{"id":11482,"date":"2005-12-23T13:08:10","date_gmt":"2005-12-23T13:08:10","guid":{"rendered":".\/?p=11482"},"modified":"2005-12-23T13:08:10","modified_gmt":"2005-12-23T13:08:10","slug":"11482","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/12\/11482\/","title":{"rendered":"&#8222;Das ganze politische System hat sich ver&#228;ndert&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit Rotem Michaeli, Vorstandsmitglied der sozialistischen Gruppe Maavak Sozialisti in Israel <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <i>Die Wahl des Gewerkschaftsf&#252;hrers Peretz zum F&#252;hrer der Arbeitspartei   war eine gro&#223;e &#220;berraschung. Was steckt dahinter?<\/i><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Rotem Michaeli: Peretz hat bei seiner Kandidatur f&#252;r die Vorwahlen der   Arbeitspartei eine linke Rhetorik benutzt. Er hat Themen wie   Mindestlohn, Renten und die Rolle der Zeitarbeitsfirmen in der   israelischen Wirtschaft aufgegriffen. Sein Sieg ist Ausdruck der Wut der   &#8222;israelischen Stra&#223;e&#8220;, also der arbeitenden und arbeitslosen   Bev&#246;lkerung, nach Jahren von wirtschaftlicher Krise.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Gleichzeitig ist der Unterschied zwischen der Arbeitspartei und der   anderen gro&#223;en b&#252;rgerlichen Partei Likud nicht besonders gro&#223;. Und die   Forderung von Peretz nach einer Wiederaufnahme des Osloer Abkommens ist   nicht popul&#228;r, denn viele Menschen sehen in dem Scheitern von Oslo den   Grund f&#252;r die Selbstmordanschl&#228;ge der zweiten Intifada und auch eine   Basis f&#252;r die Auslagerung vieler Teile der israelischen Industrie in   arabische L&#228;nder, wie zum Beispiel der Textilindustrie nach Jordanien.   Auf der pal&#228;stinensischen Seite endete der Oslo-Prozess, dessen Inhalt   man nur als neo-kolonial bezeichnen kann, in Massenarmut im Gebiet der   Pal&#228;stinensischen Autonomiebeh&#246;rde.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <i>Aber Peretz schl&#228;gt auch einen anderen Ton in Sicherheitsfragen an?<\/i> <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  RM: Er hat versprochen Parteien der israelischen Pal&#228;stinenserInnen in   eine Regierung aufzunehmen, was ein Novum in der Geschichte w&#228;re.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <i>Welche Wirkung hat der Erfolg von Peretz?<\/i><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  RM: Das ganze politische System hat sich ver&#228;ndert. Die Arbeitspartei   hat 20.000 bis 25.000 neue Mitglieder gewonnen, das ist ein Wachstum um   25 Prozent. Die Regierung hat als Reaktion ein Programm zur Bek&#228;mpfung   der Armut gestartet. Dieses ist zwar mit etwas &#252;ber zwei Milliarden Euro   f&#252;r sechs bis sieben Jahre ein Witz, dr&#252;ckt aber trotzdem den Druck aus,   der sich entwickelt.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Peretz spricht &#246;ffentlich das Schicksal von Arbeitslosen an, die ihre   Familien nicht mehr ern&#228;hren k&#246;nnen, von RentnerInnen, denen die   Pensionen gek&#252;rzt wurden. In mancher Hinsicht hat die einfache   Bev&#246;lkerung ein St&#252;ck ihres Stolzes wieder erlangt.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  In den Meinungsumfragen war die Arbeitspartei schnell nach oben   geschnellt. Scheinbar war Peretz davon selber so beeindruckt, dass er   seine soziale Rhetorik stoppte, was sich auch schnell in einem R&#252;ckgang   in den Umfragen ausdr&#252;ckte.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <i>Was ist denn von ihm zu erwarten?<\/i><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  RM: Man sollte seine Geschichte als Gewerkschaftsf&#252;hrer nicht vergessen.   Auch hatte er schon vor einigen Jahren eine eigene Partei gegr&#252;ndet, die   sich eine Zeit lang an der Scharon-Regierung beteiligte. Er wird oft als   Sozialist bezeichnet und daf&#252;r angegriffen, doch das ist er nicht.   Allerdings sind viele Menschen, die sich als Sozialistinnen und   Sozialisten verstehen, nun in die Arbeitspartei eingetreten. Der Begriff   taucht wieder h&#228;ufiger auf. Auch in ungew&#246;hnlichen Zusammenh&#228;ngen. So   bezeichnet sich ein Gesch&#228;ftsmann, der der Arbeitspartei beigetreten   ist, als &#8222;Sozialisten-Million&#228;r&#8220;. Das ist etwas Neues f&#252;r das politische   System in Israel.