{"id":11502,"date":"2006-03-20T11:22:25","date_gmt":"2006-03-20T11:22:25","guid":{"rendered":".\/?p=11502"},"modified":"2006-03-20T11:22:25","modified_gmt":"2006-03-20T11:22:25","slug":"11502","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/03\/11502\/","title":{"rendered":"Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms"},"content":{"rendered":"<p>Sozialistische Klassiker neu gelesen <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  1875 vereinigten sich die beiden deutschen Arbeiterparteien und legten   sich ein Programm zu. Karl Marx emp&#246;rte sich heftig &#252;ber die   Unzul&#228;nglichkeit des Programmentwurfs und &#252;bte brieflich detaillierte   Kritik an zahlreichen Formulierungen. Diese Kritik wurde nur ganz   wenigen Spitzenfunktion&#228;ren zug&#228;nglich gemacht und bei der Abfassung des   endg&#252;ltigen Programms kaum ber&#252;cksichtigt. Erst 15 Jahre sp&#228;ter, als   sich die Sozialdemokratie ein neues Programm zulegen wollte und somit   die Kritik an den einzelnen Formulierungen vollends gegenstandslos   wurde, wurde der Text ver&#246;ffentlicht &#8211; und wurde einer der   einflussreichsten Marxschen Texte &#252;berhaupt.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <i>von Wolfram Klein, Stuttgart<\/i><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Die Bedeutung dieses Textes zeigt sich schon darin, dass zwei der   bedeutendsten marxistischen Schriften des 20. Jahrhunderts, n&#228;mlich   Lenins &#8222;Staat und Revolution&#8220; und Trotzkis &#8222;Verratene Revolution&#8220; Marx&#8217;   &#8222;Kritik des Gothaer Programms&#8220; entscheidende Anregungen verdankten. Aber   auch f&#252;r uns im 21. Jahrhundert ist Marx&#8217; Text hochaktuell. Wir m&#252;ssen   die in ihm diskutierten Probleme l&#246;sen, wenn wir verhindern wollen, dass   die Menschheit in Barbarei versinkt.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <b>Der Anlass<\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Aus den einleitenden Bemerkungen ergibt sich, dass der Anlass des Textes   f&#252;r uns heute vergleichsweise unwichtig ist. Da aber manche LeserInnen   Parallelen zur aktuellen Vereinigungsdiskussion bez&#252;glich   Linkspartei.PDS und WASG wittern k&#246;nnten, werde ich kurz darauf   eingehen. In Deutschland f&#252;hrte im 19. Jahrhundert die industrielle   Revolution zur Entstehung einer Arbeiterklasse, einer Klasse von   Lohnabh&#228;ngigen, von Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen m&#252;ssen, um   von dem Lohn zu leben. In der Revolution 1848\/49 gab es erste Versuche   der ArbeiterInnen, sich eigenst&#228;ndig zu organisieren, nach der   Niederlage der Revolution verschwanden sie wieder auf Jahre hinaus.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  1863 startete Ferdinand Lassalle mit dem Allgemeinen Deutschen   Arbeiterverein (ADAV) den ersten Versuch einer erneuten eigenst&#228;ndigen   Organisierung der ArbeiterInnen. 1869 gr&#252;ndeten Wilhelm Liebknecht und   August Bebel in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei   (Eisenacher) als Konkurrenzorganisation. Es gab eine Reihe von wichtigen   Unterschieden. In der damals politischen Hauptfrage, der deutschen   Einigung, setzten die Eisenacher auf eine revolution&#228;re Vereinigung von   unten und lehnten Bismarcks kriegerische Vereinigung von oben scharf ab.   