{"id":11517,"date":"2006-01-23T20:21:23","date_gmt":"2006-01-23T20:21:23","guid":{"rendered":".\/?p=11517"},"modified":"2006-01-23T20:21:23","modified_gmt":"2006-01-23T20:21:23","slug":"11517","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/01\/11517\/","title":{"rendered":"Michel Bachelet von der Partido Socialista zur ersten Pr&#228;sidentin Chiles \r\n      gew&#228;hlt"},"content":{"rendered":"<p>Die Wahl von Michel Bachelet zur ersten chilenischen Pr&#228;sidentin hat weltweites Interesse auf sich gezogen. <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die k&#252;rzlich gew&#228;hlte Pr&#228;sidentin war seit ihrer Jugend Aktivistin der   Partido Socialista &#8211; PS (Sozialistische Partei Chiles). Bachelet ist die   Tochter eines linken chilenischen Luftwaffengenerals, der an den Folgen   der Folter im Gef&#228;ngnis starb, nachdem er w&#228;hrend des Milit&#228;rputsches   1973 verhaftet wurde. Bachelet selbst wurde ebenso wie auch ihre Mutter   gefoltert und beide mussten ins Exil fliehen. Bachelet ist   alleinerziehende Mutter und teilt diese Erfahrung mit mindestens 30%   aller chilenischen Haushalte. Nach den Wahlen zeigten die unz&#228;hligen   Siegesfeiern der Parteimitglieder, wie ihr Werdegang Bachelet dazu   bef&#228;higte politisches Profil zu erlangen. Zweifellos werden hohe   Erwartungen an die neue Regierung gestellt. Viele ChilenInnen sind   voller Hoffnung, dass sich unter dieser vierten Concertac&#237;on-Regierung   die Dinge im fortschrittlichen Sinne ver&#228;ndern werden.   Concertac&#237;on-Regierung meint, dass es sich um die sogenannte <i>Koalition   der Parteien f&#252;r Demokratie<\/i> handelt, zu der die   Christdemokraten (PDC), die Partei f&#252;r Demokratie (PPD), die   Sozialdemokratische Radikale Partei (PRSD) sowie die Sozialistische   Partei Michel Bachelets (PS) geh&#246;ren.<\/p>\n<p>  Es gibt aber auch noch eine andere Seite in der politischen Biografie   Bachelets, die erahnen l&#228;sst, welche Richtung die neue Regierung   tats&#228;chlich einschlagen wird. Zu einer Kurs&#228;nderung im Gegensatz zu den   vorangegangenen neoliberalen Concertac&#237;on-Regierungen wird es wohl kaum   kommen. So war die designierte Pr&#228;sidentin vor ihrer Wahl bereits   Ministerin f&#252;r Verteidigung und Gesundheit. Und in diesem Amt versagte   sie bereits in eindrucksvoller Weise. Von einer neuen oder ver&#228;ndernden   Politik lie&#223; sie nichts durchblicken und von einer Abkehr vom   neoliberalen Kurs des ehemaligen Pr&#228;sidenten und Vorsitzenden der PS,   Ricardo Largos, kann absolut keine Rede sein. W&#228;hrend der   Rechts-Entwicklung der chilenischen Sozialistischen Partei tat sich   Michel Bachelet nicht eben dadurch hervor, dass sie die Entartung ihrer   Partei in der Regierung kritisierte.<\/p>\n<p>  Das Paradoxe an allen bisherigen Concertac&#237;on-Regierungen ist, dass sie   sich stets die &#8222;soziale Gerechtigkeit&#8220; auf&#180;s Tapet geschrieben und statt   dessen den Graben zwischen arm und reich nur noch weiter vergr&#246;&#223;ert   haben. Stets wurden die bevorzugt behandelt, die sowieso schon die   Kontrolle &#252;ber die wichtigsten Wirtschaftsbereiche vom Bergbau &#252;ber das   Finanzwesen bis hin zum Einzelhandel gewonnen haben: die Gro&#223;konzerne   und die Oligarchen. Zudem haben die multinationalen Konzerne ihren   Einfluss auf die chilenische Volkswirtschaft weiter ausbauen k&#246;nnen. Ein   Ergebnis von alledem ist, dass Chile mittlerweile in der   Verm&#246;gensverteilung schlechter dasteht als &#196;thiopien. In Lateinamerika   kann das nur noch von Brasilien unterboten werden. In Chile erhalten 20%   der Bev&#246;lkerung 60% des Verm&#246;gens. Unter der Milit&#228;rdiktatur Pinochets   wurden zwei neoliberale Modelle kapitalistischer Akkumulation   (=Anh&#228;ufung von Kapitalverm&#246;gen) eingef&#252;hrt, die beide von den   Concertac&#237;on-Regierungen weiter gef&#252;hrt wurden und das chilenische   Gesamtverm&#246;gen deutlich in eine Richtung verschoben haben. Dabei muss   nun betont werden, dass nichts in Bachelets Wahlprogramm darauf   hinweist, an diesem (un-)sozialen und wirtschaftlichen Modell etwas zu   &#228;ndern. Sie ist im Gegenteil vor die Mikrofone getreten und hat   verk&#252;ndet, dass f&#252;r die chilenischen wie internationalen Konzerne   dieselben Spielregeln gelten werden wie bisher.