{"id":11465,"date":"2002-12-08T19:21:48","date_gmt":"2002-12-08T18:21:48","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11465"},"modified":"2012-07-18T15:26:42","modified_gmt":"2012-07-18T13:26:42","slug":"11465","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/12\/11465\/","title":{"rendered":"Urspr&#252;nge des Rassismus"},"content":{"rendered":"<p>Wie ist es m&#246;glich, dass nach unz&#228;hligen Verbrechen des Kolonialismus und der Nazis, die zum gro&#223;en Teil mit rassistischen Argumenten gerechtfertigt wurden, rassistische Denkweisen immer noch Unterst&#252;tzung finden? Woher kommt die Einteilung der Menschen in verschiedene &#8222;Rassen&#8220;? <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Im 15. Jahrhundert begannen europ&#228;ische Seeleute, die Weltmeere zu   befahren und nach neuen Handelswegen zu suchen. Dabei kamen sie in   Kontakt mit dunkelh&#228;utigen Menschen, die sie bis dahin nur vom   H&#246;rensagen kannten. Millionen von Schwarzen wurden von den Entdeckern   und Eroberern versklavt. Die Rechtfertigung der Sklaverei machte keine   Probleme. In der Feudalgesellschaft hatte jeder Mensch seinen Platz, in   den er oder sie hineingeboren wurde. Wenn das Kind einer B&#228;uerin von   Geburt an zur Leibeigenschaft bestimmt war, warum dann nicht Schwarze   ebenso zur Sklaverei?<\/p>\n<p>  <b>Die Erfindung der &#8221;Rassen&#8221; <\/b>    <\/p>\n<p>  Eine &#8222;Rassentheorie&#8221;, eine &#8222;wissenschaftliche&#8221; Einteilung der Menschen   gab es im Feudalismus nicht. Die &#8222;gottgegebene&#8221; Ordnung war   Rechtfertigung genug f&#252;r die Auspl&#252;nderung und Versklavung anderer   V&#246;lker. Aber die Feudalgesellschaft stie&#223; immer mehr mit den Interessen   des aufkommenden Kapitalismus zusammen. Kapitalisten gr&#252;ndeten   Manufakturen und Fabriken, in denen eine gro&#223;e Zahl von Lohnabh&#228;ngigen,   von ProletarierInnen, arbeitete. Damit sich die kapitalistische   Wirtschaft &#252;berhaupt entwickeln konnte. Musste die &#252;brige Welt   ausgepl&#252;ndert werden. Die m&#228;rchenhaften Reicht&#252;mer Indiens, das Gold der   Inka, die riesigen Profite aus dem Sklavenhandel waren das Fundament,   auf dem die Fabriken errichtet wurden. Die Baumwolle, auf der die   Textilindustrie beruhte, wurde von schwarzen Sklaven gepfl&#252;ckt. Die   Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise und mit ihr die   enorme Weiterentwicklung der Naturwissenschaften f&#252;hrten zum Entstehen   des Rassismus als geschlossenes Weltbild. Es klingt seltsam, dass   ausgerechnet das Zeitalter der Aufkl&#228;rung, eine Epoche gro&#223;en   Fortschritts f&#252;r die Menschheit, den systematischen Rassismus   hervorgebracht hat. Doch in dieser Zeit wurden die Naturwissenschaften   systematisiert. Elemente, Pflanzen, Tiere und der Mensch wurden erfasst,   in Kategorien eingeteilt. Die Wissenschaft dr&#252;ckte die Interessen der   Kapitalisten aus wie vorher die Kirche die der Feudalherren. Statt der   Rechtfertigung durch Gottes Gnaden wurde die soziale Ungleichheit mit   der &#8222;wissenschaftlichen Analyse&#8221; von den angeborenen Unterschieden   begr&#252;ndet. Sowohl die Situation der arbeitenden Klasse als auch der   Kolonialismus und Imperialismus gegen&#252;ber Asien, Afrika und   Lateinamerika wurden damit gerechtfertigt.