{"id":11462,"date":"2005-12-20T22:55:47","date_gmt":"2005-12-20T22:55:47","guid":{"rendered":".\/?p=11462"},"modified":"2005-12-20T22:55:47","modified_gmt":"2005-12-20T22:55:47","slug":"11462","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/12\/11462\/","title":{"rendered":"&quot;Die Angst vor K&#252;ndigung und Lohnverlust im Alter ist genommen&quot;"},"content":{"rendered":"<p>Wie 1973 die &quot;Steink&#252;hlerpause&quot; erk&#228;mpft wurde<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>&#8222;Wenn in Zukunft jemand Sonntagsreden &#252;ber die Qualit&#228;t des Lebens   h&#228;lt, k&#246;nnen wir ihm zeigen, wie man sie erk&#228;mpfen kann. In jeder Stunde   hat jetzt der Arbeiter Zeit f&#252;r sich! Er muss sich weniger ducken und   hat ein Anrecht auf Pausen! Es gibt keine entw&#252;rdigenden Stoppuhren   mehr, wenn er auf&#8217;s &#214;rtchen geht! Die Angst vor Lohnverlust und   K&#252;ndigung im Alter ist genommen! Wir haben in den schnellsten   Manteltarifverhandlungen unserer Geschichte einen Vertrag abgeschlossen,   der sich sehen lassen kann. Das Selbstvertrauen, das in diesem Kampf   bewiesen wurde, war gr&#246;&#223;er, als der gr&#246;&#223;te Optimist erwarten konnte! Es   wird auch durch das Erreichte noch weiter gest&#228;rkt&#8220;. Franz Steink&#252;hler   in den IGM-Streiknachrichten vom 23.10.73<\/i><\/p>\n<p>  Mit dem Streik f&#252;r den Lohnrahmentarif II 1973 betrat die IGM   tarifpolitisches Neuland. Bezahlte Pausen, Begrenzte Taktzeiten,   besonderer K&#252;ndigungschutz und individuelle Verdienstabsicherung im   Alter, Mindestverdienstgarantie f&#252;r Akkordarbeiter und die Mitbestimmung   bei Gruppen- und Flie&#223;bandarbeit wurden zum Gegenstand von   Tarifauseinandersetzung. Hintergrund war die enorme Verdichtung und   Intensivierung der Arbeit Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre.   Straffere Arbeitsplanung, h&#246;here Leistungsnormen, wirksamere Kontroll-   und Disziplinierungsverfahren erh&#246;hten den Druck in den Fabriken. Die   St&#252;ckzahlbestimmung durch Zeitmessung (REFA) und die Zergliederung des   Arbeitsvorgangs und Festsetzung von Zeiten nach in Tabellen festgelegten   Bewegungszeiten (MTM &#8211; Methods-Time-Measurement) hielten Einzug in den   industriellen Alltag. Die ohnehin stark beanspruchende Fabrikarbeit   erh&#246;hte die k&#246;rperliche und psychische Anspannung bis ins Unertr&#228;gliche.   Bis zur Toilette wurden die ArbeiterInnen mit der Stoppuhr verfolgt. Die   Arbeiter pr&#228;gten den Spruch &#8222;Akkord ist Mord&#8220;.<\/p>\n<p>  Es bedurfte allerdings Jahre bis die zum Himmel schreienden Verh&#228;ltnisse   und der Unmut an den B&#228;ndern von der IGM offiziell aufgegriffen wurden.   Betriebsr&#228;te, die auf Sozialpartnerschaft und auf eigene Privilegien   bedacht waren unterschrieben die von der Werksleitung geforderten   St&#252;ckzahlen ohne mit den betroffenen Kollegen auch nur zu sprechen. Sie   k&#252;mmerten sich nicht um die Missst&#228;nde, denen die BandarbeiterInnen   ausgesetzt waren. Kritiker an den Verh&#228;ltnissen aus den eigenen Reihen   wurden mundtot gemacht. Und weil diese Funktion&#228;re in der IGM Ende der   60er, Anfang der 70er Jahre das Sagen hatten, drang der Schrei der   Bandarbeiter nach besseren Arbeitsbedingungen