{"id":11493,"date":"2006-01-20T11:39:47","date_gmt":"2006-01-20T11:39:47","guid":{"rendered":".\/?p=11493"},"modified":"2006-01-20T11:39:47","modified_gmt":"2006-01-20T11:39:47","slug":"11493","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/01\/11493\/","title":{"rendered":"&#8222;Der Vorstand will die Angst ausnutzen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Trotz &#8222;Zukunftsvereinbarung&#8220; drohen Entlassungen bei DaimlerChrysler. Ein Gespr&#228;ch mit Betriebsratsmitglied Michael Clauss vom DaimlerChrysler-Werk Untert&#252;rkheim* und Mitherausgeber der oppositionellen Betriebszeitung alternative. Mit ihm sprach Daniel Behruzi <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>Laut Presseberichten sollen bei DaimlerChrysler statt der bisher   bekannten 8 500 nun mehr als 16 000 Arbeitspl&#228;tze vernichtet werden.   Gleichzeitig will man den Konzerngewinn auf &#252;ber neun Milliarden Euro   steigern. Wie empfinden die Besch&#228;ftigten solche Nachrichten?<\/i><\/p>\n<p>  Das ist doch ziemlich entlarvend. Der Masse der Kollegen wird der   Zusammenhang zwischen Personalabbau und Gewinnsteigerung &#8211; mit weniger   Besch&#228;ftigten mehr produzieren und eine h&#246;here Rendite erwirtschaften &#8211;   so klar vor Augen gef&#252;hrt.<\/p>\n<p><i>Die im Sommer 2004   geschlossene &#8222;Zukunftsvereinbarung&#8220; sieht neben Lohnk&#252;rzungen f&#252;r   Neueingestellte und Dienstleister vor, dass keine betriebsbedingten   K&#252;ndigungen ausgesprochen werden sollen. Wie will der Konzern den   Arbeitsplatzabbau denn dann realisieren?<\/i><\/p>\n<p>  Konkrete Aussagen dazu gibt es noch nicht. Die Ank&#252;ndigungen zeigen   aber, dass die &#8222;Zukunftvereinbarung&#8220; die Arbeitspl&#228;tze eben nicht   sichert. Die Schlechterstellung Neueingestellter ist f&#252;r das Unternehmen   ein Anreiz, in den n&#228;chsten Jahren m&#246;glichst viel Personal   auszutauschen. Im Rahmen des angeblich &#8222;sozialvertr&#228;glichen&#8220;   Personalabbaus finden schon seit Wochen Gespr&#228;che statt, in denen das   Management Kollegen zur Annahme der Abfindungen bewegen will.<\/p>\n<p>  Einige Personalchefs drohen damit, dass betriebsbedingte K&#252;ndigungen   nicht ausgeschlossen seien. Und tats&#228;chlich schlie&#223;t der im vergangenen   Jahr geschlossene Vertrag diese nur f&#252;r den Fall aus, dass die Annahmen   der sogenannten strategischen Gesch&#228;ftsfeldplanung eintreffen. Die   Absatzzahlen sind nun aber deutlich nach unten korrigiert worden.   Arbeitsrechtlich w&#228;ren Entlassungen damit m&#246;glich &#8211; im Gegensatz zu den   Behauptungen der IG-Metall- und Betriebsratsspitzen.<\/p>\n<p>  <i>Der Konzern spricht von &#8222;Personal&#252;berhang&#8220;. Gibt es den?<\/i> <\/p>\n<p>  Ganz und gar nicht. Wir haben in den letzten Jahren an vielen Stellen   mit extremer Personalunterdeckung gearbeitet. In vielen Bereichen hatten   die Kollegen im Durchschnitt 200 bis 250 Freischichtstunden, das   entspricht etwa drei bis vier Wochen, auf dem Konto.<\/p>\n<p>  <i>Warum forciert der Konzern dann den Arbeitsplatzabbau?<\/i><\/p>\n<p>  Der Vorstand will die Angst vieler Kollegen, die ganz bewusst gesch&#252;rt   wird, ausnutzen, um die Leistungsschraube noch st&#228;rker anzuziehen.   