Dagegen hatte Lassalle mit Bismarck gekungelt. Der ADAV war sehr   autorit&#228;r organisiert, die Eisenacher waren demokratisch. Der ADAV   betrieb einen Kult um Lassalle und machte seine theoretischen und   programmatischen Steckenpferde zu seinen Markenzeichen, schob also das   in den Vordergrund, was ihn von der &#252;brigen beginnenden Arbeiterbewegung   absonderte. Dagegen vertraten die Eisenacher vor allem Forderungen, die   in wirklichen K&#228;mpfen und Bewegungen entstanden (waren) &#8211; die   Forderungen der radikalen Demokraten der Revolution 1848 und die   wirtschaftlichen und sozialen Forderungen der beginnenden   Arbeiterbewegung. Diese Forderungen spiegelten zwar die Schw&#228;chen der   jungen Arbeiterbewegung wider, waren aber auf alle F&#228;lle   zukunftsweisender als zum Beispiel Lassalles Ansicht, dass der Lohn   immer dem Existenzminimum entsprechen m&#252;sse (&#8222;ehernes Lohngesetz&#8220;) und   daher Streiks und Gewerkschaften Zeitverschwendung seien.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Diese politischen Differenzen wurden aber zunehmend gegenstandslos. Die   Zunahme der Streiks im Wirtschaftsboom vor dem &#8222;Gr&#252;nderkrach&#8220; 1873   kurierte die Lassalleaner einigerma&#223;en von ihrer Streik- und   Gewerkschaftsfeindlichkeit, die innerparteiliche Diktatur stie&#223; bei den   Lassalleanern zunehmend selbst auf Opposition, weil Lassalles Nachfolger   nicht mehr dessen pers&#246;nliche Autorit&#228;t hatten und gro&#223;e und lokale   Parteidiktatoren gegeneinander intrigierten. Nach der Gr&#252;ndung des   Deutschen Reiches 1871 war die Frage der deutschen Einigung entschieden.   Als Folge davon kroch fast das gesamte B&#252;rgertum vor Bismarck auf dem   Bauch, der hatte keinen Grund mehr, mit dem ADAV gegen oppositionelle   b&#252;rgerliche Politiker zu kungeln und verfolgte den ADAV jetzt ebenso wie   die Eisenacher. Regierungsbeteiligungen waren damals f&#252;r Eisenacher   ebenso wenig wie f&#252;r Lassalleaner ein Thema. Vor dem Hintergrund der   Sozialistengesetze hatte eine Vereinigung nat&#252;rlich einen v&#246;llig anderen   Charakter als der Vereinigungsprozess von WASG und Linkspartei.PDS heute.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <b>Kritik und Alternative<\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Es kann hier nicht darum gehen, die Kritik an den Lassalleschen Phrasen   und anderen missratenen Formulierungen darzustellen. Das ist nicht mehr   aktuell. Aber Marx nutzt diese Kritik, um grundlegende Zusammen-h&#228;nge   aufzuzeigen und das macht den Text zu einer beeindruckenden Fundgrube.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Die Kritik begann mit dem ersten Satz des Programm-entwurfs. Dort (und   im verabschiedeten Programm) hie&#223; es, dass die Arbeit die Quelle allen   Reichtums sei. Marx wandte ein: &#8222;Die Natur ist ebenso sehr die Quelle   der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche   Reichtum!) als die Arbeit&#8220;. Auch wenn Marx auf die Schlussfolgerungen,   die sich daraus aus der &#214;kologiefrage ergeben nicht weiter ausf&#252;hrte,   zeigt sich, dass Marx hier ein gr&#246;&#223;eres Problembewusstsein hatte als   Generationen sp&#228;terer MarxistInnen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Statt dessen machte Marx Ausf&#252;hrungen &#252;ber den Charakter der   menschlichen Arbeit, der menschlichen Gesellschaft und ihrer   historischen Entwicklung. Im Grunde genommen fasste er Kerngedanken   seiner materialistischen Geschichtsauffassung kurz zusammen: Menschliche   Arbeit erfordert Arbeitsmittel und -gegenst&#228;nde. Deshalb ist die Frage,   wessen Eigentum diese Arbeitsmittel und -gegenst&#228;nde sind, entscheidend   f&#252;r den Charakter der Gesellschaft.