{"id":11495,"date":"2006-01-23T11:52:55","date_gmt":"2006-01-23T11:52:55","guid":{"rendered":".\/?p=11495"},"modified":"2006-01-23T11:52:55","modified_gmt":"2006-01-23T11:52:55","slug":"11495","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/01\/11495\/","title":{"rendered":"Brasilien: 100.000 Dollar in der Unterhose"},"content":{"rendered":"<p>Gespr&#228;ch mit Andr&#233; Ferrari, Mitglied im nationalen Vorstand der P-SOL, &#252;ber die Lula-Regierung und die neue Partei Sozialismus und Freiheit <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  1980 war unter dem F&#252;hrer der Metallarbeitergewerkschaft, Lula, in   Brasilien die Arbeiterpartei (PT) gegr&#252;ndet worden. In dieser Zeit,   zwischen 1976 und 1985, herrschte eine Milit&#228;rdiktatur, die PT musste im   Untergrund aufgebaut werden. 2002 wurde Lula zum Pr&#228;sidenten gew&#228;hlt.   Die Politik Lulas seitdem ist durch und durch neoliberal.<br \/>Inzwischen   entwickelt sich unter der PT-Regierung antikapitalistische Opposition:   Die P-SOL liegt nach Umfragen bei acht Millionen Stimmen.<\/p>\n<p>  Stephan Kimmerle sprach f&#252;r die Solidarit&#228;t mit Andr&#233; Ferrari, Mitglied   im nationalen Vorstand der P-SOL und Aktivist von Socialismo   Revolucionario, der Schwesterorganisation der SAV.<\/p>\n<p>  <i>Lateinamerika war international das erste Versuchsfeld des   Neoliberalismus. Wie sieht dessen Bilanz aus?<\/i><\/p>\n<p>  Die k&#246;nnte nicht katastrophaler ausfallen. Anfang der neunziger Jahre   gab es eine Phase, in der gewisse Illusionen verbreitet waren, es k&#246;nnte   eine Stabilisierung der Haushaltslage und der wirtschaftlichen   Entwicklung insgesamt geben. Die Hoffnung also, dass die Sparpakete und   die diversen Runden der &#8220;Haushaltskonsolidierung&#8221; einen gewissen Sinn   machen w&#252;rden. In Brasilien war das, als Cardoso Mitte der Neunziger die   Hyperinflation stoppte.<\/p>\n<p>  Aber das hielt nur kurze Zeit. Die weiteren Auswirkungen der   neoliberalen Politik zeigten sich zu klar: Der Lebensstandard sank, der   soziale Bereich wurde zusammengek&#252;rzt. Sp&#228;testens mit den Auswirkungen   der S&#252;dostasien-Krise auf Lateinamerika zog der Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung   das Fazit: Der Neoliberalismus ist gescheitert.<\/p>\n<p>  Die Pr&#228;sidenten in Lateinamerika, die vor zehn, 15 Jahren f&#252;r   neoliberale Politik standen, wurden abgew&#228;hlt, einer nach dem anderen.   Die Mehrheit sucht verzweifelt nach einer Alternative zum   Neoliberalismus.<\/p>\n<p><i>Als Reaktion darauf wurden linkere   Regierungen ins Amt gebracht, zum Beispiel Lula in Brasilien. 2006 will   er wiedergew&#228;hlt werden. Was brachte Lulas Regierung?<\/i><\/p>\n<p>  Lula da Silva wurde 2002 von 53 Millionen (in einem Land von 180   Millionen Menschen) gew&#228;hlt, um die Politik von Cardoso zu beenden. Das   war der Grund, warum er die Wahl gewonnen hat. Kein anderer. Aber die   Bilanz nach drei Jahren sieht so aus: Nichts Grundlegendes ist unter   Lula in diese Richtung geschehen. Stattdessen setzte er die neoliberale   Politik fort.