{"id":11466,"date":"2003-12-08T19:32:16","date_gmt":"2003-12-08T18:32:16","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11466"},"modified":"2012-07-17T17:26:29","modified_gmt":"2012-07-17T15:26:29","slug":"11466","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2003\/12\/11466\/","title":{"rendered":"Die Niederlage der USA im Vietnamkrieg"},"content":{"rendered":"<p>  Welche Lehren lassen sich f&#252;r die Antikriegsbewegung ziehen?<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Vietnam war die erste &#8212; und bisher einzige &#8212; milit&#228;rische Niederlage der   USA. Dies hatte enorme politische Auswirkungen in den USA wie auch   international. F&#252;r rund ein Jahrzehnt war der Vietnamkrieg, in dem auf   dem H&#246;hepunkt 550.000 US-Soldaten verwickelt waren, eines der   meistdiskutierten internationalen Themen. F&#252;r die Antikriegsbewegung ist   es wichtig, die Ereignisse von damals, die Parallelen und Unterschiede   zur heutigen Situation zu verstehen und die Lehren daraus zu ziehen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Der Autor dieses aus dem englischen &#252;bersetzten sowie &#252;berarbeiteten und   gek&#252;rzten Beitrags, Bob Labi, war seinerzeit Mitglied des Londoner   Mobilisierungskomitees der Anti-Vietnamkriegs-Demonstrationen, das im   Oktober 1968 &#252;ber 100.000 Menschen in London auf die Stra&#223;e brachte.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  In Vietnam waren die USA trotz ihrer Macht und ihres Reichtums nicht in   der Lage, ein Kolonialland zu besiegen. Seitdem ist die US-Milit&#228;rspitze   bem&#252;ht, den &#8222;Albtraum Vietnam&#8220; vergessen zu machen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <b>30 Jahre Unabh&#228;ngigkeitskampf <\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Der Kampf der vietnamesischen ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen f&#252;r   Unabh&#228;ngigkeit, gegen Gro&#223;grundbesitz und Kapitalismus dauerte &#252;ber drei   Jahrzehnte. Bis 1942 wurde ganz Indochina vom franz&#246;sischen   Imperialismus regiert, danach &#8222;&#252;bernahmen&#8220; die japanischen Imperialisten   die Region. W&#228;hrend der japanischen Besatzungszeit setzte die   Kommunistische Partei Vietnams einen Kampf f&#252;r die Unabh&#228;ngigkeit des   Landes in Gang.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Die Niederlage, die Japan am Ende des Zweiten Weltkriegs gegen&#252;ber dem   US- und britischen Imperialismus einstecken musste, gab der   vietnamesischen KP die M&#246;glichkeit zur Initiative, bevor der   franz&#246;sische Imperialismus seine Kontrolle wieder aufbauen konnte. Am 2.   September 1945 wurde unter F&#252;hrung der KP die &#8222;Demokratische Republik   Vietnam&#8220; (DRV) ausgerufen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Dennoch erhoben die KP-F&#252;hrer keine Einw&#228;nde gegen die Landung von   britischen, national-chinesischen und 1946 auch franz&#246;sischen Truppen   auf vietnamesischem Gebiet. Sie verhandelten sogar mit den franz&#246;sischen   Kolonialherren und unterzeichneten im M&#228;rz 1946 eine Erkl&#228;rung, in der   die franz&#246;sische Regierung ein freies (aber nicht unabh&#228;ngiges!) Vietnam   anerkannte und die vietnamesische Regierung sich bereit erkl&#228;rte, &#8222;die   franz&#246;sischen Truppen freundlich zu empfangen&#8220;.