nicht durch und wollte vom   Apparat auch nicht geh&#246;rt werden. In seiner Autobiografie beschreibt   Willi Hoss, dass auf dem IGM-Gewerkschaftstag der IGM im September 1968,   von den wenigen Delegierten, die zur zunehmenden Belastung der   Bandarbeiter sprachen, hitzigere Debatten provoziert wurden als &#252;ber den   Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag. In seiner Rede zu den   Delegierten erkl&#228;rte Willi Hoss:<\/p>\n<p>  <i>&#8222;Ich m&#246;chte einen Aspekt der Rationalisierung und Automation   herausarbeiten, n&#228;mlich den, dass Rationalisierung und Automatisierung   in unserem kapitalistischen System nicht zu einer Verbesserung und   Erleichterung der Arbeitsbedingungen der Arbeiter f&#252;hrt, sondern dass   gleichlaufend damit eine Versch&#228;rfung der Anspannung der Arbeiter oder,   um mit Marx zu reden, der Ausbeutung der Arbeiter vor sich geht. Ich bin   etwas verwundert dar&#252;ber, dass auf diesem Gewerkschaftstag &#252;ber diese   Seite der Versch&#228;rfung der Ausbeutung eigentlich verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig wenig   gesagt worden ist. Wir m&#252;ssen davon ausgehen, dass in den Betrieben, und   ich meine hier besonders die Gruppe der Akkordarbeiter und der   Bandarbeiter bei der metallverarbeitenden Industrie, wo ich das   &#252;bersehen kann, die Kollegen einem immer h&#246;heren Tempo in der Produktion   ausgesetzt sind und dass die nervliche wie k&#246;rperliche Belastung unserer   Kollegen, die im Akkord stehen, ein Ma&#223; erreicht hat, das kaum noch zu   vertreten ist&#8230;.Hier ist ein entscheidendes Problem, dem sich der   Vorstand und &#252;berhaupt unsere IG Metall stellen muss. Es gilt, diesen   Dingen nachzugehen und die Frage zu stellen, wie kommt es, dass heute an   bestimmten Pl&#228;tzen eine Leistung verlangt wird &#8211; und das sind nicht   wenige Kollegen, die dort arbeiten, die nur f&#252;r etwa f&#252;nf, sechs oder   zehn Jahre erbracht werden kann, und dass dann schon Gesundheitssch&#228;den   auftreten, Magengeschw&#252;re, nerv&#246;se Leiden, nervliche Sch&#228;den und   dergleichen mehr.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>  In &#8222;Plakat&#8220;, der Betriebszeitung nach der die Gruppe um Hoss und   M&#252;hleisen sp&#228;ter benannt wurden, erschienen 1970 die &#8222;Vorschl&#228;ge eines   Bandarbeiters&#8220;. Hier tauchen zum ersten mal Forderungen auf, die bei der   IGM 1973 Eingang in die Tarifforderungen der IGM finden: Kollektive   Erholungspausen, pers&#246;nliche Verteilzeiten, Auflockerung der Bandarbeit   und Kontrolle der Arbeiter &#252;ber das Arbeitstempo. Diejenigen, die diese   Forderungen erstmals formulierten, waren zum Zeitpunkt des Streiks   bereits aus der IGM ausgeschlossen.<\/p>\n<p>  <b>Wilde Streiks 1973 <\/b><\/p>\n<p>  Der Unmut in den Fabriken spitzte sich bis 1973 weiter zu. In den   Werkshallen kam es zu erregtem Streit &#252;ber Differenzierungen in der   Entlohnung, Vorgabezeiten und St&#252;ckzahlen. Hin und wieder gab es in   einzelnen Gruppen und Abteilungen kurze spontane Arbeitsniederlegungen.   