{"id":11501,"date":"2006-03-11T11:18:07","date_gmt":"2006-03-11T11:18:07","guid":{"rendered":".\/?p=11501"},"modified":"2006-03-11T11:18:07","modified_gmt":"2006-03-11T11:18:07","slug":"11501","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/03\/11501\/","title":{"rendered":"Das Verwelken der Sonnenblume"},"content":{"rendered":"<p>Eine Bilanz der Gr&#252;nen Partei <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  L&#228;rmend und mit lautem Get&#246;se hatte er sie einst betreten &#8211; mit   ged&#228;mpften Ton und staatstragendem Blick verlie&#223; er sie, die politische   B&#252;hne des deutschen Bundestags. Der R&#252;cktritt von Joschka Fischer war   perfekt organisiert. F&#252;r das Amt des Au&#223;enministers h&#228;tte er in dem   unwahrscheinlichen Fall einer Regierungsbeteiligung noch zur Verf&#252;gung   gestanden. Zur&#252;ck in die Opposition aber, war f&#252;r den weit gereisten   Staatspolitiker, den die ganze Welt kennt, doch all zu profan. Er sieht   sich zu H&#246;herem berufen und h&#228;lt den Blick fest gerichtet auf Posten in   der EU oder der UNO. Im Bundestag hat Fischer sein Ziel erreicht: Dem   deutschen Kapital zu beweisen, dass auch die Gr&#252;nen in der Lage sind   b&#252;rgerliche Interessenspolitik zu betreiben. &#220;ber die Bilanz von 7   Jahren Rot-Gr&#252;ner Bundesregierung schw&#228;rmt er: &#8222;Deutschland ist in   dieser Zeit ein anderes Land geworden. Offener, beispielsweise durch das   neue Staatsb&#252;rgerschaftsrecht und das Zuwanderungsgesetz. &#214;kologischer,   trotz des Wehklagens der Wirtschaft und zum Vorteil eben dieser. Freier.   Es ist uns heute klarer, wer wir Deutschen eigentlich sind.   Au&#223;enpolitisch zum Beispiel, eingebettet in Europa und den Westen, eine   selbstbestimmte Nation. Auf all das k&#246;nnen wir Rotgr&#252;nen stolz sein.&#8220; <\/p>\n<p>  <i>von Kim Opgenoorth, K&#246;ln<\/i><\/p>\n<p>  Er hat Recht: Deutschland ist ein anderes Land geworden. Die   au&#223;enpolitische Zur&#252;ckhaltung ist Vergangenheit. Imperialistische   Machtanspr&#252;che werden wieder selbstbewusst formuliert. An zwei Kriegen   hat Deutschland teilgenommen, Soldaten stehen wieder in aller Welt. Der   SPD-Verteidigungsminister Struck konnte ohne Widerspruch erkl&#228;ren, dass   deutsche Interessen am Hindukusch verteidigt werden. Viel Lob bekam   Fischer in der b&#252;rgerlichen Presse. Nur mit ihm sei diese   Entpazifizierung in Deutschland gelungen. Nur er konnte den Weg   freiboxen und das Tabu seit dem 2. Weltkrieg brechen, indem er die Frage   stellte: &#8222;Was lehrt uns Auschwitz? Vielleicht, dass auch Soldaten   rechtzeitig eingesetzt werden m&#252;ssen?&#8220;<\/p>\n<p>  Die b&#252;rgerliche EU-Politik wurde von den deutschen Gr&#252;nen kritiklos   mitgetragen. Gr&#252;nen-Vorsitzende Claudia Roth sah das &#8222;doppelte Nein&#8220; von   Frankreich und den Niederlanden gegen die EU-Verfassung als &#8222;eine   bittere Entt&#228;uschung&#8220;: &#8222;Es gibt keine Alternative zu einem   demokratischeren und transparenteren und handlungsf&#228;higeren Europa. Alle   Politiker Europas, denen das Projekt am Herzen liegt, m&#252;ssen jetzt   verst&#228;rkt f&#252;r die EU-Verfassung werben. &#8230; Ich bin fest &#252;berzeugt, dass   diese Verfassung ein Gewinn f&#252;r die weitere Einigung Europas ist.