei einem Besuch in M&#252;nchen erfahren habe,   dass am Sonntag Landesparteitag der WASG Bayern sein wird, bin ich dort   kurz entschlossen hingefahren, um daran teilzunehmen.<\/p>\n<p>  Meine Anwesenheit war sicher &#252;berraschend f&#252;r die bayrischen KollegInnen   und da gerade in Bayern oftmals Schauerm&#228;rchen &#252;ber die SAV verbreitet   werden, war ich schon etwas &#252;berrascht, als mich das Pr&#228;sidium offiziell   und freundlich als &#8222;einziger Gast, der nicht aus Bayern kommt&#8220; und als   &#8222;WASG-Mitglied aber auch Bundesvorsitzender der SAV&#8220; begr&#252;&#223;te. Daraufhin   gab es sogar zur&#252;ckhaltenden, aber freundlichen Applaus und ich war von   soviel Gastfreundschaft positiv beeindruckt. Im n&#228;chsten Moment &#228;nderte   sich dieser Eindruck aber, als es zu einer Abstimmung &#252;ber die Frage   ging, ob alle G&#228;ste oder nur die geladenen G&#228;ste (mir ist kein anderer   &#8222;ungeladener&#8220; Gast als ich selber bekannt gewesen) Rederecht erhalten   sollten. Diese Abstimmung entzog mir dann mit 36 zu 28 Stimmen das   Rederecht, bevor ich &#252;berhaupt einen Versuch gewagt hatte, mich zu Wort   zu melden.<\/p>\n<p>  Der Parteitag fand in N&#252;rnberg statt und war dementsprechend auch vom   Kampf der AEG-KollegInnen um ihr Werk gepr&#228;gt. Leider musste der   AEG-Betriebsratsvorsitzende und Streikleiter Harald Dix seine Teilnahme   kurzfristig absagen und auch sonst waren keine KollegInnen von AEG   anwesend. Es wurde aber deutlich, dass der Landesverband eng an den   betrieblichen Auseinandersetzungen dran ist, was ja durch die hohe   Anzahl von IG Metall-Funktion&#228;ren in der bayrischen WASG kein Wunder   ist. Anni Heike, die auch IGM-Sekret&#228;rin in F&#252;rth ist, berichtete u.a.   von der mit 77,7 Prozent knapp gewonnenen Urabstimmung im AEG-Werk   Rothenburg, wo massiver Druck und Mobbing auf die KollegInnen ausge&#252;bt   wird. Fritz Schmalzbauer berichtete von begeisterten Reaktionen der   ArbeiterInnen bei Besuchen von Oskar Lafontaine in Betrieben und von den   &#8222;Oskar, Oskar&#8220;-Sprechch&#246;ren und rhythmischem Klatschen, dass er seit der   &#8222;Willy-Wahl&#8220; 1972 nicht mehr erlebt habe. Kollege Schmalzbauer betonte   auch die Bedeutung der WASG f&#252;r betriebliche Auseinandersetzungen, wie   bei AEG. Denn der Kampf der IG Metall f&#252;r einen Sozialtarifvertrag   stelle ja die Schlie&#223;ung des Werks nicht in Frage. Deshalb m&#252;sse sich   eine politische Bewegung die Frage stellen, was in der Gesellschaft zu   ver&#228;ndern sei, damit so etwas nicht mehr passiere. Man m&#252;sse dar&#252;ber   sprechen, ob die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse im v&#246;lligen Widerspruch   zu den berechtigten Anspr&#252;chen der Menschen stehen. Eine deutlichere   Aufforderung, wenn auch ohne die Begriffe zu nennen, eine Debatte &#252;ber   Kapitalismus und Sozialismus zu f&#252;hren, h&#228;tte es kaum geben k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Eindringliche Appelle des Pr&#228;sidiums und des die Konferenz er&#246;ffnenden   Kollegen Harald Weinberg aus N&#252;rnberg, dass die Berliner Frage nicht im   Mittelpunkt der Debatte stehen solle, verhinderten nicht, dass sich in   der Diskussion &#252;ber den Parteibildungsprozess recht viele RednerInnen   mit Berlin auseinander setzten.