{"id":11471,"date":"2005-12-13T10:19:48","date_gmt":"2005-12-13T09:19:48","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11471"},"modified":"2012-12-30T12:10:08","modified_gmt":"2012-12-30T11:10:08","slug":"11471","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/12\/11471\/","title":{"rendered":"Internationalismus auf der B\u00fchne"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"\/media\/2005\/wecker.jpg\" alt=\"\" align=\"left\" \/>Ein Gespr\u00e4ch mit Konstantin Wecker <!--more--><br \/> \u00a0<\/p>\n<p><strong>Wir haben hier heute \u2013 wie Du sagtest \u2013 eine \u201eWelturauff\u00fchrung\u201c erlebt: Konstantin Wecker und Avitall gemeinsam auf der B\u00fchne. Was verbindet einen linken, sozialkritischen oder auch sozialistischen K\u00fcnstler und S\u00e4nger mit einer j\u00fcdischen Kantorin? <\/strong><\/p>\n<p>Konstantin Wecker: Zun\u00e4chst gibt es einen k\u00fcnstlerischen Grund f\u00fcr das gemeinsame Auftreten. Ich wurde von Avitall gefragt, ob ich mir vorstellen k\u00f6nnte, gemeinsam mit einer j\u00fcdischen Kantorin zu singen. Ich hatte keine Ahnung, dass es auch j\u00fcdische Kantorinnen gibt. Ich ging davon aus, dass hierf\u00fcr nur M\u00e4nner in Frage kommen. Dann erhielt ich eine CD von Avitall: Ihre Lieder und ihre Stimme haben mich sehr beeindruckt. Und so entschieden wir uns zur Zusammenarbeit und f\u00fcr das Lied \u201eSag Nein!\u201c. Dieses Lied hatte ich bereits 1985 geschrieben. Bei der Demonstration im Vorfeld des Irak-Kriegs 2003 hatte ich f\u00fcr dieses Lied einen zweiten Text, eine neue Version, in der es um friedenspolitische Anliegen geht, geschrieben. Wir entschieden uns daf\u00fcr, dieses Lied neu gemeinsam aufzunehmen und damit unsere gemeinsame Arbeit zu starten. Dies nat\u00fcrlich als ein deutliches Bekenntnis gegen Antisemitismus.<\/p>\n<p><strong>In der Linken werden in der Regel die Themen \u201esoziale Frage\u201c und \u201eAntikriegs-Position\u201c nicht in Verbindung gebracht mit einem Kampf gegen Antisemitismus.<\/strong><\/p>\n<p>K.W.: F\u00fcr mich gab es diesen Zusammenhang immer. In unserem Land ist Antisemitismus wohl der Ursprung von jedem Rassismus. Ich wehrte mich bereits in den siebziger Jahren dagegen, dass es in linken Debatten \u00f6fter mal antisemitische Tendenzen gab. Die Frage ist eine andere. Wie kann man die Positionen verbinden: Bekennender Pazifist zu sein und gleichzeitig f\u00fcr das Existenzrecht des Staates Israel einzutreten.<\/p>\n<p><strong>Die heutige Veranstaltung war auch eine Veranstaltung zur Unterst\u00fctzung von Hagalil, der Internet-Plattform im Kampf gegen Antisemitismus.<\/strong><\/p>\n<p>K.W.: Ich kenne Hagalil erst seit eineinhalb Jahren. Es ist interessant zu wissen, dass Hagalil mehr \u00fcber die Arbeit von antisemitischen und rechtsextremen websites aufgedeckt und dazu beigetragen hat, dass diese geschlossen werden mussten, als der Verfassungsschutz.<\/p>\n<p><strong>Es gibt auf der Linken oft die Meinung, dass diejenigen, die f\u00fcr das Existenzrecht Israels eintreten, auch die Regierung Scharon \u2013 oder die Aktivit\u00e4ten der israelischen Armee in den pal\u00e4stinensischen Gebieten \u2013 unterst\u00fctzen m\u00fcssten. Und umgekehrt hei\u00dft es oft, dass diejenigen, die die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber den Angriffen der israelischen Armee verteidigen, zugleich den Staat Israel in Frage stellen m\u00fcssten.<\/strong><\/p>\n<p>K.W.: Man kann umgekehrt beides verbinden: Da Ja zum Existenzrecht Israels und das Nein zu den Aktionen der israelischen Armee in den Gebieten der Autonomie-Beh\u00f6rde. Ich f\u00fchle mich zum Beispiel den Positionen der israelischen Friedensbewegung sehr verbunden. Dazu muss man einfach die Texte des sehr kompetenten und \u00fcberzeugenden Uri Avneri lesen. Er beeindruckt mich immer wieder, wie er mit seinen Analysen in der Lage ist, beides zu verbinden. Dar\u00fcber hinaus gibt es f\u00fcr mich im k\u00fcnstlerischen Bereich ein gro\u00dfes Vorbild, und das ist Daniel Barenboim. Barenboim tritt bewusst zusammen mit pal\u00e4stinensischen und israelischen K\u00fcnstlern auf und vermittelt damit diese elementare Botschaft des gemeinsamen Engagements f\u00fcr Frieden und Menschenrechte.