{"id":11413,"date":"2005-11-02T15:18:30","date_gmt":"2005-11-02T15:18:30","guid":{"rendered":".\/?p=11413"},"modified":"2005-11-02T15:18:30","modified_gmt":"2005-11-02T15:18:30","slug":"11413","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/11\/11413\/","title":{"rendered":"Irak: Auf dem Weg zur Demokratie?"},"content":{"rendered":"<p>Das Leben unter der Besatzung ist die H&ouml;lle auf Erden<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nDie irakische Bev&ouml;lkerung hat &uuml;ber den Verfassungsentwurf abgestimmt. Unmittelbar nach der Abstimmung sprach US-Pr&auml;sident Bush von einem &#x84;sehr guten Tag f&uuml;r den Irak und den Weltfrieden&#x93;. Doch die Lobeshymnen verstummen schnell wieder. Immer weiter entfernen sich US-Propaganda und die reale Situation im Irak voneinander.<br \/> Die Sicherheitslage ist katastrophal. Verschiedenen Sch&auml;tzungen zufolge sind seit der Invasion im M&auml;rz 2003 zwischen 30.000 und 100.000 irakische ZivilistInnen ums Leben gekommen. Die irakische Bev&ouml;lkerung ist mit einer zunehmend repressiven Besatzungsmacht konfrontiert. Die irakische Autorin Haifa Zangana, die unter Saddam Hussein inhaftiert war, dr&uuml;ckte die Situation vor einigen Wochen wie folgt aus: &#x84;Trotz all der Rhetorik &uuml;ber den Aufbau einer neuen Demokratie: Die Iraker werden von der Last und den Misshandlungen durch die US-gef&uuml;hrte Besatzung und die lokalen irakischen Untergebenen zerdr&uuml;ckt. Der Alltag der Iraker ist nach wie vor ein Kampf ums &Uuml;berleben.&#x93;<br \/> Je unf&auml;higer sich Besatzungsmacht und die eingesetzte irakische Regierung dabei erweisen, den Irak zu stabilisieren, desto drastischer ist ihr Umgang mit der Bev&ouml;lkerung. T&auml;gliche Stra&szlig;enkontrollen, Hausdurchsuchungen und willk&uuml;rliche Festnahmen nehmen zu. Momentan sind in den drei gro&szlig;en Gef&auml;ngnissen 15.000 IrakerInnen inhaftiert. Um den Zustrom von neuen Gefangenen gew&auml;hrleisten zu k&ouml;nnen, wird ein weiteres Gef&auml;ngnis gebaut. Organisationen wie Human Rights Watch prangern immer h&auml;ufiger die verheerende Menschenrechtslage an und berichten von Folterungen durch die US-Armee oder durch irakische Sicherheitskr&auml;fte. Unter dem Vorwand der Terrorismusbek&auml;mpfung werden nach wie vor Luftangriffe geflogen oder ganze Stadtteile umzingelt und angegriffen.<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Soziale Krise<\/span><\/p>\n<p> W&auml;hrend die irakische Bev&ouml;lkerung mit t&auml;glichen Dem&uuml;tigungen durch die Besatzer konfrontiert ist, schwindet auch die Hoffnung von Millionen nach einer sozialen Perspektive.<br \/> Eine im Mai 2005 ver&ouml;ffentlichte Studie von der UN-Entwicklungsagentur stellte fest, dass in Bagdad bei 92 Prozent aller Haushalte die Stromversorgung immer wieder unterbrochen ist. Ein Drittel aller irakischen Haushalte haben nur unregelm&auml;&szlig;ig Zugriff auf Trinkwasser. Vierzig Prozent der Familien in st&auml;dtischen Gebieten leben unter Bedingungen, wo das Abwasser auf offener Stra&szlig;e abflie&szlig;t. Au&szlig;erdem sind chronische Unterern&auml;hrung von Kindern und daraus resultierende Krankheiten heute mehr als vor dem Krieg ein Massenph&auml;nomen. Auch Arbeitslosigkeit und Armut sind Faktoren, die das Land weiter destabilisieren. Die Arbeitslosenrate liegt bei 70 Prozent. Bisher hat die US-Regierung in etwa neun Milliarden Dollar in den Wiederaufbau des Irak investiert. Doch selbst bei diesen angeblichen Wiederaufbaukosten handelt es sich zum gr&ouml;&szlig;ten Teil um Gelder, die in den Aufbau der irakischen Sicherheitskr&auml;fte geflossen sind. Medizinische Versorgung, schulische Bildung und die Infrastruktur funktionieren auf niedrigstem Niveau.<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">US-Armee vor unl&ouml;sbarer Aufgabe<\/span><\/p>\n<p> Vor diesem Hintergrund eskaliert die Lage im Irak zunehmend. Seit Beginn der Invasion sind fast 2.000 US-Soldaten umgekommen. Davon 1.850 nach dem offiziellen Ende des Krieges im Mai 2003. Im Schnitt sterben t&auml;glich mehr als zwei Soldaten der Besatzungsm&auml;chte.