{"id":11411,"date":"2005-10-29T15:12:11","date_gmt":"2005-10-29T13:12:11","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11411"},"modified":"2012-07-02T19:41:27","modified_gmt":"2012-07-02T17:41:27","slug":"11411","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2005\/10\/11411\/","title":{"rendered":"Osterweiterung der EU"},"content":{"rendered":"<p>Eine erste Zwischenbilanz<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nWas im Wahlkampf &#x84;jener Professor aus Heidelberg&#x93; kundtat, r&uuml;ckt mit der Gro&szlig;en Koalition, an deren Start ein Kassensturz stehen wird, n&auml;her: eine auf l&auml;ngere Frist gesehen radikale Steuerreform mit erh&ouml;hter Mehrwertsteuer und weiter abgesenkten Kapitalsteuern. Auch wenn noch nicht alle Steuerarten einen Einheitssatz haben werden, so ist der Trend doch auch eine Fernwirkung des slowakischen Modells, wo seit dem 1. Januar 2004 die Einkommens-, K&ouml;rperschafts- und Mehrwertsteuer auf einheitliche 19 Prozent festgelegt wurde. Seither haben sich in dem neuen EU-Mitgliedsland die Umverteilung von unten nach oben und der Run westlicher Konzerne zur Kapitalanlage intensiviert.<br \/> Just so war es geplant: Das slowakische Modell des Steuer- und Lohndumpings ist charakteristisch f&uuml;r die Wirkungsweise der EU-Osterweiterung, die am 1. Mai 2004 vollzogen wurde.<br \/> Die Osterweiterung der EU wurde von vielen als win-win-Projekt beschrieben. Die f&uuml;hrenden Wirtschaftsinstitute errechneten &ouml;konomische Vorteile f&uuml;r beide Seiten. Eineinhalb Jahre nach der formellen EU-Osterweiterung, dem eine mehr als ein Jahrzehnt andauernde reale Erweiterung vorgeschaltet war, sind als Gewinner nur die Konzerne und Banken auszumachen. Lohnabh&auml;ngige, Erwerbslose und Gewerkschaften sind in Ost und West die Verlierer.<br \/> Offensichtlich zielt die EU-Osterweiterung auf ein riesiges Potenzial von Menschen, wie es dies bei keiner der vorausgegangenen Erweiterungen gab. Allein in den neuen &ouml;stlichen EU-Mitgliedsl&auml;ndern (ohne Malta und Zypern) und in den drei L&auml;ndern Bulgarien, Rum&auml;nien und Kroatien, die als sichere n&auml;chste EU-Staaten gehandelt werden, leben mehr als 105 Millionen Menschen, gut ein Drittel der Gesamtbev&ouml;lkerung der Eurozone. Da in allen diesen L&auml;ndern keine relevante eigenst&auml;ndige &#x84;nationale&#x93; Wirtschaft mehr existiert, steht dieses Potenzial den Konzernen von Kerneuropa f&uuml;r deren Mehrwertproduktion und als Absatzmarkt fast uneingeschr&auml;nkt zur Verf&uuml;gung.<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Osteuropa bleibt abgeh&auml;ngt<\/span><\/p>\n<p> Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner liegt bei den neuen Mitgliedsl&auml;ndern &#8211; mit der Ausnahme von Slowenien &#8211; durchschnittlich bei einem Drittel des Eurozonen-Niveaus. Bei der EG-S&uuml;derweiterung, als Griechenland (1981) und Spanien und Portugal (1986) neue Mitglieder der Gemeinschaft wurden, war die Kluft weit geringer. Bereits vor diesem Hintergrund ist die These, am 1. Mai 2004 habe es einen Startschuss f&uuml;r eine &#x84;Aufholjagd&#x93; der neuen EU-Mitgliedsstaaten gegeben, nicht haltbar. Selbst bei fortgesetzt hohen Wachstumsraten k&ouml;nnten die neuen L&auml;nder in den n&auml;chsten zwei Jahrzehnten das Niveau von Kerneuropa nicht erreichen.