<\/p>\n<p><strong>Du warst kurz vor Beginn des Irak-Kriegs 2003 in Bagdad. Unsere Zeitung berichtete damals dar\u00fcber. Die Medien machten damals aus Dir einen Saddam Hussein-Freund. <\/strong><\/p>\n<p>K.W.: Das war von Anfang an eine infame Unterstellung. Wer mein Schaffen seit drei\u00dfig Jahren kennt, der wei\u00df, dass ich mit Diktatoren nie etwas am Hut hatte, also auch nicht mit Hussein. Unser Engagement damals galt allein der irakischen Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p><strong>Gab es einen Handschlag von Dir mit Saddam Hussein?<\/strong><\/p>\n<p>K.W.: Das habe ich erfolgreich zu vermeiden versucht. Es gab auch keinen Handschlag von uns mit irgendwelchen prominenten Offiziellen des Regimes. Kurz vor der Abreise wurde mir eine Staatslimousine zur Verf\u00fcgung gestellt; interessanterweise ein Mercedes-Benz. Ich habe mich geweigert, diese zu nutzen. Die wahre Infamie ist noch eine andere. Am Flughafen wurde ich, wie man so sagt, von einem Reporter \u201eabgeschossen\u201c \u2013 Wecker zusammen mit einem Saddam Hussein-Bild. Dabei konnte man damals nirgendwohin gehen, ohne nicht nach drei Minuten ein Bild von Hussein zu passieren. Damals haben uns Leute vor Ort die folgende Begebenheit berichtet: Ein halbes Jahr vor unserer Delegationsreise weilte eine hochrangige Delegation der deutschen Wirtschaft in Bagdad. Da war dann gleich der gesamte Flughafen komplett gesperrt. Die deutschen Vertreter der Autokonzerne, die auch vor Ort waren, haben ihre teuren Pkw ganz sicher nicht an die Armen in der Bev\u00f6lkerung verkauft, sondern vor allem an Vertreter dieses \u2013 angeblich bek\u00e4mpften \u2013 Systems.<\/p>\n<p>Wir sind damals als Delegation mit friedenspolitischen Zielen nach Bagdad gereist. Das war f\u00fcr mich ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Wir haben in Bagdad gespielt \u2013 zusammen mit irakischen K\u00fcnstlern. Wir \u2013 genauer war dies das Verdienst meines Toningenieurs \u2013 haben es bei diesem Auftritt geschafft, ein \u00fcberlebensgro\u00dfes Bildnis von Saddam Hussein mit Maschinenpistole von der B\u00fchne zu entfernen. Nochmals: Wir haben dort vor Ort alles versucht, um klarzustellen, dass wir nichts mit dieser Regierung am Hut haben, dass wir aber dort sind, um uns mit den Menschen gegen den drohenden Krieg zu solidarisieren.<\/p>\n<p><strong>Wenn Du heute, zweieinhalb Jahre sp\u00e4ter, auf Eure Reise und den Krieg, der kurz danach begann, zur\u00fcckblickst, welche Bilanz ziehst Du?<\/strong><\/p>\n<p>K.W.: Man k\u00f6nnte fast zynisch sagen: Wir haben es Euch doch gesagt, was passieren wird. Es trat das ein, was ein Iraker in einer Teestube, in die wir eingeladen worden waren, \u00e4u\u00dfeerte. Er sagte: Wenn die Amerikaner uns hier angreifen, dann wird das Tor zur H\u00f6lle aufgesto\u00dfen. Ich werde den Satz nie vergessen. Genau das ist nun passiert. Der US-Krieg erweist sich als ein Geschenk an Islamisten, an Terroristen, an Al Kaida.<\/p>\n<p><strong>Was wir heute in Kreuzberg erlebten, ist f\u00fcr mich ein St\u00fcck Internationalismus. Du trittst in wenigen Tagen in Frankfurt an der Oder mit einem Programm unter dem Titel \u201eKabul \u2013 Bagdad\u201c auf. Auch dort soll ein praktischen Beispiel internationaler Solidarit\u00e4t gegeben werden: Es werden Musiker aus Afghanistan und dem Irak zusammen mit Dir auftreten&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>K.W.: Avitall wird auch dabei sein. Das haben wir soeben abgesprochen. Wir werden dann dort also einen Iraker, einen T\u00fcrken, einen Afghanen und eine j\u00fcdische Kantorin auf der B\u00fchne haben und gemeinsam ein Konzert geben.