Schlie&#223;lich kam es 1973 kurz nach Tarifabschl&#252;ssen in der Stahl- und   Metallindustrie von Februar bis November 1973 zu einer Welle   erfolgreicher wilder Streiks, an der sich laut Angaben der IGM   bundesweit 325.542 Besch&#228;ftigte in 458 Betrieben beteiligten. Im   Vordergrund stand dabei die Forderung nach Teuerungszulagen. In einer   Reihe von Betrieben verlangten die Flie&#223;bandarbeiter zus&#228;tzlich eine   Verringerung des Arbeitstempos und mehr Urlaub. Bei Ford in K&#246;ln war   eine Ma&#223;nahme, die den Arbeitsdruck auf ein unertr&#228;gliches Ma&#223; erh&#246;hte,   der Ausl&#246;ser f&#252;r den 7-t&#228;gigen wilden Streik, an dem sich 17.000   ArbeiterInnen beteiligten.<\/p>\n<p>  <b>Franz Steink&#252;hler wird Bezirksleiter <\/b><\/p>\n<p>  Im Bezirk Stuttgart war Franz Steink&#252;hler 1972 hoffnungsvoller   Nachfolger von Willi Bleicher geworden. Er war hervorgegangen aus der   Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre entstandenen neuen Schicht   k&#228;mpferischer Funktion&#228;re. Steink&#252;hler erkannte, dass die explosive   Stimmung in den Betrieben und die wilden Streiks ein Warnsignal f&#252;r die   IGM waren. In den Metallnachrichten vom 3.9.73 zur Begr&#252;ndung der   Forderungen f&#252;r den Lohnrahmentarif II spricht Franz Steink&#252;hler von   &#8222;Streiks gegen Flie&#223;arbeit&#8220; und sogar von der &#8222;Zerst&#246;rung von   Flie&#223;b&#228;ndern&#8220; durch die Arbeiter als &#8222;spektakul&#228;re Zeichen der sich   andeutenden Ver&#228;nderungen.&#8220; Er setzte sich zum Ziel den Unmut &#252;ber die   Arbeitsbedingungen in einen von der IGM Stuttgart gef&#252;hrten Tarifkampf   zum Lohnrahmentarifvertrag II zu kanalisieren und so verloren gegangenes   Vertrauen in die IGM zur&#252;ckzugewinnen. Dabei musste sich Franz   Steink&#252;hler tarifpolitisch &#252;ber seinen mit enormer Autorit&#228;t   ausgestatteten Vorg&#228;nger Willi Bleicher hinwegsetzen. Bleicher hielt   Forderungen nach Humanisierung der Arbeitsbedingungen, Erholpausen und   Verdienstabsicherung f&#252;r nicht tarifkampff&#228;hig und warnte Steink&#252;hler   und die IGM vor Arbeitsk&#228;mpfen, die nicht zu gewinnen seien. Kein   Facharbeiter w&#252;rde f&#252;r Erholpausen von Bandarbeitern k&#228;mpfen, kein   Jungarbeiter f&#252;r die Verdienstabsicherung &#228;lterer Kollegen. Die von   Steink&#252;hler und der Tarifabteilung in Frankfurt entwickelten Forderungen   seien viel zu kompliziert. Der Streik vom 16. bis 24. Oktober belehrte   Bleicher eines Besseren.<\/p>\n<p>  Politischen R&#252;ckenwind erhielt die Bezirksleitung um Franz Steink&#252;hler   damals durch die regierende SPD. Sie hatte sich die Humanisierung der   Arbeitswelt und den Ausbau der Mitbestimmung auf die Fahne geschrieben.   In einer spektakul&#228;ren Pressekonferenz lie&#223; Franz Steink&#252;hler   Journalisten die Notwendigkeit der Humanisierung der Fabrikarbeit vor   Ohren f&#252;hren. Zur Verdeutlichung der 90-dB(A)-Grenze lie&#223; er eine   Stereoanlage aufbauen und einige Zeit lang Fabrikl&#228;rm in dieser   Lautst&#228;rke abspielen.