<\/p>\n<p>  Bekannte chilenische Konzernchefs haben bereits zum Ausdruck gebracht,   dass sie gro&#223;es Vertrauen in das von Bachelet zusammengestellte   &#8222;Wirtschafts-Team&#8220; legen. Dieses Team besteht in erster Linie   ausgerechnet aus den Teilen der vormaligen Concertac&#237;on, die den   Wirtschaftsliberalen zuzurechnen sind. Doch den Lakmustest geben wieder   einmal die internationalen M&#228;rkte wie die Wall Street. Hier   interpretierte man den Wahlausgang in Chile eher uneinheitlich.<\/p>\n<p>  Es kann kein Zweifel dar&#252;ber bestehen, dass Menschen auf kurzfristige   Entwicklungen h&#228;ufig entt&#228;uscht, aufm&#252;pfig oder frustriert reagieren.   Die chilenischen Wahlen haben nun gezeigt, dass das Hauptproblem, dem   sich die Arbeiterklasse gegen&#252;ber sieht, der Mangel an politischer   Repr&#228;sentanz ist. Alle Parteien, die sich vormals als Vertreter der   &#8222;Arbeiter und Armen&#8220; betitelt haben, sind ihrer aktiven Mitgliedschaft   abhanden gekommen. Die Entwicklung der PS geht soweit, dass von einer   Umwandlung zu einem Honoratioren-Club gesprochen werden kann, der nur   darauf bedacht ist, seine Mitglieder zu bereichern, sie mit   Direktorenposten in den alten Staatsbetrieben auszustatten, die sie   selbst mittlerweile wiederum privatisiert hat. Diese alten Parteien   haben es aufgegeben, neue aktive Schichten f&#252;r sich zu gewinnen. Auch   ist der Anspruch auf Unabh&#228;ngigkeit l&#228;ngst Schnee von gestern und die   Partido Comunista &#8211; PC (chilenische kommunistische Partei) hat sich f&#252;r   ihren Teil auf das beklagenswerte &#220;berbleibsel einer ehemaligen   Massenpartei reduziert, bei der die Massen unterdessen au&#223;erhalb der   Partei agieren. Dass die PC-F&#252;hrung im zweiten Wahlgang zur Wahl   Bachelets aufgerufen hat, zeigte zuletzt auch ihrer Mitgliedschaft, dass   die Partei nicht mehr den politischen Willen hat, gegen die   kapitalistischen Verh&#228;ltnisse zu k&#228;mpfen. Seit Jahrzehnten hat die   Wendehals-Politik der PC-F&#252;hrung nun zum ersten Mal zu einer tiefen   Krise auch in der Parteilinken und in den Jugendorganisationen gef&#252;hrt.<\/p>\n<p>  Um eine allzu gro&#223;e Entt&#228;uschung &#252;ber die Regierung Bachelet zu   verhindern, muss sehr schnell der Anlauf f&#252;r eine neue Arbeiterpartei   unternommen werden. Weite Teile der ArbeiterInnen und auch der Jugend,   die kurz davor stehen zu frustrieren, in Apathie zu verfallen oder   politischer Demoralisierung zu unterliegen sind <i>das<\/i> Alarmsignal!   Eine solche neue Organisation k&#246;nnte ein demokratisches und   sozialistisches Programm vorw&#228;rts bringen und m&#252;sste dabei unabh&#228;ngig   von den Koalitionen bleiben, die nur die Macht der herrschenden Klasse   zementieren, gemeint ist sowohl die rechte Allianz wie auch die   Concertac&#237;on<i> <\/i>    <\/p>\n<p>  <i>von Patricio Guzm&#225;n, Socialismo Revolucionario (Schwesterorganisation   der SAV in Chile), Santiago, Chile<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wahl von Michel Bachelet zur ersten chilenischen Pr&#228;sidentin hat<br \/>\n    weltweites Interesse auf sich gezogen. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[41],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11517"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11517"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11517\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11517"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11517"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11517"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}