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Diese Bereitschaft der vietnamesischen KP-F&#252;hrung zur Zusammenarbeit mit   den Imperialisten war keine Ausnahmeerscheinung. Stalin versuchte zu   dieser Zeit, langfristige &#220;bereink&#252;nfte mit den wichtigsten   kapitalistischen M&#228;chten zustande zu bringen und wies die   Kommunistischen Parteien weltweit an, mit ihren jeweiligen lokalen   Kapitalisten oder Kolonialherrschern Abkommen zu schlie&#223;en. Nach Ende   des Zweiten Weltkriegs gingen viele Kommunistische Parteien Westeuropas   dementsprechend Koalitionsregierungen mit b&#252;rgerlichen Parteien ein. Im   Rahmen dieser Politik wurde in Vietnam, aber zum Beispiel auch in   Griechenland, der Einmarsch imperialistischer Truppen zugelassen, was in   beiden F&#228;llen lange B&#252;rgerkriege zur Folge hatte.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Der Kompromiss &#252;ber die parallele Existenz sowohl der DRV (Demokratische   Republik Vietnams) als auch des franz&#246;sischen Kolonialregimes in Vietnam   konnte nicht von langer Dauer sein. W&#228;hrend des ganzen Jahres 1946   spitzten sich die Spannungen zwischen beiden Regimes immer mehr zu. Am   23. November 1946 schlie&#223;lich bombardierte die franz&#246;sische Kriegsmarine   den nordvietnamesischen Hafen Haiphong und t&#246;tete 6.000 Menschen. Am 19.   Dezember brachen die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen   franz&#246;sischen und vietnamesischen Truppen, den &#8222;Vietminh&#8220;, in voller   Sch&#228;rfe aus.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <b>Stalinistische Politik <\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Zur damaligen Zeit, als der franz&#246;sische Imperialismus seine Herrschaft   &#252;ber Indochina nach dem Krieg wiederherstellen wollte, war in Frankreich   eine Koalitionsregierung aus kapitalistischen Parteien, der   Sozialistischen und der Kommunistischen Partei im Amt. Aber als der   franz&#246;sische Staat versuchte, die Erkl&#228;rung vom M&#228;rz 1946 als Deckmantel   zu nutzen, um die neue vietnamesische Republik zu zerschlagen, leisteten   weder die Kommunistischen noch die Sozialistischen Parteif&#252;hrer   Widerstand dagegen. Weil die Kommunistische Partei Frankreichs (KPF)   Mitglied der Regierung war, die die Bombardierung von Haiphong   anordnete, benannte sich die vietnamesische Kommunistische Partei sogar   eine Zeitlang in &#8222;Kommunistische Arbeiterpartei&#8220; um. Die KPF aber blieb   bis zu ihrem Rauswurf 1947 in der franz&#246;sischen Regierung, die den   blutigen Krieg gegen Vietnam f&#252;hrte. Zwar enthielten sich die   KP-Abgeordneten im franz&#246;sischen Parlament bei der Abstimmung &#252;ber die   Kriegskredite im Mai 1947 der Stimme. Doch die Parteif&#252;hrung wies die   kommunistischen Minister an, im Kabinett f&#252;r die Kredite zu stimmen, um   ihre Teilnahme an der Regierungskoalition nicht zu gef&#228;hrden.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Kapitalistische Regierungen versuchen im Kriegsfall immer, keine   Opposition aufkommen zu lasen und dem &#8222;&#228;u&#223;eren Feind&#8220; ein Bild der   inneren Geschlossenheit zu pr&#228;sentieren. Durch ihren Verzicht auf   Oppositionspolitik hat die KPF-F&#252;hrung den franz&#246;sischen Imperialisten   den Krieg gegen Vietnam enorm erleichtert. Selbst nachdem die KPF aus   der Regierung rausgeworfen worden war und danach eine oppositionelle   Haltung gegen den Krieg einnahm, nutzten die B&#252;rgerlichen in ihrer   Propaganda weiterhin die Tatsache, dass die KPF den Krieg urspr&#252;nglich   unterst&#252;tzt hatte.