{"id":11524,"date":"2006-02-26T11:52:50","date_gmt":"2006-02-26T11:52:50","guid":{"rendered":".\/?p=11524"},"modified":"2006-02-26T11:52:50","modified_gmt":"2006-02-26T11:52:50","slug":"11524","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/02\/11524\/","title":{"rendered":"Frauen leisten Widerstand gegen &#8222;Lidl"},"content":{"rendered":"<p>Seit &#252;ber einem Jahr versucht die deutsche Dienstleistungsgewerkschaft ver.di durch eine Kampagne gemeinsam mit den Belegschaften Betriebsr&#228;te in den Filialen der Einzelhandelskette Lidl zu gr&#252;nden und die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Vor allem Frauen zahlen f&#252;r die Ausbeutung und Erniedrigung in den Filialen des Billigdiscountes einen hohen Preis &#8211; aber sie wehren sich. <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  &#8222;Mir hat alles gerauscht in den Ohren und ich hab gedacht &quot;Oh Gott, mein   Haus, meine Kinder. Wenn ich selbst k&#252;ndige, krieg ich nicht mal   Arbeitslosengeld&quot;. Der Revisor diktierte mir dann die K&#252;ndigung. Ich   h&#228;tte in dieser Situation sogar mein eigenes Todesurteil   unterschrieben&#8220;. So beschreibt eine ehemalige Besch&#228;ftigte der   erfolgreichen Lebensmittelkette, wie sie zu einer &#8222;freiwilligen&#8220;   K&#252;ndigung gezwungen wurde. Hinter diesem Einzelfall steht ein &#8222;System   Lidl&#8220;.<\/p>\n<p>  <span><b>System Lidl<\/b><\/span><\/p>\n<p>  Freiwillige K&#252;ndigungen oder Aufhebungsvertr&#228;ge sind ein Mittel des   Unternehmens, unliebsame Besch&#228;ftigte loszuwerden. Meistens sind dies   diejenigen, die sich gegen die Arbeitsbedingungen zur Wehr setzen oder   dem Unternehmen als l&#228;nger angestellte Vollzeitbesch&#228;ftigte zu teuer   geworden sind.<\/p>\n<p>  Druck, Arbeitshetze und unbezahlte Mehrarbeit: so dr&#252;ckt der   Billigdiscounter seine Kosten. &#220;berstunden ohne Lohn sind da eher die   Regel als Ausnahme. Zwar bezahlt Lidl nach Einzelhandelstarif, aber eben   nicht nach tats&#228;chlich geleisteten Arbeisstunden. Regelm&#228;&#223;ig berichten   Besch&#228;ftigte, dass sie lange vor Schichtbeginn und nach Schichtende   unbezahlt Aufr&#228;umarbeiten und Vorbereitungen durchf&#252;hren m&#252;ssen. Dies   ist auch Ergebnis des chronischen Personalmangels in den Filialen.<\/p>\n<p>  Regul&#228;re Pausen existieren praktisch gar nicht. Selbst ein kurzer Gang   zur Toilette ist f&#252;r die Kassierinnen Luxus, den sie sich wegen des   Arbeitspensums von mindestens 40 Scan-Vorg&#228;ngen pro Minute kaum leisten   k&#246;nnen Hinzukommen unterschiedliche Formen der Kontrolle und   &#220;berwachung. Weit verbreitet sind Testk&#228;ufe durch Vorgesetzte, teilweise   werden auch die Besch&#228;ftigten aufgefordert, bei ihren Kolleginnen   Testk&#228;ufe durchzuf&#252;hren. Eine weitere Form der Kontrolle sind   Durchsuchungen des Spindes, der Kittel und Taschen, sogar die Autos der   Besch&#228;ftigten werden teilweise nach geklauten Waren durchsucht. Au&#223;erdem   lie&#223; das Unternehmen in manchen Filialen Videokameras installieren, ohne   die Besch&#228;ftigten davon zu informieren.<\/p>\n<p>  <span><b>Das Lidl-Unternehmen<\/b><\/span><\/p>\n<p>  Alle kennen Lidl und dennoch ist das Unternehmen ein gro&#223;er Unbekannter.   Hinter der Discounterkette Lidl steht die Schwarz-Gruppe, die neben Lidl   noch andere Einzelhandelsunternehmen umfasst. Informationen &#252;ber die   Konzernstrukturen oder Gesch&#228;ftsberichte und -bilanzen werden jedoch   nicht ver&#246;ffentlicht. Dar&#252;ber hinaus hat die Schwarz-Gruppe hat ein   Firmengeflecht von ungef&#228;hr 600 Gesellschaften und Stiftungen gegr&#252;ndet.<\/p>\n<p>  Eines steht jedoch fest: die Schwarz-Gruppe und Lidl sind erfolgreich.   Die Schwarz-Gruppe erwirtschaftete 2004 &#252;ber 36 Milliarden Euro an   Umsatz, Tendenz steigend. Ihr Unternehmen Lidl ist inzwischen Europas   erfolgreichster Discounter. In Deutschland, wo 40.000 bei Lidl arbeiten,   muss sich Lidl nur noch Aldi geschlagen geben.<\/p>\n<p>  <span><b>Betriebsr&#228;te? Nein, Danke!