{"id":11492,"date":"2006-01-16T11:34:44","date_gmt":"2006-01-16T10:34:44","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11492"},"modified":"2012-06-24T16:10:21","modified_gmt":"2012-06-24T14:10:21","slug":"11492","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/01\/11492\/","title":{"rendered":"Berliner SPD\/PDS-Senat plant Lohnk&#252;rzung, Stellenabbau und       (Teil-)Privatisierung"},"content":{"rendered":"<p>Solidarit&#228;t mit Charit&#233;-Besch&#228;ftigten &#8211; Interview mit Carsten Becker <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>&#8222;Es ist nur der Linkspartei\/PDS im Berliner Senat zu verdanken, dass   Vivantes, die BVG und die Charit&#233; noch &#246;ffentliches Eigentum sind.&#8220; <\/i> So t&#246;nten f&#252;hrende Linkspartei-Funktion&#228;re aus der Hauptstadt beim   PDS-Bundesparteitag im Dezember letzten Jahres in Dresden. Dreister   geht&#8217;s kaum. Ausgerechnet die Senatspolitiker, die sich verantwortlich   daf&#252;r zeichnen, dass eine Belegschaft nach der anderen mit der   Privatisierungsdrohung zu Lohnverzicht erpresst wird, preisen sich im   Vorfeld des Wahlkampfes zum Abgeordnetenhaus als Privatisierungsgegner.<\/p>\n<p>  <i>von Daniel Behruzi, Berlin<\/i><\/p>\n<p>  &#8211; Vivantes: Erst drohte der Berliner Senat den 13.000 Besch&#228;ftigten des   Krankenhauskonzerns mit der Zerschlagung oder Komplettprivatisierung   falls, dass diese nicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichteten.<\/p>\n<p>  &#8211; BVG: Dann erzwang die Landesregierung auf gleiche Weise bei den   Verkehrsbetrieben Lohnk&#252;rzungen von acht Prozent f&#252;r Alt- und 25 Prozent   f&#252;r Neubesch&#228;ftigte.<\/p>\n<p>  &#8211; Charit&#233;: Und jetzt ist das Uniklinikum Charit&#233; an der Reihe: Um rund   32 Millionen Euro sollen die Einkommen gek&#252;rzt werden, angeblich um eine   prognostizierte (also noch gar nicht eingetretene!) finanzielle Notlage   zu vermeiden.<\/p>\n<p>  Im Fall der Charit&#233; bleibt der &#8222;rot-rote&#8220; Senat nicht dabei stehen, mit   der Privatisierung zu drohen.<\/p>\n<p>  <b>Privatisierungskurs<\/b><\/p>\n<p>  Etwa 1.000 ArbeiterInnen werden in das Tochterunternehmen &#8222;Facility   Management Charit&#233;&#8220; &#252;berf&#252;hrt, das wiederum zu 49 Prozent an ein   privates Konsortium verh&#246;kert wird. Andere Bereiche sollen sogar   komplett verkauft werden.<\/p>\n<p>  Aber schon eine Teilprivatisierung bedeutet, dass der Betrieb der   Profitlogik unterworfen wird. Die Gesundheitsversorgung der Bev&#246;lkerung   und die Interessen der Besch&#228;ftigten stehen nur noch an zweiter Stelle.<\/p>\n<p>  Die Komplettprivatisierung kann durch Lohnverzicht keinesfalls   verhindert werden. Im Gegenteil: Lohnk&#252;rzung und Stellenabbau machen die   Charit&#233; f&#252;r private Profithaie noch attraktiver.<\/p>\n<p>  <b>Erpressung durch SPD\/PDS-Senat<\/b><\/p>\n<p>  PDS-Senator und Aufsichtsratsvorsitzender Thomas Flierl droht nicht nur   mit Privatisierung, sondern auch mit der Entlassung von mindestens 3.000   Besch&#228;ftigten. Gegen diese Erpressungsstrategie ist Widerstand angesagt.   Mit mehreren Warnstreiks haben die KollegInnen des Uniklinikums ihren   Unmut bereits kundgetan. Doch das wird nicht reichen, um den seit 2003   bestehenden tariflosen Zustand &#8211; der f&#252;r Neueingestellte l&#228;ngere   Arbeitszeiten bei weniger Geld bedeutet &#8211; zu beenden. Die Besch&#228;ftigten   der vier baden-w&#252;rttembergischen Unikliniken haben im Herbst gezeigt,   dass auch in Krankenh&#228;usern Erzwingungsstreiks m&#246;glich sind.<\/p>\n<p>  Die Charit&#233;-KollegInnen d&#252;rfen in diesem Konflikt nicht allein gelassen   werden. Die Berliner Wahlalternative &#8211; Arbeit &amp; soziale Gerechtigkeit   (WASG) unterst&#252;tzt die Besch&#228;ftigten tatkr&#228;ftig &#8211; mit eigenen   Flugbl&#228;ttern, Plakaten und Infost&#228;nden. Au&#223;erdem beteiligt sich die   Berliner WASG an den Protestaktionen, am Aktionskomitee &#8222;Gesunde   Charit&#233;&#8220; und f&#252;hrt Unterschriftensammlungen durch.