<b> <\/b><\/p>\n<p>  <b>88,8% stimmen f&#252;r Streik<\/b><\/p>\n<p>  Von 1970 bis August 1973 waren &#252;ber den Lohnrahmentarifvertrag II   zwanzigVerhandlungen gef&#252;hrt worden. Anfang September erkl&#228;rte die Gro&#223;e   Tarifkommission die Verhandlungen f&#252;r gescheitert. Einen anschlie&#223;enden   Schlichterspruch lehnten die Metall-Bosse ab. In keiner Frage zeigten   die Metallunternehmer Entgegenkommen. Die Argumente der IGM, dass sich   die Menschen auch am Arbeitsplatz verwirklichen und die Arbeitspl&#228;tze   nach den Bed&#252;rfnissen der Menschen gestaltet werden m&#252;ssten bezeichneten   die Verhandlungsf&#252;hrer der Metallarbeitgeber als &#8222;Hirngespinste&#8220; und   &#8222;Wahnsinnsideen&#8220; von Funktion&#228;ren. Die Forderung nach Verk&#252;rzung der   Taktzeiten auf maximal 1,5 Minuten konterten sie arrogant mit der   Bemerkung, dass &#8222;gro&#223;e Teile der Arbeitnehmer intellektuell gar nicht in   der Lage sind, so gro&#223;e Arbeitsinhalte zu bew&#228;ltigen&#8220;. F&#252;r diese   Arroganz bekamen die Arbeitgeber die verdiente Quittung. Zwischen 10.9.   und 15.10. legten insgesamt rund 128.000 Arbeiter und Angestellte   spontan die Arbeit nieder. Bei der Urabstimmung am 10.10. stimmten von   256.394 Stimmberechtigten 227.782 oder 88% f&#252;r Streik. In einer   Entschlie&#223;ung der Gro&#223;en Tarifkommission vom 11.10. hie&#223; es dazu: <\/p>\n<p>  <i>&#8222;Das Urabstimmungsergebnis ist ein eindeutiges Votum der   IG-Metall-Mitglieder, mit Streik daf&#252;r einzutreten, dass der Begriff   &#8222;Qualit&#228;t des Lebens&#8220; im Betrieb und am Arbeitsplatz mit Inhalt   ausgef&#252;llt wird. Das in den Betrieben vorherrschende Prinzip des Profit-   und Machtstrebens muss durch einen entschlossenen Kampf zugunsten von   menschenverachtenden Arbeitspl&#228;tzen, Wahrung der W&#252;rde und der   Pers&#246;nlichkeit der Arbeitnehmer, Erreichung der Mitbestimmung und durch   eine umfassende soziale Sicherung ver&#228;ndert werden.&#8220; (Metallnachrichten   15.10.73)<\/i><\/p>\n<p>  <b>Schwerpunktstreik <\/b><\/p>\n<p>  Der Streik begann am 16.10. und wurde als Schwerpunktstreik gef&#252;hrt.   Streikbetriebe waren Bosch-Feuerbach und die Daimler-Werke in   Sindelfingen und Untert&#252;rkheim mit den Werkteilen Br&#252;hl, Hedelfingen und   Mettingen. Mit der Begr&#252;ndung, dass es sich um einen Manteltarifvertrag   f&#252;r die gewerblichen Besch&#228;ftigten handelt, schloss die IGM die   Angestellten vom Streik aus. Im Streik 1971 waren bereits am zweiten   Streiktag 120.00 Besch&#228;ftigte im Streik. Und als die Unternehmer   aussperren wollten, kam die IGM ihnen mit der Ausweitung zu einem   Vollstreik unter Einbeziehung der Angestellten zuvor. Einen solchen   Fl&#228;chenstreik lehnte Steink&#252;hler 1973 ab und provozierte damit Unmut in   den Betrieben. Immer wieder musste die IGM-Bezirksleitung ihre Taktik   des Schwerpunktstreiks gegen Kritiker aus den eigenen Reihen   verteidigen. Sie argumentierte, dass man mit dem geringsten Aufwand den   gr&#246;&#223;ten Erfolg erzielen m&#252;sse. Auch die Streikkasse m&#252;sse man schonen,   weil man sie f&#252;r k&#252;nftige Streiks f&#252;r mehr Lohn, h&#246;heren Urlaub und mehr   Urlaubsgeld brauche. Au&#223;erdem behauptete die IGM mit einer Ausweitung   des Streiks w&#252;rde man die Aussperrung provozieren. In den   &#8222;Streiknachrichten&#8220; vom 19.10. hie&#223; es:<\/p>\n<p>  <i>&#8222;Nicht die sogenannten &#8222;Arbeitswilligen&#8220;, die f&#252;r uns immer   Streikbrecher bleiben werden, sondern die vielen Streikwilligen sind das   Hauptproblem. Es f&#228;llt ihnen schwer, an Streikposten vorbei zur Arbeit   zu gehen. Worauf es aber im Kampf ankommt, ist, unsere Taktik so zu   bestimmen, dass die Streikziele erreicht werden, ohne dass wir den   Unternehmern unn&#246;tige Angriffsfl&#228;chen bieten. Jetzt den Streik   auszuweiten hei&#223;t, der Verbandsspitze der Unternehmer eine willkommene   Waffe in die Hand zu geben.