<br \/> Hinzu kommt, dass die j&uuml;ngsten Zahlen &uuml;berwiegend von einem deutlich geringeren Wachstum berichten. Insbesondere in Polen und Ungarn (und bei dem Beitrittskandidaten Rum&auml;nien) kommt es 2005 gegen&uuml;ber 2004 zu einem deutlich reduzierten BIP-Wachstum.&nbsp; Gleichzeitig hat die EU-Erweiterung in Kerneuropa keinen Wachstumsschub gebracht. Im Gegenteil &#8211; 2005 liegt die Eurozone mit einem prognostizierten Wachstum von weniger als zwei Prozent erneut an der Schwelle zur Stagnation.<br \/> Vieles spricht f&uuml;r eine Wiederholung der deutschen Entwicklung: Nach einigen Jahren mit deutlich &uuml;berproportionalem Wachstum in den neuen Bundesl&auml;ndern kam es zu einer Anpassung der Wachstumsraten, damit zu einer Festschreibung der bestehenden &ouml;konomischen und sozialen Kluft. In den letzten Jahren traten spezifische Krisenerscheinungen auf, was sogar zu einer neuerlichen Ausweitung der sozialen Diskrepanzen f&uuml;hrt.<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Bauernlegen<\/span><\/p>\n<p> F&uuml;r das letztere sprechen bei der EU-Osterweiterung vor allem einige der sozialen Indikatoren. Die Erwerbslosenquoten in den neuen Beitrittsl&auml;ndern liegen teilweise deutlich &uuml;ber dem EU-Durchschnitt. Dies trifft insbesondere auf das bev&ouml;lkerungsreichste neue EU-Land, Polen, mit einer offiziellen Arbeitslosenquote von 19 Prozent zu. Es folgen die Slowakische Republik mit 17 Prozent und Litauen und Lettland mit elf und zehn Prozent. Es handelt sich dabei gleichzeitig um diejenigen L&auml;nder, die noch am st&auml;rksten von ihrem jeweiligen Agrarsektor gepr&auml;gt sind (in Polen arbeiten 19,3 Prozent in diesem Sektor). Diese Anteile werden unter den gegebenen Bedingungen eines starken und hoch subventionierten Agrarsektors in Kerneuropa schnell reduziert und in die N&auml;he des durchschnittlichen Werts in der Eurozone von 3,2 Prozent gebracht werden.<br \/> Hinter den abstrakten Zahlen und Durchschnittswerten steht die bittere soziale Realit&auml;t. Im nordpolnischen Ort Garbno gab es bis Anfang der neunziger Jahre eine Kolchose, die 1.000 Landarbeiter besch&auml;ftigte und bis zur Wende eine der ertragreichsten in ganz Polen war. Der Landwirtschaftsbetrieb wurde geschlossen. Die Arbeitslosigkeit in der Region liegt heute bei 40 und mehr Prozent. Stefania Siewruk-Welens, Direktorin der Dorfschule mit 350 Kindern, wei&szlig;: &#x84;F&uuml;r ein Viertel unserer Kinder ist das Schulessen die einzige Mahlzeit am Tag.&#x93; Sie f&uuml;rchtet, dass auch die &#x84;Schule bald dicht gemacht wird&#x93; (Tagesspiegel vom 12. Februar 2004).