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Reichtum und Kultur kann nur durch gesellschaftliche Arbeit geschaffen   werden, aber in &#8222;dem Ma&#223;e, wie die Arbeit sich gesellschaftlich   entwickelt und dadurch Quelle von Reichtum und Kultur wird, entwickeln   sich Armut und Verwahrlosung auf Seiten des Arbeiters, Reichtum und   Kultur auf Seiten des Nichtarbeiters.&#8220; Das war das &#8222;Gesetz der ganzen   bisherigen Geschichte&#8220;, aber &#8222;in der jetzigen kapitalistischen   Gesellschaft [werden] endlich die materiellen etc. Bedingungen   geschaffen [&#8230;], welche die Arbeiter bef&#228;higen und zwingen, jenen   geschichtlichen Fluch zu brechen.&#8220; Also der Kapitalismus mit seiner   enormen Steigerung der Arbeitsproduktivit&#228;t schafft die materiellen   Voraussetzungen f&#252;r eine Gesellschaft ohne Armut und Unterdr&#252;ckung, aber   um diese M&#246;glichkeit Wirklichkeit werden zu lassen, m&#252;ssen die   ArbeiterInnen den Kapitalismus wieder beseitigen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Die Rechtsverh&#228;ltnisse entstehen aus den wirtschaftlichen Verh&#228;ltnissen   und nicht umgekehrt. Was die Menschen als gerecht empfinden, h&#228;ngt von   den wirtschaftlichen Verh&#228;ltnissen ab. Ebenso h&#228;ngt innerhalb der   Wirtschaft die Verteilung von der Produktion ab. &#8222;Die jedesmalige   Verteilung der Konsumtionsmittel ist nur Folge der Verteilung der   Produktionsbedingungen selbst. Die kapitalistische Produktionsweise zum   Beispiel beruht darauf, dass die sachlichen Produktionsbedingungen   Nichtarbeitern zugeteilt sind unter der Form von Kapitaleigentum und   Grundeigentum, w&#228;hrend die Masse nur Eigent&#252;mer der pers&#246;nlichen   Produktionsbedingung, der Arbeitskraft, ist. Sind die Elemente der   Produktion derart verteilt, so ergibt sich von selbst die heutige   Verteilung der Konsumtionsmittel. Sind die sachlichen   Produktionsbedingungen genossenschaftliches Eigentum der Arbeiter   selbst, so ergibt sich ebenso eine von der heutigen verschiedene   Verteilung der Konsumtionsmittel.&#8220; Das ist eine Antwort auf die bis   heute beliebten Vorstellungen, das kapitalistische Eigentum unangetastet   zu lassen und zugleich die Verteilung durch zum Beispiel Steuern &#228;ndern   zu wollen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <b>Der Staat<\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Eine entscheidende Frage, mit der sich Marx besch&#228;ftigte, war die des   Staats. Wilhelm Liebknecht sprach st&#228;ndig vom &#8222;Volksstaat&#8220;. Der Ausdruck   war allenfalls als Umschreibung f&#252;r &#8222;Republik&#8220; (die zu fordern im   Kaiserreich illegal war) hinnehmbar. Marx begann seine Kritik damit,   dass er an die Schlussfolgerungen aus seiner materialistischen   Geschichtsauffassung f&#252;r den Staat erinnerte: Die Grundlage des   bestehenden Staates ist die bestehende (kapitalistische) Gesellschaft,   der Staat ist kein &#8222;selbst&#228;ndiges Wesen [&#8230;], das seine eignen,   geistigen, sittlichen, freiheitlichen Grundlagen&#8217; besitzt.&#8220;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Sp&#228;ter hei&#223;t es noch, dass man unter Staat die &#8222;Regierungsmaschine&#8220;   verstehen m&#252;sse &#8222;oder den Staat, soweit er einen durch Teilung der   Arbeit von der Gesellschaft besonderten, eignen Organismus bildet&#8220;.   