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Die weitere Entwicklung von Peretz und der Arbeitspartei, die ja   traditionell die Interessen der israelischen Kapitalistenklasse   vertritt, wird davon abh&#228;ngig sein, ob sich nach den Wahlen   Widerstandsbewegungen der Gewerkschaften und der Arbeiterklasse   entwickeln. Nur solch massenhafter Druck k&#246;nnte Peretz dazu zwingen,   seine Versprechen nicht ganz schnell wieder zu vergessen. Wichtig ist   aber, dass eine &#246;ffentliche Debatte zu den von Peretz aufgeworfenen   Themen &#8211; Mindestlohn, Rente &#8211; begonnen hat. Wie diese nun verlaufen   wird, ist nicht mehr unter seiner Kontrolle. Eine kritische   Unterst&#252;tzung f&#252;r Peretz kann nur in Frage kommen, wenn er sich gegen   die Interessen der Kapitalisten stellt. Aber unabh&#228;ngig von seiner   weiteren Entwicklung, hat die neue Situation die M&#246;glichkeit f&#252;r die   Schaffung einer wirklichen Arbeiterpartei in Israel verbessert.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <i>Scharon hat auf den Wechsel an der Spitze der Arbeitspartei reagiert.<\/i> <\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  RM: Die Gr&#252;ndung von Scharons neuer Partei &#8222;Vorw&#228;rts&#8220; ist Ausdruck der   Instabilit&#228;t, die in den letzten Jahren massiv zugenommen hat. Der   R&#252;ckzugsplan der israelischen Armee aus dem Gaza-Streifen dr&#252;ckt aus,   dass Teile der herrschenden Klasse die Idee eines Gro&#223;-Israels   aufgegeben haben. Scharon war immer der willf&#228;hrige Diener der   israelischen Kapitalisten und hat versucht diesen Prozess ins Laufen zu   bringen. Dabei ist er auf Widerstand in der Likud-Partei gesto&#223;en, die   begonnen hat ihre eigene Propaganda zu glauben. In der Urabstimmung   innerhalb der Partei hat er eine Abfuhr f&#252;r seinen R&#252;ckzugsplan   erhalten. Seine Regierung hat trotzdem an dem Plan festgehalten, war   aber mit ernsthafter Opposition im Likud und in der Knesset (Parlament,   Anm. d. &#220;.) konfrontiert. Es wurde klar, dass der Likud kein Instrument   mehr f&#252;r die Fortsetzung des R&#252;ckzugsplanes darstellt. Scharons   Popularit&#228;t in der Bev&#246;lkerung ist allerdings durch das Festhalten am   R&#252;ckzugsplan gestiegen, was er nun f&#252;r den Aufbau der neuen Partei   nutzt. Viele wichtige Politiker, wie der ehemalige F&#252;hrer der   Arbeitspartei Schimon Peres und der Verteidigungsminister Mofas sind der   &#8222;Vorw&#228;rts&#8220;-Partei inzwischen Beigetreten.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <i>Wie ist der R&#252;ckzugsplan einzusch&#228;tzen?<\/i><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  RM: Dieser stellt im Vergleich zum Osloer Abkommen eher einen   R&#252;ckschritt dar. Er ist das Eingest&#228;ndnis, dass Frieden nicht m&#246;glich   ist. Deshalb wollen sie die kostspielige Besatzung beenden und die   Pal&#228;stinenserInnen hinter der Mauer halten. Weder Oslo noch der   R&#252;ckzugsplan k&#246;nnen Frieden bringen, weil sie die sozialen Probleme der   arbeitenden Bev&#246;lkerung auf beiden Seiten ignorieren.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <i>Kann es eine L&#246;sung f&#252;r die nationale Frage geben?<\/i><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  RM: Die b&#252;rgerlichen Kr&#228;fte auf beiden Seiten haben keine L&#246;sung   anzubieten. Ihre Vereinbarungen und Abkommen m&#252;ssen verlassen werden.   Die soziale Lage der Arbeiterklasse und der Armen hat sich durch diese   ja nur verschlechtert. Seit es die Pal&#228;stinensische Autonomiebeh&#246;rde   gibt, ist der Lebensstandard der Massen gesunken. Das sagt alles. In   Israel hat es ebenso eine massive soziale Krise gegeben, die ja auch zu   vielen Arbeiterk&#228;mpfen gef&#252;hrt hat.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Die VertreterInnen der Arbeiterschaft auf beiden Seiten m&#252;ssen beginnen   zusammen zu arbeiten und f&#252;r die gemeinsamen sozialen Interessen   k&#228;mpfen. Voraussetzung daf&#252;r ist die gegenseitige Anerkennung des   Selbstbestimmungsrechtes und des Rechtes auf einen eigenen Staat.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Doch im Rahmen der kapitalistischen und imperialistischen Ordnung ist   eine L&#246;sung der nationalen und der sozialen Fragen ausgeschlossen. Diese   ist nur m&#246;glich auf der Basis eines sozialistischen Israel und eines   sozialistischen Pal&#228;stina und einer freiwilligen F&#246;deration   sozialistischer Staaten in der Region.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <i>Das Interview f&#252;hrte Sascha Stanicic<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Rotem Michaeli, Vorstandsmitglied der sozialistischen Gruppe<br \/>\n    Maavak Sozialisti in Israel <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[38],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11482"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11482"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11482\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11482"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11482"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11482"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}