<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Lohndumping in Ost &#8211; und West<\/span><\/p>\n<p> Es sind vor allem die extremen sozialen und wirtschaftlichen Diskrepanzen, die das Dumping im Lohnsektor, im Bereich der sozialen Sicherheiten und bei den Steuern antreibt. Die in den neuen EU-L&auml;ndern gezahlten L&ouml;hne liegen teilweise &#8211; so in den baltischen Staaten &#8211; bei einem Zehntel des Niveaus in Kerneuropa. Die L&ouml;hne in der industriell hoch entwickelten Slowakei machen mit weniger als 400 Euro brutto im Monat nur 18 Prozent der Bruttol&ouml;hne in Kerneuropa aus. Es bedarf gar nicht der Wanderung von Millionen Menschen &#8211; allein die extrem unterschiedlichen Bedingungen in ein und demselben Wirtschaftsraum m&uuml;ssen soziale Erosionen hervorrufen. Die Electrolux-Manager, die das N&uuml;rnberger AEG-Werk schlie&szlig;en und bis zu 2.000 Besch&auml;ftigte entlassen wollen, erkl&auml;ren k&uuml;hl, dass der lohnintensive Sektor der Hausger&auml;tefertigung perspektivisch nur in den neuen &ouml;stlichen EU-L&auml;ndern oder in der &ouml;stlichen EU-Peripherie eine &Uuml;berlebenschance habe.<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Steuerdumping f&uuml;r Unternehmer<\/span><\/p>\n<p> Die eingangs skizzierte flat tax von 19 Prozent, die in der Slowakei am 1. Januar 2004 in Kraft trat, war nur der Auftakt. Kurz danach f&uuml;hrte die neue Regierung in Rum&auml;nien eine 18-Prozent-Einheitssteuer ein. In Bulgarien wurde der K&ouml;rperschaftssteuersatz auf 15 Prozent gesenkt. L&auml;ngst ist auch Kerneuropa vom Steuerdumping erfasst. &Ouml;sterreich reduzierte 2005 die K&ouml;rperschaftssteuer von 34 auf 25 Prozent und wirbt mit der neu aufgebauten Ansiedlungsagentur Austrian Business Agency (ABA) aggressiv auch bei deutschen Unternehmen um die Industrieansiedelung. Die 25 Prozent sind just die Zahl, die der Union als neuer deutscher K&ouml;rperschaftssteuersatz vorschwebt.<br \/> &#x84;F&uuml;r Mindeststeuern wird es in Br&uuml;ssel keine Mehrheiten geben. Die EU braucht doch diesen Steuerwettbewerb. Damit werden l&auml;ngst &uuml;berf&auml;llige Reformen angesto&szlig;en&#x93; (Ivan Miklos, slowakischer Finanzminister auf dem Munic Economic Forum). Das will hei&szlig;en: Mindestnormen f&uuml;r agrarische Erzeugnisse machen Sinn, weil sie das Bauernlegen beschleunigen. Das Ausbleiben von Mindestnormen beim &#x84;Steuerwettbewerb&#x93; macht Sinn, weil damit das Lohn- und Sozialdumping beschleunigt und die Profitmargen weiter angehoben werden.<br \/> <br style=\"font-weight: bold;\"> <span style=\"font-weight: bold;\">Abh&auml;ngigkeit vom Kapital in Westeuropa<\/span><\/p>\n<p> Tats&auml;chlich befindet sich nicht nur der Balkan, sondern ein gro&szlig;er Teil der neuen EU-Mitgliedsstaaten und der neuen &#x84;EU-Peripherie&#x93; in einem Abh&auml;ngigkeitsverh&auml;ltnis von den Kr&auml;ften, die in Kerneuropa dominieren.<br \/> So gilt das f&uuml;r den Finanzsektor, der in allen neuen &ouml;stlichen EU-Mitgliedsl&auml;ndern und weitgehend in der neuen EU-Peripherie &#8211; ausgenommen Wei&szlig;russland &#8211; zu 80 und mehr Prozent von &ouml;sterreichischen, italienischen, belgischen und deutschen Banken kontrolliert wird.<br \/> Ein weiteres Element in diesem Abh&auml;ngigkeitsverh&auml;ltnis sind die ausl&auml;ndischen Direktinvestitionen, die fast ausschlie&szlig;lich aus Kerneuropa kommen und die das gesamte wirtschaftliche Leben bestimmen. In Ungarn und in Tschechien macht der Anteil der ausl&auml;ndischen Direktinvestitionen jeweils rund die H&auml;lfte des gesamten Bruttoinlandprodukts aus.