{"id":11446,"date":"2006-01-25T15:07:55","date_gmt":"2006-01-25T15:07:55","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11446"},"modified":"2012-06-25T20:32:34","modified_gmt":"2012-06-25T18:32:34","slug":"11446","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/01\/11446\/","title":{"rendered":"Eine Geschichte von deutschen Linken \u00a0"},"content":{"rendered":"<p>\u201eDie Kinder des Sisyfos\u201c &#8211; Romantetralogie von Erasmus Sch\u00f6fer<!--more--><br \/> \u00a0<\/p>\n<p>Gelebte Geschichte bringt Erasmus Sch\u00f6fer in seiner auf vier B\u00e4nde angelegten Romanreihe \u201eDie Kinder des Sisyfos\u201c zu Papier. Aus jeder Zeile liest der Leser und die Leserin die Verbundenheit Sch\u00f6fers mit seinem Stoff heraus. Es stellt sich nicht die Frage, ob das Werk autobiographische Z\u00fcge hat. Es stellt sich nur die Frage, wo diese auftauchen. Und doch bewahrt Sch\u00f6fer eine kritische Distanz zu seinen Protagonisten und der ereignisreichen Geschichte, die er nachzeichnet. Diese Geschichte ist nicht mehr und nicht weniger als die Geschichte der radikalen deutschen Linken von 1968 (im ersten Band \u201eEin Fr\u00fchling irrer Hoffnungen\u201c) \u00fcber die 70er Jahre (im zweiten Band \u201eZwielicht\u201c) bis zum Jahr 1989. Erz\u00e4hlt entlang des Lebens dreier M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Da ist zum einen Viktor Bliss, schreibender Intellektueller und in den 70ern aufgrund seiner DKP-Mitgliedschaft mit Berufsverbot belegter Lehrer. Armin Kolenda ist ein aus einer Ruhrpott-Bergmannsfamilie stammender linker Journalist, engagiert im \u201eWerkkreis Literatur der Arbeitswelt\u201c. Dritte zentrale Figur ist Manfred Anklam, k\u00e4mpferischer Gewerkschafter, Betriebsrat, Arbeiterintellektueller mit einem kurzen Gastspiel im maoistischen Komunistischen Bund Westdeutschlands (KBW).<\/p>\n<p>Sch\u00f6fer gelingt mit seinem Werk etwas Au\u00dfergew\u00f6hnliches &#8211; er beschreibt gro\u00dfe Geschichte durch kleine (und gr\u00f6\u00dfere) Ereignisse und durch die Beteiligung nicht der gro\u00dfen Helden und Ber\u00fchmtheiten der Bewegung, sondern von Wenigen der Vielen. Die kunstvolle Verbindung von Pers\u00f6nlichem und Politischem erzeugt die gesellschaftliche Atmosph\u00e4re der Zeit, zumindest aber gibt sie einen Einblick in das Denken und F\u00fchlen einer Generation linker AktivistInnen vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen und politischer Ereignisse.<\/p>\n<p>Diese sind die Solidarit\u00e4tsbewegung mit der vietnamesischen Befreiungsbewegung, das Dutschke-Attentat und die darauf folgenden Aktionen gegen die Springer-Presse, die Besetzung der Glash\u00fctte Immenhausen durch die Belegschaft, der Kampf gegen das Atomkraftwerk Wyhl, die Alltagsarbeit in der Werkstatt Literatur der Arbeitswelt, ein Streik bei Mannesmann. Im k\u00fcrzlich erschienen dritten Band mit dem Titel \u201eSonnenflucht\u201c hat es zwei seiner Protagonisten nach Griechenland verschlagen. Der eine in einer Art pers\u00f6nlichem Exil zur Selbstfindung nach politischer Frustration und Trennung von der Frau. Der andere will ihn aus dieser Flucht zur\u00fcckholen. In diesem dritten Band passiert weniger Geschichte, daf\u00fcr aber umso mehr Reflexion gesellschaftlicher und politischer Verh\u00e4ltnisse. Und nebenbei erf\u00e4hrt der Leser und die Leserin viel \u00fcber die Geschichte Griechenlands vom Widerstand gegen die faschistische Besatzung im Zweiten Weltkrieg \u00fcber den B\u00fcrgerkrieg danach bis zur Obristendiktatur von 1967 bis 1974.