{"id":11450,"date":"2005-12-04T13:09:15","date_gmt":"2005-12-04T13:09:15","guid":{"rendered":".\/?p=11450"},"modified":"2005-12-04T13:09:15","modified_gmt":"2005-12-04T13:09:15","slug":"11450","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/12\/11450\/","title":{"rendered":"Venezuela &#8211; Mitbestimmung oder Arbeiterkontrolle?"},"content":{"rendered":"<p>Was sind die n&#228;chsten Aufgaben der Ch&#225;vez-Regierung? <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Scheitern der neoliberalen Offensive, Revolten gegen Armut und   Auspl&#252;nderung, besonders in Lateinamerika &#8211; vor diesem Hintergrund   erleben sozialistische Vorstellungen eine Wiedergeburt. In Venezuela ist   dieser Proze&#223; am weitesten fortgeschritten. Laut Umfrage vom Fr&#252;hjahr   2005 w&#252;rden 48 Prozent der Bev&#246;lkerung eine sozialistische Regierung   vorziehen. Welche Ma&#223;nahmen f&#252;hren zum Sozialismus? Das ist eine der   Fragen, die dort breit diskutiert wird.<\/p>\n<p>  Unter diesem Druck sieht sich die Regierung des Pr&#228;sidenten Ch&#225;vez   gezwungen, Betriebe zu verstaatlichen &#8211; wobei die Zahl der   verstaatlichten Betriebe noch niedrig ist und vor allem bankrotte   Unternehmen in Staatshand &#252;bergehen.<\/p>\n<p>  Es stellt sich die Frage, wer die Wirtschaft kontrollieren und verwalten   soll.<\/p>\n<p>  Viele Ideen kursieren, unter anderem die Idee der Mitbestimmung   (&#8222;Cogestion&#8220;). Was ist davon zu halten? Mitbestimmung bedeutet in der   Praxis immer, dass die Kapitalisten weiter das Sagen haben. Die   Erfahrung zeigt, dass sie dann Mittel und Wege finden, &#252;ber Privilegien   und Bestechung Belegschaftsvertreter auf ihre Seite zu ziehen.<\/p>\n<p>  Teile der arbeitenden Menschen in Venezuela verstehen unter &#8222;Cogestion&#8220;   aller-dings Arbeiterkontrolle und versuchen diese in den Betrieben   durchzusetzen.<\/p>\n<p>  <b>Arbeiterkontrolle <\/b>    <\/p>\n<p>  Kontrolle bedeutet im allgemeinen, dass eine Gruppe oder Institution die   Arbeit einer anderen Institution beobachtet oder &#252;berpr&#252;ft.   Arbeiterkontrolle bedeutet, dass die Kapitalisten und ihre Verwalter   keinen Schritt im Betrieb tun k&#246;nnen, ohne die Zustimmung der   Besch&#228;ftigten. Im kapitalistischen Alltag kann es nur in seltenen F&#228;llen   Arbeiterkontrolle geben. In besetzten Betrieben zum Beispiel k&#246;nnen die   ArbeiterInnen verhindern, dass Einrichtungen verscherbelt werden und sie   k&#246;nnen sogar die Produktion und Verwaltung in eigener Regie &#252;bernehmen. <\/p>\n<p>  Arbeiterkontrolle als herrschendes Element in der Wirtschaft, das hei&#223;t   in allen oder in den meisten Betrieben, kann es nur in zugespitzten   Klassenk&#228;mpfen geben. Dies ist der Fall, wenn die Arbeiterklasse in der   Offensive ist und die Kapitalisten dabei sind, ihre Unterst&#252;tzung in der   Gesellschaft zu verlieren. Auf dieser Basis findet der Kampf um   Arbeiterkontrolle und -verwaltung zur Zeit in Venezuela statt<\/p>\n<p>  <b>Gemeineigentum<\/b><\/p>\n<p>  Arbeiterkontrolle kann in privaten Betrieben Sabotage verhindern und   hilft, Pl&#228;ne, die Ausbeutung zu versch&#228;rfen, fr&#252;h zu erkennen und zu   vereiteln. Das Entscheidende dabei ist: Die Arbeiterklasse kann lernen,   dass sie in der Lage w&#228;re, die Kontrolle, die Macht auszu&#252;ben, dass sie   die herrschende und nicht immer die unterdr&#252;ckte Klasse in der   Gesellschaft sein muss.