<\/p>\n<p>  In seinem Bericht zum Parteibildungsprozess behandelte Klaus Ernst die   Frage von Regierungsbeteiligungen und der Berliner Situation auch   relativ ausf&#252;hrlich, nachdem er die aus seiner Sicht bestehende   Notwendigkeit der gemeinsamen Partei aus WASG und Linkspartei.PDS betont   hatte.<\/p>\n<p>  F&#252;r mich, der ich ja auch Klaus Ernsts Rede beim Berliner   Landesparteitag im November letzten Jahres, beiwohnte, war der Inhalt   der Rede eine &#8211; positive &#8211; &#220;berraschung. Ich habe n&#228;mlich noch in den   Ohren, wie der Kollege Ernst in Berlin sagte, dass man &#252;ber Sinn und   Unsinn der Regierungsbeteiligung der Linkspartei.PDS in Berlin   diskutieren k&#246;nne. Ich hatte ihn damals in meinem Redebeitrag gefragt,   ob er das ernst meine und ge&#228;u&#223;ert, dass aus Sicht der von der   arbeitnehmer- und erwerbslosenfeindlichen Senatspolitik Betroffenen der   Unsinn dieser Regierungsbeteiligung feststehe. Mit dreimonatiger   Versp&#228;tung bekam ich nun eine Antwort auf meine Frage.<\/p>\n<p>  Klaus Ernst folgte offensiv der neuen Linie Oskar Lafontaines und rief   aus, dass sich die neue Partei klar vom neoliberalen Kurs absetzen   m&#252;sse. Er betonte, dass die neue Partei auch in Landesregierungen keinen   Privatisierungen und Tarifbruch zustimmen d&#252;rfe. Dann entwarf er ein   hypothetisches Szenario: wenn diese Partei bundesweit gegen die   Einf&#252;hrung von Studiengeb&#252;hren eintreten, d&#252;rfe sie in keiner   Landesregierung der Einf&#252;hrung von Studiengeb&#252;hren zustimmen mit der   Begr&#252;ndung, da es die anderen Bundesl&#228;nder machen, m&#252;sse man nachziehen.   Kollege Ernst betonte mehrmals dies sei ein rein hypothetischer Fall &#8230;.<\/p>\n<p>  Klaus Ernst lehnte eine prinzipielle Festlegung auf   Regierungsbeteiligung &#8222;ja oder nein&#8220; ab und sagte, dies m&#252;sse von den   Inhalten abh&#228;ngig gemacht werden. Um dann zu sagen: &#8222;Wir werden uns an   keiner Regierung beteiligen, in der wir unsere Grunds&#228;tze nicht   wiederfinden.&#8220;<\/p>\n<p>  So weit sprach er mir geradezu aus der Seele. Als es dann konkret um   Berlin ging, kam er aber zu anderen Schlussfolgerungen, als die Berliner   WASG sie bisher gezogen hat. Man m&#252;sse nicht nach hinten, sondern nach   vorne schauen und es sei ein Fehler der Berliner WASG, die H&#252;rden f&#252;r   die Linkspartei.PDS so hoch zu h&#228;ngen, dass diese gar nicht dr&#252;ber   springen k&#246;nne. Konkurrierende Kandidaturen w&#252;rden nur den gemeinsamen   Kandidaturen in Rheinland-Pflaz und anderen Bundesl&#228;ndern schaden und   deshalb sollten sie unterlassen werden. Er bedauere auch das &#246;ffentliche   Austragen dieser Debatte, was mich wiederum &#252;berraschte, denn ich   erinnere mich noch gut an die Pressestatements von Bundesvorstands- und   Fraktionsmitgliedern nach unserem Landesparteitag im November. Dann   beschw&#246;rte er noch die Gefahr, dass die Bundestagsfraktion aufgrund von   konkurrierenden Kandidaturen auseinander fliegen k&#246;nnte, ohne diese   Gefahr konkret auszuf&#252;hren.<\/p>\n<p>  In Berlin sitze &#8222;der Wahnsinn zwar auf der anderen Seite&#8220;, aber Rom sei   auch nicht an einem Tag erbaut worden und wenn es im ersten Anlauf in   Berlin nicht so gut mit einer gemeinsamen Kandidatur klappt, m&#252;sse man   das hinnehmen. Alles andere sei Beschiss an den vier Millionen   W&#228;hlerinnen und W&#228;hlern, die die gemeinsame Partei wollen.