Dabei betonte Marx, dass die konkrete Auspr&#228;gung des Staats auf der   Grundlage der kapitalistischen Gesellschaft je nach den historischen   Besonderheiten verschieden ist. Die demokratische Republik ist die   &#8222;letzte Staatsform der b&#252;rgerlichen Gesellschaft&#8220;, aber nicht weil in   ihr eine Vers&#246;hnung zwischen den Klassen stattfinden w&#252;rde, sondern weil   in ihr &#8222;der Klassenkampf definitiv auszufechten ist&#8220;. &#8222;Zwischen der   kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft&#8220; erwartete Marx   &#8222;die Periode der revolution&#228;ren Umwandlung der einen in die andre&#8220;, die   zugleich eine &#8222;politische &#220;bergangsperiode [ist], deren Staat nichts   andres sein kann als die revolution&#228;re Diktatur des Proletariats.&#8220; <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Der Begriff &#8222;Diktatur des Proletariats&#8220; klingt nach der Erfahrung des   Stalinismus, der sich auf ihn berief, ziemlich abschreckend. Gemeint hat   Marx etwas v&#246;llig anderes damit. Schon im Kommunistischen Manifest 1848   hie&#223; es: &#8222;Alle bisherigen Bewegungen waren Bewegungen von Minorit&#228;ten   oder im Interesse von Minorit&#228;ten. Die proletarische Bewegung ist die   selbst&#228;ndige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der   ungeheuren Mehrzahl.&#8220;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  In seiner Schrift &#252;ber die Pariser Kommune 1871 (&#8222;Der B&#252;rgerkrieg in   Frankreich&#8220;) erkl&#228;rte er ausdr&#252;cklich und ausf&#252;hrlich, dass sie f&#252;r die   Masse der Bev&#246;lkerung demokratischer war als selbst die demokratischste   Republik im Kapitalismus.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Engels fasste das 1891 in seiner Einleitung zur Neuauflage des   &#8222;B&#252;rgerkriegs&#8220; so zusammen: &#8222;Gegen diese, in allen bisherigen Staaten   unumg&#228;ngliche Verwandlung des Staates und der Staatsorgane aus Dienern   der Gesellschaft in Herren der Gesellschaft wandte die Kommune zwei   unfehlbare Mittel an. Erstens besetzte sie alle Stellen, verwaltende,   richtende, lehrende, durch Wahl nach allgemeinem Stimmrecht der   Beteiligten, und zwar auf jederzeitigen Widerruf durch dieselben   Beteiligten. Und zweitens zahlte sie f&#252;r alle Dienste, hohe wie   niedrige, nur den Lohn, den andre Arbeiter empfingen.&#8220; Es war v&#246;llig   logisch, wenn Lenin oder Rosa Luxemburg die Begriffe Arbeiterdemokratie   beziehungsweise sozialistische Demokratie als Synonyme f&#252;r &#8222;Diktatur des   Proletariats&#8220; verwandten. Da Sprache der Verst&#228;ndigung dienen und nicht   mutwillig Missverst&#228;ndnisse herbeif&#252;hren soll und die meisten Menschen   heute unter dem Begriff &#8222;Diktatur des Proletariats&#8220; eben nicht mehr das   verstehen, was Marx und Engels, Luxemburg, Lenin und Trotzki darunter   verstanden, empfiehlt es sich, diesen missverst&#228;ndlich gewordenen   Begriff nicht mehr zu verwenden und grunds&#228;tzlich von Arbeiter- (oder   sozialistischer) Demokratie zu reden.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Zum &#8222;zuk&#252;nftigen Staatswesen der kommunistischen Gesellschaft&#8220; schreibt   Marx nicht viel. Aber die Frage &#8222;welche gesellschaftliche Funktionen   bleiben dort &#252;brig, die jetzigen Staatsfunktionen analog sind?&#8220; macht   deutlich, dass es einen Staat als &#8222;durch Teilung der Arbeit von der   Gesellschaft besonderten, eignen Organismus&#8220; dann &#252;berhaupt nicht mehr   geben werde. Marx hat seine Ansichten zum Staat in diesem Text nicht   ausf&#252;hrlich entwickelt. Die beste Zusammenfassung und Interpretation   seiner Ansichten zu dieser Frage ist nach wie vor Lenins &#8222;Staat und   Revolution&#8220;.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <b>Der &#220;bergang zum Kommunismus<\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Seine Ansichten zu einer anderen Frage hat Marx zum Gl&#252;ck hier relativ   zusammenfassend und relativ ausf&#252;hrlich dargestellt, n&#228;mlich seine   Auffassungen von den Phasen des Kommunismus.