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Die Einheiten der DRV, die Vietminh, konnten im Krieg gegen Frankreich   ihre Bastionen halten und ausbauen, indem sie den Kampf um nationale   Unabh&#228;ngigkeit mit der Frage einer Bodenreform und anderer sozialer   Reformen verbanden und zum Beispiel in den von ihnen kontrollierten   Gebieten Land an die B&#228;uerInnen verteilten. Die franz&#246;sischen Truppen   blieben in den von ihnen kontrollierten St&#228;dten isoliert.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <b>Die Teilung Vietnams <\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  1954 wurde in Genf eine internationale Konferenz &#252;ber Vietnam er&#246;ffnet,   bei der China und Britannien eine Vermittlerrolle einnahmen. Am Ende   dieser Konferenz akzeptierten die Vietminh erneut einen Kompromiss, der   die zeitweilige Teilung des Landes vorsah: Frankreich sicherte Vietnam   die Unabh&#228;ngigkeit zu; im Gegenzug verpflichteten sich die Vietminh,   ihre Truppen in den Norden des Landes zur&#252;ckzuziehen (obwohl sie auch im   S&#252;den gro&#223;e Unterst&#252;tzung hatten); vor&#252;bergehend sollten zwei   Regierungen, im Norden und im S&#252;den Vietnams, gebildet werden, um Wahlen   f&#252;r 1956 und die anschlie&#223;ende Wiedervereinigung vorzubereiten.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Schon bevor die Franzosen zum Eingest&#228;ndnis ihrer Niederlage gezwungen   waren, erhielten sie Unterst&#252;tzung durch die USA, um die   Kolonialherrschaft aufrechterhalten zu k&#246;nnen. Nach Abzug der letzten   franz&#246;sischen Truppen aus Vietnam traten die USA in deren Fu&#223;stapfen und   bauten ein pro-kapitalistisches Marionettenregime im S&#252;den auf. Sie   stoppten die Durchf&#252;hrung der Wahlen, die Vietnam eigentlich   wiedervereinigen sollten. Mittlerweile konnte im Norden die Abschaffung   von Gro&#223;grundbesitz und Kapitalismus vollendet werden. Das KP-gef&#252;hrte   Regime festigte seine Herrschaft auf dieser Grundlage und f&#252;hrte davon   ausgehend den Kampf gegen das Regime im S&#252;den und die US-Intervention.   Der nordvietnamesische Staat war keine sozialistische Demokratie,   sondern eine stalinistische Diktatur. Dennoch hatte er f&#252;r die Massen in   S&#252;dvietnam eine gewisse Anziehungskraft im Vergleich zu der verrotteten,   US-gest&#252;tzten Diktatur der Gro&#223;grundbesitzer und Kapitalisten im S&#252;den.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <b>US-Intervention <\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Etwa ab 1957 trat der Vietnamkrieg in seine zweite Phase, als die   Vietcong (wie die Vietminh-Linke im S&#252;den sich jetzt nannte) den Kampf   gegen die Truppen des s&#252;dvietnamesischen Regimes aufnahm. Je schw&#228;cher   das s&#252;dvietnamesische Regime unter diesem Ansturm wurde, um so st&#228;rker   engagierten sich die USA, besonders unter Pr&#228;sident Kennedy. Bis 1961   kamen zahlreiche US-&#8222;Milit&#228;rberater&#8220; ins Land.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Anfang der sechziger Jahre sahen sich die USA zur direkten Entsendung   von Truppen gezwungen, um einen Sieg der Vietcong zu verhindern. Doch   musste zun&#228;chst die Unterst&#252;tzung der amerikanischen &#214;ffentlichkeit   gewonnen werden. Um dies zu erreichen, wurde eine gezielte Falschmeldung   lanciert: US-Schiffe seien im Golf von Tonkin von Nordvietnam unter   Beschuss genommen worden. Auf Grund dieser L&#252;ge verabschiedete der   US-Kongress eine Resolution, die zu milit&#228;rischen Aktionen gegen   Nordvietnam erm&#228;chtigte.