<br \/> Der Plan der Bush-Regierung, die US-Soldaten aus dem Schussfeld zu nehmen, ging nicht ganz auf. Durch Aufbau und F&ouml;rderung irakischer Sicherheitskr&auml;fte sollte das Problem &#x84;irakisiert&#x93; werden.<br \/> Auch von ihren anderen Zielen entfernen sich die USA immer mehr. Die Invasion und die Besatzung des Irak sollte den USA die Kontrolle &uuml;ber die Rohstoffe im Land bringen. Stattdessen gelingt es nicht einmal, die &Ouml;lproduktion auf das Niveau der Vorkriegszeit zu steigern. Und das, obwohl das bis dahin aufrechterhaltene UN-Embargo dem Irak verboten hatte, &Ouml;l im gro&szlig;en Ma&szlig;e zu verkaufen. St&auml;ndige Sabotageaktionen von Aufst&auml;ndischen bringen die &Ouml;lproduktion immer wieder zum Erliegen.<br \/> Es sollte eine Regierung eingesetzt werden, die die Lage im Griff hat und Politik im Sinne Washingtons macht. Statt dessen werden nach wie vor alle Entscheidungen von der US-Besatzung genehmigt und von stabilen Verh&auml;ltnissen kann keine Rede sein. Nicht zuletzt sollte der Feldzug gegen den Irak dem Rest der Welt die &Uuml;bermacht und Konsequenz der Vereinigten Staaten zeigen. Vielmehr sind f&uuml;r die ganze Welt nun die Grenzen ihrer Macht sichtbar geworden.<br \/> Die Ablehnung und der Hass gro&szlig;er Teile der irakischen Bev&ouml;lkerung gegen die Besatzer nehmen massiv zu. Aber immer h&auml;ufiger richten sich die Gewalttaten auch gegen IrakerInnen. Seit August 2004 kommen monatlich im Schnitt 800 IrakerInnen allein bei Anschl&auml;gen ums Leben. Zudem werden in etwa 2.000 IrakerInnen pro Monat verletzt. Eine deutliche Zunahme der Gewalttaten mit einem massiven Anstieg der Opfer unter der Zivilbev&ouml;lkerung ist seit dem 30. Januar 2005 zu verzeichnen. Also seit den Parlamentswahlen, bei denen sich der vom islamischen Schiitenf&uuml;hrer Al Sistani favorisierte Al Dschafaari durchsetzte. Ein B&uuml;rgerkrieg entlang ethnischer und religi&ouml;ser Linien wird immer wahrscheinlicher. Im Zuge dessen k&ouml;nnte sogar eine Balkanisierung drohen.<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Nationalismus und Islamismus<\/span><\/p>\n<p> Zum gr&ouml;&szlig;ten Teil geht der Widerstand gegenw&auml;rtig von der sunnitischen Minderheit aus. Zentren des Widerstandes sind &uuml;berwiegend von SunnitInnen bewohnte Gebiete und Bagdad. Diese unter Saddam Hussein gegen&uuml;ber SchiitInnen und KurdInnen bevorzugte Volksgruppe macht 20 Prozent der irakischen Gesamtbev&ouml;lkerung aus. Der organisierte Widerstand der SunnitInnen setzt sich &uuml;berwiegend aus ehemaligen Regierungs- und Parteimitgliedern von Saddam Husseins Baath-Partei und aus kleineren reaktion&auml;ren radikal-islamistischen Gruppierungen zusammen. Prominent ist Al Sarkawi, der zur irakischen Al Qaida geh&ouml;rt.<br \/> Wir haben es nicht mit einer Neuauflage der nationalen Befreiungsbewegungen in Algerien, Vietnam oder Angola in den sechziger und siebziger Jahren zu tun. Das gilt sowohl f&uuml;r die politischen Ziele als auch f&uuml;r die Methoden. Die Methode dieser Gruppen ist die Bek&auml;mpfung aller, die in irgend einer Form mit der Besatzung oder der irakischen Regierung zusammenarbeiten. Dabei sind auch oft Anschl&auml;ge auf die Infrastruktur oder das &ouml;ffentliche Leben f&uuml;r sie legitime Mittel, um damit das Land um jeden Preis zu destabilisieren. Weder&nbsp; Ziele noch Methoden zeigen einen Ausweg f&uuml;r die irakische Arbeiterklasse. Dennoch kann der Hass gegen die Unterdr&uuml;ckung durch die Besatzer so stark wachsen, dass sie eine vor&uuml;bergehende Anziehungskraft auf einige Schichten der irakischen SunnitInnen bekommen. Durch die st&auml;ndigen Selbstmordanschl&auml;ge auf schiitische Moscheen haben auch einige unter den SchiitInnen begonnen, mit &auml;hnlichen Methoden zu reagieren.