<\/p>\n<p>  <b>Politischer Nutzen <\/b>    <\/p>\n<p>  Die Einteilungen in &#8222;Rassen&#8221; waren alle willk&#252;rlich. Die Einteilung der   Menschen gem&#228;ss ihrer Hautfarbe ist genauso sinnvoll wie die gem&#228;ss   ihrer K&#246;rpergr&#246;&#223;e oder Ohrform. Die Menschen, gleich welcher Herkunft,   haben gleiche F&#228;higkeiten wie Sinneswahrnehmungen, Sprache Denkverm&#246;gen.   Eine klare Abgrenzung verschiedener Gruppen ist unm&#246;glich. Immer wieder   in der Geschichte kam es zu V&#246;lkerwanderungen und Kriegsz&#252;gen. Staaten   und V&#246;lker entstanden als &#220;berschichtungs- und   &#220;berlagerungsgesellschaften. Die Nutzung der &#8222;Rassenkunde&#8221; wurde durch   die politischen und wirtschaftlichen Interessen bestimmt. Die Menschen   in China und Japan, die jahrhundertelang als hell wie die Europ&#228;er   gegolten hatten, wurden um 1800 immer h&#228;ufiger f&#252;r gelb erkl&#228;rt &#8211;   Ostasien war als Kolonialgebiet interessant geworden. Ein gro&#223;er Teil   der &#8222;Rassentheorien&#8221; wurde von aktiven Kolonialisten verfasst. Je nach   politischer Konjunktur zerfielen auch &#8222;die Wei&#223;en&#8221; in verschiedene   Rassen. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs passten deutsche Autoren die   Rassen der Kriegskoalition an. Die mit dem Reich verb&#252;ndeten Tschechen,   Kroaten oder Polen wurden zu &#8222;lateinischen Slawen&#8221; daf&#252;r wurden die   gegnerischen Russen zu Mongolen und die Engl&#228;nder zu Kelten &#8222;umgerasst&#8221;.<\/p>\n<p>  <b>Sozialdarwinismus <\/b>    <\/p>\n<p>  Die Evolutionstheorien Charles Darwins waren eine wichtige   Weiterentwicklung der Naturwissenschaften. Darwin bewies die Entstehung   und Ver&#228;nderung der Arten, beschrieb die Naturgeschichte als Prozess und   widerlegte damit die kirchliche Sch&#246;pfungsgeschichte. Seine ldeen wurden   von den Theoretikern des Imperialismus zum Sozialdarwinismus ver&#228;ndert   und benutzt, um Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung zu rechtfertigen. Darwins   Ausspruch vom &#8222;survival of the fittest&#8221; (= &#220;berleben der am besten an   die Umweltverh&#228;ltnisse Angepassten), mit dem er die Auswahlprozesse in   der Natur beschrieb, wurde zum &#8222;Recht des St&#228;rkeren&#8221; umgedeutet. Die   Sozialdarwinisten behaupteten, es ginge um einen Kampf der &#8222;menschlichen   Rassen&#8221; gegeneinander. So stellten sie den Kolonialismus der technisch   &#252;berlegenen Europ&#228;er als &#8222;naturgegeben&#8221; dar.<\/p>\n<p>  <b>Antisemitismus <\/b>    <\/p>\n<p>  Bis zum 1. Weltkrieg wurde die Welt zwischen den imperialistischen   M&#228;chten aufgeteilt. Der regierungsamtliche Rassismus konzentrierte sich   auf die Begr&#252;ndung der &#8222;Minderwertigkeit der farbigen Rassen&#8221;. Doch   schon ab 1750 entstanden die ersten Theorien vom Ariertum. Sie   behaupteten, die nordischen, germanischen V&#246;lker seien h&#246;herstehende,   &#8222;unvermischte Rassen&#8221;. Dieser Mythos von den Germanen als reine   Nachkommen der Hochkulturen Indiens (Indogermanen) war bl&#246;dsinnig, wurde   aber weiterentwickelt. Erst vom Franzosen Gobineau, dann vom   antisemitisch gepr&#228;gten Kreis um Richard Wagner. Schlie&#223;lich wurde der   Wahn vom Ariertum mit der Lehre der Minderwertigkeit der Juden und der   Schwarzen von Wagners Schwiegersohn Chamberlain (1855-1927)   systematisiert. Dessen &#8222;Erkenntnisse&#8221; bildeten die Grundlage f&#252;r Hitlers   &#8222;Mein Kampf&#8220;.