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Aufh&#228;nger ist die Polemik gegen die Lassallesche Vorstellung der   &#8222;gerechten Verteilung&#8220; des &#8222;vollen Arbeitsertrags&#8220;. Er betont, dass   nicht der volle Arbeitsertrag, das gesellschaftliche Gesamtprodukt f&#252;r   die Verteilung zur Verf&#252;gung steht, weil Abz&#252;ge f&#252;r Ersatz der   verbrauchten Produktionsmittel, Verwaltungskosten, gemeinschaftliche   Befriedigung von Bed&#252;rfnissen und vieles andere zu machen sind. Seine   Ausf&#252;hrungen &#252;ber die Verteilung des f&#252;r den individuellen Konsums   bestimmten Rest wurden ber&#252;hmt.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Er f&#252;hrte den Gedanken aus, dass sich mit der Zeit die Verteilung &#228;ndern   werde. Er unterschied zwei Phasen, eine erste &#8222;wie sie eben aus der   kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung,   &#246;konomisch, sittlich, geistig, noch behaftet mit den Muttermalen der   alten Gesellschaft, aus deren Scho&#223; sie kommt&#8220; und &#8222;eine h&#246;here Phase   der kommunistischen Gesellschaft.&#8220; Sp&#228;ter hat es sich eingeb&#252;rgert, die   erste Phase als Sozialismus und nur die zweite als Kommunismus zu   bezeichnen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  In der ersten Phase &#8222;erh&#228;lt der einzelne Produzent &#8211; nach den Abz&#252;gen &#8211;   exakt zur&#252;ck, was er ihr gibt. Was er ihr gegeben hat, ist sein   individuelles Arbeitsquantum. Zum Beispiel der gesellschaftliche   Arbeitstag besteht aus der Summe der individuellen Arbeitsstunden. Die   individuelle Arbeitszeit des einzelnen Produzenten ist der von ihm   gelieferte Teil des gesellschaftlichen Arbeitstags, sein Anteil daran.   Er erh&#228;lt von der Gesellschaft einen Schein, dass er soundso viel Arbeit   geliefert (nach Abzug seiner Arbeit f&#252;r die gemeinschaftlichen Fonds),   und zieht mit diesem Schein aus dem gesellschaftlichen Vorrat von   Konsumtionsmitteln soviel heraus, als gleich viel Arbeit kostet.   Dasselbe Quantum Arbeit, das er der Gesellschaft in einer Form gegeben   hat, erh&#228;lt er in der andern zur&#252;ck.&#8220; &#8222;Es herrscht hier offenbar   dasselbe Prinzip, das den Warenaustausch regelt, soweit der Austausch   Gleichwertiger ist. Inhalt und Form sind ver&#228;ndert, weil unter den   ver&#228;nderten Umst&#228;nden niemand etwas geben kann au&#223;er seiner Arbeit und   weil andererseits nichts in das Eigentum der einzelnen &#252;bergehen kann   au&#223;er individuellen Konsumtionsmitteln. Was aber die Verteilung der   letzteren unter die einzelnen Produzenten betrifft, herrscht dasselbe   Prinzip wie beim Austausch von Waren&#228;quivalenten, es wird gleich viel   Arbeit in einer Form gegen gleich viel Arbeit in einer andern   ausgetauscht.&#8220; Erst in der zweiten Phase werde dann gelten: &#8222;Jeder nach   seinen F&#228;higkeiten, jedem nach seinen Bed&#252;rfnissen!&#8220;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Mit diesen Marxschen &#196;u&#223;erungen wurde seitdem einiger Schindluder   getrieben. Eine harmlose Albernheit war noch, wenn b&#252;rgerliche   &#8222;Marxologen&#8220; witzelten, dass dann kapitalistische Staaten mit Kindergeld   kommunistisch seien. Schlimmer war, wenn sich die stalinistischen Regime   in Osteuropa auf diese Ausf&#252;hrungen beriefen, um die bei ihnen   bestehende soziale Ungleichheit und ihren Kampf gegen die   &#8222;Gleichmacherei&#8220; zu rechtfertigen: Man sei ja erst noch im Sozialismus   und deswegen gelte das &#8222;sozialistische Prinzip&#8220; &#8222;jeder nach seiner   Leistung&#8220;. Das war v&#246;lliger Unfug.