<\/p>\n<p><strong>Die neue Bundesregierung wird an der vorausgegangenen ankn\u00fcpfen \u2013 erstens in Bezug auf den Tabubruch, wieder Kriege mit deutschen Soldaten zu f\u00fchren, und zweitens bez\u00fcglich der Sparma\u00dfnahmen auf Kosten der Bev\u00f6lkerung und der Armen. Gibt es f\u00fcr Dich einen Zusammenhang zwischen neoliberaler Politik, R\u00fcstung und Krieg?<\/strong><\/p>\n<p>K.W.: Wir sind der viertgr\u00f6\u00dfte Waffenexporteur der Welt. Wir subventionieren die europ\u00e4ische Waffenindustrie. Wenn man nur 20 Prozent von diesen Ausgaben f\u00fcr Waffen nehmen w\u00fcrde und sie den Hartz-IV-Empf\u00e4ngern zukommen lassen w\u00fcrde, dann k\u00f6nnte man bereits den gr\u00f6\u00dften Teil der sogenannten Sparma\u00dfnahmen zur\u00fccknehmen. Wir erleben eine neue, b\u00f6sartige Tendenz in diesem Land. Man will uns einreden, dass es eine soziale Gerechtigkeit, bei der der Schwache vom Saat besch\u00fctzt wird, kein Wert mehr ist. Nur wer etwas \u201eleistet\u201c, soll belohnt werden. Da gibt es eine fast calvinistische, fundamental-christliche Vorstellung, die besagt: Gott ist sowieso auf der Seite der Reichen, weil diese etwas leisten. Und die Armen sind selbst schuld an ihrer Armut, weil sie nichts leisten. Und wenn man denen noch was gibt, dann verdirbt man sie und sie sind erst recht nicht zu einer Leistung f\u00e4hig. Das alles ist ein neokonservatives Konzept, das in den letzten zwanzig Jahren durch eine grandiose Gehirnw\u00e4sche auch bei uns \u00fcberall Einzug h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Da gibt es diese Gruppe \u201eSoziale Marktwirtschaft\u201c, mit ihrer Kampagne \u201eDu bist Deutschland\u201c. Dahinter stecken Millionen Euros. Von den Plakaten springt einen die Dummheit f\u00f6rmlich an.<\/p>\n<p><strong>Mein Eindruck ist, dass das \u2013 wie damals die Herzog-Rede, mit dem \u201eRuck, der durch Deutschland gehen muss\u201c, Tests sind, wie man eine nationalistische Stimmung entfachen kann. Es gab vor zwei Jahren diesen \u201eAufstand der Anst\u00e4ndigen\u201c. Da haben auch der Kanzler, der Bundestagspr\u00e4sident und der Bundespr\u00e4sident gegen Rassismus und Antisemitismus aufgerufen. Was ist davon geblieben?<\/strong><\/p>\n<p>K.W.: Ich wei\u00df, dass bei vielen antirassistischen Projekten die Mittel gek\u00fcrzt wurden. Ernsthaft ist damals von den offiziellen Stellen nichts wirklich in die Wege geleitet worden. Ich wei\u00df, dass vor Ort die Jugendlichen in Clubs und auf den Stra\u00dfen den Kopf hinhalten m\u00fcssen gegen die Rechtsextremen und die Nazis. Ich finde diese Leute so mutig. Da gibt es Jugendliche, die in Nestern leben oder dorthin gehen, die von Neonazis als \u201eausl\u00e4nderfreie Zonen\u201c deklariert wurden. Und die setzen sich da hin und protestieren. Diese Leute m\u00fcssen Angst um ihr Leben haben. Die Medien berichten dar\u00fcber kaum mehr. Die Nazi-Gewalttaten sind heute Teil der Tagesordnung. Ich will weiter versuchen, daf\u00fcr Unterst\u00fctzung zu organisieren. Die Regierung tut dies nicht. Auf die gro\u00dfe Koalition kann man sich hier auch verlassen: Sie wird nichts Wirksames gegen Rassismus und Antisemitismus unternehmen.<\/p>\n<p><em>Das Gespr\u00e4ch wurde am 23. November von Winfried Wolf in Berlin gef\u00fchrt.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img align=\"left\" src=\"\/media\/2005\/wecker.jpg\"><br \/>\n    Ein Gespr&#228;ch mit Konstantin Wecker <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[71],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11471"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11471"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11471\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11471"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11471"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11471"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}