<\/p>\n<p>  <b>Niedergang des Kapitalismus <\/b>    <\/p>\n<p>  Diese anf&#228;nglichen irren Randerscheinungen der Rassenlehre hatten in der   Krisenepoche des Kapitalismus grausige Konsequenzen. Rassismus und   Nationalismus wurden weiterhin von den Herrschenden eingesetzt. Doch es   gab weniger zu verteilen in der Welt. Rassismus war weniger   Rechtfertigung der kolonialen Ausbeutung, er wurde innerhalb der L&#228;nder   zur Aufspaltung der Bev&#246;lkerung eingesetzt um S&#252;ndenb&#246;cke zu finden. Die   Krise der zwanziger und drei&#223;iger Jahre zerrieb die Mittelschichten der   Gesellschaft zwischen den gro&#223;en Konzernen und dem Proletariat. Bauern,   Handwerker, H&#228;ndler; Beamte und Angestellte wurden ruiniert, das   Abrutschen in die verarmte Arbeiterschaft drohte. Auch das   kleinb&#252;rgerliche Wertesystem ging kaputt, diese Schicht wurde in allen   Bereichen &#252;berfl&#252;ssig. Nach politischen Niederlagen der Arbeiterbewegung   liefen Massen des Kleinb&#252;rgertums zu den vom Gro&#223;kapital finanzierten   Nazis &#252;ber. Sie suchten ideologisch ihr Heil im Leugnen der Gegenwart:   &#8222;Auf der Ebene der Politik ist Rassismus eine aufgeblasene Abart des   Chauvinismus, gepaart mit Sch&#228;dellehre. Wie herabgekommener Adel Trost   findet in der alten Abkunft seines Blutes, so bes&#228;uft sich das   Kleinb&#252;rgertum am M&#228;rchen von den besonderen Vorz&#252;gen seiner Rasse.&#8221;   schrieb der russische Marxist Leo Trotzki 1933, &#8222;Der Faschismus entdeckt   den Bodensatz der Gesellschaft f&#252;r die Politik. Nicht nur in den   Bauernh&#228;usern, sondern auch in den Wolkenkratzern der St&#228;dte lebt neben   dem zwanzigsten Jahrhundert heute noch das zehnte oder dreizehnte&#8230; Was   f&#252;r unersch&#246;pfliche Vorr&#228;te an Finsternis, Unwissenheit, Wildheit! Die   Verzweiflung hat sie auf die Beine gebracht, der Faschismus wies ihnen   die Richtung&#8230; die kapitalistische Zivilisation erbricht die unverdaute   Barbarei.&#8221;<\/p>\n<p>  Der bis zur grausigen Konsequenz getriebene Rassismus der deutschen   Nazis war zusammen mit dem enormen Hunger der Konzerne nach billigen   Arbeitskr&#228;ften und Land die Grundlage f&#252;r das am besten geplante und   umfassendste Verbrechen der Menschheitsgeschichte, die Vernichtung von   Millionen Menschen im Krieg und in den Konzentrationslagern. Nach dem   Krieg gab es in Westeuropa, vor allem in der BRD, kein Bed&#252;rfnis nach   &#8222;neuem Lebensraum&#8221; mehr, sondern Arbeitskr&#228;ftemangel. Millionen   Arbeiterlnnen von der T&#252;rkei bis Portugal wurden nach Deutschland geholt.<\/p>\n<p>  <b>Der &#8222;neue&#8221; Rassismus <\/b>    <\/p>\n<p>  Mitte der Siebziger Jahre endete die Aufschwungsepoche nach dem Zweiten   Weltkrieg. Die Kapitalisten begannen, die Zahl der Lohnabh&#228;ngigen ohne   deutschen Pass abzubauen. Bis dahin waren die Wanderungsbewegungen vor   allem durch das Bed&#252;rfnis des Kapitals bestimmt worden. In den letzten   zwanzig Jahren hat der Kapitalismus in seinen Zentren keine gro&#223;e   Nachfrage nach Arbeitskr&#228;ften mehr. Daf&#252;r zerst&#246;rt er an seinen R&#228;ndern   in der &#8222;Dritten Welt&#8221; und jetzt auch in Osteuropa immer r&#252;cksichtsloser   die alte Sozialstruktur, ohne etwas Neues an ihrer Stelle zu bauen.   