{"id":11499,"date":"2006-02-15T10:47:27","date_gmt":"2006-02-15T09:47:27","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11499"},"modified":"2012-07-16T14:35:03","modified_gmt":"2012-07-16T12:35:03","slug":"11499","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/02\/11499\/","title":{"rendered":"Es geht auch anders: Alternative Kommunalpolitik"},"content":{"rendered":"<p>  Buchbesprechung von &#8222;Liverpool &#8211; a city that dared to fight&#8220;<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Dieses Buch erschien vor 18 Jahren, ein Jahr nach der Amtsenthebung des   sozialistischen Labour-Stadtrates in Liverpool, der sich von 1983 bis   1987 weigerte, Sozialk&#252;rzungen, Privatisierungen und Arbeitsplatzabbau   durchzuf&#252;hren und stattdessen den Kampf gegen die konservative   Thatcher-Regierung aufnahm. Es ist eine detaillierte Bilanz der Politik   und der Errungenschaften dieses Stadtrates, in dem Mitglieder der   Militant Tendency, des damaligen trotzkistischen Fl&#252;gels in der Labour   Party, einen entscheidenden Einfluss, wenn auch keine formelle   Mehrheitsposition, hatten. Heute hei&#223;t die fr&#252;here Militant Tendency   Socialist Party und ist die britische Schwesterorganisation der   Sozialistischen Alternative (SAV).<\/p>\n<p>  <i>Von Sascha Stanicic, Berlin<\/i><\/p>\n<p>  Nicht nur f&#252;r Fu&#223;ballfans ist der Name &#8222;Liverpool&#8220; von einem besonderen   Klang. Die Stadt am Mersey-Fluss blickt auf eine lange und stolze   Tradition einer k&#228;mpferischen Arbeiterbewegung zur&#252;ck. In der Labour   Party und den Gewerkschaften konnten sich die MarxistInnen der Militant   Tendency schon in der Nachkriegszeit einen wichtigen Einfluss   erarbeiten. Die Autoren Peter Taaffe, damals Herausgeber der Zeitung   Militant, und Tony Mulhearn, damals Vorsitzender der Liverpooler Labour   Party und selber Stadtrat, weisen darauf hin, dass Militant, im   Gegensatz zu anderen kleinen marxistischen Organisationen, in Liverpool   seine Ursprungsbasis nicht unter Studierenden und Intellektuellen,   sondern in der Arbeiterklasse &#8211; unter Auszubildenden und   GewerkschafterInnen &#8211; hatte. Auf dieser Grundlage wurde der enorme   Einfluss des Marxismus in der Liverpooler Arbeiterbewegung in den   achtziger Jahren entwickelt.<\/p>\n<p>  Trotzdem war die Stadt bis 1983 in den meisten Jahren von den   konservativen Tories und den Liberalen regiert. 1979 wurde in   Gro&#223;britannien Margaret Thatcher zur Premierministerin gew&#228;hlt. Die   &#8222;eiserne Lady&#8220; setzte eine Schocktherapie gegen die Rechte und den   Lebensstandard der Arbeiterklasse um und ihre Regierung wurde zu einer   der ersten, die konsequent eine neoliberale Politik umsetzten, wenn   dieser Begriff damals auch noch nicht gepr&#228;gt war. Tats&#228;chlich gab es   bis zum Erscheinen des Buches nur zwei K&#228;mpfe, in denen Thatcher einen   R&#252;ckzug antreten und Zugest&#228;ndnisse an ArbeiterInnen zugestehen musste:   beim Kampf der Bergarbeiter 1981 und beim Kampf des sozialistischen   Stadtrates von Liverpool 1984.<\/p>\n<p>  <b>Katastrophale Lage der Stadt<\/b><\/p>\n<p>  Liverpool war ein arme Stadt, von Entindustrialisierung getroffen, mit   hoher Arbeitslosigkeit und einigen der schlimmsten Slumgebiete im ganzen   Land. 1981 kam es hier zu den &#8222;Toxteth Riots&#8220; &#8211; gewaltt&#228;tigen Unruhen   von Jugendlichen, die gegen die katastrophale Lage in den Armenvierteln,   in denen Jugendlichen zum Teil unter einer &#252;ber neunzig prozentigen   Arbeitslosigkeit zu leiden hatten, aufbegehrten. Schon damals machte   die, an der Liberalen Partei orientierte Lokalpresse, Militant f&#252;r die   Unruhen verantwortlich &#8211; denn Militant verurteilte nicht die   Jugendlichen, sondern den Kapitalismus, und versuchte die Arbeiterklasse   in den betroffenen Nachbarschaften zu organisieren.<\/p>\n<p>  Wie andere Kommunen auch, wurde Liverpool zum Opfer der Finanzpolitik   der Thatcher-Regierung. Aufgrund von Ver&#228;nderungen bei den Zuwendungen   an die Kommunen und aufgrund der Politik des konservativ-liberalen   Stadtrates vor 1983 wurden der Stadt Liverpool faktisch viele Millionen   Pfund gestohlen. Diese Feststellung spielte eine wichtige Rolle f&#252;r den   Kampf des sozialistischen Stadtrates, der 1983 ins Amt gew&#228;hlt wurde.<\/p>\n<p>  <b>Beispielhafte Kampagnen <\/b><\/p>\n<p>  Dem Wahlsieg der Labour Party 1983 gingen unter anderem wichtige   betriebliche und nachbarschaftliche K&#228;mpfe voraus, in denen   Unterst&#252;tzerInnen von Militant zum Teil eine wichtige Rolle spielten.   Dazu geh&#246;rte der Kampf gegen die Schlie&#223;ung einer Gesamtschule im   Armenstadtteil Croxteth, der Kampf gegen Entlassungen und   Privatisierungen bei der Stadtverwaltung, aber auch der Kampf gegen   sexuelle Bel&#228;stigung von Verk&#228;uferinnen durch einen Vorgesetzten in dem   Bekleidungsgesch&#228;ft &#8222;Lady at Lord John&#8220;, der eine solche nationale   Bekanntheit erlangte, dass er sogar in dem Spielfilm &#8222;Business as usual&#8220;   mit Glenda Jackson in der Hauptrolle verfilmt wurde.