{"id":11432,"date":"2004-11-14T13:00:30","date_gmt":"2004-11-14T12:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11432"},"modified":"2012-07-18T15:25:20","modified_gmt":"2012-07-18T13:25:20","slug":"11432","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/11\/11432\/","title":{"rendered":"Trotzki zum Nationalsozialismus"},"content":{"rendered":"<p>  &#8222;Interview&quot; mit Leo Trotzki<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Das folgende Gespr&#228;ch mit Trotzki hat nat&#252;rlich nie in dieser Form   stattgefunden. Alle &quot;Antworten&quot; sind Ausz&#252;ge aus dem Buch des russischen   Marxisten &quot;Wie wird der Nationalsozialismus geschlagen-Schriften &#252;ber   Deutschland&quot;. Leo Trotzki (1879-1940) war einer der wenigen, der in den   20er und 30er Jahren die Gefahr des Faschismus f&#252;r die Arbeiterbewegung   richtig einsch&#228;tzte. Seine Aufrufe zur Schaffung einer Einheitsfront aus   sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeitern gegen die Gefahr von   Rechts, blieben aber ungeh&#246;rt. Von den Kapitalisten, b&#252;rgerlichen und   sozialdemokratischen Politikern bek&#228;mpft und geha&#223;t, von den Stalinisten   als Faschist (!) verleumdet und in Mexiko ermordet, bieten seine Ideen   f&#252;r die heutige Generation des Marxismus viele Anregungen und jede Menge   brauchbare Analysen.<\/p>\n<p>  <b>Warum war die Machtergreifung des Faschismus aus Sicht und   Interessenslage des deutschen Kapitalismus in den 30ern notwendig? Die   deutsche ArbeiterInnenklasse wurde doch Anfang der 30er Jahre ohnehin   schon unglaublich ausgebeutet und mittels eines Notverordungsregimes von   Kanzler Br&#252;ning politisch beschnitten.<\/b><\/p>\n<p>  &quot;Es gibt ein Niveau, unter das Deutschlands Arbeiterklasse freiwillig   und f&#252;r lange sich nicht hinablassen kann. Indes will das um seine   Existenz ringende b&#252;rgerliche Regime dieses Niveau nicht anerkennen.   Br&#252;nings Notverordnungen sind blo&#223; der Anfang, ein Abtasten des   Bodens&#8230; Das System b&#252;rokratischer Verordnungen ist unbest&#228;ndig,   unsicher, kurzlebig. Das Kapital braucht eine andere, entschiedenere   Politik. Die Unterst&#252;tzung der Sozialdemokratie (f&#252;r die Herrschaft des   kapitalistischen Systems, Anm. d. Red..)&#8230; ist nicht nur unzureichend   f&#252;r seine Ziele, sie beginnt es bereits zu beengen. Die Periode der   Halbma&#223;nahmen ist vorbei. Um zu versuchen, einen neuen Ausweg zu finden,   mu&#223; sich die Bourgeoisie vollends des Drucks der Arbeiterorganisationen   entledigen, sie hinwegr&#228;umen, zertr&#252;mmern, zersplittern. Hier setzt die   historische Funktion des Faschismus ein.<\/p>\n<p>  <b>Wann ist der Punkt erreicht, an dem die Bourgeoisie auf die   faschistische Karte setzt und auf welche soziale Basis st&#252;tzt sie sich   dabei?<\/b><\/p>\n<p>  &quot;Die Reihe ist ans faschistische Regime gekommen, sobald die normalen   milit&#228;risch polizeilichen Mittel der b&#252;rgerlichen Diktatur mitsamt ihrer   parlamentarischen H&#252;lle f&#252;r die Gleichgewichtserhaltung der Gesellschaft   nicht mehr ausreichen. Durch die faschistische Diktatur setzt das   Kapital die Massen des verdummten Kleinb&#252;rgertums in Bewegung, die   Banden deklassierter, demoralisierter Lumpenproletarier und all die   zahllosen Menschenexistenzen, die das gleiche Finanzkapital in   Verzweiflung und Elend gest&#252;rzt hat.&#8221;<\/p>\n<p>  <b>Bedeutet die Unterst&#252;tzung der Faschisten nicht auch eine gewisse   Gefahr f&#252;r die Bourgeoisie. Falls sich die ArbeiterInnenklasse gegen   eine Machtergreifung der Rechten wehrt (wie z.B im Spanien der 30er   Jahre), liegt doch die Schlu&#223;folgerung nahe, da&#223; die ArbeiterInnen nicht   nur mit den Faschisten, sondern auch mit ihren Hinterm&#228;nnern, den   Kapitalisten versuchen, Schlu&#223; zu machen?