Damit zwingt er Menschen zur Auswanderung, die dann bei uns als   &#8222;Wirtschaftsfl&#252;chtlinge&#8221; beschimpft werden. Um diese Menschen   fernzuhalten und uns Eingeborene von der Krise abzulenken, wird der   Rassismus wieder aufpoliert. Die brutale Variante, andere &#8222;Rassen&#8221; f&#252;r   minderwertig zu erkl&#228;ren oder ihnen das Menschsein abzusprechen, hat   seit dem Holocaust keine breite Grundlage in der Gesellschaft. Doch   solange es nicht darum geht, andere L&#228;nder zu unterwerfen, m&#252;ssen die   anderen &#8222;Rassen&#8221; nicht f&#252;r minderwertig erkl&#228;rt werden. Es reicht zu   behaupten, sie seien halt anders und es sei nicht gut, wenn sich   verschiedene Kulturen oder Rassen vermischen. Als Konsequenz verk&#252;nden   sie: &#8222;Afrika den Afrikanern, die T&#252;rkei den T&#252;rken. Deutschland den   Deutschen.&#8221; Auch der &#8222;aufgekl&#228;rte&#8221; Rassismus ist nichts als die   Aufforderung zu blutigen Pogromen. Dieser &#8222;neue Rassismus&#8221; ist auch   nicht neu. Begr&#252;ndet ist er genauso wenig. Die Kultur eines Menschen ist   nichts Angeborenes. Auch innerhalb eines Volkes gibt es keine   einheitliche Kultur. Die verschiedenen Klassen, Geschlechter oder   Altersgruppen haben verschiedene Kulturen. Wer spricht dieselbe Sprache,   h&#246;rt dieselbe Musik, sieht die gleichen Fernsehsendungen und Filme,   zieht sich genauso an wie seine Eltern? Auch ohne &#8222;Ausl&#228;nderlnnen&#8221;   h&#228;tten wir eine &#8222;multikulturelle Gesellschaft&#8221;. Wem das nicht passt,   will im Endeffekt auch &#8222;deutschen&#8221; Jugendlichen und ArbeiterInnen   vorschreiben, wie sie zu leben haben. Rassismus ist gegen alle Menschen   gerichtet, egal ob sie einen deutschen Pass haben oder nicht.<\/p>\n<p>  <b>Spaltung <\/b>    <\/p>\n<p>  Warum fallen trotzdem Menschen darauf herein? Der Kapitalismus gibt dem   Rassismus st&#228;ndig neue Nahrung. Er beruht auf dem Widerspruch, dass die   Menschen auf dem Papier gleichberechtigt sind, aber es trotzdem Reiche   und Arme, M&#228;chtige und Machtlose gibt. Die b&#252;rgerliche Auffassung f&#252;hrt   die gesellschaftlichen Unterschiede auf angeborene Intelligenz, Flei&#223;   und andere Charaktereigenschaften zur&#252;ck.<\/p>\n<p>  Um diese Vorurteile zu untermauern, wird bis heute gro&#223;er   &#8222;wissenschaftlicher&#8221; Aufwand getrieben. Der Genetiker Cyril Burt ist   daf&#252;r von der englischen K&#246;nigin sogar geadelt worden. Allzu flei&#223;ig war   er aber nicht: die Zahlen, mit denen er seine Theorien bewies, hat er   einfach erfunden. Eine Variante dieses M&#228;rchens von den angeborenen   Unterschiede der Menschen sind eben die &#8222;angeborenen   Rassenunterschiede&#8221;. Sie sind wunderbar geeignet, um die ArbeiterInnen   zu spalten. Die arbeitende Mehrheit wird aufgesplittert bez&#252;glich   Ausbildung, Bezahlung, Arbeitsbedingungen oder Arbeitsplatzsicherheit.   Vorurteile werden verbreitet, um den Blick auf die wirklichen Ursachen   der Krisen zu verstellen. &#8222;Die Konkurrenzf&#228;higkeit der deutschen   Wirtschaft ist bedroht, wir k&#246;nnen uns Fl&#252;chtlinge, die uns nur Geld   kosten, nicht leisten. &#8217;Gastarbeiter&#8217; sind &#246;fter krank, nicht so flei&#223;ig   und gewissenhaft usw.