<\/p>\n<p>  Dem Wahlsieg gingen auch wichtige Wahlkampagnen voraus, in denen Labour   erfolgreich breitere Teile der Arbeiterklasse mit sozialistischen Ideen   erreichte. So der Europawahlkampf 1979, bei dem zum ersten Mal ein   Militant Unterst&#252;tzer mit dem Versprechen antrat, den Anteil seiner   Di&#228;ten, der &#252;ber einen durchschnittlichen Facharbeiterlohn hinausgeht,   an die Arbeiterbewegung zu spenden. Der Slogan &#8222;a workers&#8216; MP on a   workers&#8216; wage&#8220; (&#8222;Ein Arbeiterabgeordneter mit einem Arbeiterlohn&#8220;) wurde   zu einem Erkennungszeichen der TrotzkistInnen in ganz Gro&#223;britannien.<\/p>\n<p>  Beispielhaft waren auch die Wahlk&#228;mpfe, die Labour in Liverpool f&#252;hrte.   Wie ein roter Faden zieht sich durch das Buch der Leitgedanke der   marxistischen Politik, das Bewusstsein der Arbeiterklasse zu heben. Dazu   geh&#246;rten Wahlkampagnen, die tats&#228;chlich Argumente und Erkl&#228;rungen statt   einiger weniger Slogans und Phrasen in den Mittelpunkt stellten. Vor   allem die Militant-Unterst&#252;tzerInnen unter den KandidatInnen wurden   niemals m&#252;de zu erkl&#228;ren, dass es im Rahmen der kapitalistischen   Gesellschaftsordnung keine dauerhafte L&#246;sung f&#252;r die Probleme Liverpools   und der Arbeiterklasse in Gro&#223;britannien geben kann. So wurde der   Tageskampf um Arbeitspl&#228;tze, Wohnungen und Sozialleistungen mit der   Perspektive der Erk&#228;mpfung einer sozialistischen Gesellschaft verbunden.   &#8222;Die Wahrheit aussprechen&#8220; wird von den Autoren als ein wichtiges   Prinzip von Militant genannt.<\/p>\n<p>  Die Wahlk&#228;mpfe waren Massenkampagnen, die sich zum Ziel setzten durch   Flugbl&#228;tter, Zeitungen, Fabriktorversammlungen, &#246;ffentliche   Veranstaltungen und Hausbesuche so viele ArbeiterInnen, Erwerbslose und   Jugendliche wie m&#246;glich direkt zu erreichen und zu &#252;berzeugen. Taaffe   und Mulhearn berichten, wie die Labour-Wahlkampfstrategie in anderen   St&#228;dten sich zum Ziel setzte, vor allem die schon bestehenden   Labour-Unterst&#252;tzerInnen zu mobilisieren. Stattdessen k&#228;mpften die   Labour-Wahlk&#228;mpferInnen in Liverpool tats&#228;chlich um jede Stimme und   versuchten jeden und jede zu &#252;berzeugen, auch wenn Personen anfangs   keine Unterst&#252;tzung f&#252;r Labour ausdr&#252;ckten.<\/p>\n<p>  <b>Wahlerfolge<\/b><\/p>\n<p>  Die Labour Party in Liverpool war die Ausnahme im Vergleich zur   nationalen Partei oder anderen Lokalverb&#228;nden, denn hier hatten die   MarxistInnen um Militant einen ma&#223;geblichen Einfluss. Der rechte Fl&#252;gel   innerhalb der Labour Party hatte sogar eine Kampagne gegen die   TrotzkistInnen begonnen mit dem Ziel diese aus der Partei zu dr&#228;ngen.   1983 wurden die Redaktionsmitglieder von Militant aus der Partei   ausgeschlossen. Die k&#228;mpferische und sozialistische Politik von Militant   war in den Augen der angepassten, im Kapitalismus &#8222;angekommenen&#8220; F&#252;hrer   der Labour Party und der Gewerkschaften eine gef&#228;hrliche   Herausforderung. Sie wollten eine Radikalisierung der Partei verhindern.   Einer der gegen die MarxistInnen gerichteten Vorw&#252;rfe war, dass ihre   Politik nur zu Wahlniederlagen f&#252;hren k&#246;nne. Liverpool bewies das   Gegenteil. Tats&#228;chlich hat Labour unter der politischen F&#252;hrung von   Militant in Liverpool nicht eine Wahl verloren. Im Gegenteil konnte der   Stimmenanteil kontinuierlich ausgebaut werden. 1982 erhielt Labour in   der Stadt 54.000 Stimmen, 1983 waren es 77.000 und 1984 sogar 90.000 &#8211;   bei einer wachsenden Wahlbeteiligung! Bei den Kommunalwahlen 1984, ein   Jahr nach der Amts&#252;bernahme des sozialistischen Labour-Stadtrates,   verzeichnete Labour Stimmengewinne in 33 der 34 Stimmbezirke und konnte   seine Mehrheit im Stadtrat deutlich ausbauen. Auch 1986 gewann Labour   die Kommunalwahlen. Ein leichter R&#252;ckgang der Stimmenzahl im Vergleich   zu 1984 erkl&#228;rt sich durch den R&#252;ckgang in der Wahlbeteiligung. Das   Ergebnis von 1986 lag aber immer noch deutlich &#252;ber den Ergebnissen   bevor Labour die Mehrheit im Stadtrat stellte.<\/p>\n<p>  Auch bei den Parlamentswahlen 1983 und 1987 konnten marxistische   Labour-Kandidaten Erfolge erzielen. So wurde der ehemalige Feuerwehrmann   Terry Fields in Liverpool Broadgreen in das nationale Parlament gew&#228;hlt.   Seine Antrittsrede in Westminster sorgte f&#252;r Furore, weil er sich nicht   an die b&#252;rgerlich-parlamentarischen Konventionen hielt, die vorsehen,   dass Antrittsreden keinen politischen Inhalt haben, sondern aus   H&#246;flichkeitsformeln gegen&#252;ber den anderen Abgeordneten bestehen. Terry   Fields verzichtete auf Floskeln und sagte, dass er gew&#228;hlt wurde, um die   Tories zu bek&#228;mpfen und nicht um Verr&#228;tern an der Arbeiterbewegung   Komplimente zu machen.<\/p>\n<p>  Die Wahlerfolge von Labour in Liverpool waren jedoch die Ausnahme im   nationalen Vergleich. K&#228;mpferische, sozialistische Politik f&#252;hrte zu   Wahlsiegen; angepasster Reformismus f&#252;hrte zu Niederlagen.<\/p>\n<p>  <b>B&#252;rgerliche Hetzkampagnen<\/b><\/p>\n<p>  Labour und insbesondere Militant in Liverpool waren mit extremen   Hetzkampagnen der b&#252;rgerlichen Presse, der rechten Parteien und leider   auch der Labour-F&#252;hrung konfrontiert.