<\/p>\n<p>  Eine Rede also, die inhaltlich deutlich links steht von seinen   Ausf&#252;hrungen beim Landesparteitag in Berlin und der inhaltlichen Kritik   der WASG Berlin am SPD\/PDS-Senat hundertprozentig Recht gibt. W&#228;hrend   der Tenor seiner Rede in Berlin noch war: &#8222;das, was Ihr hier macht, geht   nicht!&#8220;, war der Tenor dieser Rede: &#8222;das, was die LP.PDS an der   Landesregierung macht, geht nicht!&#8220;<\/p>\n<p>  Der Druck, den die Berliner WASG und viele andere Gliederungen seit   November entfaltet haben, f&#252;hrt also zu Bewegung an der Spitze der   Partei, wenn auch erst mal nur verbaler Bewegung.<\/p>\n<p>  Das Thema Urabstimmung vor dem Bundesparteitag wurde nat&#252;rlich auch   angesprochen. Allerdings recht nebul&#246;s. Obwohl der Landesvorstand Bayern   in dieser Frage gemeinsam mit den Vorst&#228;nden aus Hessen und   Rheinland-Pfalz vorprescht, wurde dem Landesparteitag dazu weder eine   Formulierung f&#252;r die Urabstimmung noch ein Antrag vorgelegt. Laut Klaus   Ernst soll es bei der Urabstimmung darum gehen, ob der   Parteibildungsprozess zielgerichtet fortgesetzt werden soll oder nicht.   Nach meinen Informationen konnte sich aber selbst der Landesvorstand   Bayern bisher auf keinen Text f&#252;r eine solche Urabstimmung einigen. In   bayrischen Zeitungen war dann &#252;berraschenderweise von einer Resolution   zum Thema Urabstimmung die Rede, die der Parteitag angeblich   verabschiedet habe.<\/p>\n<p>  Es war offensichtlich, dass die gro&#223;e Mehrheit der Delegierten den Kurs   von Klaus Ernst und Fritz Schmalzbauer mittr&#228;gt. Bemerkenswert waren   aber eine Reihe kritischer Wortmeldungen und scharfe Kritik von   Delegierten an der Politik der Linkspartei.PDS im Berliner Senat.   W&#228;hrend meiner Anwesenheit (ich musste um 17 Uhr die Veranstaltung   verlassen) hatten sich immerhin zwei Delegierte f&#252;r eine Unterst&#252;tzung   einer eigenst&#228;ndigen Kandidatur in Berlin ausgesprochen, daf&#252;r aber nur   verhaltenen Applaus bekommen. Rederecht wurde mir auch nicht gew&#228;hrt,   nachdem ein Delegierter darauf hingewiesen hatte, dass es doch ein Gebot   der Fairness sei, mich zu Wort kommen zu lassen, wenn man mich schon   mehrmals direkt anspricht, wie bei einer Einleitung von Fritz   Schmalzbauer geschehen.<\/p>\n<p>  Die Kritik an der LP.PDS wurde auch deutlich, als der Landessprecher der   bayrischen LP.PDS sprach. Er meinte zwar, seine Partei h&#228;tte nicht in   den Berliner Senat eintreten sollen, weil man denen, die den Karren in   den Dreck gezogen haben, ja nicht beim Rausziehen helfen m&#252;sse.   Andererseits sagte er: wer mit Dreck spielt, wird auch schmutzig. Da man   ja den Parlamentarismus unterst&#252;tze und sich an die Gesetze halte, m&#252;sse   man diese dann in Landesregierungen auch umsetzen. Je l&#228;nger dieser   Kollege sprach, desto lauter artikulierte sich der Unmut im Saal &#8211; von   lautem Grummeln &#252;ber Zwischenrufe bis zum lautstarken Hinweis darauf,   dass er die Redezeit &#252;berschritten hatte.<\/p>\n<p>  Alles in allem war der Besuch beim Landesparteitag f&#252;r mich, trotz   Redeverbot, eine sehr interessante Erfahrung. Die bayrischen   Verh&#228;ltnisse sind tats&#228;chlich anders, als die Verh&#228;ltnisse in Berlin und   anderen Bundesl&#228;ndern. Aber auch in Bayern wird die Politik des   SPD\/PDS-Senats in Berlin vollst&#228;ndig abgelehnt, gibt es bei einigen   Delegierten ein kritisches Hinterfragen der Politik des   WASG-Bundesvorstands und eine Reihe offener Ohren f&#252;r die Argumente der   Berliner WASG.