&quot; <\/p>\n<p>  <b>Rassismus <\/b><\/p>\n<p>  Offener sei das Land geworden. Die Antiterrorgesetze von   SPD-Innenminister Otto Schily wurden von den Gr&#252;nen genauso mitgetragen,   wie versch&#228;rfte Abschiebungen. Das Recht auf doppelte Staatsb&#252;rgerschaft   wurde wegen einer Hetzkampagne der Konservativen auf eine Light-Version   begrenzt. Seine Zuwanderungspolitik sah Fischer in Kontinuit&#228;t zu der,   der vorigen Regierungen, von Kohl, Genscher und Kinkel, &#8222;denen er nichts   vorzuwerfen h&#228;tte&#8220;. Das neue Zuwanderungsgesetz teilt Ausl&#228;nderInnen je   nach ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit in Kategorien ein.<\/p>\n<p>  Rassistische Einstellungen haben sich auch in der Gr&#252;nen-Mitgliedschaft   breit gemacht. In einem Interview musste der neue Fraktionsvorsitzende   Kuhn zugeben: &#8222;Bei der Frage, wie wir eine multikulturelle Demokratie   verstehen, m&#252;ssen wir ehrlicher werden. Auch viele Gr&#252;ne melden ihre   Kinder in anderen Bezirken an der Schule an, um dem hohen   Ausl&#228;nderanteil im Wohnbezirk zu entgehen.&#8220;<\/p>\n<p>  <b>Umwelt<\/b><\/p>\n<p>  Es gibt mehr Biom&#228;rkte und mehr Windr&#228;der in Deutschland. &#214;kologie ist   zu einem profittr&#228;chtigen Industriezweig geworden. Windkraft und   Solarenergie sind stark subventionierte Boom-Branchen, mit denen sich   gute Gewinne machen lassen. Das Label Bio ist zum Marketing-Vorteil   geworden. Das hei&#223;t aber nur, dass auf mehr Packungen Bio drauf, aber   nicht unbedingt drin sein muss.<\/p>\n<p>  Obwohl sich die rot-gr&#252;ne Bundesregierung in Europa gerne als   Vorreiterin in Sachen Umweltschutz pr&#228;sentierte, sehen die realen   Ergebnisse kl&#228;glich aus. In einer Studie des WWF (World Wide Fund For   Nature) wurde nachgewiesen, dass die Kohlekraftwerke in Deutschland   extrem umweltsch&#228;dlich sind. Unter den europaweit drei&#223;ig &#246;kologisch   bedenklichsten und ineffizientesten Kraftwerken stehen neun in   Deutschland, f&#252;nf davon auf den Pl&#228;tzen der Top Ten. Ein Kraftwerk   belegt Platz zwei und kommt damit direkt hinter einem griechischen AKW.<\/p>\n<p>  Aus der Forderung nach einem Ausstieg aus der Atomenergie in ein bis   zwei Jahren sind zwanzig bis drei&#223;ig Jahre geworden. Dies war de facto   eine Laufzeitgarantie f&#252;r teilweise unrentable und veraltete Kraftwerke.   Der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung in Deutschland liegt   nach wie vor bei 30 Prozent. Die Macht der Stromwirtschaft ist in   keinster Weise in Frage gestellt worden. Vier Gro&#223;unternehmen haben den   Markt unter sich aufgeteilt und verhindern durch ihre Monopolstellung   l&#228;ngst f&#228;llige Preissenkungen. Die gr&#252;ne Wahlkampf-Parole &#8222;Weg vom &#214;l&#8220;   konnte von der Industrie mitgetragen werden, da sie mehr Unabh&#228;ngigkeit   verspricht.