<br \/> Aber auch die schiitischen F&uuml;hrer zeigen mit ihren Methoden keinen Ausweg aus der gegenw&auml;rtigen Situation auf. Sie versuchen durch die Zusammenarbeit mit den Besatzungsm&auml;chten und durch die Regierungsbildung ihren Einfluss zu erweitern. Gleichzeitig verfolgen sie &ouml;ffentlich das Ziel, ein politisches System &auml;hnlich wie im Iran zu installieren. Die Ablehnung vieler gegen die US-gef&uuml;hrte Besatzung, wie auch die Angst vor einer Islamisierung nach dem Vorbild Irans f&uuml;hrt dazu, dass zum Beispiel sunnitisch-militante Sekten mit einem gewissen Erfolg die SchiitInnen als Verr&auml;ter hinstellen k&ouml;nnen. Au&szlig;erdem f&uuml;hrt die Zusammenarbeit der schiitischen F&uuml;hrer mit der Besatzungsmacht nicht zu einer Verbesserung der sozialen Lage der irakischen Bev&ouml;lkerung. Dahinter verbirgt sich lediglich das Machtinteresse einzelner Ajatollahs, sowie strategische &Uuml;berlegungen des Iran.<br \/> Die ersten Anzeichen daf&uuml;r, welche Ausma&szlig;e die gegenw&auml;rtigen Entwicklung annehmen kann, sieht man an einigen St&auml;dten, in denen sowohl SchiitInnen wie auch SunnitInnen leben. Es gibt F&auml;lle von ethnischen S&auml;uberungen. Eine langanhaltender bewaffneter Konflikt verbunden mit einem Kampf um sunnitische, schiitische und kurdische Territorien k&ouml;nnte sich entwickeln.<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Selbstorganisierung n&ouml;tig!<\/span><\/p>\n<p> Wie kann die Spaltung der verschiedenen Volksgruppen aufgehalten und der Kampf gegen Besatzung und kapitalistisches Elend erfolgreich gef&uuml;hrt werden?<br \/> Der radikale schiitische Geistliche Muktada al Sadr ist der einzige bekannte F&uuml;hrer, der zum gemeinsamen Kampf aller, SchiitInnen, SunnitInnen und KurdInnen, gegen die Besatzung aufruft. Damit stellt er eine Ausnahme dar. Doch auch seine reaktion&auml;ren Vorstellungen von einem islamistischen Staat schrecken viele ab. Die momentanen politischen F&uuml;hrer sind verstrickt mit den Gro&szlig;gundbesitzern und den lokalen Kapitalisten. Sie repr&auml;sentieren nicht die Arbeitslosen, ArbeiterInnen, die verarmte Landbev&ouml;lkerung und die Jugend, also die gro&szlig;e Mehrheit der Bev&ouml;lkerung. Die ethnischen Konflikte, die jetzt heraufbeschworen werden, existieren im Bewusstsein vieler nicht. Man geht zum selben Arbeitsplatz. SchiitInnen, SunnitInnen, ChristInnen und KurdInnen warten oft in den selben Schlangen und erhalten die gleichen Lebensmittelrationen. Sie haben die selben Probleme zu bew&auml;ltigen, das gleiche Leid zu ertragen. Diese k&uuml;nstliche Trennung muss aufgebrochen werden.<br \/> Der einzige Ausweg f&uuml;r die irakischen Massen ist die Selbstorganisierung der Arbeiterklasse &uuml;ber ethnische, religi&ouml;se und Geschlechter-Grenzen hinweg. N&ouml;tig sind demokratisch organisierte Verteidigungskomitees in den Stadtteilen, um sich kollektiv f&uuml;r die unmittelbar wichtigsten Dinge &#8211; Arbeit, Lebensmittel und die &ouml;ffentliche Daseinsf&uuml;rsorge &#8211; einzusetzen. Es gilt, Gewerkschaften aufzubauen. Ans&auml;tze sind Streiks wie von den &Ouml;larbeitern in Basra. Leider klammert die Spitze des Dachverbandes der Gewerkschaften politische Fragen v&ouml;llig aus. Der Kampf f&uuml;r ein sozialistisches Programm und der Aufbau einer k&auml;mpferischen, multiethnischen Arbeiterpartei wird nicht &uuml;ber Nacht gelingen, ist aber eine dringende Notwendigkeit.<br \/> <br style=\"font-style: italic;\"> <span style=\"font-style: italic;\">von Nima Sorouri, K&ouml;ln<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Leben unter der Besatzung ist die H&ouml;lle auf Erden<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[64],"tags":[176],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11413"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11413"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11413\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11413"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11413"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11413"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}