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  1965 wurde Nordvietnam systematisch von der US-Luftwaffe bombardiert und   im Mai 1965 die ersten Bodentruppen entsandt, die schnell auf 400.000   Mann aufgestockt wurden. US-Pr&#228;sident Johnson (Demokratische Partei)   verk&#252;ndete: &#8222;Jetzt herrscht wirklich Krieg&#8220;.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Mitte bis Ende der sechziger Jahre unternahmen die USA entschlossene   milit&#228;rische Anstrengungen, um die Einheiten der Vietcong und der   nordvietnamesischen Armee (NVA), die sich inzwischen auch zunehmend in   die K&#228;mpfe eingeschaltet hatten, zu zerschlagen. Doch die so genannte   &#8222;Tet-Offensive&#8220; der Vietcong und der NVA im Januar 1968 zeigte, dass der   Widerstand ungebrochen war. Und das war nicht verwunderlich. Die   US-Truppen standen f&#252;r die Fortsetzung der ausl&#228;ndischen Beherrschung   des Landes, f&#252;r die Unterst&#252;tzung einer Milit&#228;rdiktatur (zu dieser Zeit   unter den Gener&#228;len Ky und Zhieu), f&#252;r den Schutz der Kapitalisten und   Gro&#223;grundbesitzer. Demgegen&#252;ber k&#228;mpften Vietcong und NVA f&#252;r die   nationale Unabh&#228;ngigkeit des Landes, f&#252;r die Verteilung des Landes an   die B&#228;uerInnen, f&#252;r den Sturz der Kapitalisten, f&#252;r soziale Reformen und   bessere Lebensbedingungen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <b>Antikriegsstimmung <\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Obwohl die &#8222;Tet-Offensive&#8220; nach zahlreichen erbitterten K&#228;mpfen   zur&#252;ckgeschlagen werden konnte, begann vielen &#8212; besonders den   US-amerikanischen Soldaten &#8212; zu d&#228;mmern, dass dieser Krieg f&#252;r die USA   nicht zu gewinnen war. Anfangs unterst&#252;tzte die Mehrheit der   amerikanischen Bev&#246;lkerung die Intervention als Teil des &#8222;notwendigen   Kampfes f&#252;r Demokratie und gegen Kommunismus&#8220;. Aber die tats&#228;chliche   Kriegserfahrung trug schnell zum Br&#246;ckeln dieser Unterst&#252;tzung bei.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Mit der steigenden Zahl amerikanischer Kriegsopfer wuchs auch die   Antikriegsopposition in den USA. Die Bewegung begann vor allem unter   Studierenden, breitete sich aber schnell aus. In vielerlei Hinsicht   erreichte sie ihren H&#246;hepunkt mit dem so genannten &#8222;Moratorium&#8220; am   Mittwoch, dem 15. Oktober 1969, als sich 36 Millionen Menschen an einem   Anti-Kriegs-Aktionstag in nahezu jedem Winkel der USA beteiligten. In   gewisser Weise war dies ein Massenstreik gegen den Krieg. &#220;ber eine   Million nahmen an Demonstrationen teil, und in Vietnam trugen viele   amerikanische Soldaten an diesem Tag schwarze Armbinden zum Zeichen   ihrer Solidarit&#228;t.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Bezeichnenderweise wurde dieser Aktionstag von der &#8222;Alliance for Labor&#8220;   (Arbeiterb&#252;ndnis) unterst&#252;tzt, einem kurzfristigen Zusammenschluss   verschiedener Gewerkschaften (Automobil-, Transport-, Chemie- und andere   Gewerkschaften). Zwar hatte die Mehrheit der ArbeiterInnen den Krieg zu   Beginn unterst&#252;tzt; in einigen St&#228;dten wurden Mitte der sechziger Jahre   sogar Anti-Kriegs-DemonstrantInnen von Bauarbeitern verpr&#252;gelt. Aber die   Stimmung unter den ArbeiterInnen war umgeschlagen, je l&#228;nger der Krieg   andauerte und je mehr Opfer er kostete. Deshalb bedeutete die   Unterst&#252;tzung der &#8222;Alliance for Labor&#8220; f&#252;r den Aktionstag einen   wichtigen Schritt nach vorn.