{"id":11491,"date":"2006-01-14T11:31:51","date_gmt":"2006-01-14T11:31:51","guid":{"rendered":".\/?p=11491"},"modified":"2006-01-14T11:31:51","modified_gmt":"2006-01-14T11:31:51","slug":"11491","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/01\/11491\/","title":{"rendered":"Imperialistischer Konkurrenzkampf um Energiequellen"},"content":{"rendered":"<p>Hintergrund des russisch-ukrainischen Gas-Konfliktes <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Mit der Unterbrechung der Lieferung von Gas aus Russland in die Ukraine   erreichte der schon seit langem bestehende Konflikt der beiden   Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion am 1. Januar einen   vorl&#228;ufigen H&#246;hepunkt. Putin hatte den Gashahn zugedreht, nachdem die   ukrainische Regierung sich weigerte, eine vom russischen   Staatsunternehmen Gasprom geplante Verf&#252;nfachung des&#160; Preises und damit   &#252;ber Nacht den Weltmarktpreis zu zahlen.<\/p>\n<p>  <i>von Marcus Hesse, Aachen<\/i><\/p>\n<p>  Am 4. Januar kam es zu einer Einigung. Gasprom nimmt seine Lieferungen   an die Ukraine wieder auf und verkauft Gas an die Handelsgesellschaft   Rosukrenergo. &#220;ber diese soll Kiew das Gas dann f&#252;r 95 Dollar (also   teurer als bisher, aber nicht die angedrohten 230 Dollar) pro 1.000   Kubikmeter erwerben.<\/p>\n<p>  Gleichzeitig beschuldigt Russland die Ukraine, illegal Gas von   russischen Pipelines angezapft zu haben. Regierungschef Juschtschenko   kreidet Putin hingegen an, mit seinem Vorgehen bei der anstehenden   Parlamentswahl im M&#228;rz Russlands Kandidaten Janukowitsch Sch&#252;tzenhilfe   zu leisten. Da die Ost-Ukraine &#246;konomisch mit Russland verflochten ist   und einen gro&#223;en russischst&#228;mmigen Bev&#246;lkerungsanteil hat, k&#246;nnten sich   die Konflikte innerhalb der Ukraine versch&#228;rfen.<\/p>\n<p>  Die Brisanz bleibt: Der ukrainische Gasverbrauch wird immerhin zu einem   Viertel aus Russland importiert. Die wichtigsten Exportleitungen f&#252;r   russisches Erdgas nach Mittel- und Osteuropa laufen durch die Ukraine.   Die Ostsee-Pipeline, die von Russland direkt nach Deutschland verl&#228;uft,   wird erst 2010 fertiggestellt sein.<\/p>\n<p>  <b>Kapitalistische Cliquen in den Staaten der Ex-Sowjetunion<\/b><\/p>\n<p>  Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kamen in den Teilrepubliken   Cliquen an die Macht, die das Staatseigentum pl&#252;nderten, privatisierten   und eine eigene Machtbasis aufbauten. Diese setzten sich aus Vertretern   der einstigen stalinistischen B&#252;rokratie zusammen, zu ihnen stie&#223;en aber   auch kapitalistische Neureiche. Um ihre Positionen zu st&#228;rken, bedienen   sie sich zunehmend des Nationalismus.<\/p>\n<p>  In allen Nachfolgestaaten der einstigen Sowjetunion hat die   Wiedereinf&#252;hrung des Kapitalismus katastrophale soziale Folgen   hervorgebracht. So ist die Lebenserwartung im Schnitt um zehn Jahre   gesunken.<\/p>\n<p>  <b>Russlands imperialistische Ambitionen<\/b><\/p>\n<p>  In den letzten 15 Jahren hatte es des &#246;fteren Konflikte zwischen   Russland und der Ukraine gegeben. So vor allem um den Zugang zu den   Seeh&#228;fen des Schwarzen Meeres und um die Verf&#252;gung &#252;ber die dort   stationierte Schwarzmeerflotte.<\/p>\n<p>  Der ukrainische Pr&#228;sident Juschtschenko leitete nach der &#8222;orangenen   Revolution&#8220; eine Politik der verst&#228;rkten West-Orientierung ein. Ein   r&#252;cksichtloser neoliberaler Kurs im Inneren geht dabei einher mit einer   Ann&#228;hrung an die EU und an die NATO. Ziel ist es, sich au&#223;enpolitisch   von Russland zu l&#246;sen und Teil der &#8222;westlichen Staatengemeinschaft&#8220; zu   werden.<br \/>Dagegen setzt Russland unter Putin darauf, seinen   Nachbarstaaten wieder enger an sich zu binden. Russland verfolgt   imperialistische Ziele und will weiterhin zumindest regional   dominierende Gro&#223;macht bleiben. Mit einem Ende der verbilligten   Gasimporte in die Ukraine (die noch ein &#220;berbleibsel der Sowjetzeit   sind), wollte Putin Kiew in die Knie zwingen.