<\/p>\n<p>  So wurde nicht nur regelm&#228;&#223;ig behauptet, dass das Labour Programm zu   einer massiven Erh&#246;hung der kommunalen Abgaben f&#252;r Hausbesitzer (in   Gro&#223;britannien hat eine Mehrheit der Arbeiterklasse ihr eigenes kleines   H&#228;uschen oder eine Eigentumswohnung) f&#252;hren w&#252;rde. Insbesondere   Militant-Unterst&#252;tzerInen wurden gleichzeitig als Trotzkisten (ein   Begriff, der in der Masse der Arbeiterklasse wenig bekannt ist und &#8211; wie   heute gegen die SAV eingesetzt &#8211; zu Skepsis und Misstrauen f&#252;hren soll)   und Stalinisten bezeichnet. Vor allem wurde immer wieder die M&#228;r   ausgepackt, dass MarxistInnen f&#252;r Chaos und Gewalt st&#252;nden. In einem   Flugblatt der Liberalen hie&#223; es: &#8222;Ja, Militant glaubt an das Chaos. Denn   Marx hat vorhergesagt, dass aus dem Chaos die Revolution erw&#228;chst.&#8220;   Militant beantwortete solche Unterstellungen regelm&#228;&#223;ig n&#252;chtern und   politisch und erkl&#228;rte, dass das kapitalistische System zu Chaos und   Gewalt f&#252;hrt, der Marxismus die Gesetzm&#228;&#223;igkeiten des Kapitalismus nur   erkl&#228;rt und das kapitalistische Chaos durch eine geplante, organisierte   und harmonische sozialistische Gesellschaft ersetzen will.<\/p>\n<p>  Gleichzeitig erkl&#228;rten sie, dass die herrschende Klasse, wenn ihre Macht   durch die Arbeiterklasse herausgefordert wird, bereit ist, Gewalt   einzusetzen. Sie betonten, dass es absurd sei den MarxistInnen   vorzuwerfen, dass sie Gewalt predigten, nur weil sie die unausweichliche   Gewalt der kapitalistischen Gesellschaft vorhersagten. Im Gegenteil, so   Militant, w&#252;rde die Einheit der Arbeiterklasse hinter einem   sozialistischen Programm die M&#246;glichkeit des kapitalistischen Staates,   Gewalt einzusetzen, eingrenzen.<\/p>\n<p>  <b>Massenmobilisierungen<\/b><\/p>\n<p>  Der sozialistische Labour-Stadtrat trat mit einem weitreichenden   Reformprogramm an: Wohnungsbau, Arbeitszeitverk&#252;rzung bei den   st&#228;dtischen Besch&#228;ftigten, Begrenzung der Abgabenerh&#246;hungen und vieles   mehr.<\/p>\n<p>  Wie sollte dieses Programm durchgesetzt werden angesichts einer   Finanzlage, die eigentlich eine genau entgegengesetzte Politik erfordert   h&#228;tte? Wie sollten MarxistInnen agieren, wissentlich, dass eine   Mehrheitsposition im Stadtrat nicht die &#220;bernahme wirtschaftlicher und   gesellschaftlicher Macht bedeutet, sondern dieser Stadtrat weiterhin im   Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft handeln muss (was unter anderem   solche Probleme zur Folge hat, dass Leitungspersonen der Verwaltung   keine Freunde des neuen Stadtrates waren)?<\/p>\n<p>  Der Stadtrat weigerte sich konsequent Ma&#223;nahmen zu ergreifen, die   Arbeitsplatzvernichtung, Sozialabbau oder Verschlechterungen des   Lebensstandards der Arbeiterklasse zur Folge h&#228;tten. Er forderte die zur   Durchsetzung seines Programms n&#246;tigen finanziellen Mittel von der   Zentralregierung ein und weigerte sich einen Haushalt zu beschlie&#223;en,   der zu K&#252;rzungen gef&#252;hrt h&#228;tte.<\/p>\n<p>  Der einzige Weg zur Durchsetzung dieses Programms war, die n&#246;tigen   finanziellen Mittel von der konservativen Zentralregierung in London   einzufordern, diese war schlie&#223;lich mitverantwortlich f&#252;r Liverpools   Finanzmisere, da ihre Gesetzgebungen die Kommunen finanziell ausgeblutet   hatte. Die Regierung sollte zahlen &#8211; diese hatte ja auch die   M&#246;glichkeiten Geld durch eine h&#246;here Besteuerung der Kapitalisten zu   mobilisieren. Doch die Thatcher-Regierung war nicht durch gute Argumente   zu &#252;berzeugen, sie musste durch massenhaften Druck gezwungen werden.   Deshalb setzte der Labour Stadtrat von Beginn an auf eine   Massenmobilisierung der Liverpooler Arbeiterklasse und ihrer   Gewerkschaften &#8211; und f&#252;hrte die Stadt in einen Aufstand gegen Thatcher.<\/p>\n<p>  Durch vielf&#228;ltige Ma&#223;nahmen wurde die Verbindung zwischen dem Stadtrat,   den Gewerkschaften und den gewerkschaftlichen Vertrauensleuten im   &#246;ffentlichen Dienst gest&#228;rkt und ein gemeinsamer Kampf begonnen. Der   Stadtrat legte gro&#223;en Wert darauf, ArbeiterInnen in ihren K&#228;mpfen zu   unterst&#252;tzen. Entscheidungen wurden unter Einbeziehung von   Gewerkschaften, Vertrauensleuten und der Labour Party get&#228;tigt.<\/p>\n<p>  Zur Unterst&#252;tzung des Stadtrates wurden Streiks, stadtweite   Generalstreiks und Massendemonstrationen durchgef&#252;hrt. 25.000   marschierten im November 1983 durch Liverpools Stra&#223;en, um ihren   Stadtrat zu unterst&#252;tzen. 1985 waren es sogar 50.000.