<\/p>\n<p>  Blo&#223; kann man schlecht das kontrollieren, was man nicht besitzt. Deshalb   gilt es, eine umfassende Vergesellschaftung zu realisieren. &#214;l- und   Gasindustrie, Banken, Gro&#223;grundbesitz und andere wichtige   Privatunternehmen geh&#246;ren in Gemeineigentum &#252;berf&#252;hrt. Eine   demokratische Kontrolle und -verwaltung durch die arbeitenden Menschen   ist unerl&#228;sslich, will man verhindern, dass die Produktion in den   vergesellschafteten Betrieben an dem Profit der Privaten orientiert   wird. Nur so k&#246;nnen die Vorz&#252;ge der Vergesellschaftungen zum Tragen   kommen.<\/p>\n<p>  <b>Das Beispiel Alcasa<\/b><\/p>\n<p>  Die Ch&#225;vez-Regierung hat die Leitung in den Staatsbetrieben in vielen   F&#228;llen ausgewechselt und plant auch, Kontrollen in privaten Unternehmen   durchzuf&#252;hren, zum Beispiel bei den Banken. Das ist aber vielmehr ein   Konzept f&#252;r B&#252;rokratisierung und eine Quelle der Korruption.<\/p>\n<p>  Kontrolle und -verwaltung durch die arbeitenden Menschen setzt voraus,   dass die Verantwortlichen durch die Belegschaft gew&#228;hlt werden,   jederzeit abw&#228;hlbar sind und keine Privilegien genie&#223;en.<\/p>\n<p>  Der Aluminiumhersteller Alcasa ist ein leuchtendes Beispiel: Dort haben   ArbeiterInnen unter der F&#252;hrung der neuen und aufstrebenden Gewerkschaft   UNT wichtige Elemente von Arbeiterkontrolle eingef&#252;hrt. Es ist die   Belegschaft, die die Werksleitung w&#228;hlt. Diese sind abw&#228;hlbar und   erhalten ihren fr&#252;heren Lohn. Carlos Lanz, der bei der Leitung von   Alcasa gerade den Vorsitz inne hat, sagte am 17. August: &#8222;Demokratische   Planung ist so ein starker Hebel, dass wir sogar mit unseren veralterten   Maschinen die Produktion um elf Prozent steigern konnten.&#8220;<\/p>\n<p>  Doch Alcasa ist die Ausnahme. In den meisten Betrieben k&#228;mpfen die   Belegschaften gegen die B&#252;rokraten, die &#252;ppige Geh&#228;lter zu verteidigen   haben. In dem staatlichen &#214;lunternehmen PDVSA bekam 2004 jeder der zw&#246;lf   Vorstandsmitglieder einen Weihnachtsbonus von umgerechnet 122.500   US-Dollar, eine Summe, die ein Besch&#228;ftigter bei einem   durchschnittlichen Lohn nicht mal in 20 Jahren erh&#228;lt!<\/p>\n<p>  Wie brutal die Bosse auf die Selbstorganisierung der ArbeiterInnen   reagieren, zeigt die Entlassung der drei AktivistInnen Johnny Coronil,   Danny Santos und Andry Key der Gewerkschaft SUPROFARD bei der   Pharmazeutischen Firma RACE. Sie mussten ihren Arbeitsplatz r&#228;umen, weil   sie eine Betriebsgruppe gr&#252;nden wollten.<\/p>\n<p>  <b>Gefahr des Stillstandes<\/b><\/p>\n<p>  Die Reformen der Ch&#225;vez-Regierung sind ohne Frage beachtlich: 1,4   Millionen VenezolanerInnen haben zum ersten Mal Zugang zu Bildung. 