<\/b><\/p>\n<p>  &quot;Vom Faschismus fordert die Bourgeoisie ganze Arbeit: Hat sie einmal die   Methoden des B&#252;rgerkriegs zugelassen, will sie f&#252;r lange Jahre Ruhe   haben. Und die faschistische Agentur, die das Kleinb&#252;rgertum als   Prellbock benutzt und alle Hemmnisse aus dem Weg r&#228;umt, leistet die   Arbeit bis zum Ende. Der Sieg des Faschismus f&#252;hrt dazu, da&#223; das   Finanzkapital sich direkt und unmittelbar aller Organe und Einrichtungen   der Herrschaft, Verwaltung und Erziehung bem&#228;chtigt&#8230; Die Faschisierung   des Staates bedeutet&#8230; haupts&#228;chlich die Zertr&#252;mmerung der   Arbeiterorganisationen.&quot;<\/p>\n<p>  <b>Aber warum wollten die Kapitalisten die Zerst&#246;rung nicht nur der   ArbeiterInnenorganisationen, sondern auch der b&#252;rgerlichen &quot;Demokratie&quot;   in einer Periode der zugespitzten Auseinandersetzung zwischen Revolution   und Reaktion, wie es die 20er und 30er Jahre waren?<\/b><\/p>\n<p>  &quot;Im Laufe vieler Jahrzehnte haben die Arbeiter innerhalb der   b&#252;rgerlichen Demokratie, unter deren Ausnutzung und im Kampf mit ihr,   eigene Festungen, eigene Grundlagen, eigene Zentren der proletarischen   Demokratie geschaffen: Gewerkschaften, Sportorganisationen,   Genossenschaften usw. Das Proletariat kann nicht im formellen Rahmen der   b&#252;rgerlichen Demokratie an die Macht kommen, sondern nur auf   revolution&#228;ren Wege; das ist durch Theorie und Praxis gleicherma&#223;en   erwiesen. Aber gerade f&#252;r den revolution&#228;ren Weg braucht es St&#252;tzpunkte   der Arbeiterdemokratie innerhalb des b&#252;rgerlichen Staates&#8230; Der   Faschismus hat zur grundlegenden und einzigen Bestimmung, bis aufs   Fundament alle Einrichtungen der proletarischen Demokratie zu zerst&#246;ren.&quot;<\/p>\n<p>  <b>Aber wie sollen sich MarxistInnen gegen&#252;ber b&#252;rgerlichen Politikern   verhalten, die sich antifaschistisch geben? <\/b><\/p>\n<p>  &#8220;Wir betrachten Br&#252;ning und Hitler samt Braun (SPD-F&#252;hrer, Anm. d. Red.)   als verschiedene Teilelemente ein und desselben Systems. Die Frage, wer   von ihnen das kleinere &#220;bel ist, hat keinen Sinn, denn das System, das   wir bek&#228;mpfen, ben&#246;tigt alle diese Elemente. Aber diese Elemente   befinden sich augenblicklich im Zustand eines Konflikts, und die Partei   des Proletariats mu&#223; diesen Konflikt im Interesse der Revolution   ausn&#252;tzen&#8230; Ebenso unsinnig ist die&#160; abstrakte Frage, wer das kleinere   &#220;bel ist: Br&#252;ning oder Hitler&#8230; Wenn einer der Feinde mir t&#228;glich mit   kleinen Giftportionen zusetzt, der zweite aber aus der Ecke   hervorschie&#223;en will, so schlage ich vor allem diesem zweiten Feind den   Revolver aus der Hand, denn das gibt mir die M&#246;glichkeit mit dem ersten   Feind fertig zu werden. Das hei&#223;t aber nicht, da&#223; Gift im Vergleich zum   Revolver ein kleineres &#220;bel ist.&#8221;<\/p>\n<p>  <b>Wie sah die Politik der F&#252;hrung von KPD bzw. SPD aus? Und welche   Strategie vertrat die linke, antistalinistische Opposition in der   Kommunistischen Partei? <\/b><\/p>\n<p>  &#8220;Die Sozialdemokratie unterst&#252;tzt Br&#252;ning, stimmt f&#252;r ihn, &#252;bernimmt f&#252;r   ihn die Verantwortung vor den Massen mit der Begr&#252;ndung, die   Br&#252;ning-Regierung sei das kleinere &#220;bel.