<\/p>\n<p>  <b>Sieg im Jahr 1984 <\/b><\/p>\n<p>  Die Auseinandersetzung um den Haushalt des Jahres 1984 gewann der   Liverpooler Labour Stadtrat. Die Regierung gab unter dem massenhaften   Druck nach und stellte viele Millionen Pfund zur Verf&#252;gung. Nach   Berechnungen des Stadtrates war die Vereinbarung 60 Millionen Pfund   wert. Nur in zwei Fragen musste der Stadtrat kleine Zugest&#228;ndnisse   machen. Labour hatte eine Senkung der Mieten in kommunalen Wohnungen von   zwei Pfund pro Woche versprochen, musste aber feststellen, dass die   Sozialhilfeempf&#228;ngerInnen diese Ersparnis sofort von ihrer Sozialhilfe   abgezogen bekommen h&#228;tten. Stattdessen beschloss der Stadtrat dann,   allen MieterInnen eine Renovierungspauschale zu zahlen, was aber durch   ein neues Gesetz der Zentralregierung verhindert wurde. Bei dieser Frage   musste der Stadtrat nachgeben, verf&#252;gte aber ein Einfrieren der Mieten   f&#252;r kommunale Wohnungen. Ebenso musste der Stadtrat die Geb&#252;hren f&#252;r   Wohnungseigent&#252;merInnen um acht Prozentpunkte mehr erh&#246;hen, als er   angek&#252;ndigt hatte (17 Prozent statt 9 Prozent). Diese Erh&#246;hung machte   allerdings nur 45 bis 50 Pence pro Woche aus (und viele Sozialhilfe- und   Arbeitslosengeldempf&#228;ngerInnen erhielten das zur&#252;ck) und Labour sch&#228;tzte   es als einen gro&#223;en Fehler ein, einen Sieg f&#252;r eine so kleine Summe aus   der Hand zu geben. Tats&#228;chlich sah die gro&#223;e Mehrheit der Arbeiterklasse   und der Gewerkschaften die Vereinbarung als einen gro&#223;en Sieg und in der   Stadt spielten sich Jubel- und Feierszenen ab. Massenversammlungen der   Labour Party, der gewerkschaftlichen Vertrauensleute und von   ArbeiterInnen der Stadtverwaltung stimmten der Vereinbarung zu.<\/p>\n<p>  Nur einige Stimmen am Rande der Arbeiterbewegung brachten es fertig,   diese Vereinbarung als einen &#8222;Ausverkauf&#8220; zu kritisieren. Die Socialist   Workers Party (SWP &#8211; britische Schwesterorganisation von Linksruck)   nannte das Erreichte &#8222;ein paar miese Konzessionen&#8220;. Die Zitate aus dem   Socialist Worker wurden flei&#223;ig von b&#252;rgerlichen Medien und liberalen   Politikern zitiert, um den Stadtrat zu diskreditieren. Es gelang ihnen   nicht. Und bei der entscheidenden Stadtratssitzung wurden die Mitglieder   der SWP von den dort massenhaft anwesenden Besch&#228;ftigten der   Stadtverwaltung vertrieben.<\/p>\n<p>  <b>Wohnungen, Arbeitspl&#228;tze, Bildung<\/b><\/p>\n<p>  Die Ma&#223;nahmen des Stadtrates von Liverpool sind einzigartig f&#252;r eine   britische Kommune in den achtziger Jahren. Sie sind ein Beweis, dass   Reformen durch Massenk&#228;mpfe erreicht werden k&#246;nnen. Reale Verbesserungen   wurden vor allem im Bereich des Wohnungsbaus, des Bildungswesens, der   Besch&#228;ftigung und der Einbeziehung der Gewerkschaften in   Entscheidungsprozesse erreicht.<\/p>\n<p>  In Liverpool existierten einige der schlimmsten Hochhaus-Slums von ganz   England. Deren Zustand war so katastrophal, dass es billiger war, diese   abzurei&#223;en statt sie zu renovieren. Hinzu kam, dass Untersuchungen   ergeben hatten, dass die BewohnerInnen lieber in H&#228;usern als in   Etagenwohnungen leben wollten.<\/p>\n<p>  So wurden zwischen 1983 und 1987 5.000 neue H&#228;user gebaut und ein neuer   Park errichtet. Tony Mulhearn machte dazu den Scherz: &#8222;Das   Wohnungsbauprogramm war so erfolgreich, dass die meisten Menschen in   Liverpool dachten, Trotzki war ein Bauarbeiter.&#8220;<\/p>\n<p>  Dieses Wohnungsbauprogramm f&#252;hrte zu einer Steigerung der Besch&#228;ftigung   in der Bauindustrie. Nach einer Studie wurden zwischen 1983 und 1986   6489 Arbeitspl&#228;tze durch das Wohnungsbauprogramm geschaffen. Dabei   verfolgte der Stadtrat eine Politik, die vorsah Auftr&#228;ge nur an solche   Firmen zu vergeben, die gewerkschaftliche Rechte akzeptierten und   Sozial- und Gesundheitsstandards einhielten.<\/p>\n<p>  Der Stadtrat f&#252;hrte f&#252;r st&#228;dtische Besch&#228;ftigte die 35-Stunden-Woche und   einen Mindestlohn von 100 Pfund pro Woche ein, wovon 4.000 der am   schlechtesten bezahlten ArbeiterInnen profitierten. Ebenso wurden neue   Arbeits- und Ausbildungspl&#228;tze geschaffen. Auszubildende erhielten eine   garantierte &#220;bernahme nach Beendigung der Ausbildung.<\/p>\n<p>  Auch im Bildungswesen wurden gro&#223;e Verbesserungen erreicht. Das gesamte   Schulwesen der Stadt wurde reorganisiert, was dazu f&#252;hrte, dass   Liverpool zu den St&#228;dten mit den kleinsten Klassengr&#246;&#223;en geh&#246;rte.   Au&#223;erdem wurden sechs neue Vorschulen gebaut und auch die Situation an   den Fachhochschulen verbessert. Hier wurden insbesondere die Rechte der   Studierendengewerkschaft gest&#228;rkt, Lehrmittelfreiheit, kostenlose   Mahlzeiten und Kinderg&#228;rten eingef&#252;hrt.<\/p>\n<p>  Auch die Einbeziehung der Gewerkschaften des &#246;ffentlichen Dienstes ging   in Liverpool weiter, als in jeder anderen Stadt. Diese Frage war   komplizierter, als man annehmen k&#246;nnte. Einerseits hatte der Stadtrat   die Aufgabe die Interessen der gesamten Arbeiterklasse und nicht nur der   st&#228;dtischen Besch&#228;ftigten zu vertreten. Gleichzeitig gab es aber auch   viele Ressortleiter, die von den Liberalen und Konservativen eingestellt   worden waren und gegen die sich die Gewerkschaften zur Wehr setzen   mussten, die aber nicht einfach abgesetzt werden konnten.<\/p>\n<p>  Trotzdem gelang es dem Stadtrat die Gewerkschaften in   Entscheidungsprozesse einzubeziehen, inklusive der Einstellung neuer   Besch&#228;ftigter.