<\/p>\n<p>  Eines der Projekte der Lula Regierung war zum Beispiel die   &#8222;Rentenreform&#8220;. Die Renten wurden gek&#252;rzt, Anreize zur Privatisierung   der Rentenversorgung geschaffen. Genau damit war die Regierung Cardoso   noch gescheitert. Mit einer &#8222;Universit&#228;ts-Reform&#8220; werden jetzt   &#246;ffentliche Gelder verwendet, um private Unis zu finanzieren.<\/p>\n<p>  Die gesamte Wirtschaftspolitik ist den Interessen des Kapitals   untergeordnet: K&#252;rzungen werden durchgezogen, um die Auslandsschulden zu   bedienen. Allein 2005 wurden 70 Milliarden US-Dollar an Tilgungen und   Schuldendiensten bezahlt &#8211; und gleichzeitig die Sozialausgaben gek&#252;rzt.<\/p>\n<p>  <i>Lula wurde auch mit der Unterst&#252;tzung von GewerkschafterInnen und der   Landlosenbewegung gew&#228;hlt. Welche Unterst&#252;tzung genie&#223;t Lula noch?<\/i> <\/p>\n<p>  Die Landlosenbewegung, MST, moblisierte vor der letzten Wahl f&#252;r Lula.   Jetzt sagt sie klar: Lula hat seine Versprechungen nicht gehalten. Die   MST forderte, einer Million Familien Land zur Verf&#252;gung zu stellen. Die   Regierung hat diese Forderung abgelehnt, aber versprochen, 400.000   Familien mit Land zu versorgen. Aber auch von diesem selbst gesteckten   Ziel ist Lula meilenweit entfernt: Nicht einmal die H&#228;lfte wird erreicht.<\/p>\n<p>  Auch der Gewerkschaftsdachverband, CUT, warb f&#252;r Lula. Der ganze   Dachverband wurde mittlerweile zum Transmissionsriemen f&#252;r die   PT-Regierung. W&#228;hrend die Gewerkschaftsbasis eine kritische Haltung   einnimmt, folgt die F&#252;hrung beinahe blind der Regierung. Beispiel   Rentenreform: Die Besch&#228;ftigten im &#246;ffentlichen Dienst streikten gegen   die Angriffe, 100.000 folgten dem Ausstand. Doch die CUT-F&#252;hrung   unterst&#252;tzte Lula und der Pr&#228;sident des Gewerkschaftsdachverbandes wurde   Lulas Arbeitsminister.<\/p>\n<p>  <i>Heftige Korruptionsaff&#228;ren ersch&#252;ttern mittlerweile die PT. Alle   sollen irgendwie Dreck am Stecken haben &#8211; alle, au&#223;er Lula&#8230;<\/i> <\/p>\n<p>  Im Prinzip ist es unm&#246;glich, zu argumentieren, dass Lula damit nichts zu   tun hat. Die fr&#252;here F&#252;hrung der PT war komplett in Korruptionsf&#228;lle   verstrickt. Lulas rechte Hand war direkt beteiligt und dessen   Parlamentsmandat wurde aufgehoben. Der Vize-Pr&#228;sident bekam eine Million   Real und leitete das Geld in dunkle Kan&#228;le. Der Generalsekret&#228;r der PT   erhielt von einer Bank einen Land Rover geschenkt. Angeblich waren alle   beteiligt &#8211; nur Lula sagt, er wusste nichts davon.<\/p>\n<p>  Interessant ist die Reaktion der rechten Parteien: Sie greifen Lula gar   nicht frontal an. Sie wollen verhindern, das durch eine Demontage Lulas   seine Wirtschaftspolitik in Frage gestellt wird.<\/p>\n<p>  Der Vorteil Lulas ist, dass seine Politik im Parlament unwidersprochen   bleibt. Auch die PSDB (Sozialdemokratie) ist nur eine fiktive   Opposition. Die P-SOL (Partei Sozialismus und Freiheit) versucht hier,   eine starke, linke Opposition aufzubauen und in dieses Vakuum   vorzusto&#223;en.<\/p>\n<p><i>Die Korruption ist aber ein zentrales Thema   der Kritik an der PT.