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  International war es aber eine der Hauptschw&#228;chen der vor allem von   Studierenden und Mittelschichten getragenen Antikriegsbewegung, dass sie   sich nicht auf die Arbeiterbewegung orientierte. Sie versuchten nicht   ernsthaft, unter den ArbeiterInnen f&#252;r eine Unterst&#252;tzung von   Klassenaktionen gegen den Krieg zu werben, zum Beispiel f&#252;r   gewerkschaftliche Streik- und Boykottma&#223;nahmen gegen Waffenexporte und   Nachschublieferungen an die Armee.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <b>Demoralisierung der Armee <\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Schon ein Jahr vor dem Moratorium-Aktionstag war die Stimmung gegen den   Krieg so stark, dass Pr&#228;sident Johnson sich gezwungen sah, auf eine   erneute Kandidatur bei der Pr&#228;sidentschaftswahl 1968 zu verzichten. Der   republikanische Kandidat Richard Nixon gewann diese Wahl mit dem   Versprechen, &#8222;den Krieg zu beenden&#8220;. Er erkannte, dass Johnsons   Administration durch die wachsende Kriegsopposition im Lande untergraben   worden war. Kurz vor dem Moratorium-Aktionstag, im September 1969,   k&#252;ndigte er eine neue Politik der &#8222;Vietnamisierung&#8220; des Konflikts an,   die darauf hinauslief, nur noch finanzielle Unterst&#252;tzung f&#252;r den Kampf   der s&#252;dvietnamesischen Regierungstruppen zu leisten.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Hintergrund dieser neuen Politik war auch die zunehmende Demoralisierung   unter den in Vietnam stationierten US-amerikanischen Einheiten. Immer   mehr Soldaten bezweifelten den Sinn dieses Krieges, der ihnen nichts   bedeutete und der nicht zu gewinnen war. Immer mehr amerikanische   Jugendliche verlie&#223;en die USA, um der Einberufung zur Armee zu   entkommen; auch die Zahl der Deserteure stieg. Obwohl die   US-Milit&#228;rf&#252;hrung immer genug Soldaten f&#252;r den &#8222;Nachschub&#8220; hatte, war   dies doch ein deutliches Symptom f&#252;r den wachsenden Unmut der US-Jugend   gegen&#252;ber dem Krieg.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Aus Sicht der Gener&#228;le noch alarmierender war die um sich greifende   Stimmung von Demoralisierung und Rebellion bei den US-Einheiten in   Vietnam selbst, die sich nach der &#8222;Tet-Offensive&#8220; und sinnlosen   Schlachten mit hohen Verlusten noch verst&#228;rkte. Drogenkonsum und   Alkoholismus breiteten sich in der Armee ebenso aus wie Anschl&#228;ge   einfacher Soldaten auf unpopul&#228;re Offiziere, indem zum Beispiel   Bruchst&#252;cke von Handgranaten in die Zelte der Offiziere geworfen wurden   (das so genannte &#8222;fragging&#8220;). Allein 1970 registrierte die Armeef&#252;hrung   offiziell 271 solcher Anschl&#228;ge. Manche Einheiten weigerten sich, in die   Schlacht zu ziehen. Ein General nannte die US-Armee &#8222;die   demoralisierteste Armee der Geschichte&#8220;. Dabei verbrachten   wehrpflichtige Soldaten nur eine relativ kurze Zeit in Vietnam und   wurden dann wieder ausgetauscht. Andernfalls h&#228;tten sich die Meutereien   noch wesentlich st&#228;rker ausgedehnt. Andererseits f&#252;hrte die Tatsache,   dass Hunderttausende Jugendliche zumindest zeitweise in Vietnam gedient   hatten, zur Radikalisierung breiter Schichten der Jugend in den USA.