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Erstens bestanden offenkundig in den stalinistischen Staaten die von   Marx f&#252;r die erste Phase skizzierten Verh&#228;ltnisse nicht. Es gab in der   Sowjetunion oder DDR keinen Tag Sozialismus. Die Sowjetunion, Osteuropa,   China oder Kuba sind nie &#252;ber die &#220;bergangsperiode zwischen Kapitalismus   und Sozialismus hinausgekommen. Da in ihnen aber auch von   Arbeiterdemokratie keine Rede sein konnte (bis auf die Sowjetunion in   den allerersten Jahren nach der Oktoberrevolution), bezeichnen wir sie   als b&#252;rokratisch deformierte Arbeiterstaaten.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Nach Marx gibt es in beiden Phasen des Kommunismus Verteilung statt   Austausch der Produkte, nur die Verteilungsweise ist anders. &#8222;Innerhalb   der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln   gegr&#252;ndeten Gesellschaft tauschen die Produzenten ihre Produkte nicht   aus; ebenso wenig erscheint hier die auf Produkte verwandte Arbeit als   Wert dieser Produkte, als eine von ihnen besessene sachliche   Eigenschaft&#8220;. (Die von Marx erw&#228;hnten Scheine sind so wenig Geld wie   Fahrausweise oder Eintrittskarten Geld sind.) In der DDR und den anderen   L&#228;ndern gab es aber Austausch, Waren, Preise, Geld. Das haben die   Herrschenden in diesen L&#228;ndern auch gar nicht bestritten.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Der Grund daf&#252;r war, dass der Staat ein &#8222;von der Gesellschaft   gesonderter, eigener Organismus&#8220; blieb und keine Anstalten machte, sich   in die Gesellschaft aufzul&#246;sen, abzusterben. Vielmehr wurde die Kluft,   der Gegensatz, die Entfremdung zwischen der den Staat kontrollierenden   B&#252;rokratie und der restlichen Gesellschaft, der arbeitenden Bev&#246;lkerung,   immer gr&#246;&#223;er. Damit waren die Produkte der Staatswirtschaft auch keine   unmittelbaren gesellschaftlichen Produkte, die nur innerhalb der   Gesellschaft auf ihre einzelnen Glieder verteilt zu werden brauchten,   sondern mussten erst durch Austausch in das Eigentum der Verbraucher   &#252;bergehen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Zweitens hat Marx ausdr&#252;cklich betont, dass es sich dabei nicht um etwas   Sozialistisches, sondern um ein b&#252;rgerliches Prinzip, &#8222;b&#252;rgerliches   Recht&#8220; handelt, dass es &#8222;mit einer b&#252;rgerlichen Schranke behaftet&#8220; ist.   Marx hat selbst hervorgehoben, zu welchen Schwierigkeiten und   Unzutr&#228;glichkeiten das f&#252;hrt: &#8222;Der eine ist aber physisch oder geistig   dem andern &#252;berlegen, liefert also in derselben Zeit mehr Arbeit oder   kann w&#228;hrend mehr Zeit arbeiten; und die Arbeit, um als Ma&#223; zu dienen,   muss der Ausdehnung oder der Intensit&#228;t nach bestimmt werden, sonst   h&#246;rte sie auf, Ma&#223;stab zu sein. Dies gleiche Recht ist ungleiches Recht   f&#252;r ungleiche Arbeit. Es erkennt keine Klassenunterschiede an, weil   jeder nur Arbeiter ist wie der andre; aber es erkennt stillschweigend   die ungleiche individuelle Begabung und daher Leistungsf&#228;higkeit der   Arbeiter als nat&#252;rliche Privilegien an. Es ist daher ein Recht der   Ungleichheit, seinem Inhalt nach, wie alles Recht. Das Recht kann seiner   Natur nach nur in Anwendung von gleichem Ma&#223;stab bestehen; aber die   ungleichen Individuen (und sie w&#228;ren nicht verschiedene Individuen, wenn   sie nicht ungleiche w&#228;ren) sind nur an gleichem