<\/p>\n<p>  Die Kommunisten aber, die Br&#252;ning und Braun in jeder Weise das Vertrauen   verweigern (und das ist vollkommen richtig gehandelt), gingen auf die   Stra&#223;e, um Hitlers Volksentscheid zu unterst&#252;tzen, das hei&#223;t den Versuch   der Faschisten, Br&#252;ning zu st&#252;rzen. Damit haben sie selbst Hitler als   kleineres &#220;bel anerkannt&#8230;<\/p>\n<p>  Man (die KPD, Anm. d. Red.) mu&#223; in der Tat die v&#246;llige Bereitschaft   zeigen, mit den Sozialdemokraten einen Block gegen die Faschisten zu   bilden&#8230; Getrennt marschieren, vereint schlagen! Sich nur dar&#252;ber   verst&#228;ndigen, wie zu schlagen, wen zu schlagen und wann zu schlagen&#8230;   Unter einer Bedingung: Man darf sich nicht die H&#228;nde binden! Ohne Verzug   mu&#223; endlich ein praktisches System von Ma&#223;nahmen ausgearbeitet werden &#8211;   nicht mit dem Ziel der blo&#223;en (sogenannten) Entlarvung der   Sozialdemokratie (vor den Kommunisten), sondern mit dem Ziel des   tats&#228;chlichen Kampfes gegen den Faschismus&#8230; Jeder Betrieb mu&#223; ein   antifaschistisches Bollwerk sein, mit eigenen Kommandanten und eigenen   Kampfmannschaften. Man mu&#223; eine Karte der faschistischen Kasernen und   &#252;brigen faschistischen Herde in jeder Stadt, in jedem Bezirk, haben. Die   Faschisten versuchen, die revolution&#228;ren Zentren zu umzingeln. Die   Umzingler m&#252;ssen umzingelt werden.&#8221;<\/p>\n<p>  <b>Nachdem die F&#252;hrung der Kommunistischen Partei, auf Befehl Stalins,   ablehnten, eine Einheitsfront auf Grundlage eines gemeinsamen   Aktionsprogramms mit den hunderttausenden sozialdemokratischen   ArbeiterInnen aufzubauen, kam 1933 der Faschismus in Deutschland an die   Macht. Was bedeutete diese Entwicklung f&#252;r das deutsche und   internationale Proletariat?<\/b><\/p>\n<p>  &quot;Der Faschismus ist nicht einfach ein System von Repressionen,   Gewalttaten und Polizeiterror. Der Faschismus ist ein besonderes   Staatssystem, begr&#252;ndet auf der Ausrottung aller Elemente proletarischer   Demokratie in der b&#252;rgerlichen Gesellschaft. Die Aufgabe des Faschismus   besteht nicht allein in der Zerschlagung der politischen Avantgarde,   sondern auch darin, die ganze Klasse im Zustand der erzwungenen   Zersplitterung zu halten. Dazu ist die physische Ausrottung der   revolution&#228;rsten Arbeiterschicht ungen&#252;gend. Das hei&#223;t, alle   selbst&#228;ndigen und freiwilligen Organisationen zu zertr&#252;mmern, alle   St&#252;tzpunkte des Proletariats zu zerst&#246;ren&#8230; Die gewaltsame   Zusammenfassung aller Kr&#228;fte des Volkes im Interesse des Imperialismus &#8211;   die wahre geschichtliche Sendung der faschistischen Diktatur &#8211; bedeutet   Vorbereitung des Krieges&#8230; Je weniger das Polizeiregime der Nazis   &#246;konomisch leistet, desto gr&#246;&#223;ere Anstrengungen mu&#223; es auf   au&#223;enpolitischem Gebiet unternehmen&#8230; Das Umschwenken der Nazif&#252;hrer   auf Friedensdeklarationen kann nur Dummk&#246;pfe irref&#252;hren. Hitler hat kein   anderes Mittel, als die Schuld an inneren Schwierigkeiten auf &#228;u&#223;ere   Feinde abzuw&#228;lzen&#8230; Die Zeit, die uns bis zur n&#228;chsten europ&#228;ischen   Katastrophe bleibt, ist befristet durch die deutsche Aufr&#252;stung. Das ist   keine Frage von Monaten, aber auch keine von Jahrzehnten. Wird Hitler   nicht von innerdeutschen Kr&#228;ften aufgehalten, so wird Europa in wenigen   Jahren neuerlich in einen Krieg gest&#252;rzt.&#8221;<\/p>\n<p>  <span lang=\"DE\"><i>(Alle zitierten Texte wurden in den Jahren 1930 bis   1933 verfa&#223;t)<\/i> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      &#8222;Interview&quot; mit Leo Trotzki\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[89],"tags":[270],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11432"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11432"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11432\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11432"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11432"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11432"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}