<\/p>\n<p>  Und beim n&#228;chsten Mal darf ich mich dann auch zu Wort melden, wie mir   das Landesvorstandsmitglied Frank Firsching zum Abschied erkl&#228;rte:   &#8222;H&#228;ttest Du Dich angemeldet, w&#228;rst Du auch eingeladen worden.&#8220;   Interessante Logik.<\/p>\n<p>  <span><i>Sascha Stanicic, 14. Februar 2006<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <b>Brief an die WASG-Mitglieder in Bayern &#8211; Was ich Euch gerne gesagt   h&#228;tte<\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Liebe Kolleginnen und Kollegen der WASG in Bayern,<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  am vergangenen Sonntag habe ich an Eurem Landesparteitag teilgenommen.   Ich hatte bei einem Besuch in M&#252;nchen von dem Parteitag erfahren und   mich entschieden kurzfristig meine Reisepl&#228;ne zu &#228;ndern und &#252;ber   N&#252;rnberg zur&#252;ck nach Berlin zu fahren.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Leider hat dann eine Mehrheit der Delegierten gleich zu Beginn des   Parteitags &#8211; und gleich nachdem meine Anwesenheit bekannt gegeben wurde   &#8211; das Rederecht f&#252;r nicht geladene G&#228;ste abgelehnt. Nachdem die   Auseinandersetzung um den Sozialabbau des SPD\/PDS-Senats in Berlin und   die Frage der eigenst&#228;ndigen WASG-Kandidatur bei den diesj&#228;hrigen   Berliner Abgeordnetenhauswahlen in der Debatte um den   Parteibildungsprozess eine gro&#223;e Rolle gespielt hat, h&#228;tte ich &#8211; als   Mitglied der Berliner WASG &#8211; gerne ein paar Worte an Euch gerichtet.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Deshalb w&#228;hle ich jetzt diesen Weg, um Euch zu erreichen und ein paar   Argumente zur Debatte um den Parteibildungsprozess im Zusammenhang mit   Berlin beizutragen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Klaus Ernst hat in seiner Rede zum Thema vieles gesagt, dass mir aus dem   Herzen gesprochen hat und von der gro&#223;en Mehrheit der Berliner WASG   unterst&#252;tzt wird. Seine unmissverst&#228;ndliche Ablehnung gegen&#252;ber   Privatisierungen und Tarifflucht, auch im Falle einer Beteiligung an   Landesregierungen war eine wichtige Klarstellung. F&#252;r mich war das in   dieser Deutlichkeit neu. Denn noch beim Landesparteitag der Berliner   WASG im November 2005 sagte Klaus, man k&#246;nne &#252;ber Sinn und Unsinn der   Berliner Regierungsbeteiligung der Linkspartei.PDS debattieren. Diesmal   schien er sich entschieden zu haben: die Politik des Berliner Senats   macht keinen Sinn.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Ich habe mich gefreut, als dann verschiedene Delegierte in ihren   Redebeitr&#228;gen auf die unsoziale Politik von SPD und Linkspartei.PDS im   Berliner Senat eingegangen sind und die Kritik konkretisiert haben: die   Akzeptanz der Wasserprivatisierung, die Wohnungsprivatisierungen, die   K&#252;rzung des Blindengeldes, die Einf&#252;hrung von zehntausenden   Ein-Euro-Jobs, die drohenden Zwangsumz&#252;ge, die Tarifflucht mit Folge   erheblicher Lohnk&#252;rzungen f&#252;r Besch&#228;ftigte im &#246;ffentlichen Dienst. Die   Liste lie&#223;e sich erheblich fortsetzen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Um die Haltung der Berliner WASG nachvollziehen zu k&#246;nnen, muss man die   Tragweite der Senatspolitik verstehen. Es geht hier nicht um eine   Geb&#252;hrenerh&#246;hung dort und die K&#252;rzung von ein paar