<\/p>\n<p>  <b>Gemeinsamer Kampf scheitert<\/b><\/p>\n<p>  Ein wichtiger Faktor f&#252;r den Erfolg des Liverpooler Stadtrates 1984 war   der gleichzeitig stattfindende Streik der Bergarbeiter. Die   Thatcher-Regierung konnte es nicht gleichzeitig mit zwei K&#228;mpfen einer   solch gro&#223;en Dimension aufnehmen. Sie gab in Liverpool nach, um zuerst   die Bergarbeiter zu schlagen und sich sp&#228;ter wieder Militant in   Liverpool widmen zu k&#246;nnen. Dies sollte nach Ende des   Bergarbeiterstreiks geschehen, als die Regierung ihren Ton gegen   Liverpool versch&#228;rfte und aus der Auseinandersetzung einen politischen   Kampf zwischen ihr und den &#8222;Extremisten&#8220; in der Labour Party machte.   Leider erhielt sie dabei Sch&#252;tzendeckung vom rechten Fl&#252;gel und der   F&#252;hrung der Labour Party unter Neil Kinnock.<\/p>\n<p>  Doch bevor diese Kr&#228;fte Liverpool isolieren konnten, sah es zun&#228;chst   danach aus, dass ein gemeinsamer Kampf von &#252;ber 25 Labour-gef&#252;hrten   Stadtr&#228;ten m&#246;glich w&#252;rde, denn nicht nur Liverpool war in einer   desastr&#246;sen finanziellen Lage.<\/p>\n<p>  Diese Labour-Stadtr&#228;te einigten sich auf eine gemeinsame Strategie, die   allerdings nicht die bevorzugte Strategie der Liverpooler Labour Party   war. Die Zentralregierung stellte die Stadtr&#228;te vor die Alternative   massive Geb&#252;hrenerh&#246;hungen oder Sozialk&#252;rzungen und   Arbeitsplatzvernichtung zu beschlie&#223;en. Liverpool argumentierte daf&#252;r,   formell illegale Defizit-Haushalte zu verabschieden, w&#228;hrend die anderen   Labour-Stadtr&#228;te eine Strategie bevorzugten, die vorsah, keine   Geb&#252;hrenerh&#246;hungen und keine Haushalte zu beschlie&#223;en. Aus Gr&#252;nden, die   hier nicht im Detail erkl&#228;rt werden k&#246;nnen, best&#228;tigte sich die Kritik   Liverpools an der letzteren Strategie, die es erschwerte den Kampf zu   vereinheitlichen.<\/p>\n<p>  Die anderen, von linken Reformisten gef&#252;hrten, Stadtr&#228;te gaben im Kampf   gegen die Regierung genau in dem Moment nach, als es ernst wurde. In   einem Stadtrat nach dem anderen scherte ein Teil der Labour-Abgeordneten   aus und beschloss mit den Konservativen und den Liberalen   Geb&#252;hrenerh&#246;hungen und\/oder K&#252;rzungshaushalte. Dies war ganz im Einklang   mit der Aufforderung der nationalen Labour-F&#252;hrung, den Rahmen des   Gesetzes nicht zu verlassen.<\/p>\n<p>  Labour in Liverpool argumentierte anders: &#8222;Better to break the law than   to break the poor&#8220; (sinngem&#228;&#223;e &#220;bersetzung: Besser das Gesetz zu   brechen, als den Armen das R&#252;ckgrat) wurde ihre Leitlinie. Liverpooler   Labour-Stadtr&#228;te und -Parlamentsabgeordnete erkl&#228;rten, dass ohne   illegale Aktionen, niemals gewerkschaftliche Rechte,   Arbeitszeitverk&#252;rzung etc. durchgesetzt worden w&#228;ren. Liverpool war der   einzige Stadtrat, der bereit war, den Kampf bis zum Ende zu f&#252;hren. In   diesem Prozess des Kampfes wurde die Position von Militant in der   Liverpooler Labour Party gest&#228;rkt: bei den Vorstandswahlen im M&#228;rz 1985   erh&#246;hte sich der Anteil von Militant-Unterst&#252;tzerInnen von zehn auf 17   in einem 33-k&#246;pfigen Vorstand.<\/p>\n<p>  <b>Taktische Flexibilit&#228;t<\/b><\/p>\n<p>  Besonders auff&#228;llig ist die taktische Flexibilit&#228;t, die Labour in   Liverpool anwendete. Ob es die Bereitschaft zu minimalen   Teilzugest&#228;ndnissen war, um den gro&#223;en Erfolg 1984 nicht zu gef&#228;hrden   oder die Bereitschaft, um der Einheit mit anderen Stadtr&#228;ten willen eine   andere Kampfstrategie, als die eigentlich bevorzugte, mitzutragen.<\/p>\n<p>  Auch in vielen anderen Fragen, war der Stadtrat bereit Ma&#223;nahmen zu   ergreifen, die ganz im Rahmen des Kapitalismus blieben, aber der   Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse bzw. dem Kampf des Stadtrates   dienten. Dies wurde umgesetzt, ohne jemals auf die Verbindung des   Tageskampfes mit der sozialistischen Perspektive zu verzichten oder   diese auch nur zu vernachl&#228;ssigen.<\/p>\n<p>  So gew&#228;hrte der Stadtrat dem Supermarktkonzern Asda eine Genehmigung zum   Bau eines Supermarktes, weil dies neue Arbeitspl&#228;tze in der Region   schaffen w&#252;rde. Ebenso vollzog der Stadtrat ein Gesch&#228;ft mit   franz&#246;sischen Banken, um finanzielle Mittel zur Fortsetzung des   Wohnungsbauprogramms zu mobilisieren (und die Zentralregierung dadurch   auszutricksen): der vorausgehende liberal-konservative Stadtrat hatte   7.000 kommunale Wohnungen verkauft und die Stadt erhielt dadurch   regelm&#228;&#223;ige langfristige Hypothekenzahlungen Diese Hypothekenzahlungen   wurden an franz&#246;sische Banken verkauft, so dass 30 Millionen Pfund   unmittelbar f&#252;r den Bau neuer Wohnungen eingesetzt werden konnten.<\/p>\n<p>  <b>Der Druck w&#228;chst<\/b><\/p>\n<p>  Durch das Einknicken der anderen Stadtr&#228;te und durch das Ende des   Bergarbeiterstreiks f&#252;hlte sich die Thatcher-Regierung, die b&#252;rgerliche   Presse und die F&#252;hrung der Labour Party unter Neil Kinnock motiviert,   gegen den Stadtrat in die Offensive zu gehen.