<br \/> Hinzu kommt der hohe Verschuldungsgrad und die Art dieser neuen Schulden. Es handelt sich dabei zu einem gro&szlig;en Teil um Auslandsschulden. Allein die acht osteurop&auml;ischen Beitrittsl&auml;nder sind gegen&uuml;ber westeurop&auml;ischen und US-Banken inzwi-schen mit 240 Milliarden Euro verschuldet.<br \/> Die imperialistische, teilweise bereits neokoloniale Abh&auml;ngigkeit wird abgerundet im Bereich der Medien. Anl&auml;sslich des Starts des polnischen Boulevard-Blattes &#x84;Fakt&#x93; aus dem Hause Springer im Jahr 2003 stellte die Financial Times Deutschland n&uuml;chtern fest: &#x84;Der Gro&szlig;teil der Pressem&auml;rkte in den ost- und mitteleurop&auml;ischen Beitrittsl&auml;ndern wird bereits von deutschen Verlagen beherrscht.&#x93;<\/p>\n<p> <span style=\"font-weight: bold;\">Billigarbeitskr&auml;fte<\/span><\/p>\n<p> Die Erdbeerernte in Spanien wurde noch vor wenigen Jahren von marokkanischen Erntehelfern ohne Aufenthaltspapiere eingebracht. Als diese f&uuml;r ihre Legalisierung streikten, kam erfreulicherweise die EU-Osterweiterung. Seither werden j&auml;hrlich rund 20.000 Osteurop&auml;erInnen, &uuml;berwiegend Rum&auml;nInnen, mit Bussen nach Spanien zur Erdbeerernte gebracht. In Marokko und in Rum&auml;nien werden Milliarden Euro in moderne und damit t&ouml;dliche Sicherungsanlagen investiert. L&auml;ngst zieht der Treck weiter ostw&auml;rts. Wei&szlig;ru&szlig;land, in heftiger Konkurrenz mit China stehend, gilt bereits als &#x84;N&auml;hstube der EU&#x93;. Unter anderem werden aus diesem Billiglohnland j&auml;hrlich 200.000 Polizeiuniformen nach Deutschland verschickt.<br \/> <br style=\"font-weight: bold;\"> <span style=\"font-weight: bold;\">Ein win-loose-Projekt<\/span><\/p>\n<p> Es gibt aber neben all den Besonderheiten auch einen tiefer liegenden Grund daf&uuml;r, weswegen die Osterweiterung ein win-loose-Projekt sein muss. Karl Marx kritisierte in seiner Schrift &#x84;Kritik des Gothaer Programms&#x93; die Phrase vom &#x84;gleichen Recht&#x93;. Er argumentierte: &#x84;Die Gleichheit besteht darin, dass an gleichem Ma&szlig;stab, der Arbeit gemessen wird. Der eine ist aber physisch und geistig dem anderen &uuml;berlegen, liefert also in derselben Zeit mehr Arbeit oder kann w&auml;hrend mehr Zeit arbeiten; und die Arbeit, um als Ma&szlig; zu dienen, muss der Ausdehnung und der Intensit&auml;t nach bestimmt werden (&#8230;) dies gleiche Recht ist ungleiches Recht f&uuml;r ungleiche Arbeit. Es erkennt keine Klassenunterschiede an; aber es erkennt stillschweigend die ungleiche (&#8230;) Leistungsf&auml;higkeit als nat&uuml;rliche Privilegien an. Es ist daher ein Recht der Ungleichheit.&#x93;<\/p>\n<p> von Winfried Wolf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine erste Zwischenbilanz<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[79,43],"tags":[176],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11411"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11411"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11411\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11411"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11411"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11411"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}