&#8220; <\/i><\/p>\n<p>  Ungeachtet der Streiktaktik der IGM beschloss der Verband der   Metallindustrie (VMI) bereits am ersten Streiktag die Aussperrung, wagte   es aber nicht sie umzusetzen. Die Erfahrung von 1971 und die parallel   zum offiziellen Streik des IGM Bezirks quer durch alle Branchen und   Bundesl&#228;nder anhaltenden wilden Streiks bargen f&#252;r die Unternehmer die   Gefahr, dass eine Umsetzung des Aussperrungsbeschluss zu einer sozialen   Explosion f&#252;hren w&#252;rde und die Lage v&#246;llig au&#223;er Kontrolle geraten w&#228;re.   &#214;l ins Feuer goss der baden-w&#252;rttembergische CDU-Innenminister Schie&#223;.   Er erlie&#223; eine Anordnung, den sogenannten &#8222;Schie&#223;-Erlass&#8220;, wonach die   Polizei bei Arbeitsk&#228;mpfen ermitteln und Streikende von Zivilpolizisten   bespitzelt werden sollten.<\/p>\n<p>  <b>Abschluss nach 9 Tagen Streik <\/b><\/p>\n<p>  Nach Streikbeginn machten die Verhandlungsf&#252;hrer der Metallunternehmer   das Aussetzen des Streiks zur Vorbedingung f&#252;r die Wiederaufnahme von   Verhandlungen. Das wurde von der IGM abgelehnt. Bereits nach 3 Tagen   Streik kamen die Verhandlungsf&#252;hrer ohne Vorbedingungen an den   Verhandlungstisch zur&#252;ck. Am 24.10. kam ein Verhandlungsergebnis zur   Urabstimmung, das mit 71,43% der Stimmberechtigten angenommen wurde.   Tags darauf wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Als Kernpunkte des   neuen Manteltarifvertrags stellte die IGM heraus: 30 Minuten bezahlte   Pause pro Schicht im Dreischichtbetrieb, 10% Zulage f&#252;r jede   Sp&#228;tarbeitsstunde zwischen 12.00 Uhr und 19.00 Uhr, bis zu zwei Monaten   K&#252;ndigungsfrist, Bei Arbeitsunf&#228;higkeit durch Betriebs-und Wegeunfall   wird der Nettolohn bis zur 78. Woche bezahlt &#8211; bisher waren es nur ganze   sechs Wochen. Alle Flie&#223;band- Akkord- und Pr&#228;mienlohnarbeiter erhalten   pro Arbeitsstunde mindestens 5 Minuten bezahlte Erholungszeit und   zus&#228;tzlich mindestens 3 Minuten f&#252;r pers&#246;nliche Bed&#252;rfnisse. Von der   geforderten Mindestverdienstgarantie f&#252;r Akkordl&#246;hner von 140% wurden   max. 130% durchgesetzt. Arbeitnehmer, die &#228;lter sind als 55 d&#252;rfen im   Verdienst nicht mehr absinken. Arbeitnehmer, die 53 Jahre alt sind,   k&#246;nnen nur noch aus wichtigem Grund entlassen werden. Die Nacht-, Sonn-   und Feiertagszuschl&#228;ge wurden erh&#246;ht, der K&#252;ndigungsschutzfristen f&#252;r   alle verbessert. Insgesamt wurden mit dem Lohnrahmentarifvertrag II 55   Punkte vereinbart &#252;ber Datenermittlungen bis hin zu   Sonderurlaubsregelungen. Erstmals in einem Tarifvertrag und innerhalb   der IGM hei&#223; diskutiert wurden mit dem Lohnrahmentarifvertrag II   bestimmte Regelungen Betriebsvereinbarungen &#252;berlassen und damit an die   Betriebsr&#228;te delegiert.