<\/p>\n<p>  <b>Soziales<\/b><\/p>\n<p>  In Bezug auf die soziale Situation ist Deutschland wahrhaftig ein   anderes Land geworden. Es hat ein rasanter Umbau stattgefunden. Das   System der Sozialpartnerschaft ist beendet. Ein versch&#228;rfter   Klassenkampf von oben hat begonnen. Die Interessen der Arbeitgeber   wurden von Rot-gr&#252;n umgesetzt. Lag der Spitzensteuersatz 1998 noch bei   53 Prozent, senkte Rot-Gr&#252;n ihn erst auf 45 Prozent und 2005 auf 42   Prozent. Damit sparte ein Einkommensmillion&#228;r &#252;ber 100.000 Euro   zus&#228;tzlich im Jahr. Gleichzeitig wurden die letzten Groschen der   Arbeitslosen eingezogen. Arbeitnehmer verloren in rasantem Tempo   Anspr&#252;che auf Gehalt, Urlaub, betriebliche Sonderleistungen und   demokratische Rechte. Billigjobs und au&#223;ertarifliche Vertr&#228;ge   verdr&#228;ngten gesicherte Arbeitsvertr&#228;ge. Der Sozialstaat ist ausgeh&#246;hlt,   die Vorbereitungen f&#252;r den weiteren Kahlschlag von Rente, Gesundheit und   Bildungssystem sind getroffen worden. Die &#246;ffentlichen Kassen in den   Kommunen sind ausgepl&#252;ndert worden. Schulen wurden nicht renoviert.   Armut ist auf den Stra&#223;en wieder sichtbar.<\/p>\n<p>  Die Gr&#252;nen haben bei dieser Entwicklung nicht nur zugesehen, sondern   eine treibende Kraft gespielt. Sie sahen sich als Reformmotor und die   SPD als Partei mit gro&#223;en Strukturproblem, die der Arbeiterklasse zu   sehr nachgibt. Hartz IV wurde von Claudia Roth bis zuletzt &#8222;bis auf   einige Korrekturen&#8220; verteidigt. Es h&#228;tte bei diesem Thema &#8222;starke   Promotion-Probleme&#8220; der Bundesregierung gegeben, mit &#8222;Killerbegriffen   wie Hartz IV und Ein-Euro-Jobs&#8220; lie&#223;e sich kein Vertrauen herstellen.   Schr&#246;ders Ank&#252;ndigung von Neuwahlen im Fr&#252;hjahr haben die Gr&#252;nen   missbilligt. Ihnen w&#228;re ein forsches Durchgreifen lieber gewesen. Zu der   verlorenen Wahl sagte Fischer: &#8222;Wir haben die schwierige   gesellschaftliche Erneuerung eingeleitet, die unter der Kohl-Regierung   in den neunziger Jahren verschlafen worden ist. Aber wir konnten im   Bereich des Arbeitsmarktes bis zur Wahl keine ausreichend positiven   Ergebnisse vorweisen. Wir hatten nicht den notwendigen konjunkturellen   R&#252;ckenwind bekommen.&#8220;<\/p>\n<p>  <b>Demokratie<\/b><\/p>\n<p>  Aus den radikaldemokratischen Forderungen der einst rebellischen Partei   ist nicht viel mehr als die Forderung nach regelm&#228;&#223;igen Volksentscheiden   &#252;brig geblieben.<\/p>\n<p>  Innerparteilich hatten sich die Basisdemokraten zu einer Partei   entwickelt, wo der nach oben kam, der dem heimlichen Vorsitzenden genehm   war. Die Frauenquote gibt es noch. Wenn es ernst wurde galt jedoch die   One-Man-Show. Knifflige Regierungsbeschl&#252;sse traf Fischer mit Schr&#246;der   alleine. Im Wahlkampf wurde mit &#8222;Ja! zu Joschka&#8220;-Plakaten auf der   &#8222;Joschka-Tour&#8220; um die &#8222;Joschka-Stimme&#8220; geworben.<\/p>\n<p>  Es gibt keine andere Partei, in der sich die F&#252;hrung so dreist &#252;ber die   Beschl&#252;sse der Basis hinweggesetzt hat wie den Gr&#252;nen. Der Beschluss der   Delegierten auf einem Parteitag gegen die Lieferung von zwanzig   Fuchs-Panzern und achtzig weiteren LKW an die irakische   &#220;bergangsregierung wurde keine zwei Tage sp&#228;ter vom Vorstand f&#252;r nichtig   erkl&#228;rt. Die Regierungsgr&#252;nen m&#252;sse sich daran nicht halten, da es sich   bei dieser Lieferung nicht um klassischen R&#252;stungsexport, sondern um   &#8222;Ausr&#252;stungsunterst&#252;tzung&#8220; handele. &#8222;Die irakischen Polizisten und   Soldaten der &#220;bergangsregierung werden st&#228;ndig durch Attentate und   Anschl&#228;ge bedroht, niedergeschossen und weggebombt. Kann man dann die   Bitte ihrer Regierung um gesch&#252;tzte Fahrzeuge ablehnen?