<\/p>\n<p>  Alle sind als potenzielle PatientInnen von den K&#252;rzungen betroffen. Auch   andere &#246;ffentliche Betriebe sind von Privatisierung bedroht. Die   Gewerkschaft ver.di muss ihre Organisationskraft endlich nutzen, um alle   Betroffenen gemeinsam gegen Lohn- und Sozialraubraub zu mobilisieren.<\/p>\n<p><b> &#8222;Berliner Senat droht mit K&#252;ndigungen&#8220;<\/b><br \/><i>Ein Gespr&#228;ch   mit Carsten Becker<\/i><\/p>\n<p>  <i>Ein zentraler Punkt der Auseinandersetzungen zwischen Linkspartei\/PDS   und Wahlalternative WASG in Berlin ist das Vorgehen des SPD\/PDS-Senats   am Uniklinikum Charit&#233;. Was kritisieren die Besch&#228;ftigtenvertreter daran?<\/i> <\/p>\n<p>  Seit Beginn der Verhandlungen Anfang 2005 verbinden sowohl der   Charit&#233;-Vorstand als auch der Senat als Eigent&#252;mer ihre Forderung nach   einem Absenkungstarifvertrag best&#228;ndig mit der Drohung, betriebsbedingte   K&#252;ndigungen auszusprechen. Zwar &#228;ndern sich die Zahlen immer wieder &#8211;   mal hie&#223; es, die Besch&#228;ftigten m&#252;ssten auf 40 Millionen Euro im Jahr   verzichten, um eine &#8222;Notlage&#8220; der Charit&#233; abzuwenden, jetzt ist noch von   etwas &#252;ber 20 Millionen die Rede &#8211;, grunds&#228;tzlich geht es aber darum,   die Universit&#228;tsmedizin in Berlin &#8222;konkurrenzf&#228;hig und profitabel&#8220; zu   machen.<\/p>\n<p>  <i>Was ist daran schlecht?<\/i><\/p>\n<p>  Die Charit&#233; ist eine &#246;ffentliche Krankenhausanstalt, die in erster Linie   der Gesundheitsversorgung und der medizinischen Lehre und Forschung in   dieser Stadt dient &#8211; und nicht dem Profitinteresse. Lohnk&#252;rzungen und   Personalabbau im Sinne der &#8222;Wirtschaftlichkeit&#8220; schaden sowohl den   Patienten als auch den Besch&#228;ftigten. Letztere erhalten durch die   Tarifflucht des Landes Berlin ohnehin bereits rund 20 Millionen Euro   weniger im Jahr. Zudem bekommen alle Neueingestellten seit 2003 kein   Urlaubs- und Weihnachtsgeld mehr und m&#252;ssen 40 statt bisher 38,5 Stunden   in der Woche arbeiten.<\/p>\n<p>  <i>Der Aufsichtsratsvorsitzende und PDS-Senator Thomas Flierl droht   indirekt mit dem Verkauf des Uniklinikums f&#252;r den Fall, dass   Einkommensk&#252;rzungen nicht akzeptiert werden. Kann Lohnverzicht die   Privatisierung tats&#228;chlich verhindern?<\/i><\/p>\n<p>  Das sehen wir nicht. In dem am 15. Dezember 2005 vom Berliner   Abgeordnetenhaus verabschiedeten Universit&#228;tsmedizingesetz ist eine   Komplettprivatisierung zwar nicht vorgesehen, aber jede neue Regierung   nach der Abgeordnetenhauswahl 2006 kann nat&#252;rlich anders entscheiden.   Aber auch das jetzige Unternehmenskonzept sieht die Privatisierung von   Teilbereichen vor. So wurde der gesamte Arbeiterbereich in das   Tochterunternehmen &#8222;Facility Management Charit&#233;&#8220; ausgegliedert. Ein   privates Konsortium wird 49 Prozent der Anteile &#252;bernehmen. In anderen   Bereichen soll die Charit&#233; k&#252;nftig gar weniger als 50 Prozent der   Anteile halten.<\/p>\n<p>  <i>PDS-Politiker argumentieren, die Haushaltsnotlage Berlins zwinge den   Senat zu diesen Ma&#223;nahmen.<\/i><\/p>\n<p>  K&#252;rzungen kann man nur einmal vornehmen. Der jetzige Senat hat die   ehemals zwei Berliner Unikliniken bereits zusammengelegt und die   Landesmittel f&#252;r Lehre und Forschung um 98 Millionen Euro gek&#252;rzt. Die   Krankenversorgung wird aber nicht vom Land Berlin, sondern von den   Krankenkassen finanziert. Deshalb ist &#252;berhaupt nicht einzusehen, warum   der Spardruck des Senates in irgendeiner Form Auswirkung auf die   tariflichen Regelungen in der Charit&#233; haben sollte.<\/p>\n<p>  <i>Die Besch&#228;ftigten haben bereits mit mehreren Warnstreiks gegen   Lohnk&#252;rzungen und Arbeitsplatzvernichtung protestiert. Wie geht es   weiter?