&#8221;<\/p>\n<p>  Solange eine auf Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung beruhende Gesellschaft   existiert, wird auch der Rassismus ein wichtiger Bestandteil sein, um   die Zust&#228;nde zu rechtfertigen und die Wirklichkeit zu verh&#252;llen.<\/p>\n<\/p>\n<h2>  <b>&#8222;Kapitalismus ohne Rassismus ist nicht m&#246;glich:&#8220; (Malcolm <\/b>   X)<\/h2>\n<p>  <b>Zusammenh&#228;nge zwischen sozialen Problemen und Rassismus &#8211; Rassismus   ist nicht die nat&#252;rliche Reaktion auf wirtschaftliche Krisen <\/b>    <\/p>\n<p>  F&#252;r Antifaschisten stellen sich viele Fragen &#252;ber Ursachen und Wirkungen   von Rassismus und Faschismus. Die b&#252;rgerlichen Politiker und die Medien   versuchen, die Ursachen zu vertuschen. Erst einmal wird verschwiegen,   heruntergespielt. Wenn sich das nicht mehr durchhalten l&#228;sst, werden die   &#8222;Einzelt&#228;ter&#8221; entdeckt. Diese Jungnazis werden oft als Opfer   dargestellt. Auch kritische GesellschaftswissenschaftlerInnen   beschreiben den Hass auf alles Fremde als nat&#252;rliche Reaktion der   &#8222;einfachen Leute&#8221; auf die Wirtschaftskrise. Wir wollen im folgenden Text   auf einige Fragen eingehen, die oft auftauchen.<\/p>\n<p>  <b>Ist Rassismus das nat&#252;rliche Ergebnis sozialer Probleme wie   Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Armut? <\/b>    <\/p>\n<p>  Nein. Probleme f&#252;hren nicht automatisch zu Rassismus. Die &#8222;nat&#252;rliche   Reaktion&#8220; ist, dass sich Menschen mit Problemen gegen die Ursachen ihrer   Probleme wenden. Immer wieder haben Arbeiter gegen ihre Unternehmer f&#252;r   bessere Arbeitsbedingungen gestreikt. Heute organisieren sich in der BRD   Millionen von Menschen in den Gewerkschaften, Hunderttausende sind in   Initiativen organisiert, um die Ursachen ihrer Probleme &#8211; sei es   Wohnungsnot oder Umweltverschmutzung &#8211; anzugehen.<\/p>\n<p>  Soziale Probleme bieten aber den Herrschenden die M&#246;glichkeit, durch   Rassismus S&#252;ndenb&#246;cke zu schaffen und damit von den Ursachen abzulenken.   Sie sind umso erfolgreicher, je weniger der Spaltungsstrategie   politische Alternativen entgegensetzt werden. Die Kohl-Regierung hat die   Fl&#252;chtlinge zu S&#252;ndenb&#246;cken gemacht. Seit 1982 l&#228;uft, mal mehr, mal   weniger intensiv, die &#8222;Asylbetr&#252;ger&#8221;-Kampagne. Die SPD hat dem nichts   entgegengesetzt. Sie ist eingeknickt und hat die Propaganda mitgemacht.   Auch die Gewerkschaften haben nur mit Iauwarmen Worten protestiert. SPD   und Gewerkschaften haben auch darauf verzichtet entschieden gegen   Arbeitslosigkeit und Sozialabbau zu k&#228;mpfen und unterst&#252;tzen die   &#8222;G&#252;rtel-enger-schnallen&#8221; Aufrufe &#8211; die Gewerkschaften zaghaft, die   SPD-Spitze mit vollem Schwung. Die ArbeiterInnen, die von   Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und sozialem Abstieg bedroht sind, sehen   keine Perspektive. Auf dieser Grundlage k&#246;nnen rassistische Ideen sich   auch unter Arbeiterlnnen verbreiten. &#8222;Wenn man schon nicht gegen die   Bonzen ankommen kann, dann sollen wenigstem die Fl&#252;chtlinge raus, die   uns auf der Tasche liegen&#8221; denken viele. Doch nicht die sozialen   Probleme an sich, sondern bewusste politische Strategien verschaffen dem   Rassismus massenhafte Unterst&#252;tzung<\/p>\n<p>  <b>Aber lehnen wir nicht alle erst einmal &#8221;das Fremde&#8221; ab und haben   somit eine rassistische Grundeinstellung? <\/b>    <\/p>\n<p>  Menschen werden durch die Gesellschaft, in der sie aufwachsen und leben,   gepr&#228;gt. Die herrschenden Ideen sind immer die der herrschenden Klasse.   