F&#246;rdermitteln da (was   auch nicht zu unterst&#252;tzen w&#228;re). In Berlin hat es in den letzten vier   Jahren ein soziales Kettens&#228;genmassaker gegeben, von dem hunderttausende   Besch&#228;ftigte, Erwerbslose, MieterInnen, Jugendliche massiv betroffen   sind. Berlin ist die Hauptstadt der Armut und die Linkspartei.PDS   regiert und verwaltet diese Armut statt sie effektiv zu bek&#228;mpfen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Der Kollege Harald Weinberg aus N&#252;rnberg hatte in seiner Er&#246;ffnungsrede   gesagt, Berlin sei eine Ausnahmesituation. Wenn dem so ist, dann   bed&#252;rfen au&#223;ergew&#246;hnliche Situationen nun einmal au&#223;ergew&#246;hnliche   Ma&#223;nahmen. Die Berliner WASG will ja nicht eigenst&#228;ndig kandidieren,   weil ihr das besonders viel Spa&#223; macht oder sie etwa, wie leider oft   behauptet wird, gegen den Neuformierungsprozess der Linken generell   w&#228;re. Wir sehen uns gezwungen, eigenst&#228;ndig anzutreten! Denn es gibt   keine Anzeichen daf&#252;r, dass die Berliner LP.PDS einen politischen   Kurswechsel hin zu sozialer Politik vollziehen wird.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Klaus Ernst hat in seiner Rede behauptet, dass eine konkurrierende   Kandidatur in Berlin den gemeinsamen Kandidaturen in anderen   Bundesl&#228;ndern schaden w&#252;rde. Diese Behauptung entbehrt bisher jeder   Beweisf&#252;hrung. Mir pers&#246;nlich sind aus Hessen und Baden-W&#252;rttemberg   jedenfalls keine tats&#228;chlichen Erfahrungen bekannt, dass   Wahlk&#228;mpferInnen der WASG auf der Stra&#223;e oder vorm Betriebstor in   gr&#246;&#223;erer Zahl auf die Konflikte in Berlin angesprochen worden w&#228;ren. Auf   der anderen Seite aber steht die Berliner WASG in Meinungsumfragen   ziemlich gut da. 4,3 Prozent w&#252;rden in Berlin WASG w&#228;hlen &#8211; ohne dass   ein einziges Plakat h&#228;ngt oder ein einziges Wahlkampf-Flugblatt verteilt   worden w&#228;re. Dies dr&#252;ckt den tiefen Unmut und die gro&#223;e Entt&#228;uschung   vieler Berlinerinnen und Berliner mit dem SPD\/PDS-Senat aus.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Klaus Ernst sagte, durch eine eigenst&#228;ndige Kandidatur w&#252;rde man die   vier Millionen W&#228;hlerInnen von der Bundestagswahl beschei&#223;en. Das   Gegenteil ist (leider) der Fall. Durch eine Unterst&#252;tzung der   Linkspartei.PDS in Berlin w&#252;rden wir die W&#228;hlerInnen in Berlin   beschei&#223;en. Denn wir sind angetreten, um auf allen Ebenen den   Sozialkahlschlag und die Privatisierungspolitik zu bek&#228;mpfen und f&#252;r die   Rechte der Lohnabh&#228;ngigen zu streiten. In Berlin muss man das nun einmal   gegen die derzeitige LP.PDS-Politik tun. Dies auf dem Altar abstrakter   linker Einheit zu opfern w&#228;re Beschiss! Was hat denn der Ein-Euro-Jobber   davon, wenn er von einer Regierung unter Beteiligung einer linken   Einheitspartei ausgebeutet wird? Ganz abgesehen davon bin ich nicht das   einzige WASG-Mitglied, das im Bundestagswahlkampf die Meinung zu h&#246;ren   bekam: diesmal w&#228;hle ich Euch zusammen mit der PDS, weil   Bundestagswahlen sind, aber bei den Berliner Wahlen werde ich das nicht   tun!