<\/p>\n<p>  Der Stadtrat seinerseits entschied sich f&#252;r die Verabschiedung eines,   formell illegalen, unausgeglichenen Haushaltsplanes und damit f&#252;r die   Konfrontation mit der Regierung im Kampf f&#252;r mehr finanzielle Mittel.   Das f&#252;hrte in der Folge zu einem Urteil des mit diktatorischen   Vollmachten ausgestatteten Distrikt-Rechnungspr&#252;fers f&#252;r Liverpool, die   49 Labour Stadtr&#228;te mit einer Geldstrafe von 106.000 Pfund zu belegen.<\/p>\n<p>  Die Medien und die Allianz aus kapitalistischen Medien, liberaler und   konservativer Partei und der Labour-F&#252;hrung versuchte nun jede   Gelegenheit zu nutzen, um den Liverpooler Stadtrat mit Schmutz zu   bewerfen und in Misskredit zu bringen. Dabei schreckten sie auch nicht   davor zur&#252;ck, die gesamte Bev&#246;lkerung Liverpools zu beschimpfen.<\/p>\n<p>  Letzteres geschah unter anderem nach der Trag&#246;die beim   Fu&#223;ball-Europacup-Finale zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool im   Br&#252;sseler Heysel Stadion. Auseinandersetzungen zwischen Fangruppen   beider Vereine f&#252;hrten zum Zusammenbruch einer Mauer und dem Tod von 38   italienischen Fans. Der Medien-Tycoon Robert Maxwell &#228;u&#223;erte daraufhin   im Fernsehen: &#8222;Warum sind die Liverpooler Fans durchgedreht? Die Antwort   ist die Militant Tendency, die ein Beispiel gesetzt hat, wie sie   Liverpool &#252;bernommen hat; sie haben gezeigt dass gew&#228;hlte Stadtr&#228;te und   Abgeordnete sich nicht um die Gesellschaft oder zivilisiertes Benehmen   k&#252;mmern. So etwas best&#228;rkt Hooliganismus.&#8220; Immer wieder wurde die Stadt   als ein Ort der Verbrecher, Drogenabh&#228;ngigen und Vandalen dargestellt.   In der Liverpooler Arbeiterklasse f&#252;hrte das nur zu einer weiteren   Solidarisierung mit dem Stadtrat, der im Falle der Heysel-Trag&#246;die   schnell reagierte, auf die sozialen Ursachen von Hooliganismus und die   konkrete Verantwortung der Br&#252;sseler Polizei und der Faschisten auf   beiden Seiten der Fangrupen hinwies und eine Freundschaftsdelegation   nach Turin schickte, die Beziehungen zur italienischen Arbeiterbewegung   aufbaute.<\/p>\n<p>  Im Kampf gegen Militant und den sozialistischen Stadtrat entwickelten   sich die unheilvollsten Allianzen. Als der Londoner Marxist Sam Bond als   Race Relations Officer (Beauftragter f&#252;r die Belange der schwarzen und   asiatischen Bev&#246;lkerung) eingestellt wurde, entwickelte sich eine   Hetzkampagne gegen ihn, die selbst vor der Anwendung von N&#246;tigung,   Bedrohungen und Gewalt nicht zur&#252;ckschreckte.<\/p>\n<p>  Der Black Caucus, eine nicht gew&#228;hlte Gruppe von schwarzen   Mittelklasse-Vertretern, die f&#252;r sich in Anspruch nahmen die schwarze   und asiatische Bev&#246;lkerung der Stadt zu vertreten, sah sich durch Sam   Bond in ihrer Monopolstellung herausgefordert und verlangte seine   Absetzung. Die b&#252;rgerliche Presse und die Liberale Partei beteiligten   sich an dieser Kampagne, die zum Ziel hatte Militant als rassistisch zu   diffamieren. Black Caucus-Unterst&#252;tzer schreckten selbst vor der   Anwendung physischer Gewalt gegen Unterst&#252;tzerInnen des Stadtrates und   N&#246;tigung von Stadtr&#228;ten nicht zur&#252;ck. Ihr Ziel verfehlten sie   allerdings. Im Gegenteil: eine Reihe von Organisationen der schwarzen   und asiatischen Bev&#246;lkerung distanzierten sich vom Black Caucus und   unterst&#252;tzten Sam Bond.<\/p>\n<p>  <b>Taktischer Fehler<\/b><\/p>\n<p>  Der September 1985 war ein Wendepunkt des Kampfes in und um Liverpool.   Die Stadt stand vor der Gefahr, dass ihr das Geld ausgeht, da der Druck   auf die Zentralregierung &#8211; anders als im Vorjahr &#8211; bisher nicht zu einer   Finanzspritze aus London gef&#252;hrt hatte.<\/p>\n<p>  In dieser Situation wurden Vorschl&#228;ge von Seiten der nationalen F&#252;hrung   der Gewerkschaften und der Labour Party gemacht, f&#252;r das   Wohnungsbauprogramm bestimmte Gelder zur L&#246;sung der unmittelbaren   Finanzkrise zu nutzen. Dies h&#228;tte allerdings nicht nur den Verzicht auf   die dringend n&#246;tigen neuen H&#228;user, sondern auch die Vernichtung von   Arbeitspl&#228;tzen in der Bauwirtschaft bedeutet.<\/p>\n<p>  Eine komplizierte Situation entwickelte sich: rechtlich w&#228;re der   Stadtrat dazu verpflichtet gewesen, die Arbeitsvertr&#228;ge mit den   st&#228;dtischen Besch&#228;ftigten in dem Moment zu beenden, in dem die Stadt   kein Geld mehr zur Verf&#252;gung hat. Eine Weigerung, dies zu tun, h&#228;tte die   Stadtr&#228;te pers&#246;nlich haftbar gemacht f&#252;r 23 Millionen Pfund Abfindungen,   die den Besch&#228;ftigten im Falle von Entlassungen (im Gegensatz zur   Arbeitsvertrags-Beendigung) zugestanden h&#228;tten. Eine Weigerung h&#228;tte   ebenfalls die rechtliche M&#246;glichkeit ausgeschlossen, auf den   Finanzm&#228;rkten neue Schulden zu machen, was wiederum im Falle der   Zahlungsunf&#228;higkeit zwangsl&#228;ufig dazu gef&#252;hrt h&#228;tte, dass keine L&#246;hne   mehr h&#228;tten ausgezahlt werden k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Als taktische Ma&#223;nahme, um Zeit zu gewinnen, entschied sich der Stadtrat   daf&#252;r den st&#228;dtischen Besch&#228;ftigten eine Ank&#252;ndigung von einer   Entlassung nach 90 Tagen auszuh&#228;ndigen. Tats&#228;chliche Entlassungen   schloss der Stadtrat nat&#252;rlich aus. Diese Ma&#223;nahme wurde jedoch von den   rechten F&#252;hrern der Gewerkschaften und der Labour Party dazu genutzt,   den sozialistischen Stadtrat wegen angeblich geplanter Entlassungen   anzugreifen. In diesen Chor stimmten die b&#252;rgerlichen Medien und selbst   ultralinke Sektierer ein.