<\/i><\/p>\n<p>  Dazu ein Beispiel: Ein Funktion&#228;r der PT aus der Provinz Cear&#225;, einem   Staat im Norden, wurde mit 100.000 US-Dollar erwischt &#8211; das Geld steckte   in seiner Unterhose. Er war auch der Berater des Bruders des Pr&#228;sidenten   der PT. Auf die Frage, was er mit dem Geld vorhabe, sagte er, er   betreibe in Cear&#225; Landwirtschaft und habe seine Produkte in Sao Paolo   verkauft.<\/p>\n<p>  Danach wurden bei Demos Unterhosen &#252;ber den Hosen getragen, um auf die   Korruption hinzuweisen. Bei einem Streik im &#246;ffentlichen Dienst   argumentierten die Besch&#228;ftigten auch: Solange Ihr Geld f&#252;r Korruption   habt, muss auch Geld f&#252;r unsere L&#246;hne da sein.<br \/>Nat&#252;rlich   sind aber nicht alle F&#228;lle so witzig. M&#252;llfirmen schmieren zum Beispiel   die Kommunen. Auch die PT bekam Geld von Firmen der Abfallwirtschaft.   Zun&#228;chst wurden solche Gelder noch genommen, um Wahlk&#228;mpfe zu   finanzieren; sp&#228;ter lief diese Praxis aus dem Ruder und wurde zur Quelle   privater Bereicherung. In zwei St&#228;dten haben PT-B&#252;rgermeister versucht,   die Schmiergeldzahlungen wenigstens zu begrenzen. Diese B&#252;rgermeister   von San Andre und Campinas wurden beide erschossen.<\/p>\n<p>  <i>Am 3. Oktober 2006 sind nun die Wahlen. Wie wird sich die P-SOL dazu   positionieren?<\/i><\/p>\n<p>  Wir setzen alles daran, eine linke Kandidatur gegen Lula und die rechten   Parteien auf die Beine zu stellen. Von uns, der P-SOL, ging die   Initiative aus, ein &#8222;Soziales B&#252;ndnis der Linken und der Arbeiter&#8220; zu   bilden, um bei der Wahl und bei sozialen Protesten mit der KP   (Kommunistische Partei) und der PSTU (einer sozialistischen Partei)   sowie sozialen Bewegungen zusammen zu arbeiten.<\/p>\n<p>  Sehr wahrscheinlich wird Helena Heloisa die Kandidatin des B&#252;ndnisses um   die Pr&#228;sidentschaft. Sie stand als Abgeordnete schon fr&#252;h gegen Lulas   Politik auf, wurde daf&#252;r aus der PT ausgeschlossen und war eine der   Gr&#252;nderInnen der P-SOL. Der Parteikongress der P-SOL, voraussichtlich im   M&#228;rz, soll die entscheidenden Weichen daf&#252;r stellen.<\/p>\n<p>  <i>Die P-SOL hat 800.000 Unterschriften gesammelt, um als Partei   offiziell zugelassen zu werden. Wie stark ist die P-SOL, wie seid Ihr   f&#252;r die kommenden Anstrengungen ger&#252;stet?<\/i><\/p>\n<p>  Nach Umfragen liegen wir bei f&#252;nf bis sechs Prozent, sollte Helena   Heloisa f&#252;r die P-SOL als Pr&#228;sidentschaftskandidatin gegen Lula   antreten. Das sind acht Millionen Stimmen. Trotzdem ist die P-SOL nach   wie vor eher noch in einer Formierungsphase. Die Parteistrukturen und   -gruppen werden erst aufgebaut. Es gibt keine offiziellen Zahlen &#252;ber   die Mitgliedschaft, gesch&#228;tzt sind es 5.000 &#8211; aber es sind viel mehr   Leute erreichbar.<\/p>\n<p>  In Sao Paolo ist die P-SOL viel besser organisiert als anderswo. Im   Bundesstaat San Paolo gibt es 40 Gruppen und 30 Netzwerke, so hei&#223;en   losere Verbindungen in der Vorbereitung von Gruppen.<\/p>\n<p>  <i>Was f&#252;r ein Programm hat die P-SOL?