&#8220;, war die   vorwurfsvolle Frage der Parteivorsitzenden Claudia Roth.<\/p>\n<p>  <b>Was ist links?<\/b><\/p>\n<p>  Rhetorisch ge&#252;bt wanden sich gr&#252;ne Spitzenpolitiker immer wieder die   Wirklichkeit zurecht. Der Afghanistan-Krieg ist kein Krieg, sondern eine   Befreiungsschlacht gegen die Unterdr&#252;ckung der Frau gewesen.   Privatisierung stand f&#252;r Selbstverantwortung und Freiheit. Hartz IV war   gerecht, weil anderes, zum Beispiel die Erh&#246;hung der Rentenbeitr&#228;ge,   ungerecht w&#228;re. Alternativen au&#223;erhalb der bestehenden Machtverh&#228;ltnisse   wurden gar nicht mehr in Erw&#228;gung gezogen. Fischer wies in einem Buch   darauf hin, dass es eine Notwendigkeit g&#228;be, sich den Zw&#228;ngen der   Globalisierung anzupassen und dass dies entscheidende Grundwerte der   demokratischen Linken ersch&#252;ttere. Dies f&#252;hrte aber nicht zu der offenen   Feststellung jetzt rechte Politik zu machen. Links wurde einfach   umdefiniert in: &#8222;modern links&#8220;. Je gr&#246;&#223;er der Spagat zwischen Anspruch   und Wirklichkeit, desto wortgewaltiger wurden die Erkl&#228;rungen: &#8222;Moderne   linke Partei hei&#223;t, die Gesellschaft von heute so zu begreifen, wie sie   sich darstellt, und das ist nicht mehr die alte Arbeits-und   Klassengesellschaft. Trotzdem m&#252;ssen die linken Grundthemen wie soziale   Gerechtigkeit und Chancengleichheit im Zentrum unserer Politik stehen,   aber neu definiert. Als Verteilungsgerechtigkeit, als   Zugangsgerechtigkeit, als Generationengerechtigkeit&#8230;.&#8220;<\/p>\n<p>  <b>Warum gew&#228;hlt?<\/b><\/p>\n<p>  Die Gr&#252;nen waren immer schlimmer als ihr Ruf. Das ganze Ausma&#223; des   Rechtsrucks ist beim W&#228;hler nie zeitnah angekommen. Ihre   Entstehungsgeschichte l&#228;sst sie linker erscheinen, als sie sind.   Begeisterung gibt es f&#252;r diese Partei jedoch schon seit langem nicht   mehr. Zum 25-j&#228;hrigen Geburtstag wurde in der Gr&#252;n-nahen taz m&#252;de die   Frage gestellt: Warum wird Gr&#252;n noch gew&#228;hlt? Obwohl der typische   Gr&#252;nenw&#228;hler eigentlich ein bewusster &#220;berzeugungsw&#228;hler sei, k&#246;nne er   nicht erkl&#228;ren, warum er die Gr&#252;nen w&#228;hlen w&#252;rde. In der taz wurde eine   neue Kategorie gefunden: &#8222;Der Kulturw&#228;hler&#8220;. Der Gr&#252;nw&#228;hler w&#228;hlt das,   wo er sich kulturell und gef&#252;hlsm&#228;&#223;ig am wohlsten f&#252;hlt. &#220;berzeugt sein   kann er nicht mehr. Im letzten Bundestagswahlkampf gab es noch mal einen   Schub f&#252;r die Gr&#252;nen. Statt bei den bef&#252;rchteten 6 Prozent landeten sie   bei knapp &#252;ber 8 Prozent. Dies ist aber nur vor dem Hintergrund zu   sehen, dass viele W&#228;hlerInnen Gr&#252;ne w&#228;hlten, um eine   CDU\/CSU\/FDP-Regierung oder eine Gro&#223;e Koalition zu verhindern. Der   Politologe Elmar Altvater erkl&#228;rte das Abschneiden von Rot-Gr&#252;n damit,   dass sie &#8222;einen Oppositionswahlkampf gegen ihre eigene Politik   betrieben&#8220; haben.<\/p>\n<p>  <b>Fehlendes Programm<\/b><\/p>\n<p>  Sonnenblumen, selbstgestrickte Pullis und radelnde Politiker sind l&#228;ngst   pass&#233;. Der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, Gysi fand den   treffenden Ausdruck: &#8220;Die Gr&#252;nen sind verwelkt.