Das bedeutet, dass uns von Kindesbeinen an Dinge tief eingebrannt   werden, die wir nur in einem langen Bewusstseinsprozess ablegen k&#246;nnen &#8211;   und selbst dann oft nicht v&#246;llig. Ein Beispiel hierf&#252;r sind die   unterschiedlichen Geschlechterrollen, die wir anerzogen bekommen. Selbst   bei M&#228;nnern, die bewusst antisexistisch sind, wird man feststellen, dass   sie nicht alle sexistischen Vorurteile und Verhaltensweisen haben   ablegen k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  &#196;hnlich verh&#228;lt es sich mit der Frage, ob Rassismus zur Grundeinstellung   von Menschen geh&#246;rt. Die kapitalistische Gesellschaft und ihre   Ideologie, von der wir gepr&#228;gt sind, beinhalten Nationalismus und   Rassismus. Wir sollen uns als Deutsche sehen und nicht als ArbeiterInnen   in einer Klassengesellschaft. Wir sollen mehr Verbundenheit mit   deutschen Kapitalisten entwickelten, als mit den ArbeiterInnen anderer   L&#228;nder. Andererseits erkennen die Arbeiter verschiedener Nationalit&#228;t im   Kampf ihre gemeinsamen Interessen. Die anerzogenen Vorurteile werden so   durch die eigene Erfahrung &#252;berwunden. Sozialisten stellen der   rassistischen Ideologie eine internationalistische entgegen.<\/p>\n<p>  F&#252;r den politischen Kampf ist beides wichtig: Nicht zu vergessen, dass   auch klassenbewusste Arbeiter nicht frei von rassistischen   Verhaltensweisen und Ideen sind &#8211; aber auch den Hauptgegner in dem   gezielten Rassismus der Herrschenden zu sehen und diesen zu bek&#228;mpfen.<\/p>\n<p>  <b>Was ist der Unterschied zwischen Rassismus und Faschismus? <\/b>    <\/p>\n<p>  Rassismus und Faschismus werden oft in einem Atemzug genannt. Es gibt   Rassismus ohne Faschismus. Rassismus ist die Ungleichbehandlung von   Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder anderer k&#246;rperlicher Merkmale   bzw. ihrer Abstammung. In Deutschland wird die Ungleichbehandlung von   hier geborenen aber nicht von Deutschen abstammenden Menschen in   Ausl&#228;ndergesetzen festgeschrieben, die sogenannte Ausl&#228;nderInnen zu   Menschen zweiter Klasse machen. Insofern ist die BRD ein rassistischer   Staat. Ein faschistischer Staat ist Deutschland nicht.<\/p>\n<p>  Der Faschismus ist eine extreme Herrschaftsform in der kapitalistischen   Gesellschaft. Der Faschismus kommt dann zum Zuge, wenn die anderen   Herrschaftsformen nicht mehr funktionieren und die Kapitalisten Angst   vor einer sozialen Revolution haben m&#252;ssen. Ziel des Faschismus ist die   Beseitigung aller demokratischen Rechte und die Zerschlagung der   Organisationen der Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>  Der Faschismus benutzt unterschiedliche ideologische Mittel, um sich   eine Unterst&#252;tzung in breiteren Teilen der Bev&#246;lkerung aufzubauen. Eines   dieser Mittel ist der Rassismus, im Falle der NSDAP ganz speziell der   Antisemitismus. Die Faschisten heute hetzen gegen Asylbewerber und   &#8222;Ausl&#228;nder&#8221;. Mussolini verbreitete in Italien einen aggressiven   Nationalismus. Die Faschisten in Schottland versuchen eine Spaltung   entlang religi&#246;ser Linien zu erreichen.