<\/p>\n<p><strong>Stalinismus<\/strong><\/p>\n<p>Die Reflexion \u00fcber die eigene Desillusionierung, weil der Kapitalismus \u00fcber zehn Jahre nach der 68er Rebellion eher st\u00e4rker denn schw\u00e4cher erscheint, ist jedoch gepr\u00e4gt von der stalinistischen Orientierung des einen und der spontaneistischen Orientierung des anderen. Letzter ruft im Laufe einer Diskussion aus: \u201eAlle eure Heldensagen! Alle eure Siege! Worauf seid ihr eigentlich stolz? Redet doch mal von euren Niederlagen, damit man euch glauben kann! Dieser traurige, \u00e4rmliche Sozialismus, aus dem wegl\u00e4uft, wer weglaufen kann! Unsre deutsche Mauer &#8211; ein Sieg! Der ungarische Aufstand &#8211; ein Sieg! Prag 68 &#8211; noch ein Sieg f\u00fcr den Sozialismus! Jetzt streiken die Arbeiter in Danzig &#8211; die Arbeiter! Ja, meine polnischen Kollegen, f\u00fcr eine unabh\u00e4ngige Gewerkschaft, die der Regierung nicht aus der Hand frisst! Daf\u00fcr k\u00e4mpf ich auch in D\u00fcsseldorf. Find ich gut.\u201c Spontane, ehrliche und richtige Emp\u00f6rung \u00fcber den Stalinismus, ohne zu verstehen, dass dieser eben nicht der Sozialismus war, sondern eine b\u00fcrokratische Diktatur gegen die Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Diese theoretische Verwirrung \u00fcber die Natur der angeblich sozialistischen Staaten, dr\u00fcckt sich auch an anderer Stelle aus, als das DKP-Mitglied Viktor Bliss in sein Tagebuch schreibt: \u201eAls Marx und Engels den Ausgebeuteten die Strategie der Befreiung zeigten, die Einheit der Besitzlosen vor allem, haben da die Profit\u00f6re, im Besitz der Wissenschaft, immer schon mitgelesen und im voraus die Gegenstrategie geplant, enwickelt, un\u00fcberholbar gemacht? Haben sie weitblickend die H\u00e4nde gerieben, als sie Lenin zwangen, die Kontrolle \u00fcber das Vertrauen zu setzen, sie den Befreiten unentbehrlich machten durch ihre sprungbereite Drohung, die h\u00e4ssliche, ungeliebte Waffe zur Sicherung der schon siegreichen Revolution, berechnend, dass dies der Keim sein werde der Entfremdung zwischen der Befreiungsmacht und den Befreiten. Das Hoffnunggebende, der gerechte, menschenfreundliche Staat sollte sich entwickeln k\u00f6nnen im Schutz eines Misstrauens dem jeder B\u00fcrger, weil ein Mensch, ein m\u00f6glicher Verr\u00e4ter war? Und die Kontrolle, die Vorsicht, ist sie nicht die Schwester der Unwahrheit, das Misstrauen Urheber der taktischen L\u00fcgen, die ihren Motor Wahrheit vergiften?\u201c<\/p>\n<p>Ein anschauliches Beispiel, daf\u00fcr, dass die Stalinisten Marx, Engels und Lenin zwar lasen, aber nicht verstanden. Wenn Lenin von \u201eVertrauen ist gut, Kontrolle ist besser&#8220; sprach, so meinte er nicht die Kontrolle der Partei oder des Arbeiterstaates \u00fcber die Arbeiterklasse, sondern die Notwendigkeit, dass Partei und Arbeiterstaat durch die Arbeiterklasse kontrolliert werden. Und Marx und Engels sprachen nicht von einer von den Befreiten getrenneten Befreiungsmacht, sondern davon, dass die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiter selbst sein kann.<\/p>\n<p>Und inmitten der politischen Ereignisse und Gedanken, gibt es das Pers\u00f6nliche: die Liebe, Sexualit\u00e4t (erfrischend explizit und unspektakul\u00e4r dargestellt), Freundschaft, \u00c4ngste, den Tod.<\/p>\n<p><strong>Werkkreis<\/strong><\/p>\n<p>Sch\u00f6fer selber war einer der Begr\u00fcnder des Werkkreises, der sich zum Ziel setzte, sowohl die Situation in den Betrieben darzustellen, als auch ArbeiterInnen zum Schreiben zu motivieren und diese dabei zu unterst\u00fctzen. Die &#8211; nicht selten konfliktreiche &#8211; Zusammenarbeit von Intellektuellen und Berufsjournalisten mit einfachen \u201eschreibenden Proleten\u201c zieht sich durch die Beschreibung des Werkkreises, der in den 70er Jahren B\u00fccher wie \u201eDer rote Gro\u00dfvater erz\u00e4hlt\u201c ver\u00f6ffentlichte und in dutzenden B\u00e4nden zu verschiedenen Themen eine Auflage von insgesamt \u00fcber einer halben Million erreichte.