&#8221; In ihrer   Entstehungszeit hatten sie zwar viele linke Forderungen und viele in   ihren Reihen, die sich als Sozialisten sahen, ihnen fehlte jedoch eine   marxistische Gesellschaftsanalyse, ein klarer Klassenstandpunkt und ein   zusammenh&#228;ngendes sozialistisches Programm. Einzel-Forderungen aber, die   nicht in ein sozialistisches Programm eingebettet sind, drehen sich wie   ein F&#228;hnlein im Wind. Sie sind nichts als fromme W&#252;nsche und werden bei   Konfrontation mit der kapitalistischen Krise teilweise in ihr direktes   Gegenteil verkehrt.<\/p>\n<p>  Die Produktion der wirtschaftlichen G&#252;ter k&#246;nnte und sollte &#246;kologisch   einwandfrei sein. Sie darf weder am Arbeitsplatz sch&#228;dlich sein, noch   f&#252;r den Verbraucher. Die Bed&#252;rfnisse der Bev&#246;lkerung m&#252;ssen der Ma&#223;stab   sein. Gesunde Ern&#228;hrung darf kein Luxus sein. Frische Luft, sauberes   Wasser und der schonende Umgang mit nat&#252;rlichen Bed&#252;rfnissen sind   Grundrechte der Menschheit. Sie werden &#252;berall auf der Welt von der   kapitalistischen Wirtschaft mit F&#252;&#223;en getreten. Wer die Umwelt retten   will, muss bereit sein, den Profitinteressen des Unternehmertums den   Kampf anzusagen. Gerade in Umweltfragen wird deutlich, dass nur eine   geplante Wirtschaft, die nach den Bed&#252;rfnissen der Bev&#246;lkerung   produziert und demokratisch organisiert ist, in der Lage w&#228;re, die   Zerst&#246;rung des Planeten zu stoppen und eine Regeneration in Angriff zu   nehmen. Individuelle Ver&#228;nderungen in der pers&#246;nlichen Lebensgestaltung   oder private Boykott-Aktionen bek&#228;mpfen das schlechte Gewissen, nicht   aber den massiven Raubbau an der Natur. Statt Diskussionen &#252;ber   M&#252;llvermeidung jedes einzelnen sollte Verpackungsm&#252;ll gar nicht erst   produziert werden. Statt Appelle zum Energiesparen sollten   Verkehrsmittel hergestellt werden, die sparsam im Verbrauch sind. Die   Organisation eines leistungsstarken und attraktiven Systems des   &#246;ffentlichen Nahverkehrs muss geplant und finanziert werden. Demokratie   und Kontrolle der arbeitenden Bev&#246;lkerung ist dabei unerl&#228;sslich. Dies   hat die Entwicklung der stalinistischen Regime in den Ostblockstaaten   gezeigt. Da die stalinistische B&#252;rokratie nur an der Sicherung ihrer   eigenen Privilegien interessiert war, wurde die Umwelt ohne R&#252;cksicht   auf Verluste massiv verpestet.<\/p>\n<p>  <b>&#214;kosozialisten<\/b><\/p>\n<p>  Einer sozialistischen Alternative standen viele Gr&#252;nen skeptisch   gegen&#252;ber, selbst beim &#8222;sozialistischen Fl&#252;gel&#8220; innerhalb der Gr&#252;nen   wurde der klassische Marxismus bek&#228;mpft. Seine positive Einstellung zu   Fortschritt, Wachstum und Technik wurde als Bedrohung f&#252;r die Umwelt   eingestuft. Die Produktivkr&#228;fte wurden als zerst&#246;rerisch angesehen,   nicht die Art wie sie eingesetzt wurden. &#8222;Die Hauptzielscheibe des   &#246;kosozialistischen Revisionismus war der naive Glaube des Marxismus an   den objektiven, neutralen und emanzipatorischen Charakter von   Wissenschaft, Technik und Produktion&#8220; schrieben die radikalen   &#8222;&#214;kosozialisten&#8220; Trampert