<\/p>\n<p>  <b>W&#252;rde es ausreichen, Wohnungen und Arbeitsplatze f&#252;r alle zu   schaffen, um dem Rassismus den Boden zu entziehen? <\/b>    <\/p>\n<p>  Wenn es Wohnungen und Arbeit f&#252;r alle g&#228;be, w&#228;re dem Rassismus viel von   dem Boden, auf dem er gedeihen kann, genommen. Aber das Grundproblem   w&#228;re damit noch nicht gel&#246;st. Trotz Vollbesch&#228;ftigung und wachsendem   Lebensstandard gab es in der Nachkriegszeit Rassismus. In den USA war   der Rassismus ein Hauptpfeiler der kapitalistischen Ordnung. Hier gab es   Rassentrennung trotz der Boom-Zeiten in den 50er und 60er Jahren. Die   Feststellung des amerikanischen Schwarzenf&#252;hrers Malcolm X, dass es   keinen Kapitalismus ohne Rassismus geben kann, stammt aus den 60er   Jahren.<\/p>\n<p>  Die Krise der kapitalistischen Gesellschaft f&#252;hrt dazu, dass die   Herrschenden die rassistische Karte ziehen und ausspielen. Doch   vorhanden ist Diskriminierung in jeder Gesellschaft, die auf Ausbeutung   beruht, auch wenn sie in ruhigeren Zeiten nicht im Vordergrund steht.<\/p>\n<p>  <b>Wie k&#246;nnen Rassismus und Faschismus abgeschafft werden? <\/b>    <\/p>\n<p>  Wenn die Arbeiterlnnen den Kampf gegen die wirklichen Verursacher   sozialer Probleme f&#252;hren, wird der S&#252;ndenbockpolitik der Herrschenden   der Boden entzogen. Wie in der Antwort auf die erste Frage erkl&#228;rt   wurde, ist in breiten Schichten der arbeitenden Bev&#246;lkerung das   Bewusstsein vorhanden, dass man eigentlich gegen &#8222;die da oben&#8221; vorgehen   muss. Gleichzeitig gibt es die rassistischen Vorurteile, die   zur&#252;ckgedr&#228;ngt werden, wenn sich K&#228;mpfe entwickeln. In solchen   Auseinandersetzungen erfahren Arbeiterlnnen, dass sie wie ihre   ausl&#228;ndischen KollegInnen einen gemeinsamen Gegner in Gestalt der   Kapitalisten bzw. der Regierung haben.<\/p>\n<p>  Diese Entwicklung muss jedoch durch eine bewusste antirassistische   Politik der Arbeiterbewegung unterst&#252;tzt werden. Und vor allem m&#252;ssen   die faschistischen und rassistischen Organisationen, die uns bedrohen,   direkt bek&#228;mpft und zur&#252;ckgeschlagen werden.<\/p>\n<p>  Solche K&#228;mpfe k&#246;nnen jedoch Rassismus und Faschismus nur zeitweilig   zur&#252;ckdr&#228;ngen. Nur eine erfolgreiche sozialistische Revolution und der   Aufbau einer Gesellschaft, die nicht mehr am Profit f&#252;r wenige, sondern   an den Bed&#252;rfnissen aller orientiert ist, kann diese &#220;bel endg&#252;ltig   beseitigen. Nur wenn die Macht demokratisch von der arbeitenden   Bev&#246;lkerung ausge&#252;bt wird, gibt es kein Interesse mehr, eben diese   arbeitende Bev&#246;lkerung zu spalten. Nur wenn alle Menschen eine   Zukunftsperspektive haben, wird es unm&#246;glich, &#196;ngste zu sch&#252;ren bzw.   auszunutzen und S&#252;ndenb&#246;cke zu schaffen.<\/p>\n<p>  <b>W&#252;rde in einer sozialistischen Demokratie der Rassismus also   automatisch verschwinden? <\/b>    <\/p>\n<p>  Nein. Eine sozialistische Demokratie w&#252;rde die wirtschaftlichen und   sozialen Voraussetzungen f&#252;r die vollkommene Abschaffung von Rassismus   und Sexismus schaffen. Das ist der wichtigste Schritt. Aber mit neuen   Wirtschafts- und Machtverh&#228;ltnissen werden nicht die Vorurteile der   b&#252;rgerlichen Gesellschaft auf einmal aus den K&#246;pfen verschwinden. Ein   bewusster Kampf gegen Vorurteile w&#228;re auch in einer sozialistischen   Gesellschaft n&#246;tig.