<\/p>\n<p>  Die Taktik wurde von den fortgeschrittensten ArbeiterInnen und von   denen, die direkt erreicht wurden verstanden und unterst&#252;tzt. Aber in   der weiteren Arbeiterklasse landesweit und auch unter der Mehrheit der   st&#228;dtischen Besch&#228;ftigten war das nicht der Fall. Diese Schichten der   Arbeiterklasse lie&#223;en sich durch die Medienkampagne und die Propaganda   der rechten Gewerkschaftsf&#252;hrer irritieren. Der Labour Stadtrat hatte   untersch&#228;tzt, wie seine Gegner die Ank&#252;ndigung von Entlassungen   ausschlachten w&#252;rden.<\/p>\n<p>  Das Ergebnis war, dass das Vereinigte Vertrauensleute-Komitee die Taktik   ablehnte. Um die Stadtr&#228;te nicht in eine Situation zu bringen, in der   sie f&#252;r eine Millionensumme pers&#246;nlich haftbar gemacht werden k&#246;nnten,   entschieden sich die GewerkschafterInnen die n&#228;chste Stadtratssitzung zu   blockieren und so eine Entscheidung unm&#246;glich zu machen.<\/p>\n<p>  Die rechten Gewerkschaftsf&#252;hrer konnten ihre Position in dieser   Situation jedoch etwas st&#228;rken und verhinderten einen Vollstreik im   &#246;ffentlichen Dienst, wie er von den Vertrauensleuten vorgeschlagen   worden war. Trotzdem streikten und demonstrierten am 25. September   50.000 &#8222;Liverpudlians&#8220; und dr&#252;ckten so eindrucksvoll ihre Unterst&#252;tzung   f&#252;r den Stadtrat aus.<\/p>\n<p>  <b>Hexenjagd in der Labour Party<\/b><\/p>\n<p>  Die F&#252;hrung der Labour Party unter Neil Kinnock nahm eine andere Haltung   als die Arbeiterklasse Liverpools ein. Anstatt den Stadtrat in seinem   Kampf zu unterst&#252;tzen organisierte sie eine Kampagne gegen dessen   Politik und insbesondere gegen Militant. Diese Kampagne wurde zu einer   regelrechten Hexenjagd und f&#252;hrte zum Ausschluss von Stadtr&#228;ten, wie   Tony Mulhearn und Derek Hatton, aus der Partei und zur Suspendierung   ganzer Lokalverb&#228;nde der Labour Party im Raum Liverpool. Schon 1983   wurde Militant durch die Labour-F&#252;hrung zu einer unerw&#252;nschten   Organisation erkl&#228;rt und wurde der Redaktionsstab, also die nationale   politische F&#252;hrung von Militant, aus der Partei ausgeschlossen. In den   Folgejahren waren Neil Kinnock und andere Labour-F&#252;hrer wie besessen von   dem Gedanken die TrotzkistInnen um Militant loszuwerden. Dabei war ihnen   jedes Mittel recht. Zum Beispiel behauptete der Labour-Funktion&#228;r Roy   Hattersley, in Liverpool habe es bei Militant F&#228;lle &#8222;politischer   Korruption&#8220; gegeben, ohne daf&#252;r irgend einen Beweis anzuf&#252;hren. Dies   f&#252;hrte unter anderem dazu, dass der linke (und nicht zu Militant   geh&#246;rende) Parlamentsabgeordnete Eric Heffer auf einem Vorstandstreffen   der Labour Party wutentbrannt mit der Faust auf den Tisch schlug und an   Hattersley gewendet ausrief: &#8222;Du solltest Dich sch&#228;men. Wenn Du Dich   nicht sch&#228;mst, sch&#228;me ich mich f&#252;r Dich &#8211; Du stinkendes kleines Schwein!&#8220;<\/p>\n<p>  Kinnock und die Labour-Rechten argumentierten immer wieder, dass   Militant ein entscheidender Faktor f&#252;r die Wahlniederlagen von Labour   sei. Nur durch eine Trennung von Militant sei die Parlamentswahl 1987 zu   gewinnen. Die Wahrheit sah anders aus: es war in Liverpool, wo Labour   keine Wahl zwischen 1983 und 1987 verlor und marxistische KandidatInnen   erzielten in der Regel &#252;berdurchschnittliche Wahlergebnisse, auch bei   den Parlamentswahlen 1987.<\/p>\n<p>  Die Haltung der Labour-F&#252;hrung auf nationaler Ebene sollte ein   entscheidender Faktor f&#252;r die Isolierung der Liverpooler Labour Party   und des Stadtrates werden und damit f&#252;r die Niederlage des   sozialistischen Stadtrates im Jahr 1987.<\/p>\n<p>  In den Reihen von Militant fand &#8211; angesichts der gro&#223;en Unterst&#252;tzung in   der Liverpooler Labour Party und der Arbeiterklasse der Stadt auf der   einen Seite und den Aktionen der Labour-F&#252;hrung auf der anderen Seite &#8211;   eine Diskussion &#252;ber die M&#246;glichkeit der Bildung einer unabh&#228;ngigen   Liverpooler Labour Party auf sozialistischer Basis statt. Dies war nach   Ansicht von Derek Hatton eine M&#246;glichkeit auf die Ausschl&#252;sse und die   Hexenjagd gegen Militant zu reagieren und die Kr&#228;fte in Liverpool intakt   zu halten.