und Ebermann in den 80ern. Ihrer Vorstellung   nach m&#252;sse eine neue Gesellschaft aufgebaut werden, in der Verzicht und   Einschr&#228;nkung die Hauptrichtung darstellt. Klein-Betriebe sollten die   gro&#223;e Industrie ersetzen, das Fahrrad und der Fu&#223;marsch wurden dem   Reisen per Auto oder Flugzeug vorgezogen. Statt Forschung und   Wissenschaft zu revolutionieren und &#246;kologisch auszurichten, sollte auf   technische Errungenschaften verzichtet werden. Diese r&#252;ckw&#228;rts   gerichtete Sichtweise, die die Industrialisierung verdammt und das   Mittelalter verherrlicht, konnte keine Perspektive und keine   realistische L&#246;sung der Probleme anbieten.<\/p>\n<p>  <b>Fehlender Klassenstandpunkt<\/b><\/p>\n<p>  Diese weltfremde Einstellung hatte zur Folge, dass die Kluft zur   arbeitenden Bev&#246;lkerung noch vergr&#246;&#223;ert wurde. Der Arbeiter, der mit dem   Auto zur Arbeit fuhr wurde als dumm und konsumfixiert eingestuft. Die   Arbeiterklasse wurde statt als Verb&#252;ndeter als Gegner angesehen. Die   Mitgliedschaft der fr&#252;hen Gr&#252;nen war zusammengew&#252;rfelt aus den Lebens-   Natur- und Umweltschutzverb&#228;nden, den B&#252;rgerinitiativen, der Friedens-   und Menschenrechts-, der Frauen- und der dritten Weltbewegung. Linke   Idealisten sa&#223;en neben rechten Reaktion&#228;ren. Einig waren sie in ihrer   Sorge um die Natur. Diese Frage sahen sie losgel&#246;st von   Klassenkonflikten als &#252;bergeordnete Gattungsfrage. Der Niedergang der   Gr&#252;nen ist der Beweis daf&#252;r, dass Umweltfragen Klassenfragen sind. Das   kapitalistische System, in welchem nur die Profitmaximierung und seine   private Aneignung z&#228;hlt, empfindet Gesetze, die den Umgang mit giftigen   Chemikalien einschr&#228;nken oder die Verunreinigung der Fl&#252;sse vorsehen als   massive St&#246;rung in seinem Zwang Gewinne machen zu m&#252;ssen. Umweltauflagen   und Arbeitsschutzbedingungen sind nur durch die Arbeiterbewegung oder   massive Mobilisierungen der Bev&#246;lkerung durchgesetzt worden. Ohne den   Klassenstandpunkt einzunehmen l&#228;sst sich kein Umweltproblem in den Griff   bekommen. Die Kontrolle der Bev&#246;lkerung und der Arbeiter in der   Produktion ist notwendig. Die Rettung der nat&#252;rlichen Ressourcen kann   nicht den freien Kr&#228;ften des Marktes &#252;berlassen werden. Appelle an die   Vernunft der Verursacher haben gar nichts bewirkt, denn Aufkl&#228;rung gab   es in Deutschland genug.<\/p>\n<p>  Die Zeitung Voran (Vorl&#228;ufer der Solidarit&#228;t, Zeitung der   Sozialistischen Alternative) schrieb 1978: &#8222;Der berechtigten   Protestbewegung der &#8218;Gr&#252;nen&#8216;, die haupts&#228;chlich durch Aktivisten aus den   Mittelschichten und dem Kleinb&#252;rgertum getragen wird, wird es unm&#246;glich   sein, zwischen den beiden gro&#223;en gesellschaftlichen Klassen zu stehen.   Sie wird sich entscheiden m&#252;ssen: Mit der Arbeiterbewegung oder mit dem   Kapital.&#8220; Die Entwicklung hat die damalige Prognose best&#228;tigt. Aus einer   kleinb&#252;rgerlichen Partei wurde eine Partei, die sich dem Gro&#223;kapital   anbiedert.