Au&#223;erdem ist nicht von der Hand zu weisen, dass in den n&#228;chsten   Jahrzehnten durch die technische Entwicklung gro&#223;e   Rationalisierungsfortschritte auf uns zukommen. Nach kapitalistischer   Logik f&#252;hrt das zur stetigen Vernichtung von Arbeitspl&#228;tzen.<\/p>\n<p>  <i>Was w&#228;re die Alternative dazu?<\/i><\/p>\n<p>  Im Grunde stellt dies die Frage nach der &#220;berwindung dieses Systems   insgesamt. Aber auch im Hier und Jetzt w&#228;re Arbeitszeitverk&#252;rzung mit   vollem Lohnausgleich eine Alternative zur Arbeitsplatzvernichtung.<\/p>\n<p>  Der Abbau geht auch bei VW, Opel oder Ford weiter. K&#246;nnte die anstehende   IG-Metall-Tarifrunde nicht zur Klammer des Widerstands verschiedener   Belegschaften werden?<br \/>Jede Tarifauseinandersetzung bietet die Chance,   Bewegung zu initiieren und die Kollegen zum Nachdenken &#252;ber ihr Dasein   als abhh&#228;ngig Besch&#228;ftigte zu bringen. Um diese zu nutzen, ist aber ein   offensives Herangehen notwendig. Das kann ich in der jetzigen Forderung,   die sich irgendwo zwischen viereinhalb und f&#252;nf Prozent bewegt,   allerdings nicht entdecken. Sie liegt noch unter den Forderungen der   letzten Jahre, als wir bekannterma&#223;en Reallohnverluste hinnehmen mussten.<\/p>\n<p>  <i>Dennoch liegt in der Tarifrunde durch die K&#252;ndigung des   &#8222;Lohnrahmentarifvertrags II&#8220;, der unter anderem die &#8222;Steink&#252;hler-Pause&#8220;   beinhaltet, eine Menge Sprengstoff.<\/i><\/p>\n<p>  Das stimmt, aber dieser ist von der IG-Metall-Spitze schon dadurch   wieder herausgenommen worden, dass diese Frage mit der Lohnrunde   vermischt wird, anstatt sofort nach Ablauf der Friedenspflicht Ende   Januar in Arbeitskampfma&#223;nahmen einzutreten. Wir sollen den &#8222;Lohnrahmen   II&#8220; noch einmal bezahlen. Es droht erneut eine Mogelpackung.<\/p>\n<p>  <i>* Angabe dient nur zur Kenntlichmachung der Person<br \/><\/i><br \/><b>Was   Maloche ohne Steink&#252;hler-Pause&#8220; bedeutet <\/b>    <\/p>\n<p>  Juli 2005, im LKW-Werk von DaimlerChrysler in W&#246;rth: &#8222;Hochkonjunktur&#8220;   f&#252;r den Nutzfahrzeugverkauf. Dementsprechend werden im Werk Leute   eingestellt, Ferienarbeiter, befristete, Zeitarbeiter &#252;ber die Firma   Gabis und vereinzelt unbefristete. Viele kommen aus Karlsruhe, mit dem   Auto sind es keine 15 Minuten. Aber weil W&#246;rth hinter dem Rhein liegt,   f&#228;ngt hier ein anderes Bundesland an, Rheinland-Pfalz. Und weil die IG   Metall es in den Siebzigern vers&#228;umt hat, die Regelungen der   &#8222;Steink&#252;hler-Pause&#8220; nicht nur in Nordw&#252;rttemberg und Nordbaden, sondern   auch in anderen Tarifgebieten einzuf&#252;hren, gelten hier diese geregelten   zehn Minuten Erholzeiten pro Stunde nicht&#8230;<\/p>\n<p>  <i>von Stefano Coppi, Stuttgart<\/i><\/p>\n<p>  Ich arbeite an der &#8222;Sto&#223;f&#228;nger-Station&#8220;. Das ist ziemlich am Ende der   Montage, die &#8222;Hochzeit&#8220;, also die Vereinigung von Fahrgestell und   Fahrerhaus ist schon vollzogen, und ein paar Meter weiter rollen die   LKWs, meist Modelle Actros oder Axor, fertig vom Band.