<\/p>\n<p>  <b>Interessen des US-Imperialismus und der EU-Staaten<\/b><\/p>\n<p>  Gleichzeitig sollte ein Warnsignal an Wei&#223;russland und andere Republiken   gesendet werden, nicht auszuscheren. Im &#252;brigen wurden die Gaspreise   nicht nur gegen&#252;ber der Ukraine erh&#246;ht, sondern auch gegen&#252;ber Georgien,   Armenien, Aserbaidschan, Moldawien und den baltischen Staaten. Zudem ist   der Kreml ernsthaft dar&#252;ber besorgt, dass es dem US-Imperialismus   gelingen k&#246;nnte, nicht nur neue Vasallenstaaten zu schaffen, sondern   auch weitere milit&#228;rische St&#252;tzpunkte in der Region zu errichten.<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich ist es heuchlerisch, wenn europ&#228;ische Apologeten der   Marktwirtschaft Russland daf&#252;r angreifen, dass Marktpreise verlangt   werden. Generell sind die herrschenden Klassen innerhalb der   Europ&#228;ischen Union jedoch, wie der Gas-Konflikt erneut widerspiegelte,   bez&#252;glich ihrer Positionierung uneinig. Blair, Berlusconi und vor allem   Regierungen Osteuropas wie Polen setzen auf das B&#252;ndnis mit dem Wei&#223;en   Haus. Andere Kr&#228;fte, vor allem das b&#252;rgerliche Establishment Frankreichs   haben dagegen einen Konfrontationskurs eingeschlagen. W&#228;hrend Schr&#246;der   in dieser Frage den Schulterschluss mit Chirac suchte (um gleichzeitig   &#252;ber die Vorherrschaft innerhalb der EU zu streiten), ist Merkel bem&#252;ht,   vorsichtiger zu agieren.<\/p>\n<p>  <b>Strategische Bedeutung der Ressourcen <\/b>    <\/p>\n<p>  Angesichts der Knappheit von Ressourcen wie &#214;l und Gas spielt die Frage   der Verf&#252;gungsgewalt dar&#252;ber eine zunehmend gr&#246;&#223;ere Rolle im   imperialistischen Konkurrenzkampf. Das zeigt nicht nur der aktuelle   Gas-Streit, sondern auch Bushs Irak-Krieg. In den Wehrpolitischen   Richtlinien der Bundeswehr ist sogar nachzulesen, dass es bei den   Bundeswehreins&#228;tzen im Ausland um den &#8222;ungehinderten Zugang zu   Rohstoffen&#8220; geht.<br \/>Der Zugang zu Kohle und Erz auf europ&#228;ischer   Ebene war ein wesentlicher Faktor f&#252;r den I. Weltkrieg. &#196;hnliche   Konflikte um Rohstoffe r&#252;cken heute auf Weltebene n&#228;her &#8211; auch wenn auf   &#252;berregionaler Ebene auf absehbare Zeit kein &#8222;hei&#223;er Krieg&#8220; zu erwarten   ist.<\/p>\n<p>  Die Mitglieder der EU importieren heute 70 Prozent ihres Erd&#246;ls und 40   Prozent ihres Erdgases, Tendenz steigend. Da Russland &#252;ber ein Viertel   der Weltreserven an Gas verf&#252;gt, kommt ihm eine Schl&#252;sselrolle zu.   Schr&#246;der verst&#228;rkte deshalb die Bindung an Russland. Nun will er auch   noch den Aufsichtsratsvorsitz des Konsortiums der Ostsee-Pipeline   &#252;bernehmen. Aufgrund der j&#252;ngsten Gas-Politik Putins argumentieren Teile   des deutschen Kapitals daf&#252;r, das Abh&#228;ngigkeitsverh&#228;ltnis zu lockern.   Das hat nur einen Haken. Der kaspische Raum, Nordafrika und die   Golfstaaten sind politisch sehr instabil. Au&#223;erdem trifft der deutsche   Imperialismus hier auf zahlreiche Konkurrenten.<\/p>\n<p>  Nach dem Zusammenbruch des Stalinismus hie&#223; es seitens der B&#252;rgerlichen,   dass nun weltweit Menschenrechte, Demokratie und Frieden auf dem   Vormarsch w&#228;ren. 15 Jahre sp&#228;ter werden in Putins Russland (ob Abbau   demokratischer Rechte oder Tschetschenien-Krieg) Menschenrechte mit   F&#252;&#223;en getreten; aber auch in vielen anderen kapitalistischen Staaten   werden nicht nur die Lohnabh&#228;ngigen ausgebeutet und politische   Einflussm&#246;glichkeiten extrem eingeschr&#228;nkt, sondern selbst der   b&#252;rgerliche Parlamentarismus geschw&#228;cht. W&#228;hrend der Ost-West-Gegensatz   milit&#228;rische Auseinandersetzungen im Zaum gehalten hat, werden diese   heute offener und zumindest auf regionaler Ebene potenziell auch   bewaffnet ausgetragen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hintergrund des russisch-ukrainischen Gas-Konfliktes <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46],"tags":[178],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11491"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11491"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11491\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11491"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11491"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11491"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}