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <b>Krise der US-Gesellschaft <\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Gegen Ende der sechziger Jahre entwickelten sich in den USA alle   Anzeichen einer Gesellschaft, die sich auf eine revolution&#228;re Situation   zu bewegt: Die herrschende Klasse war gespalten; die Mittelschicht,   besonders die Studierenden, radikalisierten sich; die Arbeiterklasse,   vor allem Afro-AmerikanerInnen und jugendliche ArbeiterInnen, begannen   aktiv zu werden; die Armee war demoralisiert und die einfachen Soldaten   standen in Opposition zu ihren Offizieren und zur Regierung. Nicht   zuf&#228;llig handeln viele US-Rocksongs aus dieser Zeit von &#8222;Revolution&#8220;,   sie spiegeln die damalige Stimmung unter der Jugend.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Die Antikriegsbewegung vereinigte zwar die verschiedenen Kr&#228;fte einer   breiten Oppositionsbewegung gegen den Krieg. Aber sie versuchte nicht   einmal ansatzweise, eine Alternative zum kapitalistischen System   aufzuzeigen, das solche Kriege hervorbringt. Tragischerweise wurde so   durch das Fehlen einer starken marxistischen Kraft eine Gelegenheit   verpasst, aus dem Antikriegskampf heraus eine sozialistische Bewegung   zum Sturz des Kapitalismus im st&#228;rksten imperialistischen Land zu   entwickeln.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Letzen Endes war diese krisenhafte Situation in den USA und in den   US-Einheiten in Vietnam die Ursache f&#252;r die Niederlage des   Imperialismus. Nat&#252;rlich h&#228;tte sich die Krise ohne den heroischen   Widerstand des vietnamesischen Volkes &#252;ber drei Jahrzehnte hinweg nicht   entwickelt. Aber weder die nordvietnamesische Regierung noch die   Vietcong konnten an die US-Soldaten oder die US-Bev&#246;lkerung appellieren,   denn die Kombination von nationalistischer Propaganda und Stalinismus   des nordvietnamesischen Regimes hatte keinerlei Anziehungskraft f&#252;r die   Masse der amerikanischen ArbeiterInnen und Jugendlichen. Anders als die   F&#252;hrung der russischen Oktoberrevolution vor der stalinistischen &#196;ra   machte die vietnamesische F&#252;hrung keine ernsthaften Anstrengungen, die   internationale Arbeiterbewegung gegen die imperialistische Intervention   und f&#252;r den weltweiten Kampf f&#252;r Sozialismus zu gewinnen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Die zersetzenden Auswirkungen des Vietnamkrieges auf die US-Armee waren   so tief, dass die Milit&#228;rf&#252;hrung nach Kriegsende dazu &#252;berging, die   Wehrpflichtigen-Armee aufzul&#246;sen und auf ihren Tr&#252;mmern eine ganz neue   Berufsarmee aufzubauen. Dieselben Gr&#252;nde, welche die Gener&#228;le dazu   veranlassen, eine Berufsarmee zu favorisieren, treiben SozialistInnen   zur entgegengesetzten Schlussfolgerung: Eine Berufsarmee ist wesentlich   isolierter von der Stimmung der Bev&#246;lkerung und kann leichter f&#252;r die   Zwecke der Herrschenden missbraucht werden.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Wenngleich die heutige US-Armee eine Berufsarmee ist, so sind doch f&#252;r   viele Soldaten vor allem &#246;konomische Gr&#252;nde f&#252;r den Dienst in der Armee   ausschlaggebend. Die Suche nach einem Job oder einer kostenlosen   Ausbildung veranlassen viele Menschen gerade auch aus Arbeiterfamilien,   in die Armee einzutreten. Dies widerspiegelt sich auch in der Tatsache,   dass Amerikaner afro-amerikanischer Herkunft einen sehr viel gr&#246;&#223;eren   Anteil an der US-Armee als an der US-Gesellschaft insgesamt ausmachen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <b>R&#252;ckzug und Niederlage <\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Trotz der neuen Politik der &#8222;Vietnamisierung&#8220; versuchte Nixon immer   noch, den Krieg zu gewinnen. Er setzte auf die &#220;berlegenheit der   US-Luftwaffe in Kombination mit den