<\/p>\n<p>  <b>Partei der Bestverdiener<\/b><\/p>\n<p>  Je mehr Regierungsbeteiligung, je mehr b&#252;rgerliche Positionen die Gr&#252;nen   ihren Mitgliedern zumuteten, desto mehr begann die Mitgliedschaft zu   verb&#252;rgerlichen. Ralf F&#252;cks, Chef der gr&#252;nen B&#246;ll-Stiftung beschreibt   die soziale Zusammensetzung: &#8222;Auf dem linken Fl&#252;gel hat es eine Erosion   gegeben. Hinzu gekommen sind dagegen Selbst&#228;ndige und   Informationsarbeiter. Die Gr&#252;nen repr&#228;sentieren heute das innovative   Milieu der Gesellschaft&#8230;&#8220;. Sie seien nicht unbedingt besser bezahlt,   aber sicherlich gut qualifiziert. Statistiken belegen jedoch, der   Gr&#252;nen-W&#228;hler von heute ist auch besser bezahlt. 1982 lag das geringste   Haushaltsnettoeinkommen unter den W&#228;hlern aller Parteien noch bei den   Gr&#252;nen. In den neunziger Jahren &#252;berholte das gr&#252;ne Einkommen die CDU-   und SPD-W&#228;hler deutlich. Im Jahr 2002 wurde festgestellt, dass der   durchschnittliche Gr&#252;nen-W&#228;hler ein monatliches Nettoeinkommen zwischen   1750 und 2000 Euro habe und jeder vierte &#252;ber mindestens 3000 Euro netto   verf&#252;ge. Damit haben sie das W&#228;hler-Einkommen der FDP, der &#8222;Partei der   Besserverdiener&#8220; &#252;bertrumpft.<\/p>\n<p>  <b>Perspektive Schwarz-Gr&#252;n<\/b><\/p>\n<p>  In der taz wurden die Gr&#252;nen denn auch mit der FDP verglichen: &#8222;Sie eint   mit der FDP die polit-praktisch gewordene Hochn&#228;sigkeit allen   proletarischen Gr&#252;nden gegen&#252;ber. Sie sind die Gymnasiasten der   b&#252;rgerlichen Politszene seit Jahrzehnten &#8211; weil am coolsten &#8230; Die   Differenz ist die von Geschwistern, die die gleiche gute Wolle tragen &#8211;   aber von unterschiedlichen Labels.&#8220; Das ist auch der Hauptgrund daf&#252;r,   warum sie sich so spinnefeind sind. Nicht etwa die politischen   Programme. &#8222;Die Gr&#252;nen teilen mit Traditionsliberalen und Unionschristen   mehr als mit allen Roten. Sie w&#252;rden endlich in jener B&#252;rgerlichkeit   ankommen, die sie habituell bereits verk&#246;rpern.&#8220;<\/p>\n<p>  Die kurzzeitigen Spekulationen nach der Wahl &#252;ber eine Jamaika-Koalition   (Schwarz-Gr&#252;n-Gelb) wurden von den Gr&#252;nen abgelehnt. Dies sei, so Roth,   &#8222;in unserer Partei und in unserem Klientel nicht vermittelbar&#8220;.   Wahrscheinlich meinte sie, noch nicht vermittelbar. Ein wenig Zeit und   ein wenig Rhetorik ist schon noch vonn&#246;ten. Dabei ist Schwarz-Gr&#252;n kein   Neuland. Auf lokaler Ebene hat Schwarz-Gr&#252;n schon in einigen St&#228;dten   pr&#228;chtig miteinander kooperiert. In K&#246;ln wurde zum Beispiel von einer   schwarz-gr&#252;nen Regierung das gr&#246;&#223;te Sparpaket in der   Nachkriegsgeschichte geschn&#252;rt. Es gab K&#252;rzungen im kulturellen und   sozialen Bereich und massive Einschnitte f&#252;r Frauen und MigrantInnen.   F&#252;hrende Funktion&#228;re der Gr&#252;nen empfehlen, als n&#228;chsten Schritt   Schwarz-Gr&#252;n auf Landesebene. Eine M&#246;glichkeit w&#252;rde sich schon im   n&#228;chsten Fr&#252;hjahr bei der Landtagswahl in Baden-W&#252;rttemberg bieten. <\/p>\n<p>  Ralf F&#252;cks, Chef der gr&#252;nen B&#246;ll-Stiftung ist wie viele anderen froh aus   dem engen Korsett Rot-Gr&#252;n aussteigen zu k&#246;nnen. &#8220;Rot-Gr&#252;n war f&#252;r uns   wichtig, um regierungsf&#228;hig zu werden und die &#246;kologische Modernisierung   anzuschieben. Programmatisch hat es den Gr&#252;nen nicht gut getan. &#8230; Wir   stehen f&#252;r einen anderen Entwurf sozialer Gerechtigkeit als die SPD.   