<\/p>\n<p>  Ein Knappes Jahr nach Abschluss des Lohnrahmentarifvertrags II kam es   zum Konflikt &#252;ber die Frage der &#252;bertariflichen Zulagen bei der   Verdienstabsicherung. Die Metallunternehmer behaupteten die   tarifvertragliche Klausel, die den effektiven Durchschnittsverdienst   absichert, sei rechtswidrig. Es kam zu einem Konflikt dar&#252;ber in dessen   Verlauf im September 1974 25.000 Besch&#228;ftigte spontan die Arbeit   niederlegten. Erst mit einer zus&#228;tzlichen vertraglichen Vereinbarung   Mitte November 1974 wurde die Auseinandersetzung besiegelt.<\/p>\n<p>  In den abschlie&#223;enden Metallnachrichten vom 26.10.73 kommt die   Bezirksleitung nochmal darauf zur&#252;ck, dass sie aus den eigenen Reihen   f&#252;r die Begrenzung des Streiks auf einen Schwerpunktstreik &#8222;hart   kritisiert&#8220; worden sei und verteidigt sich gegen Kritik am Ergebnis: <i> &#8222;Wir wissen: auch das jetzt Erreichte ist nur ein Anfang. Unser Ziel ist es   erstens, den gleichen qualitativen Sprung im ganzen Bundesgebiet zu   vollziehen, und zweitens auf allen Gebieten ernst zu machen mit einer   neuen Qualit&#228;t des menschlichen Lebens. Dies kann nicht ohne eine   tiefgreifende gesellschaftliche Ver&#228;nderung geschehen.&#8220;<\/i>   Gro&#223;e Worte, denen keine Taten folgten. Bei VW wurde 1976 ein   Haustarifvertrag durchgesetzt, der dem Lohnrahmentarifvertrag II in den   wesentlichen Punkten sehr nahe kam. Das war aber eher eine Ausnahme.   Insgesamt wurde kein Kampf darum gef&#252;hrt, die Regelungen des   Lohnrahmentarifvertrags II &#252;ber den Tarifbezirk   Nordw&#252;rttemberg\/Nordbaden hinaus zum Standard von Tarifvertr&#228;gen zu   machen. Im Daimler-Werk von Rastatt gibt es die insgesamt 8 Minuten   bezahlte Pause pro Stunde. Einige Kilometer weiter &#252;ber den Rhein, im   LKW-Werk von DC-Werk W&#246;rth gibt es sie bis heute nicht. Es liegt in   einem anderen Tarifbezirk. Inzwischen ist die Steink&#252;hlerpause selbst im   Tarifbezirk Nordw&#252;rttemberg\/Nordbaden bedroht. Die Metallbosse haben sie   im Jahr 2004 zur &#8222;baden- w&#252;rttembergischen Krankheit&#8220; erkl&#228;rt und sich   zum Ziel gesteckt, sie wieder abzuschaffen. Im Oktober 2005 haben sie   den Lohnrahmentarif II gek&#252;ndigt.<\/p>\n<p>  <i>von Ursel Beck <\/i><\/p>\n<p>  Quellen: Streik- und Metallnachrichten der IGM-Bezirksleitung vom 3.9.   bis 26.10.1973 &#8211; J&#252;rgen Peters: In freier Verhandlung, Steidl-Verlag &#8211;   Willi Hoss: Komm ins Offene Freund, Verlag Westf&#228;lisches Dampfboot &#8211;   Spontane Streiks 1973, Redaktionskollektiv Express &#8211; Herman G. Abmayr:   Wir brauchen kein Denkmal (Bleicher-Biografie), Silberburg-Verlag &#8211;   Grohmann\/Sackstetter: Plakat &#8211; 10 Jahre Betriebsarbeit bei Daimler-Benz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie 1973 die &quot;Steink&#252;hlerpause&quot; erk&#228;mpft wurde<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[250],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11462"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11462"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11462\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11462"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11462"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11462"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}