s&#252;dvietnamesischen Bodentruppen, die   481.000 regul&#228;re Soldaten und 705.000 Teilzeit-Soldaten umfassten,   ausger&#252;stet mit modernsten US-Waffen. Auf dem Papier war die   &#220;berlegenheit gewaltig. Denn auf der Gegenseite standen nur 140.000   Vietcong und 200.000 NVA-Soldaten, die in S&#252;dvietnam k&#228;mpften &#8212;   schlechter ausger&#252;stet und ohne Flugzeuge und Helikopter. Doch dieses   zahlenm&#228;&#223;ige Kr&#228;fteverh&#228;ltnis l&#228;sst die soziale Grundlage au&#223;er Acht:   Trotz ihrer St&#228;rke konnten die s&#252;dvietnamesischen Streitkr&#228;fte nicht   gewinnen, weil sie f&#252;r die Fortsetzung der imperialistischen   Beherrschung des Landes und der korrupten Milit&#228;rdiktatur k&#228;mpften, sie   hatten deswegen keinen R&#252;ckhalt in der Bev&#246;lkerung.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  In einem verzweifelten Versuch, die Nachschublinien der NVA und die   &#246;rtlichen Guerilla-St&#252;tzpunkte des Vietcong anzugreifen, ordnete Nixon   1970 in einem Geheimbefehl eine fl&#228;chendeckende Bombardierung sowie den   Einmarsch nach Kambodscha an (dem 1971 die Invasion von Laos folgte).   Als die Informationen dar&#252;ber an die &#214;ffentlichkeit gelangten, erhielt   die Antikriegsbewegung noch einmal m&#228;chtigen Auftrieb. Die herrschende   Klasse der USA sah sich gen&#246;tigt, Ma&#223;nahmen zur festeren Kontrolle &#252;ber   den Staatsapparat und die Milit&#228;rf&#252;hrung zu ergreifen. Der sp&#228;tere Sturz   Nixons &#252;ber den Watergate-Skandal (1974) ist auch vor diesem Hintergrund   zu sehen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Mehr und mehr wurden auch den Herrschenden die negativen Auswirkungen   des Krieges auf die Streitkr&#228;fte und die Gesellschaft insgesamt klar.   Dennoch waren sie in der Frage der weiteren Kriegf&#252;hrung gespalten. Ein   Teil der herrschenden Klasse wollte so schnell wie m&#246;glich den R&#252;ckzug   der US-Truppen, um den politischen und finanziellen Schaden zu begrenzen   (mittlerweile hatten die hohen Kriegskosten zu drastisch gestiegener   Staatsverschuldung und Inflation gef&#252;hrt). Ein anderer Teil pl&#228;dierte   f&#252;r die Fortsetzung um jeden Preis; sie bef&#252;rchteten den so genannten   &#8222;Domino-Effekt&#8220;, den der Sieg der Vietcong-Guerilla in ganz Asien und in   etwas abgeschw&#228;chtem Ma&#223;e auch in der &#252;brigen kolonialen Welt h&#228;tte   haben k&#246;nnen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Nixon verst&#228;rkte zwar das US-Bombardement auf Vietnam, aber die   US-Bodentruppen wurden Zug um Zug abgezogen. Als die NVA im M&#228;rz 1972   eine Offensive startete, nahmen die bis dahin noch verbliebenen 69.000   US-Soldaten kaum noch an den K&#228;mpfen teil. Bis Januar 1973 verlie&#223;en die   letzten US-Truppen das Land, die Milit&#228;rberater blieben allerdings   zur&#252;ck.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Die Pariser Friedenskonferenz 1973 besiegelte das Schicksal der   s&#252;dvietnamesischen Regierung. Die USA stoppten die direkte milit&#228;rische   Intervention. Die Schlussoffensive der Vietcong fand Anfang 1975 statt   und endete am 30. April 1975 mit der Einnahme Saigons und dem   Zusammenbruch des s&#252;dvietnamesischen Regimes. Kapitalismus und   Gro&#223;grundbesitz wurden auch im S&#252;den abgeschafft und die   Wiedervereinigung des Landes auf stalinistischer Grundlage vollzogen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <b>Politische Lehren <\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Die