Gr&#252;n ist die Verbindung von Selbstbestimmung, Selbstverantwortung und   Solidarit&#228;t. Soziale Teilhabe entscheidet sich beim Zugang zu   &#246;ffentlichen G&#252;tern wie Bildung und Kultur. Sozialdemokraten sind   st&#228;rker auf soziale Transferleistungen fixiert.&#8221;<\/p>\n<p>  Fischer visionierte f&#252;r die Zukunft seiner Partei: &#8222; &#8230;die &#214;ffnung nach   beiden Seiten, ohne dabei zum Weltkind in der Mitte zu werden. Das ist   wichtig f&#252;r die programmatische Erneuerung der Partei. Wir m&#252;ssen die   W&#228;hler aus der klassischen Linken genauso ansprechen wie die b&#252;rgerliche   Klientel.&#8220; Dass der bayerische CSU-Spitzenmann Stoiber erkl&#228;rt hat &#8222;man   m&#252;sse sich daran gew&#246;hnen, dass man auch mit J&#252;rgen Trittin zusammen   regieren kann&#8220; sah Fischer als &#8222;kulturellen Fortschritt&#8220;. <\/p>\n<p>  <b>Warnung<\/b><\/p>\n<p>  Die Kandidatur der WASG auf den Listen der Linkspartei hat den Gr&#252;nen   die Stimmen von den W&#228;hlern geraubt, die sie bisher als kleinstes &#220;bel   angesehen haben. Im letzten Bundestagswahlkampf haben sie fast eine   viertel Million Stimmen an die Linkspartei verloren. Eine Positionierung   in der neuen Parteienlandschaft ist n&#246;tig. Dieser wird &#8211; in   &#220;bereinstimmung ihrer sozialen Basis &#8211; weiter nach rechts gehen. <\/p>\n<p>  Gr&#252;ne Themen sind breit in der Gesellschaft verankert. &#214;kologische   Forderungen sind mittlerweile in allen Parteiprogrammen vorhanden. Das   hat die Massenbewegung geschafft, die in den siebziger und achtziger   Jahren gro&#223;e Teile der Bev&#246;lkerung mobilisiert hat. Die Partei, die von   dieser Bewegung an die Macht gesp&#252;lt wurde, hat das Gegenteil ihres   Ziels erreicht. Statt gr&#252;ne Forderungen durchzusetzen, hat sie es   geschafft ihre fr&#252;heren Unterst&#252;tzerInnen zu entmutigen und zu   entpolitisieren.<\/p>\n<p>  Der traurige Ausverkauf der Gr&#252;nen und ihrer Ideale ist eine Warnung f&#252;r   den Aufbau einer neuen Arbeiterpartei. Je weniger das Programm das   kapitalistische System angreift, desto weniger hat sie Chancen auch nur   kleinste Verbesserung durchzusetzen. Ohne massive gesellschaftliche   Mobilisierungen hat eine linke Partei keine Chance im b&#252;rgerlichen   Parlament. In der neuen Linkspartei schielen die neuen F&#252;hrer schon zu   den Regierungsb&#228;nken. Das Schicksal der Gr&#252;nen zeigt: Die Beteiligung   einer linken Partei an einer b&#252;rgerlichen Regierung f&#252;hrt nicht zu einer   Linkswende der Regierungspolitik, sondern zu einer Verb&#252;rgerlichung   dieser Partei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Bilanz der Gr&#252;nen Partei <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78],"tags":[250],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11501"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11501"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11501\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11501"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11501"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11501"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}