<\/p>\n<p>Beeindruckend im Zusammenhang mit der Rolle der Literatur in der Linken ist , unter anderem die Beschreibung eines Besuchs der Frankfurter Buchmesse im Jahr 1977 w\u00e4hrend der Entf\u00fchrung des Arbeitgeberpr\u00e4sidenten Schleyer durch die RAF. Dort treten Autoren wie Engelmann, B\u00f6ll, Grass, Wallraff als \u201eliterarischer Arm\u201c der linken Protestbewegungen auf. Die vergebliche Suche nach vergleichbaren Autoren und G\u00fcnter Grass&#8220; Unterst\u00fctzung f\u00fcr Gerhard Schr\u00f6der im letzten Bundestagswahlkampf d\u00fccken aus, wie weit die Linke in den letzten 15 Jahren zur\u00fcck geworfen wurde.<\/p>\n<p><strong>Unkonventioneller Stil<\/strong><\/p>\n<p>Sch\u00f6fers Stil ist gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig, weil erfrischend unkonventionell. Ihn schert nicht alte oder neue Rechtschreibung, er hat seine eigene Form entwickelt, die weitgehend versucht die Schriftsprache der gesprochenen Sprache anzupassen. Interpunktion ist \u00fcberfl\u00fcssig und es wird geschrieben, wie gedacht wird &#8211; wechselhaft, mit Br\u00fcchen und Spr\u00fcngen.<\/p>\n<p>Die ersten drei B\u00e4nde von \u201eDie Kinder des Sisyfos\u201c begeistern und werden zweifelsfrei f\u00fcr LeserInnen, die an den Ereignissen der Zeit teilgenommen haben, besonders spannend sein.<\/p>\n<p>Und was fehlt in Sch\u00f6fers Werk? Zweifellos spielen Frauen, zumindest in den ersten beiden B\u00e4nden, eine untergeordnete Rolle, was m\u00f6glicherweise mit dem teilweise autobiographischen Charakter des Romans und sicher mit der realen Situation von Frauen in der deutschen Linken der 60er und 70er Jahre zu tun hat. Sie kommen vor allem vor, in den pers\u00f6nlichen Beziehungen der Protagonisten &#8211; als Ehefrauen, Liebhaberinnen, M\u00fctter. Doch trotz dieser Tatsache sind gerade die weiblichen Figuren des Romans starke Pers\u00f6nlichkeiten (und oftmals st\u00e4rker als die M\u00e4nner) und definieren sich nicht durch ihre M\u00e4nner. Im dritten Band wird dieses Ungleichgewicht dadurch aufgehoben, dass zwei der Hauptfiguren junge griechische Kommunistinnen sind.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem beschreibt Sch\u00f6fer tats\u00e4chlich nur die radikale Linke und einen Teil der sozialen und au\u00dferparlamentarischen Protestbewegungen. Die Rolle und Bedeutung der SPD und der Jungsozialisten kann nur erahnt werden. \u00dcber diese wird gesprochen, sie werden erw\u00e4hnt, aber es ist ein Vers\u00e4umnis, dass Sch\u00f6fer nicht eine Figur geschaffen hat, deren politisches Leben sich in der Sozialdemokratie abspielte, die in der Zeit einen millionanfachen Anhang in der Arbeiterklasse hatte und deren Mitglieder und AktivistInnen eine wichtige Rolle in betrieblichen Auseinandersetzungen und in der Linken spielen. Diese &#8211; von einem historischen Standpunkt betrachtete &#8211; Schw\u00e4che macht \u201eDie Kinder des Sisyfos\u201c aber nicht weniger lesenswert.<\/p>\n<p><em>von Sascha Stanicic<\/em><\/p>\n<p>Erasmus Sch\u00f6fer, Roman-Tetralogie \u201eDie Kinder des Sisyfos\u201c, Bd.1 Ein Fr\u00fchling irrer Hoffnung; Bd.2 Zwielicht; Bd. 3 Sonnenflucht , www.dittrich-verlag.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die Kinder des Sisyfos&#8220; &#8211; Romantetralogie von Erasmus Sch&#246;fer<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90,70],"tags":[250],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11446"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11446"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11446\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11446"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11446"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11446"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}