sich sp&#228;ter erwiesene Unf&#228;higkeit des stalinistischen Regimes, die   Probleme des Wiederaufbaus und der Entwicklung des Landes zu l&#246;sen,   d&#252;rfen nicht &#252;ber die Bedeutung dieser historischen Niederlage des   US-Imperialismus hinwegt&#228;uschen. Auf kapitalistischer Grundlage gab es   f&#252;r die Masse der Bev&#246;lkerung in Asien keine Aussicht auf die   Befriedigung selbst der elementarsten Grundbed&#252;rfnisse. Insofern war der   Sturz von Kapitalismus und Gro&#223;grundbesitz ein Schritt nach vorn. Doch   der Aufbau eines stalinistischen Staates bedeutete auch, dass die   Vorz&#252;ge einer geplanten Wirtschaft nicht voll zur Entfaltung kommen   konnten.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Leider verhielten sich viele der f&#252;hrenden politischen Str&#246;mungen in der   Antikriegsbewegung Europas vollkommen unkritisch gegen&#252;ber der Politik   der Vietcong und der nordvietnamesischen Regierung. Sie vers&#228;umten es,   die Bewegung vor den Folgen einer stalinistischen Herrschaft zu warnen.   Die Mitglieder vom Komitee f&#252;r eine Arbeiterinternationale (CWI)   beteiligten sich seinerzeit in Europa am Aufbau der Antikriegsbewegung,   doch auf der Grundlage einer klaren Orientierung auf die   Arbeiterbewegung und der Unterst&#252;tzung f&#252;r die vietnamesische Revolution   &#8212; nicht jedoch f&#252;r deren stalinistische F&#252;hrer. Wir erkl&#228;rten die   Notwendigkeit des Aufbaus einer echten Arbeiterdemokratie in Vietnam und   einer Politik des Internationalismus, und waren auf diese Weise   politisch vorbereitet auf das, was sich nach 1975 in Vietnam entwickelte.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Heutzutage ist es um so wichtiger, eine kritische und unabh&#228;ngige   Position einzunehmen, ohne dabei den Imperialismus zu unterst&#252;tzen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  Die erste Lehre aus dem Kampf des vietnamesischen Volkes ist die, dass   Imperialismus und Kapitalismus geschlagen werden k&#246;nnen. Aber die   Entwicklung Vietnams nach 1975 zeigt auch die Grenzen des Stalinismus   und die Notwendigkeit marxistischer Politik, damit eine sozialistische   Demokratie Wirklichkeit werden kann.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <b>Die Opfer des US-Krieges <\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  &#220;ber 2,2 Millionen Todesopfer &#8211; Mehr als 10 Prozent der Bev&#246;lkerung   Vietnams, Laos&#8217; und Kambodschas wurde entweder get&#246;tet oder verwundet &#8211;   56.000 US-Soldaten fanden den Tod<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  <b>Die Mittel der USA im Vietnamkrieg<\/b><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">  6,7 Millionen Tonnen Sprengstoff wurden &#252;ber S&#252;dostasien abgeworfen (im   Zweiten Weltkrieg warfen die USA und Britannien 2,7 Millionen Tonnen ab)   &#8211; 5 Millionen Liter Entlaubungsgifte wurden verspr&#252;ht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Welche Lehren lassen sich f&#252;r die Antikriegsbewegung ziehen?\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[265,64],"tags":[270],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11466"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11466"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11466\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11466"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11466"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11466"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}