<\/p>\n<h2>  &#8222;Weil keiner seinesgleichen auspl&#252;ndern, unterjochen und t&#246;ten kann,   ohne ein Verbrechen zu begehen erheben sie es zum Prinzip, dass der   Kolonisierte kein Mensch ist.&#8221; Jean-Paul Sartre<\/h2>\n<p>  <b>Rassismus und Arbeiterbewegung<\/b><\/p>\n<p>  Die ehemalige Arbeiterpartei SPD und die Gewerkschaften sind einmal   geschaffen worden zum Kampf gegen den Kapitalismus, f&#252;r die Solidarit&#228;t   der Arbeitenden aller L&#228;nder. Aber diese Organisationen haben schon bald   ihren Frieden mit dem Kapitalismus gemacht &#8211; und sind deshalb vom   rassistischen Gift infiziert worden. Schon 1907 hat die   sozialdemokratische Sozialistische Internationale nur noch mit knapper   Mehrheit eine prinzipielle Ablehnung des Kolonialismus beschlossen. Der   Theoretiker des rechten SPD-Fl&#252;gels Bernstein (der von der SPD-F&#252;hrung   l&#228;ngst rechts &#252;berholt wurde und den die PDS-F&#252;hrerInnen heute f&#252;r sich   entdecken) pl&#228;dierte f&#252;r eine &#8222;sozialistische Kolonialpolitik&#8221;: &#8222;Eine   gewisse Vormundschaft der Kulturv&#246;lker gegen&#252;ber Nichtkulturv&#246;lkern ist   eine Notwendigkeit&#8221;. 1914 ging die mit dem Kolonial-Rassismus ges&#228;te   Saat des Opportunismus und Nationalismus auf. Die internationale   Sozialdemokratie stimmte dem Gemetzel des Ersten Weltkriegs zu. Von 1914   bis zur Asylrechts&#228;nderung und Schr&#246;ders &#8222;kriminelle Ausl&#228;nder m&#252;ssen   raus, aber schnell!&#8220; ist die SPD immer wieder vor dem Rassismus in die   Knie gegangen. Der Kampf gegen den Rassismus muss auch innerhalb der   Arbeiterbewegung bewusst gef&#252;hrt werden. Mit frommen Reden von   &#8222;Ausl&#228;nderfreundlichkeit&#8221; d&#252;rfen wir uns nicht von den F&#252;hrern der   Organisationen abspeisen lassen.<\/p>\n<p>  <b>Das Huhn und das Entenei <\/b>    <\/p>\n<p>  <i>&#8222;&#8230; die Leute werden erkennen, dass es unm&#246;glich ist f&#252;r ein Huhn,   ein Enten-Ei zu legen (&#8230;) Ein Huhn hat es einfach nicht innerhalb   seines Systems, ein Enten-Ei zu erzeugen. Es kann nur produzieren gem&#228;&#223;   dem, zu welcher Produktion dieses bestimmte System konstruiert worden   ist. Das System in diesem Land kann nicht Freiheit f&#252;r einen   Afroamerikaner produzieren. Es ist unm&#246;glich f&#252;r dieses System, dieses   Wirtschaftssystem, dieses politische System, dieses   Gesellschaftssystem&#8230;. Und wenn jemals ein Huhn ein Enten-Ei gelegt   hat, ich bin ganz sicher, ihr werdet sagen, dass das gewiss ein   revolution&#228;res Huhn war! (&#8230;) Es ist unm&#246;glich f&#252;r eine wei&#223;e Person,   an den Kapitalismus zu glauben und nicht an den Rassismus zu glauben.   Ihr k&#246;nnt keinen Kapitalismus haben ohne Rassismus!&quot; (Malcolm X, Rede   vom 29. Mai 1964) <\/i>    <\/p>\n<p>  <i>Diese Texte wurden zusammengestellt von Wolfram Klein, Claus Ludwig   und Sascha Stanicic<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie ist es m&#246;glich, dass nach unz&#228;hligen Verbrechen des Kolonialismus und<br \/>\n    der Nazis, die zum gro&#223;en Teil mit rassistischen Argumenten gerechtfertigt<br \/>\n    wurden, rassistische Denkweisen immer noch Unterst&#252;tzung finden? 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