<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Es ist unsere Pflicht auch in Berlin dem Protest gegen Sozialabbau eine   politische Stimme zu geben. Das geht zur Zeit leider nur gegen die   LP.PDS. Ich bin &#252;brigens auch davon &#252;berzeugt, dass eine erfolgreiche   Kandidatur der WASG in Berlin, die m&#246;glicherweise dazu f&#252;hrt, dass die   LP.PDS aus der Regierung fliegt, das beste Mittel ist, um Bewegung   innerhalb der LP.PDS auszul&#246;sen. Mit guten Argumenten ist da leider   wenig zu erreichen. Ein externer Schock w&#228;re sicher wirkungsvoller.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Eine eigenst&#228;ndige Kandidatur der Berliner WASG w&#252;rde auch nicht den   Parteibildungsprozess torpedieren. Aus meiner Sicht w&#228;re es sogar ein   Beitrag dazu, das von Klaus Ernst formulierte Ziel zu erreichen: die   neue Partei darf an Privatisierungen und Tarifflucht auch in   Landesregierungen nicht teilnehmen. Denn so ein Sonderfall ist Berlin   eben nicht: in Mecklenburg-Vorpommern betreibt die LP.PDS im Kern   dieselbe Politik. In vielen ostdeutschen Kommunen privatisieren   LP.PDS-Ratsfraktionen munter mit, zuletzt in Dresden &#246;ffentliche   Wohnungen. Und auch der LP.PDS-Redner auf Eurem Parteitag hat zum   Ausdruck gebracht, wie wenig Prinzipienfestigkeit in der LP.PDS z&#228;hlt:   wer mit Dreck spielt m&#252;sse sich schmutzig machen, Gesetze geh&#246;ren   umgesetzt, eine andere Politik in Berlin sei nicht m&#246;glich. Von der   Parteispitze um Lothar Bisky wurde der Berliner Senat in den letzten   Jahren kaum kritisiert. Im Gegenteil: der Eintritt in Landesregierungen   ist f&#252;r viele LP.PDS-Spitzenpolitiker die Strategie um 2009 eine   bundesweite Koalitionsregierung mit der SPD zu bilden. Wenn dies zur   Strategie der neuen linken Partei wird, wird diese die Unterst&#252;tzung in   der Bev&#246;lkerung schnell wieder verlieren &#8211; so wie die LP.PDS in Berlin   und Mecklenburg-Vorpommern Unterst&#252;tzung verliert. Parteien, die   Sozialabbau betreiben gibt es n&#228;mlich schon genug!<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Das bedeutet: die LP.PDS braucht Druck, damit sie sich nach links   bewegt. Diesen Druck &#252;ben wir aus Berlin aus. &#220;brigens mit Erfolg auch   auf unsere eigenen Leute. Oskar Lafontaine hat noch im November den   Berliner SPD\/PDS-Senat &#246;ffentlich verteidigt. Die prinzipienfeste   Haltung der Berliner WASG hat offensichtlich auch ihn zum Nachdenken   gebracht. Wenn wir den Parteibildungsprotess positiv beeinflussen   wollen, m&#252;ssen wir unsere eigene Identit&#228;t und unsere eigenen Positionen   beibehalten und selbstbewusst einbringen. Und in Berlin sind nun einmal   in diesem Jahr Wahlen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Deshalb kann ich Euch, Euren Landesvorstand und den Bundesvorstand nur   auffordern eine demokratische Entscheidung der Berliner WASG zu   akzeptieren und uns zu unterst&#252;tzen. Die von Eurem Landesvorstand   geplante bundesweite Urabstimmung ist dabei nicht hilfreich. Es gibt so   gut wie niemanden in der WASG, der grunds&#228;tzlich gegen eine   Neuformierung ist. Das gilt auch f&#252;r die WASG Berlin und &#252;brigens auch   f&#252;r die SAV. Allerdings gibt es viel Kritik daran, dass die Pl&#228;ne der   beiden Vorst&#228;nde auf eine reine Fusion hinauslaufen und das Bed&#252;rfnis,   sicher zu stellen, dass die neue Partei auch tats&#228;chlich und &#252;berall   linke Politik im Interesse der ArbeitnehmerInnen und Erwerbslosen macht.   