70   Prozent genie&#223;en eine kostenlose Gesundheitsversorgung. Zw&#246;lf Millionen   Menschen haben seit der Amtszeit Ch&#225;vez verbilligte Lebensmittel   bezogen. Die hohen &#214;leinnahmen geben daf&#252;r den Spielraum. Trotzdem wurde   die Armut real nur sehr wenig gelindert. Ch&#225;vez und seine Regierung   genie&#223;en noch eine &#252;berw&#228;ltigende Unterst&#252;tzung.<\/p>\n<p>  Aber Unzufriedenheit und Kritik wachsen. Die Erwartungen der   ArbeiterInnen und der armen Bauernschaft sind hoch und geraten immer   wieder in Widerspruch zu den z&#246;gerlichen Ma&#223;nahmen des   Regierungsapparates. Die massive Wahlenthaltung bei den Kommunalwahlen   im August sind eine Warnung gewesen: 70 Prozent der W&#228;hlerInnen blieben   den Urnen fern! Dieses Mal wussten die W&#228;hlerInnen, dass von den   Kapitalisten keine unmittelbare Gefahr ausging. Bei l&#228;nger anhaltenden   Entt&#228;uschungen k&#246;nnten sich die Massen von der &#8222;bolivarischen   Revolution&#8220; abwenden. Ch&#225;vez und seine Anh&#228;ngerInnen k&#246;nnte das   Schicksal der Sandinistas in Nicaragua bl&#252;hen, die elf Jahre nach der   Revolution von 1979 gest&#252;rzt wurden, weil sie die Mehrheit der   Wirtschaft in privaten H&#228;nden lie&#223;en.<\/p>\n<p>  <b>Ausweg<\/b><\/p>\n<p>  Will man sicherstellen, dass die Kapitalisten und die Gro&#223;grundbesitzer   nicht wieder die fr&#252;heren Verh&#228;ltnisse etablieren, muss eine   sozialistische Gesellschaft aufgebaut werden. Daf&#252;r ist eine unabh&#228;ngige   revolution&#228;r-sozialistische Organisation n&#246;tig, die fest in der   arbeitenden Bev&#246;lkerung verankert ist. Eine solche Partei muss die   Lehren aus den vergangenen Klassenk&#228;mpfen und revolution&#228;ren Bewegungen   ziehen.<\/p>\n<p>  Es gilt, auf allen Ebenen &#8211; in Stadtteilen, Betrieben, Schulen, Unis,   Armee &#8211; Komitees zur Selbstorganisation und zur Verteidigung der   Errungenschaften zu bilden.<\/p>\n<p>  Die Aufgaben einer Arbeiterregierung w&#228;ren:<\/p>\n<p>  &#8211; garantiertes Recht auf freie politische Bet&#228;tigung und   gewerkschaftliche Organisierung<\/p>\n<p>  &#8211; Enteignung der Gro&#223;unternehmer und Grundbesitzer<\/p>\n<p>  &#8211; Demokratische Arbeiterkontrolle und -verwaltung in allen   vergesellschafteten Betrieben und Einrichtungen<\/p>\n<p>  &#8211; Aufstellung eines demokratischen und gesellschaftlichen   Produktionsplans<\/p>\n<p>  &#8211; ein Appell an die arbeitende Bev&#246;lkerung aller anderen   lateinamerikanischen Staaten, diesem Beispiel zu folgen und im Kampf   gegen die Kapitalisten Unterst&#252;tzung zu leisten.<\/p>\n<p>  <i>von Ga&#233;tan Kayitare, Aachen<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was sind die n&#228;chsten Aufgaben der Ch&#225;vez-Regierung? <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[41],"tags":[177],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11450"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11450"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11450\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11450"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11450"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11450"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}