<\/i><\/p>\n<p>  Das Gr&#252;ndungsprogramm nimmt einen klaren Klassenstandpunkt ein. Es ist   antiimperialistisch, antikapitalistisch und beinhaltet Sozialismus als   Perspektive. Dazu greift es Forderungen nach der R&#252;ckverstaatlichung   privatisierter Bereiche auf, fordert die Verstaatlichung der gro&#223;en   Konzerne der Schl&#252;sselindustrien, den Stopp der Zahlungen der   Auslandsschulden. Lohnerh&#246;hungen, Arbeitszeitverk&#252;rzungen und ein   Investitionsprogramm stehen neben Forderungen nach Geldern f&#252;r Bildung   und Gesundheit sowie einer Agrarreform. Wir wehren uns gegen   Frauenfeindlichkeit und Rassismus sowie gegen die Diskriminierung   jeglicher Minderheiten.<\/p>\n<p>  <i>Du bist Mitglied von Socialismo Revolucionario (SR), der   brasilianischen Schwesterorganisation der SAV. Bei diesem Programm der   P-SOL &#8211; wof&#252;r braucht es da noch eine eigene Organisation?<\/i><\/p>\n<p>  Die P-SOL ist der Versuch, die sozialistische Linke neu zu formieren und   aufzubauen, nachdem ArbeiterInnen und soziale Bewegungen die PT als ihr   Instrument verloren haben. Die P-SOL ist also politisch ein breiteres   Projekt und ist ein gro&#223;er Fortschritt, obwohl die Frage, wie wir eine   sozialistische Gesellschaft erreichen k&#246;nnen, noch nicht ausdiskutiert   oder f&#252;r die P-SOL beantwortet ist.<\/p>\n<p>  Es gibt in der P-SOL eine gro&#223;e Vielfalt und Heterogenit&#228;t. Verschiedene   Str&#246;mungen und Traditionen mit unterschiedlichen Meinungen kommen hier   zusammen.<\/p>\n<p>  F&#252;r SR ist entscheidend, am Wiederaufbau einer Partei f&#252;r ArbeiterInnen   und Jugendliche mitzuwirken. Wir, die SR, sehen unsere Aufgabe   dar&#252;berhinaus darin, als revolution&#228;re Kraft die Ideen des Marxismus zur   Umgestaltung der Gesellschaft voran zu treiben und die P-SOL in die Lage   zu versetzen, eine Strategie zu entwickeln, wie eine andere Gesellschaft   erreichbar wird.<\/p>\n<p>  SR sieht die Notwendigkeit, das Programm der P-SOL auf die konkreten   Bedingungen in Brasilien anzuwenden und ein Aktionsprogramm zu   entwickeln.<\/p>\n<p>  Es gibt auch reformistische Kr&#228;fte in der P-SOL, die daf&#252;r eintreten,   das Programm zu verw&#228;ssern. Wir halten dagegen und setzen uns daf&#252;r ein,   konkrete K&#228;mpfe um Verbesserungen oder Wahlkampagnen mit dem Kampf um   Sozialismus zu verbinden.<br \/>ArbeiterInnen und Jugendliche stehen heute,   nachdem die PT verloren ging, ohne Massenpartei da, um ihre Interessen   zu verteidigen. Da w&#228;re es ein Fehler von uns, nur auf uns, SR, zu   schauen. Beim Aufbau der P-SOL m&#252;ssen aber auch die Lehren der   Entwicklung der PT gezogen werden. Ein marxistischer Pol ist n&#246;tig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gespr&#228;ch mit Andr&#233; Ferrari, Mitglied im nationalen Vorstand der P-SOL,<br \/>\n    &#252;ber die Lula-Regierung und die neue Partei Sozialismus und Freiheit <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[41],"tags":[178],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11495"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11495"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11495\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11495"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11495"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11495"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}