Statt einer Fusion schlagen viele eine wirkliche Neuformierung unter   Einbeziehung anderer linker Kr&#228;fte vor, wie das ja auch der bundesweite   Beschluss eigentlich vorsieht. Die von Eurem Landesvorstand gemeinsam   mit den Vorst&#228;nden aus Hessen und Rheinland-Pfalz geplante Urabstimmung   wird von vielen Landesvorst&#228;nden abgelehnt, denn sie birgt die Gefahr   einer Zerrei&#223;probe f&#252;r die Partei. Viele Mitglieder sehen darin den   Versuch, Fakten zu schaffen bevor es eine wirklich breite Debatte   gegeben hat.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Mich hat gewundert, dass bei Eurem Parteitag &#252;berhaupt nicht konkret   &#252;ber diese Urabstimmung berichtet wurde und auch nicht darauf   hingewiesen wurde, dass viele VertreterInnen aus Landesvorst&#228;nden ihre   Opposition dagegen zum Ausdruck gebracht haben. Auch eine Formulierung   wurde nicht vorgelegt. Eigentlich h&#228;tte doch der Landesparteitag eine so   wichtige Frage debattieren und entscheiden k&#246;nnen. Wenn es aber nur   darum gehen soll, was Klaus Ernst in seiner Rede sagte: festzustellen,   ob der Parteibildungsprozess zielgerichtet weiter gehen soll &#8211; dann kann   man sich die 10.000 Euro f&#252;r eine Urabstimmung sparen. Denn das stellt   niemand in Frage.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich war sehr beeindruckt von der starken   Orientierung Eures Landesverbandes auf die betrieblichen K&#228;mpfe, die zur   Zeit stattfinden. Die Unterst&#252;tzung f&#252;r die AEG-KollegInnen und die   streikenden Besch&#228;ftigten der L&#228;nder und Kommunen ist wichtiger, als   vieles andere! Nur wenn solche K&#228;mpfe, auch durch unsere Unterst&#252;tzung,   wieder erfolgreich verlaufen, k&#246;nnen wir die Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in   dieser Republik tats&#228;chlich zugunsten der abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten und   Erwerbslosen ver&#228;ndern. Bei dieser Aufgabe sollten wir an einem Strang   ziehen, unabh&#228;ngig von unseren m&#246;glichen Differenzen in der Frage der   Berliner Abgeordnetenhauswahlen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Aber eines solltet Ihr Euch &#252;berlegen. Was ist Euch lieber? Ein Berliner   Abgeordnetenhaus mit ein oder zwei Alibi-WASG-VertreterInnen in der   LP.PDS-Fraktion und einer Fortsetzung der SPD\/PDS-Koalition. Oder eine   WASG-Fraktion, die zur Stimme der Armen und vom Neoliberalismus   Betroffenen in der Stadt wird, und deren Einzug ins Parlament dazu   f&#252;hrt, dass die LP.PDS die Koalition mit der SPD nicht fortsetzen kann.   Wenn wir nicht antreten ist die erste Option fast sicher. Wenn wir   antreten, ist die zweite Option m&#246;glich. Ich finde, es lohnt sich, daf&#252;r   zu k&#228;mpfen!<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Solidarische Gr&#252;&#223;e<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Sascha Stanicic, WASG-Mitglied Berlin-Neuk&#246;lln und Bundessprecher der   Sozialistischen Alternative (SAV)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8211; ein pers&#246;nlicher Bericht von Sascha Stanicic und ein Brief an die<br \/>\n    WASG-Mitglieder in Bayern <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[30],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11525"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11525"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11525\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11525"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11525"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11525"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}