<\/i><\/p>\n<p>  Die Gewerkschaftsmitglieder der Charit&#233; haben auf ihrer   Mitgliederversammlung k&#252;rzlich einstimmig beschlossen, gemeinsam mit   allen anderen Universit&#228;tsklinika einen bundesweiten Fl&#228;chentarifvertrag   anzustreben. Alle Krankenh&#228;user leiden, unter anderem wegen der   Ver&#228;nderung des Finanzierungsystems hin zu sogenannten Fallpauschalen,   an einer Unterfinanzierung, die von den Besch&#228;ftigten nicht durch   weiteren Lohnverzicht ausgeb&#252;gelt werden kann.<\/p>\n<p>  <i>Die Belegschaften der vier baden-w&#252;rttembergischen Unikliniken haben   gezeigt, dass auch in diesem gewerkschaftlich schw&#228;cher organisierten   Bereich Erzwingungsstreiks m&#246;glich sind. Gilt das auch f&#252;r Berlin?<\/i> <\/p>\n<p>  Die Streikbereitschaft ist gro&#223; und das Interesse an dem erfolgreichen   Arbeitskampf in Baden-W&#252;rttemberg nat&#252;rlich ebenfalls. ver.di und das   Aktionsb&#252;ndnis &#8222;Gesunde Charit&#233;&#8220; werden Anfang n&#228;chsten Jahres   Veranstaltungen mit KollegInnen aus Baden-W&#252;rttemberg durchf&#252;hren, damit   wir von den dort gemachten Erfahrungen profitieren. Ich sehe den Streik   im S&#252;dwesten als Signal &#8211; nicht nur in den Krankenh&#228;usern, sondern an   ver.di insgesamt &#8211;, dass man nicht mehr nur auf die klassischen   kampfstarken Bereiche guckt. &#220;berall&#160; gilt: Lohnverzicht kann keine   Arbeitspl&#228;tze retten. Das haben wir auch in diversen Berliner Betrieben   gesehen. Beispiel Samsung: Dort haben die Kollegen Anfang des Jahres auf   zw&#246;lf Prozent verzichtet und jetzt mussten sie trotzdem gegen die   Schlie&#223;ung k&#228;mpfen.<\/p>\n<p>  <i>Die Charit&#233; ist nicht der einzige von Privatisierung und Lohnraub   betroffene Betrieb in der Hauptstadt. Wie k&#246;nnte die Gewerkschaft den   Widerstand dagegen besser koordinieren?<\/i><\/p>\n<p>  Unsere ver.di-Betriebsgruppe hat im Berliner Bezirksvorstand erfolgreich   den Antrag eingebracht, Anfang 2006 eine Konferenz aller von   Privatisierung betroffenen Belegschaften zu organisieren, um eine   gewerkschaftliche Gegenstrategie zu entwickeln. Auch in der Bev&#246;lkerung   ist die Erkenntnis gewachsen, dass Privatisierung kein Allheilmittel ist   und die &#246;ffentliche Versorgung gew&#228;hrleistet sein muss. Das sehen wir an   der breiten Unterst&#252;tzung f&#252;r uns, aber beispielsweise auch f&#252;r die   Kollegen der Berliner S-Bahn.<\/p>\n<p>  <i>Ist das Grundproblem nicht, dass ver.di mittlerweile selbst den   &#8222;Wettbewerb zwischen den Gesundheitsanbietern&#8220; bef&#252;rwortet und keine   grunds&#228;tzliche Haltung gegen Privatisierung mehr hat?<\/i><\/p>\n<p>  Das stimmt leider. Andererseits haben wir den Eindruck, dass hier unter   dem Druck der Besch&#228;ftigten St&#252;ck f&#252;r St&#252;ck ein Umdenken stattfindet.   Langsam wird klar, dass man durch Zugest&#228;ndnisse nichts erreichen kann,   sondern dass man seine Interessen aus eigener Kraft durchsetzen muss. In   diese Richtung geht auch das &#8211; durch den erfolgreichen Streik in   Baden-W&#252;rttemberg sicherlich bef&#246;rderte &#8211; Vorhaben, alle   Universit&#228;tsklinika gemeinsam in die Auseinandersetzung zu f&#252;hren. Falls   es hier gelingt, einen einheitlichen Fl&#228;chentarifvertrag zu erk&#228;mpfen,   w&#228;re das ein Meilenstein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Solidarit&#228;t mit Charit&#233;-Besch&#228;ftigten &#8211; Interview mit Carsten Becker <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[75,83],"tags":[178],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11492"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11492"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11492\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11492"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11492"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11492"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}