Ma&#223;stab messbar, soweit   man sie unter einen gleichen Gesichtspunkt bringt, sie nur von einer   bestimmten Seite fasst, zum Beispiel im gegebenen Fall sie nur als   Arbeiter betrachtet und weiter nichts in ihnen sieht, von allem andern   absieht. Ferner: Ein Arbeiter ist verheiratet, der andre nicht; einer   hat mehr Kinder als der andre etc. etc. Bei gleicher Arbeitsleistung und   daher gleichem Anteil an dem gesellschaftlichen Konsumtionsfonds erh&#228;lt   also der eine faktisch mehr als der andre, ist der eine reicher als der   andre etc.&#8220; Nebenbei beweist dieses Zitat, dass alle Vorw&#252;rfe, der   Marxismus w&#252;rde die individuellen Unterschiede unter den Menschen   leugnen, nur mit Unwissenheit oder B&#246;swilligkeit zu erkl&#228;ren sind. <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Drittens hat Marx keine Norm aufgestellt, sondern eine Prognose. Wenn   die ArbeiterInnen &#8222;sittlich, geistig&#8220; schon &#252;ber diesen Prinzip hinaus   sind, kann es nicht die Aufgabe von MarxistInnen sein, sie wieder dahin   zur&#252;ckzuzerren. Dann beweist das reale Bewusstsein der ArbeiterInnen,   dass die Kulturentwicklung (und damit die wirtschaftliche und   gesellschaftliche Entwicklung als ihre Grundlage) schon weiter ist.   Nachdem der Weg hin zur ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft   sich als wesentlich m&#252;hsamer herausgestellt hat, als es Marx erwartete,   w&#228;re es doch nicht schlimm, wenn es danach etwas schneller ginge.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  F&#252;r den &#220;bergang von der ersten zur zweiten Phase, also vom Sozialismus   zum Kommunismus im engeren Sinne, nennt Marx mehrere Voraussetzungen:   dass &#8222;die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der   Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und k&#246;rperlicher Arbeit   verschwunden ist&#8220;, dass &#8222;die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern   selbst das erste Lebensbed&#252;rfnis geworden&#8220;, dass &#8222;mit der allseitigen   Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkr&#228;fte gewachsen und alle   Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller flie&#223;en&#8220;. Diese   Ausf&#252;hrungen geben eine Vorstellung von der Entwicklung der   Arbeitsproduktivit&#228;t, der Arbeitsorganisation, der Entfaltung der   menschlichen F&#228;higkeiten, die Marx schon f&#252;r den Sozialismus erwartete,   als Voraussetzung f&#252;r eine wirkliche kommunistische Gesellschaft. Dass   die DDR mit diesem Verst&#228;ndnis von Sozialismus keinerlei &#196;hnlichkeit   hatte, ist offensichtlich.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <b>Lenins &#8222;Staat und Revolution&#8220; und Trotzkis &#8222;Verratene Revolution&#8220;<\/b> <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  In seiner bereits erw&#228;hnten Schrift &#8222;Staat und Revolution&#8220; hat Lenin   fast das gesamte f&#252;nfte Kapitel der Wiedergabe und Interpretation von   Marx&#8217; Kritik des Gothaer Programms gewidmet.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Dabei kn&#252;pfte er bemerkenswerte &#220;berlegungen an die Marxschen &#196;u&#223;erungen   &#252;ber den Fortbestand des b&#252;rgerlichen Rechts in der ersten Phase des   Kommunismus an: &#8222;Das b&#252;rgerliche Recht setzt nat&#252;rlich in Bezug auf die   Verteilung der Konsumtionsmittel unvermeidlich auch den b&#252;rgerlichen   Staat voraus, denn Recht ist nichts ohne einen Apparat, der imstande   w&#228;re, die Einhaltung der Rechtsnormen zu erzwingen. So ergibt sich, dass   im Kommunismus nicht nur das b&#252;rgerliche Recht eine gewisse Zeit   fortbesteht, sondern auch der b&#252;rgerliche Staat &#8211; ohne Bourgeoisie!