<\/b><\/span><\/p>\n<p>  In den Filialen f&#252;hren die meist m&#228;nnlichen Filialleiter ein hartes   Regiment &#252;ber die Ange&#173;stellten, von denen die meisten &#8211; an den Kassen   bis zu 90% &#8211; Frauen sind. Dies ist nur m&#246;glich, weil es in den   allermeisten Filialen keine Arbeitnehmervertretungen gibt.   Interessenvertretungen von Besch&#228;ftigten, also Betriebsr&#228;te, gibt es   derzeit nur in sieben der 2.600 deutschen Filialen Dies zu &#228;ndern, ist   das Hauptziel der Gewerkschaft in der Kampagne.<\/p>\n<p>  Dort jedoch, wo Besch&#228;ftigte w&#228;hrend in der Kampagne Betriebsr&#228;te   gr&#252;nden wollen, geht der Konzern hart vor. So wurde in einer M&#252;nchner   Filiale die Initiatorin von Betriebsratswahlen entlassen, weil sie   angeblich die stellvertretende Filialleiterin beleidigt habe. Im   s&#252;ddeutschen Calw schloss Lidl gar eine profitable Filiale, weil dorrt   ein aktiver Betriebsrat existierte. Nun bereiten sich die Besch&#228;ftigten   und die Gewerkschaften auf Betriebsratswahlen im Fr&#252;hling vor. Ob es   dann gelingen wird, weitere Betriebsr&#228;te gegen den Widerstand des   Unternehmens zu erk&#228;mpfen, ist aber ungewiss.<\/p>\n<p>  <span><b>An die &#214;ffentlichkeit <\/b><\/span><\/p>\n<p>  Ver.di startete die Kampagne Ende 2004 mit der Ver&#246;ffentlichung des   sogenannten &#8222;Schwarzbuch Lidl&#8220;, in dem die Arbeitsbedingungen bei Lidl   beschrieben werden und die Besch&#228;ftigte selbst zu Wort kommen. Dies   l&#246;ste ein Welle von Reaktionen der Lidl-Besch&#228;ftigten und Medien aus.   Seitdem versucht die Gewerkschaft unter anderem durch Besuche von   Lidl-Filialen Kontakte zu Besch&#228;ftigten zu kn&#252;pfen und dann Belegschaft   bei Betriebsratswahlen zu unterst&#252;tzen. Zus&#228;tzlich werden sogenannte   Kundenwochen durchgef&#252;hrt, in denen Protestkundgebungen vor Filialen   stattfinden und KundInnen &#252;ber die Hintergr&#252;nde der Kampagne und die   Arbeitsbedingungen bei Lidl informiert werden.<\/p>\n<p>  <span><b>Widerstand ist m&#246;glich <\/b><\/span><\/p>\n<p>  Es gibt wenige Branchen, wo es schwieriger ist, Widerstand zu   organisieren als im Einzelhandelssektor mit vielen unorganisierten und   prek&#228;r Besch&#228;ftigten, welche sich auf viele Einzelfilialen verteilen.   Bei Lidl sind selten mehr als drei Kolleginnen zugleich in einer   Filiale. Die meisten Frauen arbeiten Teilzeit oder f&#252;hren Minijobs aus,   was die Belegschaft weiter zersplittert. Durch immer l&#228;ngere   Laden&#246;ffnungszeiten, denen leider auch die Gewerkschaftsspitze   zustimmte, verbringen die Frauen immer mehr Abendstunden in den Filialen   und die Kraft f&#252;r gemeinsame Gegenwehr nimmt ab.<\/p>\n<p>  Die Kolleginnen anderer Einzelhandelsm&#228;rkte (wie bei Schlecker) haben   jedoch gezeigt, dass es auch unter diesen Bedingungen m&#246;glich ist,   Betriebsr&#228;te zu gr&#252;nden und sich gewerkschaftlich zu organisieren. Ihre   Solidarit&#228;t mit den Lidl-Kolleginnen ist besonders wichtig, weshalb sie   sich auch zum Beispiel an den FilialBesuchen beteiligen.<\/p>\n<p>  <span><b>Internationalen Solidarit&#228;t organisieren <\/b><\/span><\/p>\n<p>  Der Internationale Frauentag am 8. M&#228;rz ist eine wichtige Gelegenheit   f&#252;r weiteren, vor allem auch internationalen Protest. Die internationale   Handelsgewerkschaft UNI plant, Aktionen vor verschiedenen europ&#228;ischen   Filialen zu organisieren und ver.di in Deutschland will ver.di weitere   Filial-Besuche durchf&#252;hren. Eine Internationalisierung der Proteste w&#228;re   ein wichtiger Schritt, um den Druck auf den Konzern zu erh&#246;hen. Dabei   w&#228;re es notwendig, besonders die Belegschaften in Aktionen   einzubeziehen, die wie in Belgien, Finnland oder Norwegen bereits   gewerkschaftlich organisiert sind und hier auch die M&#246;glichkeit zu   Streik-Aktionen zu nutzen.<\/p>\n<p>  <i>von David Matrai, Berlin<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit &#252;ber einem Jahr versucht die deutsche Dienstleistungsgewerkschaft<br \/>\n    ver.di durch eine Kampagne gemeinsam mit den Belegschaften Betriebsr&#228;te in<br \/>\n    den Filialen der Einzelhandelskette Lidl zu gr&#252;nden und die<br \/>\n    Arbeitsbedingungen zu verbessern. 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