<\/p>\n<p>  Damals entschied sich Militant nach einer intensiven Diskussion unter   seinen Unterst&#252;tzerInnen gegen einen solchen Schritt. Die Einsch&#228;tzung   der Mehrheit war, dass sicher viele tausende Labour Mitglieder in   Liverpool einen solchen Schritt mitgegangen w&#228;ren und dass es f&#252;r die   nationale Labour-F&#252;hrung schwierig gewesen w&#228;re, eine substanzielle   &#8222;offizielle&#8220; Labour Party zu bilden. Sie bef&#252;rchteten aber, dass ein   solcher Schritt zu einer Trennung zwischen den besten linken   K&#228;mpferInnen und der Partei auf nationaler Ebene gef&#252;hrt h&#228;tte. Sie   sahen vor allem das gro&#223;e Potenzial f&#252;r die Labour Party, als   traditioneller Massenpartei der britischen Arbeiterklasse, und die   Notwendigkeit sich nicht von diesem Potenzial abzukoppeln. Dies h&#228;tte   den Kampf um die politische Ausrichtung der Labour Party erschwert.   W&#228;hrend das 1988 ver&#246;ffentlichte Buch diese Position noch verteidigt,   haben die Autoren sp&#228;ter darauf hingewiesen, dass dies wahrscheinlich   ein Fehler war und Militant mehr Kr&#228;fte h&#228;tte gewinnen k&#246;nnen, wenn dem   Vorschlag Derek Hattons gefolgt worden w&#228;re. Denn die Unterst&#252;tzung f&#252;r   Militant in der Arbeiterklasse wuchs w&#228;hrend die Hexenjagd der   Labour-F&#252;hrung sich versch&#228;rfte. 1986 nahmen &#252;ber 5.000 ArbeiterInnen   und Jugendliche an einer nationalen Gro&#223;veranstaltung von Militant in   der Royal Albert Hall teil. Im Kampf gegen die Ausschl&#252;sse von Mulhearn,   Hatton und anderen wurden im ganzen Land Veranstaltungen organisiert, an   denen &#252;ber 50.000 AktivistInnen teilnahmen. Dieses Potenzial h&#228;tte   wahrscheinlich durch eine unabh&#228;ngige Labour Party Liverpool besser   mobilisiert werden k&#246;nnen. Peter Taaffe weist darauf, unter anderem in   einem Interview von 1997, hin und sagt, dass sich Militant in den   Achtzigern ein St&#252;ck weit in einer &#8222;taktischen Zwangsjacke&#8220; befand. Doch   es ist immer einfacher solche Schlussfolgerungen r&#252;ckblickend zu ziehen.   Die weitere Entwicklung der Labour Party bis hin zu einer durch und   durch b&#252;rgerlichen Partei, die ihre aktive Massenbasis in der   Arbeiterklasse vollst&#228;ndig verliert, war Mitte der achtziger Jahre nicht   vorhersehbar. Nicht zuletzt die Restauration des Kapitalismus in den   damaligen stalinistischen Staaten, hat die Kapitalistenklasse   international in die Offensive gebracht und die Rechtsverschiebung in   der internationalen Sozialdemokratie verst&#228;rkt.<\/p>\n<p>  <b>Ordentlicher R&#252;ckzug und Niederlage vor b&#252;rgerlichem Gericht<\/b><\/p>\n<p>  Trotz der massiven Unterst&#252;tzung in der Liverpooler Arbeiterklasse und   der wiederholten Wahlsiege der Labour Party in Liverpool, konnte der   Kampf in einer Stadt isoliert auf Dauer nicht gewonnen werden.<\/p>\n<p>  Das Buch beschreibt im Detail den ordentlichen R&#252;ckzug, den der   sozialistische Stadtrat antreten musste bis hin zu seiner Amtsenthebung   durch den staatlichen Rechnungspr&#252;fer. Es erkl&#228;rt, wie die MarxistInnen   ihrem Prinzip treu blieben, &#8222;lieber das Gesetz zu brechen, als den Armen   das R&#252;ckgrat&#8220;. Gleichzeitig verfielen sie nicht in Abenteurertum und   brachen das Gesetz nicht leichtfertig, denn sie waren sich bewusst, dass   sie nur erfolgreich sein konnten, wenn solche Schritte von der Masse der   Bev&#246;lkerung nachvollzogen werden konnten.<\/p>\n<p>  Letztlich wurde der Stadtrat des Amtes enthoben und die Stadtr&#228;te mit   Strafgeldern in H&#246;he von mehreren hunderttausend Pfund und dem Entzug   des passiven Wahlrechts f&#252;r f&#252;nf Jahre belegt.<\/p>\n<p>  Das Buch erkl&#228;rt auch, wie selbst MarxistInnen in bestimmten Situationen   dazu gezwungen sein k&#246;nnen, vor b&#252;rgerliche Gerichte zu ziehen, um f&#252;r   ihre Rechte zu k&#228;mpfen &#8211; entweder, weil dort ein Erfolg m&#246;glich ist oder   das Gerichtsverfahren als Propagandainstrument genutzt werden kann.<\/p>\n<p>  Der sozialistische Stadtrat von Liverpool verlor vor den b&#252;rgerlichen   Gerichten, aber nicht vor der Arbeiterklasse der Stadt. Die   Errungenschaften &#8211; die H&#228;user, Parks, Ausbildungs- und Arbeitspl&#228;tze &#8211;   sind und bleiben ein Denkmal f&#252;r sozialistische Kommunalpolitik und   unterstreichen, dass es eine Alternative zur Beteiligung an Sozialabbau   im Falle einer Regierungs&#252;bernahme gibt.<\/p>\n<div align=\"left\">  <\/div>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"line-height: 120%; margin-bottom: 0cm; margin-top: 0.2cm\">  <b>Mehr Infos im Internet:<\/b><br \/><a href=\"http:\/\/www.liverpool47.org\">www.liverpool47.org<\/a><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\" style=\"line-height: 120%; margin-bottom: 0cm; margin-top: 0.2cm\">  <a href=\"http:\/\/www.militant.org.uk\">www.militant.org.uk<\/a><br \/><a href=\"\/?p=10760\">Interview   mit Laurence Coates &#252;ber den Kampf in Liverpool<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Buchbesprechung von &#8222;Liverpool &#8211; a city that dared to fight&#8220;\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[55],"tags":[270,250],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11499"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11499"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11499\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11499"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11499"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11499"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}