&#8220; <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  So bemerkenswert diese &#220;berlegungen waren, so wenig wurden sie damals   bemerkt. Erst beinahe 20 Jahre sp&#228;ter griff Trotzki in seiner   &#8222;Verratenen Revolution&#8220; diese &#8222;hochbedeutsame Schlussfolgerung&#8220; wieder   auf und erkl&#228;rte sie &#8222;von aus-schlaggebender Bedeutung f&#252;r das   Ver-st&#228;nd-nis der Natur des Sowjetstaates, genauer: f&#252;r ein erstes   Ann&#228;hern an die-ses Verst&#228;ndnis&#8220;. Nat&#252;rlich kann in diesem Aufsatz nicht   auch noch dieses mehrere hundert Seiten lange Buch &#252;ber den Stalinismus   in der Sowjetunion dargestellt werden. Hier kann es nur darum gehen,   darauf hinzuweisen, dass Marx&#8217; Ausf&#252;hrungen &#252;ber eine k&#252;nftige   sozialistische und kommunistische Gesellschaft so konkret und   realistisch waren, dass sie zugleich zum theoretischen Ausgangspunkt f&#252;r   die Erkl&#228;rung daf&#252;r werden konnte, warum das Scheitern dieses Versuches   unter den Bedingungen eines r&#252;ckst&#228;ndigen und isolierten Landes diese   historisch beispiellose Form angenommen hat: der Arbeiterstaat bekam   einen Doppelcharakter als Verteidiger des fortschrittlichen. von der   Revolution geschaffenen, verstaatlichten Eigentums und als Verteidiger   der aus dem Kapitalismus &#252;berkommenen sozialen Ungleichheit. Diese   Ungleichheit war mit einer R&#228;tedemokratie, einer viel demokratischeren   Herrschaftsform als es sie im Kapitalismus jemals gegeben hat,   unvereinbar. Als Folge verschwand die R&#228;tedemokratie, der &#8222;b&#252;rgerliche   Staat ohne Bourgeoisie&#8220; wurde immer b&#252;rokratischer und parasit&#228;rer. <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Die Probleme, die Marx in der &#8222;Kritik des Gothaer Programms&#8220; behandelt,   sind im 21. Jahrhundert aktueller denn je. Seitdem immer mehr Menschen   erkannt haben, dass die Privatisierung und Deregulierung der letzten   Jahre nur den Interessen einer kleinen Minderheit diente und die   Forderung nach staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft wieder zunimmt,   ist es um so wichtiger, dass wir uns &#252;ber den Charakter dieses Staates   klar werden, der eben kein selbst&#228;ndiges Wesen, kein neutraler   Schlichter zwischen gesellschaftlichen Interessen ist, sondern ein   Werkzeug der kleinen Minderheit von Kapitaleigent&#252;mern, das wir nicht   einfach unver&#228;ndert f&#252;r unsere Interessen verwenden k&#246;nnen. <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Nachdem der Stalinismus gescheitert ist und der Kapitalismus den   Menschen Elend, Arbeitslosigkeit, &#246;kologische Katastrophen und Kriege   bringt und die Menschheit immer mehr in Richtung Barbarei treibt, ist   die Frage, mit welchen Schritten man eine Gesellschaft ohne Ausbeutung   und Unterdr&#252;ckung erreichen kann, in der Tat eine, die &#252;ber das   Schicksal der Menschheit entscheidet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sozialistische Klassiker neu gelesen <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[92],"tags":[250],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11502"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11502"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11502\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11502"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11502"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11502"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}