<br \/>In der Station   vor mir arbeitet ein Kollege, dem im Werk Sindelfingen ein befristeter   Vertrag nicht verl&#228;ngert wurde. Also bewarb er sich hier in W&#246;rth, zog   alleine in die Pfalz, und pendelt jedes Wochenende nach Stuttgart. Er   montiert Reifen. Seit Monaten macht er diese Station. Er sagt, dass er   jeden Tag fertig ist.<\/p>\n<p>  <i>Ohne &#8222;Steink&#252;hler-Pause&#8220;<\/i><\/p>\n<p>  Den Sto&#223;f&#228;nger montieren wir zu zweit. Das Ganze wird mit einer   Hebemaschine an den LKW gedr&#252;ckt &#8211; es muss genau passen, und alles ohne   Kratzer &#8211; und dann werden die Schrauben reingemacht, besser gesagt   reingeh&#228;mmert, die Kabel von Blinker und Scheinwerfer verbunden, Spoiler   befestigt. Passiert ein Fehler, bei uns oder beim Nebenmann, packen alle   mit an, um ihn zu beheben. Steht das Band oder wird ein Fehler   &#252;bersehen, kommt der Meister und es gibt &#196;rger. Bei den vielen   befristeten Vertr&#228;gen haben die wenigsten Lust, sich mit ihm anzulegen.<\/p>\n<p>  Bei der schweren Arbeit w&#228;ren angemessene Pausen also ein Muss, um   durchzuschnaufen, auf Toilette zu gehen, im Sommer genug Fl&#252;ssigkeit zu   sich zu nehmen. Unsere Arbeitszeit ist von 6 bis 14.30 Uhr. Wir haben   zwei Pausen. Eine von 8.15 bis 8.30 Uhr, und die Mittagspause von 11.30   bis 12 Uhr. Und das ist einfach zu wenig. Alle versuchen in den zwei   Pausen aufs Klo zu gehen, klappt das aber mal nicht, dann geht die   Hektik los, man versucht den Ausfall so gut es geht zu kompensieren.<\/p>\n<p>  <b>Mit Pausenregelung<\/b><\/p>\n<p>  Dezember 2005, im PKW-Werk von DaimlerChrysler in Rastatt   (Baden-W&#252;rt-temberg). Hier wird die A- und B-Klasse produziert. Ich   arbeite an der Schleiflinie, an der die Oberfl&#228;che der Karossen   bearbeitet wird. In den Neunzigern mussten einige KollegInnen eine   Zeitlang im Motorenwerk in Stuttgart-Bad-Cannstatt aushelfen, weil die   Produktion hier runtergefahren wurde. Jetzt hat sich das Blatt gewendet.   Weil beide Modelle guten Absatz haben, arbeiten hier Abordnungen aus   Bremen und aus Sindelfingen. Aus Sindelfingen fahren zu jeder Schicht   zwei Busse nach Rastatt (90 Kilometer), in Bremen wurde eine   Sozialauswahl getroffen, um KollegInnen nach Rastatt zu schicken. Bis   vor kurzem gab es hier noch unbefristete Einstellungen, jetzt nur noch   befristete und Ferienarbeiter. Rastatt liegt im Tarifgebiet Nordbaden,   hier gilt die &#8222;Steink&#252;hler-Pause&#8220;. Das bedeutet f&#252;r uns, dass wir unsere   pers&#246;nlichen Bed&#252;rfnisse in den bezahlten Pausen erledigen k&#246;nnen.   Trinken, Essen, Toilette, Durchschnaufen, in die Kantine gehen und was   einkaufen. Die Regelung wird nicht so gehandhabt, dass exakt nach einer   Stunde zehn Minuten Pause f&#252;r alle ist. Wir arbeiten mit Springer, das   hei&#223;t man wird f&#252;r die Pause abgel&#246;st, die Produktion l&#228;uft weiter. Aber   wir k&#246;nnen uns darauf verlassen, dass im Schnitt alle eineinhalb Stunden   Pause ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz &#8222;Zukunftsvereinbarung&#8220; drohen Entlassungen bei DaimlerChrysler. Ein<br \/>\n    Gespr&#228;ch mit Betriebsratsmitglied Michael Clauss vom DaimlerChrysler-Werk<br \/>\n    Untert&#252;rkheim* und Mitherausgeber der oppositionellen Betriebszeitung<br \/>\n    alternative. 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